Vacchagotta

BUDDHA UND SEINE JÜNGER

Vacchagotta

 

Die gleichen unlösbaren Fragen, wie Mālunkyaputta, bewegten auch Vacchagotta, aber als er sie Buddha vorlegte, war er noch nicht ein Jünger Buddhas, sondern ein Paribbājaka, ein Wandermönch, vermutlich aus der Schule Sanjayas, wie es auch Sāriputta und Moggallāna vor ihrer Aufnahme in den Buddha-Orden gewesen waren.

Im Gegensatz zu den Niganthas, die später Jinisten oder Jainas genannt wurden und die starr an den Dogmen ihrer Sekte festhielten, waren die Paribbājakas umgängliche, aufgeschlossene Leute, aufrichtige Wahrheitssucher, die sich gern von Buddha belehren ließen. Buddha hat sich oft und anscheinend gern auf Gespräche mit ihnen eingelassen.

Bei der ersten Begegnung Vacchagottas mit Buddha, über die berichtet wird, verwechselte er Buddha mit Mahāvīra, dem Oberhaupt der Jinisten, und fragte ihn, ob er das Dogma der Jinisten vertrete. Buddha klärte ihn darüber auf, daß sein Wissen ein ganz anderes ist. Auf seine Frage, ob auch Laien das Nirvana erreichen könnten, erwiderte ihm Buddha, Laien könnten das nicht, ohne das Leben in Haus und Familie aufgegeben zu haben; sie könnten aber, wenn sie rechtschaffen lebten, nach dem Tode in den Himmel, d.h. in einen höheren, glücklichen Zustand gelangen. Dagegen wisse er von keinem Jinisten-Mönch, daß er nach dem Tode in den Himmel gekommen sei. (M71)

Ein anderes Mal suchte Vacchagotta Buddha auf und stellte ihm die bekannten unlösbaren Fragen. Auch ihm gegenüber lehnte Buddha ab, über diese Fragen irgendwelche Theorien zu entwickeln, denn - so fügte er hinzu - alle Theorien, die man darüber aufstellen könne, seien wie ein Dickicht, in dem sich die Menschen verirren, so daß sie den rechten Weg nicht finden können, der hinausführt zur Befreiung von dem Zwang zur Wiedergeburt, den Weg zum Nirvana. Mit Theorien, sagte Buddha, gebe er sich überhaupt nicht ab, sondern er lehre die Wirklichkeit, so wie er sie erkannt habe und wie sie jeder verständige Mensch auch erkennen könne. Diese Erkenntnis der Wirklichkeit führe zur Überwindung des Ich-Wahns und damit zur Befreiung.

Vacchagotta aber war dadurch noch nicht überzeugt, sondern fragte weiter, wo oder unter welchen Umständen ein Befreiter oder Erlöster wieder erscheine oder ob er nicht wieder erscheine. Buddha sagte ihm, daß auch diese Frage nicht zu beantworten sei, weil sie über die Grenzen der Erkenntnismöglichkeit hinausgehe, und verdeutlichte ihm das durch ein Gleichnis:

Wenn ein Feuer brennt, so ist es durch den Brennstoff bedingt. Ist kein Brennstoff mehr da, so erlischt es, und wenn es erloschen ist, dann ist die Frage, nach welcher Richtung es gegangen sei, sinnlos. Genau ebenso sinnlos ist die Frage, wo ein Befreiter oder Erlöster oder Vollendeter nach dem Tode wieder erscheine. Der von den fünf Gruppen, die die Person bilden, erlöste Vollendete ist, so sagte Buddha, "unermeßlich, unergründlich wie das große Meer". Von allem, was man über ihn aussagen wollte, würde nichts zutreffen, aber auch nicht das Gegenteil.

Diese Erklärung machte auf Vacchagotta einen so tiefen Eindruck, daß er sogleich die dreifache Zufluchtsformel sprach und sich damit als Laienanhänger Buddhas bekannte. (M 72)

Im Suttapitaka sind die Lehrstücke nicht nach ihrer zeitlichen Folge geordnet, sondern willkürlich aneinander gereiht. Es läßt sich darum nicht entscheiden, ob zwei andere Unterredungen zwischen Buddha und Vacchagotta früher oder später stattgefunden haben. Daß Vacchagotta dabei noch Paribbājaka genannt wird, ist kein sicheres Merkmal, denn es ist wohl möglich, daß er, obwohl Laienanhänger Buddhas, doch noch in der Gemeinde Sanjayas geblieben war. Buddha hat selbst mehrmals Leuten, die sich ihm anschlossen, gesagt, sie brauchten deswegen ihre Beziehungen zu ihrer alten Gemeinde nicht abzubrechen.

