HEILSLEHRE, Sittlichkeit 4

  DIE HEILSLEHRE DES BUDDHA

SITTLICHKEIT 4

Bei der Erfüllung der Tugendsatzungen handelt es sich um die Regelung des eigenen Lebenswandels. Aber selbst das Erstreben und Tun des Guten kann manchmal noch ichhaft sein. So findet man bisweilen, nicht zuletzt bei religiösen Menschen im Mantel der Tugend verhüllte Ichhaftigkeit, von der die Umwelt erschreckt und abgestoßen wird. Deshalb ist eine weitere buddhistische Tugendforderung die Regelung der Umweltbeziehungen: "Wohlwollen und Güte zu allen Wesen!"

Der praktische Buddhismus beginnt demnach mit der "Arbeit an sich selbst" und der "Güte zu allen Wesen" aus der Erkenntnis, daß neben der eigenen Entwicklung und Läuterung das rechte und gute Verhältnis zur Umwelt zu erstreben ist.

Sein Bewußtsein stempelt den Menschen zur Ichpersönlichkeit, deren Entfaltung er Rechnung tragen soll und muß, als der "Arbeit an sich selbst". Die Persönlichkeitsentfaltung ist das "Gesetz des persönlichen Lebens."

Durch sein Unbewußtes ist der Mensch dem Wir der Wesen verbunden, und die "Güte zu allen Wesen" wird ihm aus dieser Erkenntnis ebenso Gesetz, das "Gesetz des Wir" sein, wenn er sein Leben richtig leben und erfüllen soll.

Denn bei aller Persönlichkeitsentfaltung, die zum Dasein gehört, wurzelt der Mensch auch im Wir, das ist die Gemeinschaft aller Wesen. Begegnet er darum seiner Umwelt mit Güte, dann (es ist auch hier alles kausal bedingt) sichert er sich in ihr die ihm und dem Ganzen am besten entsprechende Lebensmöglichkeit und Güte und Wohlwollen werden ihm aus dieser Erkenntnis heraus zur Lebensnotwendigkeit.

Diese "Güte zu allen Wesen" wird in der Heilslehre des Buddha mit so beredten Worten geschildert, daß ein deutscher Forscher die Buddha-Lehre als Religion der "Liebe" schlechthin kennzeichnete.[34]

In der Heilslehre des Buddha ist der Grund der "Güte zu allen Wesen" nicht das Gefühl, das heute aufwallt und morgen verklungen ist, sondern das rechte Denken. Im Denken wurzelnd ist dem Buddhisten die Wachheit des Herzens für alle Wesen unter und über ihm und um ihn ein nie versiegender Strom des Guten, der in der Erkenntnis der Verbundenheit mit allen Wesen zum zwingenden Gesetz wird.

Dieses Wohlwollen gegenüber allen Wesen hat in der Heilslehre des Buddha als "metta" (fälschlich als buddhistisches Gebet bezeichnet) beredten Ausdruck gefunden. "Metta" ist das im Denken wurzelnde, unbegrenzte Wohlwollen, die unendliche Güte gegen alle Wesen und für sich selbst. Denn auch das eigene Wohl ist zu beachten, wenn die Güte und das Wohlwollen gegen andere Wesen recht gerichtet sein soll.

"Wie kann ich meinen Nächsten lieben, wenn ich mich nicht selbst liebe? Wie können wir altruistisch sein, wenn wir uns selbst nicht anständig behandeln?" (C. G. Jung.) "Sich selber schützend schützt er die andern; andere schützend schützt er sich selbst."

Die Metta ist kein Gebet, das an eine über den Menschen waltende Gottheit gerichtet wird. Ein Gebet in diesem Sinne kennt der Buddhist nicht. Er ist erfüllt von der tiefen Erkenntnis des Leidens aller Kreatur, und seine guten Wünsche sind die helfenden Hände. Sein Mettadenken gilt ihm mehr als jedes andere, zu oft nur selbstsüchtige Gebet. Sein Denken und Wünschen führt ihn zu innerer und äußerer Umstellung und damit zur Vermeidung solcher Ursachen wie jene, die nach dem Karmagesetz die heute offensichtlichen Wirkungen (schlimmer Art) gezeitigt haben.[35]

Von diesem rechten Denken in Güte und Wohlwollen gegen alle Wesen heißt es in der Heilslehre des Buddha:

"Wer morgens, mittags und abends
hundert Schüsseln Reis verschenkt,
hat nicht so viel getan,
als wer morgens, mittags und abends
rechte Gedanken der Güte denkt."

