Wurzeln von Gut und Böse 9

DIE WURZELN VON GUT UND BÖSE

V. DIE AUSRODUNG DER UNHEILSAMEN WURZELN

(Texte 26 - 43)

Die Texte 26 - 33 behandeln die Ausrodung der unheilsamen Wurzeln allgemein.

26. Das dreifache Juwel und die Überwindung der Wurzeln des Bösen

"Einst weilte der ehrwürdige Ananda im Ghosita-Kloster bei Kosambi. Da nun begab sich ein Laienanhänger der Ajivakas, ein Hausvater, dorthin, wo der ehrwürdige Ananda weilte. Dort angelangt, begrüßte er ehrerbietig den ehrwürdigen Ananda und setzte sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend, sprach er zum ehrwürdigen Ananda also:

'Wessen Lehre, ehrwürdiger Ananda, ist wohl gut verkündet? Wer in der Welt wandelt auf dem rechten Pfade? Wer in der Welt sind die Gesegneten?'

[Die Wörter, die hier benutzt werden, 'gut verkündet' (svākkhāto), ‚auf dem rechten Pfade wandelnd' (supatipanno) und 'Gesegneter' (sugato), sind Schlüsselwörter in der bekannten Formel der Verehrung des Dhamma (Lehre), Sangha (Gemeinde) und des Buddha (in unserem Text in dieser Reihenfolge). Der Begriff Sugata, der ‚gut Gegangene', war vielleicht ein vorbuddhistischer Gebrauch für eine heilige Person religiösen Lebens und wurde später in zunehmendem Maße für den Buddha als einer seiner Beinamen angewendet. Im alten Indien waren Buddhisten als Saugata, die Nachfolger des Sugata, bekannt.]

 

'So werde ich dir denn, Hausvater, hierüber eine Frage stellen. Wie es dir gut dünkt, mögest du antworten. Was glaubst du, Hausvater: diejenigen, die zur Überwindung der Gier, des Hasses und der Verblendung die Lehre weisen, ist wohl deren Lehre gut verkündet oder nicht? Oder wie denkst du darüber?‘

'Ich denke, daß deren Lehre gut verkündet ist, Ehrwürdiger.'

'Was glaubst du wohl, Hausvater: diejenigen, die den Pfad zur Überwindung von Gier, Haß und Verblendung wandeln, wandeln wohl diese in der Welt auf dem rechten Pfade oder nicht? Oder wie denkst du darüber? '

'Ich denke, daß diese in der Welt auf dem rechten Pfade wandeln, Ehrwürdiger.'

'Was glaubst du wohl, Hausvater: diejenigen, in denen Gier, Haß und Verblendung aufgehoben sind, mit der Wurzel zerstört, wie eine Fächerpalme dem Boden entrissen, vernichtet und dem Neuentstehen nicht mehr ausgesetzt, sind solche wohl Gesegnete in der Welt oder nicht? Oder wie denkst du darüber? '

'Ich denke, daß solche wohl Gesegnete in der Welt sind, Ehrwürdiger.'

'Somit, Hausvater, hast du nun folgendes erklärt: „Die zur Überwindung von Gier, Haß und Verblendung die Lehre weisen, deren Lehre ist gut verkündet." Und du hast erklärt: „Die den Pfad zur Überwindung von Gier, Haß und Verblendung wandeln, sie wandeln in der Welt auf dem rechten Pfade." Und du hast erklärt: „In denen Gier, Haß und Verblendung aufgehoben sind, mit der Wurzel zerstört, wie eine Fächerpalme dem Boden entrissen, vernichtet, dem Neuentstehen nicht mehr ausgesetzt, solche sind Gesegnete in der Welt."'

'Wunderbar, Ehrwürdiger! Erstaunlich, Ehrwürdiger! Es soll nämlich weder die eigene Lehre in den Himmel gehoben, noch die Lehre anderer herabgesetzt werden. Ganz und gar sachlich war die Darlegung der Lehre: der Sinn wurde erklärt, ohne auf sich selber anzuspielen. ...

