HEILSLEHRE, Erkenntnis 1

  DIE HEILSLEHRE DES BUDDHA

ERKENNTNIS 1

„Ob Vollendete in der Welt auftreten
oder nicht, so bleibt es dennoch wahr und
unumstößliche Bedingung des Daseins:
daß alle Gebilde vergänglich sind,
daß alle Gebilde leidvoll sind,
daß alle Dinge nichtselbst sind."

Aller "Wandel", wie er im vorigen als Sittlichkeit und Vertiefung behandelt ist, wird in der Heilslehre des Buddha in so offener, folgerichtiger und verständlicher Weise dargestellt, daß diese Lehre auch dem Gegner Achtung abnötigt. Doch ist es mehr oder weniger das Allgemeingut aller Religionen. Hätte der Buddha nur diesen "Wandel" gelehrt, seine Heilslehre wäre zufolge der klaren und systematisch aufgebauten Darstellung wohl auch dann größter Beachtung wert, Weltgeltung hat sie jedoch durch das Wissen, das in dem Kernstück der Lehre, den vier edlen Wahrheiten, verkündet ist:

"Der edlen Wahrheit vom Leiden, der edlen Wahrheit von der Entstehung des Leidens, der edlen Wahrheit von der Vernichtung des Leidens, der edlen Wahrheit von dem zur Vernichtung des Leidens führenden Weg, dem edlen achtfachen Pfad:

Rechte Anschauung, rechter Entschluß, rechte Rede, rechtes Tun, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung."

Mit der unerbittlichen Konsequenz des großen Denkers und Lehrers hat der Buddha das, worauf es im Leben der Menschen ankommt, herausgestellt und zur Lebenslehre erhoben: Leben als Entstehen-Vergehen, als Leiden und als seelenloser Prozeß, der jedoch die Möglichkeit zur Befreiung in sich trägt.

In der Heilslehre des Buddha wird Leben nicht als ein Wert an sich behandelt, wie dies in allen andern Religionen geschieht, sondern als ein Werdeprozeß, der sich aus Vorbedingungen ergibt. Hören die Vorbedingungen auf, indem sie als Gier, Haß und Wahn, als Lebensdurst und Nichtwissen erkannt und beseitigt werden, so kommt es zum Aufhören dieses Prozesses.

"Daß alle Dinge eine Ursache haben, hat der Erhabene gelehrt und den Weg zu ihrer Aufhebung".[59]

Dies ist die bekannte und kürzeste Formulierung der weltanschaulichen Seite der Heilslehre des Buddha. Weil aber das Leiden die tragische Seite im ewigen Werden der fühlenden Wesen ist, hat der Buddha in sinngemäßer Herausstellung des Wesentlichen auch nur dieses in seinen Leitsätzen betont:

"Nur eins verkünde ich heute wie immerdar:

Leiden und seine Vernichtung."

So darf von dieser Heilslehre, die Leben als Leiden aufzeigt, auch nicht anderes erwartet werden, als die Befreiung vom Leiden.

Der Buddha ist nicht erschienen, um das Knäuel der Ansichten und Meinungen zu vergrößern. Es geht ihm einzig und allein um die Befreiung vom Leiden, dieses eigentliche Kernproblem aller Religionen wie allen Lebens:

"Weil Gefühl da ist, sind Buddhas da."

Nur aus dem rechten Wissen wird der im vorigen Abschnitt behandelte rechte Wandel verständlich, und nur wo ein rechter Wandel vorhanden ist, kann rechtes Wissen entstehen. Eines bedingt das andere und umgekehrt:

„Wie eine Hand die andere wäscht, kann rechte Zucht nur aus rechtem Wissen, rechtes Wissen nur aus rechter Zucht kommen."

Der wesentliche Einsatzpunkt zum Verständnis der Heilslehre des Buddha und damit des Lebens überhaupt sind die drei Merkmale:

Diese Leitsätze werden dem Anhänger und Betrachter nicht zum Glauben vorgelegt, sondern zur Nachprüfung. In dieser Heilslehre gibt es keinen Glauben, sondern nur eigenes, völlig selbständiges Erkennen und Erleben. Den fragenden Kalamern: "Wem man denn glauben soll, wenn täglich neue Propheten durch die Stadt kommen und jeder von ihnen seine Lehre als die allein rechte hinstellte", gab der Buddha die bereits erwähnte, für einen Religionskünder ungewöhnliche Antwort:

"Ihr müßt niemandem glauben, sondern euch alles anhören. Was sich dann mit eurer Vernunft vereinbaren läßt, das nehmt an; was sich mit eurer Vernunft nicht vereinbaren läßt, das lehnt ab." Ang. Nik.