Dieses Buddhawort mag abwegig erscheinen angesichts der Leidensfülle der Welt. Selbst eine Schüssel Reis würde doch jedem Hungernden willkommener sein als noch so viele gute Gedanken, die ihn nicht sättigen. Tätige Hilfeleistung, wo und wann immer möglich, gilt in der Buddhalehre als selbstverständliche Pflicht und als die praktische Nutzanwendung rechten Denkens. Mit jeder äußeren Hilfe werden aber nur die Auswirkungen verkehrten Denkens bekämpft. Beschränkten sich die Menschen auf äußere Hilfe, dann wären sie wie Eltern, die ihre Kinder im verkehrten Denken und Handeln verharren lassen und nur die üblen Folgen dieses verkehrten Denkens und Handelns verdecken ohne dem Übel auf den Grund zu gehen. Die Aufgabe besteht nicht darin, Wirkungen zu bekämpfen, sondern die Ursachen zu beheben. Die Ursachen aller Notstände, unter denen die Wesen leiden, liegen in den falschen Handlungen, und also in erster Linie im falschen Denken. Wer nicht bei sich selbst, jetzt und hier mit dem rechten Denken beginnt, steht mitten in der Verschuldung für die Katastrophen, die in der Menschheit als Folge falschen Denkens ersichtlich sind, und wie sie noch die Gegenwart erfüllen.

"Wer die Welt verbessern will, muß zuerst seine Nation verbessern.
Wer seine Nation verbessern will, muß zuerst seine Familie verbessern.
Wer seine Familie verbessern will, muß zuerst in seinem eigenen Herzen Ordnung schaffen."

(Chinesische Weisheit)

Wenn durch die Jahrtausende leid- und qualvolle Ereignisse über die Menschheit kommen, wenn immer wieder und wieder Katastrophen die Erde erschüttern, muß etwas falsch sein im Denken und Beten der Menschen. Darum steht in der Buddhalehre neben der "Arbeit an sich" auch die "Metta" mit an erster Stelle, das aus heißem Herzen und tiefstem Mitfühlen strömende, auf alle Wesen gerichtete "Denken in Güte und Wohlwollen".

Ohne dieses rechte Denken geht die Welt mehr und mehr durch die Folgen verkehrten Denkens, des Mißtrauens und der Mißgunst, des Geizes, des Egoismus, des Machtstrebens und Hasses dem Chaos entgegen. Dies alles könnte vermieden, zum mindesten auf ein geringes Maß beschränkt werden, wenn die Güte zu allen Wesen, auch den Tieren, größer wäre.

"Den Hungrigen speisen, den Nackten bekleiden, den Kranken besuchen—das alles sind gute Werke; doch ein gutes Werk, das unvergleichlich höher steht als alles dies, ist: den Bruder vom Irrtum befreien." (L. Tolstoi)

Im Dhammapada, der kostbaren buddhistischen Spruchsammlung, heißt es:

"Der Wahrheit Gabe ist die höchste Gabe". [36] Dph. und im Itivuttaka:

"Diese zwei Gaben gibt es, ihr Jünger, irdische Gabe und die Gabe der Lehre. Von diesen zwei Gaben, ihr Jünger, ist die Gabe der Lehre die höchste."

Von diesem rechten Denken des Wohlwollens und der Güte gegen alle Wesen wird gesagt, daß es der Sonne gleich sei, die alle Wesen wärmt und fördert. Wer dieses Denken ständig übt und pflegt, hat dadurch acht Vorteile zu erwarten: "Er schläft gut; er wacht gut auf; er träumt gut; die Menschen haben ihn gern; alle andern Wesen haben ihn gern; die Götter schützen ihn; Feuer, Gift und Schwert tun ihm nichts an, und nach dem Tode wird ihm eine bessere Wiedergeburt zuteil."

"Alle Mittel in diesem Leben, um Verdienst zu erwerben, haben nicht den Wert eines Sechzehntels der Güte, der Erlösung des Geistes. Die Güte, des Geistes Erlösung, nimm sie in sich auf und leuchtet und flammt und strahlt.