Vortrefflich, Ehrwürdiger! Vortrefflich, Ehrwürdiger! Gleichwie man, Ehrwürdiger, Umgestürztes wieder aufrichtet oder Verborgenes enthüllt oder den Verirrten den Weg weist oder ein Licht in die Finsternis bringt, damit, wer Augen hat, die Dinge sehen kann, ebenso hat der ehrwürdige Ananda auf mannigfache Weise die Lehre dargelegt. So nehme ich meine Zuflucht zum Erhabenen, zur Lehre und zur Mönchsgemeinde. Als Anhänger möge mich der ehrwürdige Ananda betrachten, als einen, der von heute ab zeitlebens Zuflucht genommen hat.' "

A.III.73

Erläuterung. - Der namentlich nicht genannte Laienjünger einer Sekte, der nackten Asketen (Ajivakas), wie wir ihn im obigen Text kennenlernen, muß eine Person mit Feingefühl gewesen sein. Ihm war offensichtlich das Selbstlob zuwider, das er vielleicht in seiner eigenen Sekte und unter anderen zeitgenössischen religiösen Lehrern vorfand. Deshalb wollte er einen Schüler des Buddha in dieser Hinsicht prüfen. Er legte eine Falle für den ehrwürdigen Ananda, indem er seine Fragen in die Begriffe der wohlbekannten buddhistischen Verehrungsformel für das dreifache Kleinod kleidete, und er mag darauf etwa folgende Reaktion des ehrwürdigen Ananda erwartet haben: "Das sind genau die Formulierungen, die wir selber gebrauchen, und sie treffen zu für unsere Lehre, für unsere Mönche und für unseren Buddha." Aber was der ehrwürdige Ananda dann tatsächlich erwiderte, war für unseren Fragesteller eine angenehme Überraschung, da weder Selbstlob noch Herabsetzung anderer in Anandas Worten zu finden ist.

Und da der Fragende offenbar intelligent ist, begriff er sofort die tiefe Bedeutung der Worte des ehrwürdigen Ananda, als er den Sinn der dreifachen Zuflucht durch die Überwindung der drei Wurzeln des Bösen erklärte. Voller Bewunderung für seinen Unterredner und dessen Belehrung äußerte er sofort seine Verehrung für das dreifache Kleinod durch das Aussprechen der Zufluchtsformel.

Dieser Dialog zwischen einem Nicht-Buddhisten und einem buddhistischen Mönch legt nahe, daß die Lehre von den drei Wurzeln unmittelbar überzeugend sein kann für alle, die offenen Geistes und Herzens sind und nicht vollständig in der Strömung von Gier, Haß und Verblendung versunken. Diese Lehre kann daher als ein ausgezeichneter, praktischer und religiös unverbindlicher Zugang zum Kern der Buddhalehre dienen, auch für jene, die zögern, andere Aspekte der buddhistischen Lehre anzunehmen. Aus eben diesem Grund wurde das Gewahrwerden jener drei Wurzeln und ihrer Bedeutung als eine direkt "sichtbare Unterweisung " (Text 14) und als eine Lehre bezeichnet, die ohne Rückfall auf Glauben, Tradition oder Ideologie (Text 35) begriffen werden kann. Es ist leicht einzusehen, daß Gier, Haß und Verblendung allen persönlichen und sozialen Konfliktsituationen zugrunde liegen. Wohl mögen Nicht-Buddhisten, die die Wahrheiten vom Leiden und seinem Ursprung nicht in ihrem vollen Geltungsbereich anerkennen, auch nicht zur Einsicht bereit sein, daß alle Stufengrade und Erscheinungsformen von Gier, Haß und Verblendung wirklich und ausnahmslos Wurzeln des Leidens sind. Doch wenn sie selbst nur die gröberen Formen jener drei als Wurzeln des Bösen und des Leidens verstanden haben, so wird die praktische Anwendung eines solchen Verständnisses von gewaltigem Nutzen für den einzelnen und die Gesellschaft sein.

Von diesem anfänglichem Verständnis und seiner Anwendung ausgehend, mag es für einen suchenden und ehrlichen Geist nicht so schwierig sein, zu der Folgerung vorzustoßen, daß auch die feineren Erscheinungsformen von Gier, Haß und Verblendung Keime sind, aus denen ihre unheilvollsten und zerstörerischsten Formen erwachsen können. Doch die Buddha-Lehre ist in ihrer Verwirklichung ein Stufenweg. Die Ausweitung eines anfänglichen Verständnisses bleibt dem natürlichen Wachstum der Einsicht und der Erfahrung überlassen und sollte dem Hörer einer Unterweisung nicht gewaltsam aufgezwungen werden. Dies war eine Einstellung, welcher der Erleuchtete in seinen Lehrdarlegungen folgte; sie nahmen stets auf das Fassungsvermögen des Hörers Rücksicht.