Wie dem auch sei, jedenfalls ist Vacchagotta mehrmals auf seine unlösbaren Fragen zurückgekommen. Einmal wollte er wissen, woher es komme, daß man überhaupt über diese Fragen nachdenke. Buddha erwiderte darauf, es komme daher, daß man die fünf Gruppen, ihr Entstehen und ihr Vergehen nicht richtig erkannt habe und daß man über den achtfachen Weg im Unklaren sei. (S.33.1-5)

Das andere Mal wünschte Vacchagotta von Buddha eine Antwort auf die Frage, ob das Ich sei oder nicht sei. Diese Frage beantwortete Buddha überhaupt nicht, er verhielt sich schweigend, womit die Unterredung endete. Danach fragte Ānanda, warum Buddha nicht geantwortet habe, und nun erklärte Buddha: "Hätte ich gesagt: Das Ich ist, so hätte ich denen recht gegeben, die an eine unsterbliche Seele glauben; hätte ich gesagt: Das Ich ist nicht, so hätte ich denen recht gegeben, die an eine absolute Vernichtung im Tode glauben. Im ersten Fall wäre Vacchagotta nicht zu der Erkenntnis gekommen, daß alle Dinge nicht sein Ich sind; im zweiten Fall wäre der verworrene Vacchagotta noch mehr in Verwirrung geraten, denn er würde denken: Früher war doch mein Ich, und nun soll es nicht mehr sein?" (S.44.10)

Obwohl Buddha Vacchagotta durch sein Schweigen abgewiesen und nachher einen verworrenen Paribbājaka genannt hatte, gewährte er ihm später doch noch eine längere Unterredung. Vacchagotta berief sich darauf, daß er schon lange mit Buddha Gespräche führe, und bat ihn, nun einmal kurz zu sagen, was heilsam und was unheilsam sei. Buddha sagte es ihm: "Begierde, Haß und Verblendung, d.h. der Ich-Wahn, sind unheilsam; das Gegenteil von diesen dreien ist heilsam. Die fünf Sittlichkeitsregeln, die Sīlas, sind heilsam, das Gegenteil ist unheilsam. Es kommt darauf an, den Durst oder Lebenstrieb vollständig auszurotten. Wem das gelingt, der hat die Bürde abgelegt, die Daseinsfesseln gesprengt und ist in vollkommener Weisheit erlöst." "Schön", sagte Vacchagotta, "aber ist es denn außer Buddha selbst noch irgend einem Menschen gelungen, dieses Ziel zu erreichen?" - "Ja", sagte Buddha, "viele meiner Jünger sind schon Heilige geworden, sie haben bei Lebzeiten das Ziel erreicht; und viele Laienanhänger sind so weit gekommen, daß sie nach dem Tode nicht zur Menschenwelt zurückkehren, sondern in himmlischer Welt der vollen Erlösung entgegengehen."

Nun endlich war Vacchagotta von der Auskunft, die ihm Buddha gab, voll befriedigt und bat um Aufnahme in den Orden. Buddha gewährte sie ihm. Danach kam er wieder zu Buddha und bat um weitere Belehrung. Buddha riet ihm, noch zwei Dinge zu üben: samatha, innere Beruhigung, und vipassanā, klare Durchschauung der Wirklichkeit. Dadurch könne er das dreifache Wissen und paranormale Fähigkeiten erwerben. Vacchagotta befolgte den Rat und gelangte so zur Heiligkeit. Daß er schließlich ein Heiliger geworden ist, soll Buddha ausdrücklich bestätigt haben. (M 73)


Vakkali

 

Vakkali scheint in der Jüngerschaft nicht besonders hervorgetreten zu sein, denn wir hören von ihm erst, als er in Rājagaha im Hause eines Kesselschmiedes schwer krank darniederlag. Von seinem Krankenlager schickte er einige Mitbrüder, die ihn pflegten, zu Buddha, der sich damals gerade im Bambushain bei Rājagaha aufhielt, und ließ ihn bitten, zu ihm zu kommen. Buddha kam sofort, und als Vakkali ihn kommen sah, stand er von seinem Bett auf, um den Erhabenen ehrfurchtsvoll zu begrüßen. Buddha aber forderte ihn auf, liegen zu bleiben, erkundigte sich nach seinem Befinden und fragte ihn, was ihn beunruhige. Vakkali erwiderte, er habe sich zwar keine Verfehlung vorzuwerfen, aber es bedrücke ihn, daß seine körperlichen Kräfte nicht ausreichten, um den Erhabenen aufzusuchen, den er schon lange nicht mehr gesehen habe. Buddha beruhigte ihn: "Was kümmert dich dieser elende Körper! Wer die wahre Lehre sieht, der sieht mich." Dann fragte er ihn, ob er die fünf Gruppen: Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, unbewußte Tätigkeiten und Bewußtsein, für beständig oder für unbeständig halte. Auf seine Antwort: "Für unbeständig", fuhr Buddha fort: "Nun, wer dies einsieht, der weiß, daß er mit dieser Welt nichts mehr zu tun hat."