Und wie aller Sternenschein nicht den Wert eines Sechszehntels des Mondscheins hat, sondern der Mondschein ihn in sich aufnimmt und leuchtet und flammt und strahlt, so haben auch alle Mittel in diesem Leben, um Verdienst zu erwerben, nicht den Wert eines Sechszehntels der Güte, der Erlösung des Geistes. Die Güte, des Geistes Erlösung, nimmt sie in sich auf und leuchtet und flammt und strahlt. Und wie im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, die Sonne am klaren, wolkenlosen Himmel, am Firmament emporsteigend, alles Dunkel im Luftraum beseitigt und leuchtet und flammt und strahlt, und wie in der Nacht, am frühen Morgen der Morgenstern leuchtet und flammt und strahlt, so haben auch alle Mittel in diesem Leben, um Verdienst zu erwerben, nicht den Wert eines Sechszehntels der Güte, der Erlösung des Geistes. Die Güte, des Geistes Erlösung, nimm sie in sich auf und leuchtet und flammt und strahlt." [37] Itiv.

Der buddhistische Segen der Güte und des Wohlwollens zu allen Wesen lautet:

"Möge es mir wohl ergehen! Möge es allen Wesen wohl ergehen! Mögen alle Wesen glücklich sein! Denn wie ich nach Frieden und Glück verlange, so verlangen alle Wesen danach. So wie alle Wesen, so ich. Mögen sie alle glücklich sein!

Was es auch immer an Wesen gibt, an kleinen und großen, an starken und schwachen, an sichtbaren und unsichtbaren, auf der Erde, in den Wassern, in den Feuern und Lüften: Möge es ihnen allen gut ergehen. Möge der Frieden in alle Wesen einziehen!

Möge es allen Wesen wohl ergehen, die in den Höllenreichen leiden, in den Dämonenreichen, in den Gespensterreichen, in den Tierreichen, im Menschenreich und in den Götter- und Himmelreichen. Allen Wesen wünsche ich Frieden! Allen Wesen wünsche ich Glück! Möge es allen Wesen wohl ergehen! Mögen sie alle glücklich sein!"

"Glück soll die ganze Welt umfassen,
ich grüße alles, was da lebt;
ich möchte Segen regnen lassen
und Heil, wie jedes es erstrebt.
Ob groß ein Wesen oder klein,
ob zart, ob machtbegabt, ob schwach,
es mag ein jedes glücklich sein
in Luft und Land und tief im Bach.
Ob wir es seh'n, ob's uns entgeht,
im fernen Land, vor unserm Fuß,
ob's lebt, ob's an der Pforte steht:
Heil sendet ihm der Heil'gen Gruß."

Sutt. Nip.

Die Ausübung dieses Denkens in Güte und Wohlwollen ist stets in dreifacher Art anzuwenden, wenn es Erfolg haben soll:

  1. Gegen sich selbst: Möge es mir wohl ergehen.
  2. Gegen die andern Wesen: Möge es allen Wesen wohl ergehen.
  3. Gegen sich und alle Wesen: Möge es mir und allen Wesen wohl ergehen.

 

Für den in Familie und Beruf gebundenen Weltmenschen gibt es keine ausgleichendere, förderndere, bessere, heilsamere Übung als dieses Denken in Güte und Wohlwollen. Denn seine Stellung in der Welt zeigt die karmische Verschuldung an und läßt seine Aufgabe erkennen, die darin bestehe, sein Leben friedvoll zu regeln und es besser zu gestalten. Sie kann für ihn am besten in "metta", das ist, durch das Denken in Güte und Wohlwollen gelöst werden. Es gäbe keine Kriege in der Welt, und aller Streit und Hader, alle Niedertracht und Feindschaft hätten ein Ende, wenn jeder Einzelne von diesem rechten Denken erfüllt wäre.

Die Haltung der "Güte und des Wohlwollens" gegen sich und alle Wesen ist ein Teil rechten Denkens und wird je nach dem Grad der Verinnerlichung täglich ein- oder mehrmals eingenommen und in einer Meditation anhaltend geübt.[38] Es leitet über zu den drei andern rechten Geisteshaltungen: dem Weilen im Mitleid, dem Weilen in Mitfreude, dem Weilen im Gleichmut.

„Gütigen Gemütes durchstrahlt der Mönch eine Richtung, dann die zweite, dann die dritte, dann die vierte, dann nach oben und unten: überallhin durchstrahlt er die ganze Welt mit gütigem Gemüte, frei von Haß und Groll.

