Puggala Paññatti 020-029

Puggala Paññatti - Das Buch der Charaktere

Einer-Darstellung - 1. Ekakapuggalapaññatti - [Pali]

[17.] 20. Der Zeithemmende

Welcher Mensch gilt als "zeithemmend" (thitakappí)?

Gesetzt, ein Mensch befinde sich gerade auf dem "Wege", das Ziel des "Stromeintrittes" zu verwirklichen, und es sei gerade die Zeit des Weltbrandes, so würde, bevor dieser Mensch nicht das Ziel des Stromeintrittes verwirklicht hat, die Welt nicht in Brand geraten. Diesen Menschen bezeichnet man als "zeithemmend". — Überdies gelten alle Jünger, die den Pfad erreicht haben, als "zeithemmend".


Anm.

Nach dem Abhidhammo ist "Pfad" oder "Weg" (maggo) eine Bezeichnung für die beim Erreichen einer der vier Stufen der Heiligkeit aufblitzende und das Leben für immer umgestaltende Leidenserkenntnis (cf. das Gleichnis Nr. 110). Die unmittelbar darauf als Wirkung folgenden und bis zur Erreichung des nächst höheren "Pfades" (maggo) unter Umständen noch unzählige Male sich wiederholenden Bewußtseinsmomente gelten als das "Ziel", wörtl. "Frucht" (phalam). Siehe Nr. 17 und 18.—

Obiger Text soll gewissermaßen als Gleichnis dienen, die Unmittelbarkeit in der Aufeinanderfolge von "Pfad" und "Ziel", als zwischen welchen beiden keine Zeit möglich ist, zum Ausdruck zu bringen.


[18.] 21-22. Der Heilige und der Nichtheilige

21. 22. Welcher Mensch gilt als "Heiliger" (ariyo)?

Die acht heiligen Jünger gelten als "Heilige"; die übrigen Wesen aber gelten als "Nichtheilige".


Anm.

Über die acht heiligen Jünger s. Nr. 17 und 18. Hinsichtlich der Nichtheiligen s. Nr. 9 und 10.


[19.] 23-25. Kämpfer, Kampfesledige und weder Kämpfer noch Kampfesledige

23. Welcher Mensch gilt als "Kämpfer" (sekho)?

Die vier Jünger, die den Pfad erreicht haben, und die drei Jünger, die das Ziel erreicht haben: diese gelten als "Kämpfer".

24. Der Vollkommen-Heilige gilt als "Kampfeslediger" (asekho).

25. Die übrigen Wesen aber gelten als "weder Kämpfer noch Kampfesledige".


Anm.

Im Anguttara-Nikayo, Dreier-Buch, 84. Rede, heißt es:

"'Kämpfer, Kämpfer'—so sagt man, o Herr. Inwiefern aber, o Herr, ist einer ein Kämpfer?"

"Insofern er kämpft, o Mönch, darum nennt man ihn einen Kämpfer. Um was aber kämpft er? Er kämpft um hohe Tugend, kämpft um hohe Geisteszucht, kämpft um hohes Wissen (s. Anguttara-Nikayo, Vierer-Buch, 1. Rede): darum nennt man ihn einen Kämpfer."—Vgl. hiermit Majjhima-Nikayo 70. .

Über Pfad und Ziel s. Nr. 17 und 18.


[20.] 26. Der Dreiwissensmächtige

Welcher Mensch gilt als "dreiwissensmächtig" (tevijjo)?

Der mit den drei Wissen ausgestattete Jünger gilt als "dreiwissensmächtig".


Anm.

Die drei "Wissen" (vijjā) sind: die "Erinnerung an frühere Daseinsformen", das "himmlische Auge" und die "Wahnerlöschung". Erkl. gegen Ende v. Nr. 239.


[21.] 27. Der Sechsfach-Geistesmächtige

Welcher Mensch gilt als "sechsfach-geistesmächtig" (chalabhiñño)?

Der mit den "sechs Geisteskräften" ausgestattete Jünger gilt als "sechsfach geistesmächtig".


Anm.