Die drei Merkmale legt der Buddha seinen Anhängern immer wieder vor, dabei an nichts anderes appellierend als an das eigene Erkennen und Erleben:

"Was entstanden ist, ist das vergänglich oder unvergänglich? Es ist vergänglich, o Herr.

Was aber vergänglich ist, ist das freudvoll oder leidvoll? Es ist leidvoll, o Herr. -

Was aber vergänglich und leidvoll ist, kann man von dem sagen: das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst? Nein, o Herr.

Also sollt ihr es aufgeben. Das Aufgegebene wird euch lange zum Heile gereichen".[60]

Der erste Leitsatz "Alle Gebilde sind vergänglich" gilt als grundlegend für alle Willens- und Wissenswendung. Deshalb wird dieses Merkmal des Lebens von dem Buddha mit besonderer Gründlichkeit behandelt. Wer die Tatsache der Vergänglichkeit alles Bestehenden begriffen hat und anerkennt, kann die Schlußfolgerungen nicht ablehnen:

"Da nun begann der Erhabene mit dem Brahmanen Kutadanta das Gespräch in der üblichen Reihenfolge, nämlich:

Sobald der Erhabene erkannte, dass der Brahmane Kutadanta im Geiste geschickt, im Geiste geschmeidig, im Geiste enthemmt, im Geiste erheitert war, da zeigte er die Lehre, die alle Buddhas auszeichnet:

Leiden, Entstehung, Vernichtung, Weg.

Und gleichwie da ein reines Gewand, ein fleckenfreies in ganz vollkommener Weise die Farbe annimmt, ebenso ging dem Brahmanen Kutadanta auf diesem selbigen Sitze das reine, fleckenlose Auge der Lehre auf:

Was immer dem Entstehen unterworfen ist, alles das ist auch dem Vergehen unterworfen." Digh. Nik.

"Der Gedanke an die Vergänglichkeit, ihr Mönche, wenn man ihn in sich fördert und ihm weiten Raum gibt, erfaßt alle Begier, die sich auf Lust richtet, alles Nichtwissen, allen Stolz des ,ich bin' und vernichtet alles das.

Wie in der Herbstzeit, ihr Mönche, ein Pflüger mit einem großen Pflug pflügt und alles Wurzelgeflecht abreißt, so erfaßt auch der Gedanke an die Vergänglichkeit, ihr Mönche, wenn man ihn in sich fördert und ihm weiten Raum gibt, alle Begier, die sich auf Gestalt richtet, alle Begier, die sich auf Werden richtet, alles Nichtwissen, allen Stolz des ,Ich bin' und vernichtet alles das". [61] Samy. Nik.

Mit dem Kriterium "Alle Gebilde sind vergänglich" werden alle lebenden und toten Gebilde gesichtet. Sonne und Mond, Könige und ihre Reiche, Weib und Kind, Haus und Hof, Knecht und Magd, Gold und Silber, das Auge und die Gestalten, das Ohr und die Töne, der Verstand und die Begriffe werden dieser kritischen Sichtung unterzogen, und es gibt nichts, von dem nicht gesagt werden muß: es ist vergänglich. Sämtliche Dinge und Gebilde einschließlich unseres Selbst mit allen Vorstellungen und Urbildern [62], dem Bewußtsein, Unbewußten und den aus dem Überbewußten sich ergebenden Bildern und Zuständen sind entstanden. Was entstanden ist, muß vergehen.

"Da nun trat der Erhabene in die Einsiedelei des Brahmanen Rammaka ein und ließ sich auf dem hergerichteten Sitze nieder. Nachdem er sich niedergelassen hatte, redete der Erhabene die Mönche an:

,Bei welchem Gespräch, ihr Mönche, sitzt ihr jetzt hier beisammen, und welche Unterhaltung habt ihr abgebrochen?' ,Ein den Erhabenen, o Herr, betreffendes Lehrgespräch haben wir abgebrochen; aber nun ist der Erhabene angekommen.'