Mitleidigen Gemütes durchstrahlt der Mönch eine Richtung, dann die zweite, dann die dritte, dann die vierte, dann nach oben und unten: überallhin durchstrahlt er die ganze Welt mit mitleidigem Gemüte, frei von Haß und Groll.

Mitfreudigen Gemütes durchstrahlt der Mönch eine Richtung, dann die zweite, dann die dritte, dann die vierte, dann nach oben und unten: überallhin durchstrahlt der Mönch die ganze Welt mit mitfreudigem Gemüte, frei von Haß und Groll.

Gleichmütigen Gemütes durchstrahlt der Mönch eine Richtung, dann die zweite, dann die dritte, dann die vierte, dann nach oben und unten: überallhin durchstrahlt der Mönch die ganze Welt mit gleichmütigem Gemüte, frei von Haß und Groll." [39] Majj. Nik.

 

Zu diesem hier gemeinten Gleichmut heißt es:

"Die mir Schmerz zufügen und die mir Freude bereiten, gegen alle bin ich gleich, Zuneigung und Haß kenne ich nicht. In Freude und Leid bleibe ich unbewegt. In Ehren und Unehren, überall bin ich gleich. Das ist die Vollendung des Gleichmuts." Car. Pit.

"Ich verlange nicht nach Tod, ich verlange nicht nach Leben; ich warte, bis die Stunde kommt wie ein Knecht, der seinen Lohn erwartet.

Ich verlange nicht nach Tod, ich verlange nicht nach Leben, Ich warte, bis die Stunde kommt bewußt und wachen Geistes." Mil. Panh.

Die Auswirkungen dieses rechten Denkens behandelt die Lehrrede "Punnas Unterweisung":

Der Mönch Punna erhält von dem Buddha eine Unterweisung und erklärt daraufhin seine Bereitschaft, in ein fremdes Land zu ziehen, um dort die Lehre zu verkünden. Der Erhabene macht den Mönch darauf aufmerksam, daß die Menschen dort sehr feindlich gesinnt seien, und daß dieser Entschluß für ihn eine große Gefahr bedeute:

"Wenn, Punna, die Menschen dich schelten werden, schmähen werden, wie, Punna, wird dir da zumute sein?

Wenn, o Herr, die Menschen in Sunaparanta mich schelten werden, schmähen werden, wird mir da so zumute sein: Gütig, wahrlich, sind diese Menschen, sehr gütig, wahrlich, daß sie mir nicht gar mit der Hand Schläge versetzen; so wird mir da, Erhabener, zumute sein; so wird mir da, Wegesmächtiger, zumute sein.

Wenn aber, Punna, die Menschen dir mit der Hand Schläge versetzen werden, wie wird dir dann aber, Punna, zumute sein?

Wenn, o Herr, die Menschen mir mit der Hand Schläge versetzen werden, wird mir da so zumute sein: Gütig, wahrlich, sind diese Menschen, sehr gütig, wahrlich, daß sie mich nicht mit einem Erdklumpen schlagen.

Wenn sie dich aber, Punna, mit einem Erdklumpen schlagen, wie wird dir dann aber, Puuna, zumute sein?

Wenn sie mich, o Herr, mit einem Erdklumpen schlagen, wird mir da so zumute sein: Gütig, wahrlich, sind diese Menschen, sehr gütig, wahrlich, daß sie mir nicht gar mit einem Stock Schläge versetzen.

Wenn sie dir aber, Punna, mit einem Stock Schläge versetzen werden, wie wird dir dann aber, Punna, zumute sein?

Wenn sie, o Herr, mit einem Stock mir Schläge versetzen werden, wird mir da so zumute sein: Gütig, wahrlich, sind diese Menschen, sehr gütig, wahrlich, daß sie mir nicht gar mit einem Schwert Schläge versetzen.

Wenn sie dir aber, Punna, mit einem Schwert Schläge versetzen werden, wie wird dir dann aber, Punna, zumute sein?

Wenn sie, o Herr, mit einem Schwert mir Schläge versetzen werden, wird mir da so zumute sein: Gütig, wahrlich, sind diese Menschen, sehr gütig, wahrlich, daß sie mich nicht gar mit einem scharfen Schwert des Lebens berauben.

Wenn sie dich aber, Punna, mit scharfem Schwert des Lebens berauben werden, wie wird dir dann aber, Punna, zumute sein?