Die sechs "Geisteskräfte" (abhiññā) sind: 1. die magische Kraft, 2. das himmlische Ohr (Telepathie des Hörens), 3. Gedankenlesen, 4. die Erinnerung an frühere Daseinsformen, 5. das himmlische Auge, 6. die Wahnerlöschung. Die drei Geisteskräfte Nr. 4, 5, und 6 sind als die "drei Wissen. (s. Nr. 239) bekannt.

Die fünf ersten Geisteskräfte mag auch ein Weltling (s. Nr. 9) besitzen, hatte doch selbst der verworfene Devadatto, der dem Buddha nach dem Leben trachtete und ein Schisma in der Jüngerschaft der Mönche zu bewirken suchte, neben den acht Selbstvertiefungen (jhānā) auch diese fünf Geisteskräfte erlangt (cf. Kommentar). Zur Gewinnung dieser fünf Geisteskräfte ist die vierte Selbstvertiefung eine unerläßliche Vorbedingung, während die sechste Geisteskraft, die "Wahnerlöschung", aber abhängt von der auf tiefer "Leidenserkenntnis" beruhenden vollkommenen Heiligkeit. Daher wird letztere bisweilen auch von solchen Menschen verwirklicht, die niemals eine der Selbstvertiefungen zu erlangen imstande waren.

Eine ausführliche Beschreibung der sechs Geisteskräfte findet sich im A.III.102, sowie im M.77 und M.119.


[22.] 28. Der Vollkommen-Erleuchtete

Welcher Mensch gilt als "Vollkommen-Erleuchteter" (sammāsambuddho)?

Da erkennt ein Mensch in den zuvor ungehörten Dingen selber die Wahrheit und erlangt darin die Allerkenntnis und in den Kräften die Meisterschaft. Diesen Menschen bezeichnet man als "Vollkommen-Erleuchteten".


Anm.

Die allen Buddhas eigentümliche, jedesmal wieder von ihnen aufs neue entdeckte und der Welt enthüllte Lehre bilden die "vier heiligen Wahrheiten", d. i.: die heilige Wahrheit vom Leiden, die heilige Wahrheit von der Entstehung des Leidens, die heilige Wahrheit von der Aufhebung des Leidens, die heilige Wahrheit von dem zur Aufhebung des Leidens führenden Pfad, der da besteht in rechter Erkenntnis, rechter Gesinnung, rechter Rede, rechtet Tat, rechter Lebensweise, rechter Anstrengung, rechter Besinnung, rechter Konzentration.

Über die vier heiligen Wahrheiten s. 'Wort des Buddha'.

Über die "zehn Kräfte" (dasa balāni) s. M.12, und A.X.22.


[23.] 29. Der Einzel-Erleuchtete

Welcher Mensch gilt als "Einzel-Erleuchteter" (paccekasambuddho)?

Da erkennt ein Mensch in den zuvor ungehörten Dingen selber die Wahrheit, aber er erlangt nicht darin die Allerkenntnis und in den Kräften nicht die Meisterschaft. Diesen Menschen bezeichnet man als "Einzel-Erleuchteten."


Anm.

In einem jüngeren Werke, Sārasangaho, heißt es: "Die Paccekabuddhas erkennen für sich selbst, lehren aber andere nicht; sie treffen die Praktik der Lehre, aber sie erfassen die eigentliche Lehre (der Buddhas) nicht. Denn sie können die transzendentalen Verhältnisse nicht allgemein bekannt machen und lehren. Gleich dem Traum eines Stummen, oder wie der Geschmack der Brühe, die ein Waldbewohner in der Stadt gekostet hat, ist ihr Verständnis der buddhistischen Lehre [auf sie allein beschränkt]. Sie erlangen alle magische Gewalt, die Samāpattis und die Patisambhidās; an Vortrefflichkeit der (transzendentalen) Eigenschaften stehen sie tiefer als die Buddhas, aber über den Jüngern der Buddhas. Sie ordinieren andere und lehren sie die Abhisamācārikā-Pflichten, indem sie sagen: "Reinheit des Herzens ist zu erreichen, Indolenz zu vermeiden." ... usw … Dr. K. E. Neumann, Des Sārasangaho, eines Kompendiums buddhistischer Anschauungen, erstes Kapitel. —

Die Paccekabuddhas (=Paccekasambaddbas) werden in den älteren Palitexten nur sehr selten erwähnt.


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