,Gut, ihr Mönche! So, ihr Mönche, ziemt es sich für Euch als Edelgeborene, die ihr aus Vertrauen aus dem Haus in die Hauslosigkeit hinausgezogen seid, daß ihr bei einem Gespräch über die Lehre beisammen sitzt. Wenn ihr zusammenkommt, ihr Mönche, liegt euch eines von zweien ob: entweder Gespräch über die Lehre oder edles Schweigen. Diese zwei Arten des Strebens, ihr Mönche, gibt es:

das edle Streben und das unedle Streben.

Und was, ihr Mönche, ist das unedle Streben?

Da sucht, ihr Mönche, Einer,

Und was, ihr Mönche, nennt man ,der Geburt unterworfen'?

Geburt-unterworfen, wahrlich, ihr Mönche, sind diese Belastungen. Hierin verstrickt, geblendet, hingerissen sucht ein Solcher, selber der Geburt unterworfen, gerade das der Geburt Unterworfene.

Und was, ihr Mönche, nennt man ,dem Altern unterworfen'?

Alter-unterworfen, wahrlich, ihr Mönche, sind diese Belastungen. Hier verstrickt, geblendet, hingerissen sucht ein Solcher, selber dem Altern unterworfen, gerade das dem Altern Unterworfene.

Und was, ihr Mönche, nennt man ,der Krankheit unterworfen'?

Krankheit-unterworfen, wahrlich, ihr Mönche, sind diese Belastungen. Hier verstrickt, geblendet, hingerissen sucht ein Solcher, selber der Krankheit unterworfen, gerade das der Krankheit Unterworfene.

Und was, ihr Mönche, nennt man ,dem Sterben unterworfen'?

Sterben-unterworfen, wahrlich, ihr Mönche, sind diese Belastungen. Hier verstrickt, geblendet, hingerissen sucht ein Solcher, selber dem Sterben unterworfen, gerade das dem Sterben Unterworfene.

Und was, ihr Mönche, nennt man ,dem Kummer unterworfen'?

Kummer-unterworfen, wahrlich, ihr Mönche, sind diese Belastungen. Hier verstrickt, geblendet, hingerissen sucht ein Solcher, selber dem Kummer unterworfen, gerade das dem Kummer Unterworfene.

Und was, ihr Mönche, nennt man ,der Beschmutzung unterworfen'?

Beschmutzung-unterworfen, wahrlich, ihr Mönche, sind diese Belastungen. Hier verstrickt, geblendet, hingerissen sucht ein Solcher, selber der Beschmutzung unterworfen, gerade das der Beschmutzung Unterworfene.

Dies, ihr Mönche, ist das unedle Streben." [63] Majjh. Nik.

Die Vergänglichkeit wird als das große Gesetz des Lebens aufgezeigt; allem Leben wesentlich ist die Vergänglichkeit in dieser und in allen anderen Welten, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Buddha gesteht keine Ausnahme zu. Kein noch so großer Fortschritt und auch nicht die modernen wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisse können dieses Lebensgesetz je ändern. Jedes Wesen zieht seine Bahn nach dem Gesetz, nach dem es angetreten, um immer wieder zu vergehen und von neuem zu entstehen in unablässiger Folge. Alles Leben ist Entstehen-Vergehen. Entstehen-Vergehen war, ist und wird immer sein. Das ist die Wirklichkeit, wie sie erkannt wird, wenn das Denken vorurteilsfrei das Leben und seine Erscheinungen betrachtet.

"Lebt einer hundert Jahre auch
Und schaut Entstehen-Vergehen nicht—
Ein Eintagsleben besser ist,
schaut man Entstehen-Vergehen recht."

Weil das Leben den Stempel der Vergänglichkeit trägt, wird es vom Menschen als leidvoll empfunden. Denn in dem Entstehen-Vergehen, in dem ewigen Wechsel leben die Wesen und lebt der Mensch nicht nur als denkendes und erkennendes, sondern in erster Linie als fühlendes Wesen. Der Buddha prüft also mit einer zweiten bedeutsamen Frage alle Erscheinungen des Lebens und kommt so zum zweiten großen Merkmal:

"Was vergänglich ist, ist das freudvoll oder leidvoll? Und die Antwort ist immer die gleiche: Es ist leidvoll." Es ist eine eherne Konsequenz, auf die der Buddha hier verweist, indem er feststellt, daß die Eigenschaft des Leidvollen allem Vergänglichen anhaftet. Das "Alles ist leidvoll" ist die einfache Schlußfolgerung aus der Erkenntnis des Entstehens-Vergehens. Leiden ist der alles übertönende Klang in der Heilslehre des Buddha. Mit der Unumgänglichkeit des Leidens in allem Leben wird das hervorgehoben und in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt, was die Wesen zutiefst berührt und angeht. Ohne dieses Leiden-Empfinden und Leiden-Erkennen wäre der ganze Kreislauf vom Leben zum Tod und vom Tod zum Leben (samsara) nur ein interessanter Prozeß, über den man sich unterhalten und Betrachtungen anstellen könnte, der aber sonst der tieferen Beachtung kaum wert wäre. [64]

"Würde Gefühl nicht da sein, dann würden Buddhas nicht sein."

So aber ist, weil Entstehen-Vergehen und Gefühl da sind, das Leiden da. Geburt, Alter, Krankheit und Tod sind die "großen Gefahren".

"Als sich nun der Kosalakönig Pasenadi zur Seite niedergesetzt hatte, fragte ihn der Erhabene: ,Nun, großer König, wo kommst du her?' ,Ich hatte jetzt mit den königlichen Geschäften zu tun, die den Königen obliegen, den Fürsten, deren Haupt gesalbt ist, die trunken sind von des Herrschers Trunkenheit, die von der Gier der Lust besessen sind, die ihrem Reich festen Bestand gesichert haben, die den weiten Erdkreis ersiegt haben und seiner walten."

"Wie meinst du nun, großer König? Da käme zu dir von Osten her ein glaubwürdiger, zuverlässiger Mann; der spräche zu dir: ,Ich habe zu melden, großer König? Ich komme aus dem Osten. Da habe ich gesehen, wie ein großer Berg gegen uns herankommt, wolkengleich, alles, was lebt, zermalmend. Tue du nun, großer König, was da zu tun ist.'

Und ebenso käme zu dir von Westen her ein zweiter glaubwürdiger, zuverlässiger Mann; der spräche zu dir: ,Ich habe zu melden, großer König: Ich komme aus dem Westen. Da habe ich gesehen, wie ein großer Berg gegen uns herankommt, wolkengleich, alles, was lebt, zermalmend. Tue du nun, großer König, was da zu tun ist.'

Und ebenso käme zu dir von Norden ein dritter glaubwürdiger zuverlässiger Mann; der spräche zu dir: ,Ich habe zu melden, großer König: Ich komme aus dem Norden. Da habe ich gesehen, wie ein großer Berg gegen uns herankommt, wolkengleich, alles, was lebt, zermalmend. Tue du nun, großer König, was da zu tun ist.'

Und ebenso käme zu dir von Süden ein vierter glaubwürdiger, zuverlässiger Mann; der spräche zu dir: "Ich habe zu melden, großer König: Ich komme aus dem Süden. Da habe ich gesehen, wie ein großer Berg gegen uns herankommt, wolkengleich, alles, was da lebt, zermalmend. Tue du nun, großer König, was da zu tun ist.'

Wenn sich gegen dich, großer König, eine solche Riesengefahr erhebt, der furchtbarste Untergang von Menschen, wo es doch schwer ist, menschlicher Geburt teilhaftig zu werden: Was wäre da zu tun?

Wenn sich, Herr, eine solche Riesengefahr erhebt, der furchtbarste Untergang von Menschen, wo es doch schwer ist, menschlicher Geburt teilhaftig zu werden: was wäre da anderes zu tun, als in Gerechtigkeit zu wandeln, in Frieden zu wandeln, Tugend zu üben, gute Werke zu vollbringen." "So sage ich dir, großer König, gegen dich, großer König, ziehen Geburt, Alter, Krankheit und Tod heran. Und wenn gegen dich, großer König, Geburt, Alter, Krankheit und Tod heranziehen, was ist da zu tun?"

"Wenn gegen mich Geburt, Alter, Krankheit und Tod heranziehen, Herr, was wäre da anderes zu tun, als in Gerechtigkeit zu wandeln, in Frieden zu wandeln, Tugend zu üben, gute Werke zu vollbringen." [65] Samy. Nik.