Wenn sie, o Herr, mit scharfem Schwert mich des Lebens berauben werden, wird mir da so zumute sein: Es gibt ja Hörer des Erhabenen, die aus Überdruß, aus Ekel vor Leib und Leben darauf sinnen, die Waffe zu ergreifen, das trifft mich ungesucht [40]. So wird mir da, Erhabener, zumute sein, so wird mir da, Wegesmächtiger, zumute sein.

Gut, gut, Punna, mit solcher Ruhe und Selbstzucht wirst du imstande sein, im Lande der Sunaparanter zu wohnen." Majjh. Nik.

 

Und an anderen Stellen heißt es zu diesem rechten Verhalten:

"Wenn euch, ihr Mönche, Räuber und Mörder mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da in Erregung geriete, nicht meine Weisung erfüllen."

"Nicht soll unser Gemüt verstört werden, kein böser Laut soll unserem Munde entfahren, freundlich und mitleidig wollen wir bleiben, liebevollen Gemütes, ohne heimliche Tücke; und jene Person werden wir mit liebevollem Gemüt durchstrahlen; von ihr ausgehend werden wir dann die ganze Welt mit erballgleichem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen: also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben". Majjh. Nik.

Dieser geistigen Grundhaltung "der Arbeit an sich selbst und der Güte und des Wohlwollens zu allen Wesen" erwächst als erste zarte Blüte eine Tugend: das Geben. "Das Geben, d. h., der Eingriff in das, was man hat, ist die niedrigste Stufe des Zuchtstrebens." (P. Dahlke)

Immer wieder wird in der Heilslehre des Buddha auf diese Tugend des Gebens als den Beginn alles Heilstrebens verwiesen. Nicht nur, weil der besitzlose Mönch auf freiwillige Spenden angewiesen ist, sondern weil sich im Geben das rechte Verhältnis zu sich selbst und zur Umwelt sichtbar ausdrückt. Im freudigen Geben, im Schenken, im Spenden zeigt sich, ob die "Arbeit an sich selbst" inneres geistiges Wachstum gezeitigt hat, und ob die "Güte zu allen Wesen" aus dem Herzen kommt oder nur Lippenwerk ist. Denn es ist ja das schwerste für den Menschen, an sich zu arbeiten und das Gefühl für alles ihn umgebende Leben wachzuhalten. Mit dem Anwachsen der Ichheit kommt es zur Absonderung, zur Trennung von der Umwelt, zum hemmungslosen Gieren nach Besitz und Macht ohne Rücksicht auf Gut und Leben der anderen Wesen. Im Geben offenbart sich das Gute im Menschen und der lebendige Kontakt mit dem Wir, dem alle Wesen zugehören. Im Geben zeigt sich das rechte Verhältnis zur Umwelt. Das Geben ist der sichtbare Gradmesser für die Güte zu allen Wesen, für den inneren Fortschritt und für die Religion überhaupt.

"Wenn, ihr Mönche, die Wesen die Vergeltung für das Austeilen von Gaben kennen würden, wie ich sie kenne, so würden sie nicht essen, ohne etwas abgegeben zu haben. Selbst den letzten Bissen, den letzten Brocken, den sie hätten, würden sie nicht essen, ohne auch davon auszuteilen" Itiv.

"Der wahre Schatz ist der, den man durch Mitleid, frommen Sinn, durch Mäßigung und Selbstbeherrschung in der Mönchschaft sammelt, in einem Einzelwesen, in einem Fremdling oder Gast, in seinem Vater, seiner Mutter, älter'm Bruder.

Der solcher Art verborgene Schatz ist sicher und schwindet nicht dahin.

Ihn nimmt ein Mann mit fort, auch wenn er die flüchtigen Reichtümer dieser Welt verläßt.

Das ist ein Schatz, den keines anderen Bosheit vermag zu stehlen, auch kein Dieb—

Drum gute Taten tu der weise Mann—

Das ist ein Schatz, der sich selbst nachfolgt." Nidh. Sutta.

 

"Den lange Verreisten, der aus der Ferne wohlbehalten heimkehrt, empfängt der Willkomm der Verwandten, der Freunde und Genossen. Also empfangen auch den, der Gutes getan hat, wenn er aus dieser Welt in das Jenseits hinübergeht, seine guten Werke wie die Verwandten den heimkehrenden Freund." [41]


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)