Kaccāna

BUDDHA UND SEINE JÜNGER

Kaccāna

 

Wenn Buddhas vornehmste Jünger genannt werden (z.B. in Ud I,5), steht an vierter Stelle Kaccāna, auch Kaccāyana oder Mahākaccāna, Kaccāna der Große oder der Ältere, genannt. Nach dem tiefsinnigen Mystiker Moggallāna und dem rauhen Asketen Kassapa begegnet uns in Kaccāna wieder ein feiner Denker, ähnlich wie Sāriputta, aber doch auch wieder anders. Ihm wird nachgerühmt, daß er an der Spitze derer stand, die imstande waren, den Sinn kurz gefaßter Rede ausführlich darzulegen. (A I, 14)

Geboren wurde Kaccāna als Sohn eines Purohita, eines fürstlichen Hauskaplans, in Ujjeni im Lande Avanti. Auch er war also von Geburt Brahmane.

Im Gegensatz zu Sāriputta, der meist die tiefsten Probleme zum Gegenstand seiner Reden wählte, gab Kaccāna mehr nach Art der Kommentatoren Erläuterungen der einzelnen Worte von kurzen, aber meist nicht sehr schwierigen Lehrsätzen Buddhas. So hatte Buddha zum Beispiel gesagt:

 

"Nicht dem Vergangenen traure nach,
Erhoffe nichts vom Künftigen!
Denn was vergangen, ist dahin,
Noch nicht ist, was da kommen wird.

 

Wer aber klar die Gegenwart
Mit ihrem Vielerlei durchschaut,
Der strebe, wenn er es erkannt,
Dem nach, was unerschütterlich.

 

Noch heute, wahrlich, ringe ernst;
Wer weiß, ob morgen nicht der Tod!
Zu kämpfen gilt es sicherlich
Mit ihm und seinem Aufgebot.

 

Der aber, der beharrlich strebt
Bei Tag und Nacht ohn' Unterlaß,
Der ist ein Heilig-Wachsamer;
Gestillt und weise nennt man ihn."

 

Diese Verse sind wohl jedem verständlich, der weiß, daß mit dem ,.Unerschütterlichen" das Nirvana gemeint ist. Auf Wunsch der Bhikkhu-Gemeinde erklärte aber Kaccāna das Gedicht Satz für Satz: was es heißt, dem Vergangenen nicht nachtrauern, vom Zukünftigen nichts erhoffen, das gegenwärtige Vielerlei durchschauen usw. (M 133) Er erklärte alles, was leicht verständlich ist, aber das einzige schwierige Wort "bhaddekaratto" in der letzten Zeile erklärte er nicht, wie auch die späteren Kommentatoren bei wirklich schwierigen Worten meist versagen.

Ein anderes Mal sagte Buddha: "Ein Bhikkhu soll immer so beobachten, daß sein Bewußtsein beim Beobachten nach außen hin nicht zerstreut und nach innen nicht festgehalten wird und daß er, ohne sich durch die Dinge beirren zu lassen - wörtlich: ohne an den Dingen zu haften - unerschüttert bleibt." Kaccāna nahm wieder auf dringenden Wunsch der Gemeinde diesen Satz zur Grundlage einer längeren Predigt, etwa so, wie ein christlicher Geistlicher über ein Bibelwort predigt. (M 138)


Erkenntnislehre

 

Nach diesen beiden Proben könnte man meinen, Kaccāna sei zwar ein redegewandter Prediger, aber sonst nichts gewesen. Damit würde man ihm aber unrecht tun. In Wirklichkeit war er ein philosophischer Kopf, der mehr dachte, als er sagte. Das wurde offenbar, als Buddha diesen Ausspruch getan hatte: "Wenn der Mensch bei allen aus irgend einer Ursache an ihn herantretenden Wahrnehmungen der Erscheinungswelt sich nicht daran ergötzt, sich nicht auf sie einläßt und nicht daran hängt, so ist dies das Ende widerwilliger Abneigung, das Ende des Spekulierens, das Ende des unsicheren Schwankens, das Ende stolzer Anmaßung, das Ende des Machtstrebens, das Ende des Irrens, das Ende von Kampf und Krieg, von Zwietracht und Lüge; dann schwinden alle diese schlechten Dinge dahin."

Hier hatte Kaccāna zunächst zu erklären, wie die Wahrnehmungen der Erscheinungswelt an den Menschen herantreten. Darüber führte er aus:

"Damit Bewußtsein entstehen kann, müssen die Sinne und ihre Gegenstände da sein, und zwar entsteht, wenn ein sehendes Auge und sichtbare Dinge da sind, Sehbewußtsein; wenn ein hörendes Ohr und Töne da sind, Hörbewußtsein, wenn eine tastende Hand und tastbare Dinge da sind, Tastbewußtsein usw. Wenn die Sinne, ihre Gegenstände und das entsprechende Bewußtsein zusammentreffen, entsteht Berührung. Wenn Berührung da ist, entsteht Empfindung. Was man empfindet, das nimmt man wahr. Von dem, was man wahrnimmt, bildet man Begriffe und Vorstellungen. Wovon man Begriffe und Vorstellungen bildet, das breitet man aus als Außenwelt. Auf diese Weise kommt für den Menschen die Anschauung der Welt gemäß den aus irgend einer Ursache ins Bewußtsein tretenden Sinneswahrnehmungen zustande."