In der Erzählung "Kisagotami" wird von einer Frau berichtet, deren einziges Kind starb, als es eben laufen konnte. Da sie bisher den Tod nicht gesehen hatte, wehrte sie den Leuten, die den Knaben forttragen wollten, um ihn zu verbrennen. Mit dem Gedanken: "Ich will für meinen Sohn ein Heilmittel erfragen" nahm sie den Leichnam in ihre Arme und wanderte von Haus zu Haus, indem sie fragte: "Wisset ihr nicht ein Heilmittel für meinen Sohn?" Da sagten die Leute zu ihr: "Hast du deinen Verstand verloren, o Tochter? Du wanderst umher, indem du ein Heilmittel für deinen toten Sohn erfragst?" Sie aber sprach zu sich: "Sicher werde ich einen treffen, der ein Heilmittel für meinen Sohn weiß."

Da sah sie ein kluger Mann. Er sprach zu ihr: "Ich, meine Tochter, weiß kein Heilmittel, aber ich kenne einen, der ein Heilmittel weiß. " "Wer weiß eins, lieber Herr? " "Der Buddha, meine Tochter, weiß eins, gehe hin und frage ihn." Mit den Worten: "Ich will hingehen, lieber Herr", ging sie zum Buddha, grüßte ihn, stellte sich seitwärts von ihm und fragte: "Weißt du ein Heilmittel für meinen Sohn, o Herr?" "Ja, ich weiß eins." "Was für eins soll ich nehmen?" "Nimm eine Prise Senfkörner." „Ich will sie nehmen, o Herr, doch aus welchem Hause soll ich sie nehmen, o Herr?" "Aus dem Hause, in dem weder ein Sohn noch eine Tochter, noch irgend jemand zuvor gestorben ist." Sie sprach: "Gut, o Herr", grüßte den Buddha, nahm ihren toten Sohn in ihre Arme und ging in die Stadt. An der Tür des ersten Hauses bat sie um Senfkörner, und als sie ihr gegeben wurden, fragte sie: "In diesem Hause (Familie) ist doch wohl weder ein Sohn, noch eine Tochter, noch irgend jemand zuvor gestorben?" "Was sagst du? Der Lebenden sind wenige, aber der Toten sind viel." Darauf wies sie die Senfkörner zurück und wanderte von Haus zu Haus ohne die gewünschten Senfkörner zu erhalten. Da dachte sie am Abend: "Ach, es ist eine schwere Arbeit. Ich glaubte, nur mein Sohn sei tot; aber in der ganzen Stadt sind die Toten zahlreicher als die Lebenden." Als sie so dachte, wurde ihr aus Liebe zu ihrem Sohn weiches Herz hart. Sie legte ihren Sohn im Walde nieder, ging zum Buddha, grüßte ihn und stellte sich seitwärts von ihm. Und der Buddha sprach zu ihr: "Hast du die Senfkörner bekommen?" "Ich habe sie nicht bekommen, o Herr; in der ganzen Stadt sind die Toten zahlreicher als die Lebenden."

Da sprach der Buddha zu ihr: "Du meintest, nur dein Sohn sei gestorben. Das aber ist das ewige Gesetz für die lebenden Wesen: Der König des Todes wird wie ein reißender Strom alle lebenden Wesen, ehe ihre Wünsche befriedigt sind, in das Meer des Verderbens" und sprach dann, das Gesetz lehrend, die Strophe: "Dem Mann, der stolz ist auf Kinder und Vieh, und dessen Geist am Irdischen hängt, den rafft der Tod hinweg wie die Flut ein schlafendes Dorf."

"Wie den Früchten, den vollreifen,
in Morgenfrühe droht der Fall,
also droht immerdar allem,
was da geboren ist, der Tod.

 

Was der Töpfer voll Kunst herstellt,
die Gefäße aus Ton gemacht,
sie müssen allzumal zerbrechen;
dem ist das Menschenleben gleich.

 

Wer jung ist, und wer hoch aufwuchs,
Kluge und Törichte zumal,
Ihrer aller der Tod Herr wird:
Ihr Ziel und Ende ist der Tod.

 

Wenn alle, so der Tod hinrafft,
wenn sie hingehn in jene Welt,
kann Vater nicht den Sohn beschützen,
Verwandte den Verwandten nicht.

 

Vor den Augen der Blutsfreunde,
bei ihrer bittern Klage Schall,
schleppt der Tod wie ein Stück Schlachtvieh
den einen nach dem andern fort.

 

Also des Todes Macht heimsucht,
des Alters Macht die ganze Welt.
Darum die Weisen nicht klagen,
denn sie kennen den Lauf der Welt." [66] Sutta Nip.

 


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