Nach diesem Gespräch bat Vakkali die ihn pflegenden Mitbrüder, ihn auf seinem Bett auf den Schwarzen Stein am Seherberge zu tragen, denn es gezieme sich für einen Bhikkhu nicht, im Hause zu sterben.

In der folgenden Nacht erkannte Buddha, der ja die Fähigkeit hatte, das Denken anderer zu durchschauen, daß Vakkali die Befreiung erlangt hatte, und am nächsten Morgen schickte er Bhikkhus zu Vakkali, um ihm zu verkünden, er könne nun ruhig sterben, sein Scheiden werde ohne Makel sein, er sei nun ein Heiliger geworden. Als die Bhikkhus kamen, sprach Vakkali zu seinen Pflegern: "Liebe Mitbrüder, helfet mir, von meinem Bette aufzustehen, denn es geziemt sich für mich nicht, eine Botschaft des Erhabenen sitzend oder liegend anzuhören." Da halfen sie ihm aufzustehen und die anderen verkündeten ihm die Botschaft Buddhas. Bald darauf sandte er noch einmal zu Buddha und ließ ihm sagen, er sei sich nun völlig klar darüber, daß die fünf Gruppen unbeständig sind, daß das Unbeständige leidvoll, unbefriedigend ist und daß das Leidvolle, Unbefriedigende, ewigem Wechsel Unterworfene, selbstverständlich nicht Gegenstand seines Wunsches, seines Begehrens oder seiner Zuneigung sein kann.

Diese Worte Vakkalis sind bemerkenswert, weil er anstelle des dritten der "drei Merkmale" - Unbeständigkeit, Unzulänglichkeit, Nicht-Ich - sagt: "nicht Gegenstand seines Wunsches, seines Begehrens, seiner Zuneigung".

Damit hat er zu erkennen gegeben, daß er richtig verstanden hat, was "anattā" bedeutet, nämlich nicht "wesenlos" oder "ohne Selbst", sondern "nicht für mich", "nicht mein Ich".

Danach griff Vakkali zum Messer und machte durch Öffnen der Pulsadern seinem Leben ein Ende.

Buddha, der im Bambushain weilte, nahm dies hellsehend wahr und ging mit vielen Bhikkhus zum Schwarzen Stein am Seherberge. Dort sah er den Toten liegen. Um dieselbe Zeit, so heißt es weiter, erhob sich ein dunkler Qualm nach allen Seiten. Da sprach der Erhabene zu den Bhikkhus: "Seht Ihr diesen dunklen Qualm? Das ist Māra, der Vakkalis Bewußtsein sucht. Das Bewußtsein ist aber nicht zu finden, denn Vakkali ist vollkommen erlöst." (S.22.87)

Über die Deutung des dichterischen, mythologischen Schlusses der Erzählung gehen die Ansichten auseinander. Die gleiche Erzählung steht in S.4.23, wo berichtet wird, daß der Bhikkhu Godhika, auch auf dem Schwarzen Stein am Seherberge, freiwillig aus dem Leben schied und Māra in Gestalt eines dunklen Qualms sein Bewußtsein suchte. Windisch, der in seinem Werk "Māra und Buddha" (Leipzig 1895) diese Stelle zum ersten Mal übersetzte, meinte, das Bewußtsein - aber nicht die Seele! - sei "der Teil des menschlichen Organismus, der für gewöhnlich den Tod überlebt, die Erkenntnistätigkeit mit den Keimen des neuen Daseins", (Seite 201) und Geiger sagt in seiner Samyutta-Nikāya Übersetzung, Band II (München 1930), das Bewußtsein sei "das mentale Gebilde, das zwischen zwei aufeinanderfolgenden Existenzen die Verbindung herstellt." 

In der ursprünglichen Buddha-Lehre gibt es derartiges nicht. Buddha lehrte, daß das Bewußtsein, ebenso wie alles andere in der Erscheinungswelt, nichts Bleibendes ist, sondern entsteht und vergeht; es entsteht bedingt durch die sechs Sinne und die Sankhārā, die unbewußten Tätigkeiten; was den Tod überdauert, ist die tanhā, der Durst oder Lebenstrieb, dessen Richtung bestimmt ist durch die Taten in Gedanken, Worten und Werken im vorherigen Leben; durch den Trieb bedingt entstehen die Sankhārā, ein entsprechender neuer Organismus mit Sinnesempfänglichkeit, und dadurch bedingt wieder Bewußtsein. Bewußtsein ist also nicht "etwas", das man suchen könnte.