Dem Beispiel des ehrwürdigen Ananda folgend, wird es auch in der heutigen Zeit heilsam sein, wenn die praktische Botschaft von den Wurzelursachen des Guten und Bösen überzeugende und eindringliche Darstellungen erhält, die den verschiedenen Ebenen des Verständnisses angepaßt sind. Diese Lehre trägt in ihrer Einfachheit wie in ihrem tiefen Gehalt das Siegel der Erleuchtung. Sie ist so geartet, daß sie sowohl das Alltagsleben unmittelbar beeinflussen kann, aber auch bis zu den Tiefen der Existenz und ihrer Transzendierung reicht.


27. Der Zweck der Lehrunterweisung

Der Feldherr Siha, ein früherer Laienanhänger der Niganthas (Jains), befragte einst den Buddha über die verschiedenen Anschuldigungen, die gegen ihn vorgebracht wurden. So beispielsweise, daß der Buddha eine zersetzende Lehre verkünde; er sei ein Nihilist, ein Zerstörer. Darauf entgegnete der Buddha: "In einer Hinsicht, Siha, kann man von mir allerdings mit Recht behaupten, daß ich die Lehre mit zerstörerischer Absicht verkünde: ich lehre nämlich die Vernichtung von Gier, Haß und Verblendung, lehre die Vernichtung der mannigfaltigen üblen, unheilsamen Zustände des Geistes."

A.VIII.12 


28. Man kann es tun!

"Laßt, ihr Mönche, das Unheilsame! Man kann das Unheilsame lassen. Wäre es nicht möglich, das Unheilsame zu lassen, so würde ich nicht sagen: 'Laßt das Unheilsame!' Doch weil man das Unheilsame lassen kann, deshalb sage ich: 'Laßt das Unheilsame!'

Wenn, ihr Mönche, das Lassen des Unheilsamen zum Schaden und Unglück gereichte, so würde ich nicht sagen: 'Laßt das Unheilsame!' Weil aber das Lassen des Unheilsamen zum Segen und Wohl gereicht, deshalb eben sage ich: 'Laßt das Unheilsame!'

Erwecket, ihr Mönche, das Heilsame! Man kann das Heilsame erwecken. Wäre es nicht möglich, das Heilsame zu erwecken, so würde ich nicht sagen: 'Erwecket das Heilsame!' Doch weil man das Heilsame erwecken kann, deshalb eben sage ich: 'Erwecket das Heilsame!'

Wenn, ihr Mönche, die Erweckung des Heilsamen zum Schaden und Unglück gereichte, so würde ich nicht sagen: 'Erwecket das Heilsame!' Weil nun aber die Erweckung des Heilsamen zum Segen und Wohl gereicht, deshalb eben sage ich: 'Erwecket das Heilsame! '"

A.II.19

Erläuterung. - Dieser Text spricht in ebenso einfachen wie einprägsamen Worten von der Fähigkeit des Menschen zum Guten. Damit entkräftet der Buddha die oft gehörte Beschuldigung, der Buddhismus sei pessimistisch. Freilich, solange die Menschen, wie wir nur allzugut wissen, auch eine starke Befähigung für das Böse haben, gibt es wenig Grund für uneingeschränkte Zuversicht hinsichtlich der Menschheit und ihrer Zukunft. Es hängt von der eigenen Wahl des Menschen ab, welche der in ihm vorhandenen Möglichkeiten er nutzt: die zum Guten oder die zum Schlechten. Es macht sein eigentliches Wesen aus, Wahlmöglichkeiten zu haben und Gebrauch von ihnen zu machen. Der Bereich dieser Wahlmöglichkeiten und das rechtzeitige Gewahrwerden davon wird sich mit dem Wachstum der Achtsamkeit und Weisheit ausweiten. Und Hand in Hand mit dem Anwachsen dieser zwei Eigenschaften werden jene Kräfte geschwächt werden, die eine Wahl "konditionieren", sie beschränken und in eine falsche Richtung drängen. Es ist nur der Heilige, der Arahant, der im sittlichen Bereich keine andere Wahl hat, als auf eine Weise zu handeln, zu sprechen und zu denken, die völlig frei ist von Gier, Haß und Verblendung.