Diese Erläuterung ist wahrscheinlich in stark verkürzter Form überliefert, und wir dürfen annehmen, daß Kaccāna sich viel eingehender darüber geäußert hat. Denn hierin ist nichts Geringeres enthalten als die Vorwegnahme des Grundgedankens von Kants Kritik der reinen Vernunft, 2400 Jahre vor Kant! Es ist in der Tat dieselbe "Revolution der Denkungsart", wie Kant seine Entdeckung selbst nannte, vergleichbar der Revolution der Himmelsanschauung durch Kopernikus. Was bis dahin allen Menschen als das Sicherste und das Festeste galt und was noch heute für die große Masse unumstößlich ist: die gesehene, gehörte, gefühlte Außenwelt in Raum und Zeit, das entsteht erst durch das Zusammenwirken des Verstandes mit den Empfindungen der Sinne. "Der Mensch breitet es aus als Außenwelt", das kann nichts anderes bedeuten als: der Raum ist eine Form der Anschauung, im Verstande selbst liegt für den Menschen der Zwang, die Empfindungen der Sinne, die an sich unkörperlich und unräumlich sind, als Körper im Raum anzuschauen. Das hat schon Kaccāna gewußt - Buddha freilich auch, denn es ist in seinem kurzen Lehrsatz implicite enthalten - und hat diese sehr wichtige Entdeckung in seiner Bescheidenheit ganz schlicht im Rahmen einer Worterklärung verkündet. Dies ist wohl der einzige Fall, daß ein Jünger zu der Lehre des Meisters aus eignem Wissen etwas wirklich Bedeutendes beigesteuert hat. Ausdrücklich wird berichtet, daß Buddha die Darlegung Kaccānas gebilligt hat, aber nirgends findet sich eine Stelle, wo Buddha selbst auf das Problem der Vernunftkritik eingegangen wäre. (M 18)

Daß Buddha den philosophischen Sinn Kaccānas schätzte, ist daraus zu ersehen, daß er sich gerade an ihn wandte, als er sagte: "Zwei Dingen ist diese Welt im allgemeinen ergeben: dem Sein und dem Nichtsein. Für den aber, der in der Welt das Entstehen, der Wahrheit gemäß, in rechter Weisheit betrachtet, gibt es kein Nichtsein in der Welt, und für den, der in der Welt das Vergehen, der Wahrheit gemäß, in rechter Weisheit betrachtet, gibt es kein Sein in der Welt. Diese Welt ist, alles in allem, nur eine Kette von Begehren, Ergreifen, Haften. Darum ergibt sich, wer dies erkennt, nicht dem Begehren, Ergreifen und Haften, der Neigung des Geistes zum Zugreifen und Festhalten, haftet nicht an der Welt, versteift sich nicht auf die Ansicht, daß sein Ich hier zu finden sei, und zweifelt nicht im geringsten daran, daß, wo etwas entsteht, nur Leiden entsteht, und wo etwas vergeht, nur Leiden vergeht; und solche Erkenntnis kommt ihm von keinem andern als von ihm selbst." (S.12.15)

Kaccāna, der Sohn des fürstlichen Hofkaplans, hatte auch, und zwar erst nach Buddhas Tode, eine Unterredung mit dem König Madhura von Avanti, seinem Heimatland. Das Gespräch drehte sich um die Rangordnung der Kasten. Die Brahmanen erheben Anspruch darauf, als die erste Kaste zu gelten. Kaccāna aber erklärte dem König, daß bei allen wirklich wichtigen Vorgängen im Leben und beim Tode zwischen den Kasten keine Unterscheidung zu machen ist. Im gewöhnlichen Leben entscheidet nicht die Kaste, sondern das Geld, nach dem Tode das sittliche Verhalten. Begeht ein Mensch ein Verbrechen, so wird er ohne Ansehen der Kaste von der weltlichen Obrigkeit bestraft; tritt er in einen geistlichen Orden ein und widmet er sich höherer Weisheit, so wird er, gleichfalls ohne Rücksicht auf seine Kaste, von allen geehrt. Der König stimmte zu und sprach sein Bedauern darüber aus, daß Buddha gestorben sei. Übrigens hatte er sich deshalb an Kaccāna gewandt, weil dieser in dem Ruf stand, er sei "gelehrt, weise, scharfsinnig, habe viel erfahren, sei redegewandt, wisse, was gut sei, er sei alt und ehrwürdig." (M 84)

Von mehreren kleinen Liedern, die von Kaccāna überliefert sind, sei dieses hier angeführt:

"Die andern sind sich nicht darüber klar,
Daß wir uns selber wohl beherrschen müssen;
Doch jene, die das wohl verstanden haben,
Die wollen hier von Zank und Streit nichts wissen."

(Thg 498, Dhp. 6)

Weitere Verse von Kaccāna findet man in meinem Buch "Sprüche und Lieder".


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