Die gleiche Māra-Erzählung erscheint an zwei Stellen, bezogen auf zwei verschiedene, sonst unbekannte Bhikkhus, aber auf demselben Schwarzen Stein am Seherberge. Sie verdient Beachtung, denn sie berührt die Frage, unter welchen Bedingungen ein Selbstmord nicht zu beanstanden und unter welchen er zu tadeln sei. Diese Frage wird noch klarer beantwortet in der Geschichte des Bhikkhus Channa. Auch sie steht im Samyutta-Nikāya. (S.35.87 und M.144)


Channa

 

Der Name Channa war unter den Bhikkhus der alten Zeit häufig. Von einem Channa wird berichtet, er sei im Zweifel gewesen, ob das Nirvana endgültig sei oder nicht. Ob dieser Channa ein unmittelbarer Jünger Buddhas war, wissen wir nicht, denn er wandte sich, nach S.22.90, mit seiner Frage nicht an Buddha, was er sicherlich getan hätte, wenn der Erhabene damals noch gelebt hätte, sondern an Theras, ältere Bhikkhus, die ihm keine befriedigende Antwort geben konnten, und dann an Ānanda, der ihm den Ausspruch Buddhas an Kaccāna über Sein und Nichtsein (siehe Seite 58) vortrug. Ein zweiter Channa wird in D.16, 6 genannt. Danach soll Buddha unmittelbar vor seinem Hinscheiden angeordnet haben, daß der Bhikkhu Channa mit der schwersten Ordensstrafe, dem Brahmadanda, bestraft werden solle, ohne daß man erfährt, was dieser Channa verbrochen haben soll. 

Von dem dritten Channa, von dem jetzt zu reden ist, erfahren wir weiter nichts, als daß er auf dem Geierberg im Gebirge bei Rājagaha schwer erkrankte. Damals ging Sāriputta zusammen mit einem andern Bhikkhu namens Cunda, wahrscheinlich demselben, der bei Sāriputtas Tode zugegen war, zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen und ihm beizustehen. Channas Krankheit war so schmerzhaft, daß er den Entschluß faßte, seinem Leiden ein Ende zu machen, indem er sich die Pulsadern öffnete. Sāriputta riet ihm dringend davon ab und erbot sich, ihm Nahrungsmittel und Arznei zu bringen, aber Channa lehnte alles ab: zu essen habe er genug und Arznei auch und er wisse, daß er sich nichts vorzuwerfen habe, wenn er jetzt zum Messer greife und ein Ende mache. Sāriputta fragte ihn darauf, ob er das Anattā, das Nicht-Ich, richtig verstanden habe, und nachdem Channa bekannt hatte, daß er sich darüber völlig klar sei, zitierte ihm Cunda das Udana über das Nirvana (Ud VIII, 4):

"Wer an etwas hängt, hat Unruhe; wer an nichts hängt, hat keine Unruhe. Wo keine Unruhe ist, da ist Ruhe; wo Ruhe ist, da ist keine Sinnenlust, wo keine Sinnenlust ist, da gibt es kein Kommen und Gehen; wo kein Kommen und Gehen ist, da gibt es keine Wiedergeburt; wo es keine Wiedergeburt gibt, da ist weder diese noch jene Welt, noch was zwischen beiden liegt. Dies ist das Ende des Leidens."

Darauf gingen Sāriputta und Cunda fort, und Channa öffnete sich die Adern. Sāriputta berichtete darüber dem Erhabenen und fügte hinzu, daß Channas Freunde seinen Selbstmord mißbilligten. Buddha aber erwiderte: "Channa ist nicht zu tadeln. Wer den einen Körper ablegt und einen andern Körper annimmt, d.h. wem eine Wiedergeburt bevorsteht, bei dem ist ein Selbstmord zu mißbilligen. Das gilt aber von Channa nicht, denn er hat das Nirvana erreicht. In diesem Falle ist der Selbstmord nicht zu mißbilligen."

Buddha hat also den Selbstmord eines Heiligen nicht getadelt, aber auch nicht gelobt oder gar empfohlen. Sein Urteil über andere war immer so milde wie möglich. Sāriputta aber ist seiner strengeren Meinung bis zuletzt treu geblieben; er hat seine letzte schwere Krankheit geduldig ertragen und mit Bezug darauf die in Thg 1002 und 1003 überlieferten Verse gesprochen. (Siehe Seite 38*)


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