Die hoffnungsvollen Worte des Buddha über des Menschen positive Möglichkeiten erhalten ihre volle und weitreichende Bedeutung, wenn wir uns daran erinnern, daß die Wörter heilsam und unheilsam nicht bloß auf das Sittliche beschränkt sind. Das zu entfaltende Heilsame umfaßt vielmehr alles, was im Sinne der Lehre förderlich ist, einschließlich jener Eigenschaften des Geistes und des Herzens, die unerläßlich sind für das Erreichen des höchsten Zieles endgültiger Befreiung. Das Unheilsame, das aufgegeben werden kann, schließt selbst die feinsten Spuren von Gier, Haß und Verblendung ein. Es ist in der Tat eine kühne und ermutigende Versicherung, ein wahrhafter "Löwenruf", wenn der Buddha in der vorstehenden Rede sagt, daß alles Heilsame gewonnen und alles Unheilsame überwunden werden kann.


29. Fünf Methoden zur Beseitigung unheilsamer Gedanken

"Ein Mönch, der auf das höhere Bewußtsein (der Meditation) bedacht ist, sollte von Zeit zu Zeit fünf Dingen seine Aufmerksamkeit schenken. Welchen fünf?

1. Wenn durch ein Objekt, auf das der Mönch seine Aufmerksamkeit gerichtet hat, in ihm üble, unheilsame Gedanken, verbunden mit Begierde, Haß und Verblendung hervorbrechen, dann sollte er seine Aufmerksamkeit auf ein anders geartetes Objekt lenken, auf eines nämlich, das mit Heilsamem verbunden ist. Wenn er dies tut, so werden sich jene üblen unheilsamen Gedanken, verbunden mit Begierde, Haß und Verblendung, in ihm auflösen und schwinden. Bei ihrem Dahinschwinden wird sein Geist innen beruhigt sein und stetig, geeint und gesammelt.

2. Wenn in ihm, der einem heilsamen Objekt Aufmerksamkeit gibt, dennoch üble, unheilsame Gedanken, verbunden mit Begierde, Haß und Verblendung, aufsteigen, dann sollte der Mönch folgendermaßen über die Gefahr in diesen Gedanken nachdenken: 'Wahrlich, aus diesem und jenem Grunde sind solche Gedanken unheilsam, sie sind tadelnswert und enden im Leiden!' Wenn er so nachdenkt, werden sich in ihm die üblen, unheilsamen Gedanken auflösen und schwinden: Bei ihrem Dahinschwinden wird sein Geist von innen her beruhigt sein und stetig, geeint und gesammelt....

3. Wenn in ihm, der so über die Gefahr in diesen Gedanken reflektiert, dennoch üble, unheilsame Gedanken, verbunden mit Begierde, Haß und Verblendung, aufkommen, soll er versuchen, sie nicht zu beachten, ihnen keine Aufmerksamkeit zu geben. Wenn er ihnen keine Beachtung schenkt, werden sich jene üblen und unheilsamen Gedanken in ihm auflösen und schwinden. Mit ihrem Dahinschwinden wird sein Geist innen beruhigt sein und stetig, geeint und gesammelt....

4. Wenn in ihm, der diesen Gedanken keine Aufmerksamkeit schenkt, dennoch üble, unheilsame Gedanken, verbunden mit Begierde, Haß und Verblendung, auftreten, sollte er seine Aufmerksamkeit auf die Beseitigung des Ursprungs dieser Gedanken (*1) richten. Wenn er dies tut, dann werden sich jene üblen, unheilsamen Gedanken in ihm auflösen und schwinden. Mit ihrem Dahinschwinden wird sein Geist innen beruhigt und stetig, geeint und gesammelt.

5. Wenn aber diese üblen, unheilsamen Gedanken in ihm immer noch aufsteigen, während er sich der Beseitigung ihres Ursprungs widmet, dann sollte er mit zusammengepreßten Zähnen und gegen den Gaumen gedrückter Zunge den Geist mit dem Geiste (*2) zügeln, unterdrücken und bezwingen. Wenn er dies tut, dann werden sich in ihm jene üblen, unheilsamen Gedanken auflösen und schwinden. Mit ihrem Dahinschwinden wird sein Geist innen beruhigt sein und stetig, geeint und gesammelt. ...


(*1) vitakka-sankhāra-santhāna. Die Übersetzung folgt dem Kommentar zu dieser Lehrrede, in dem das Wort sankhāra mit Bedingung, Ursache oder Wurzel erklärt wird. Eine alternative Wiedergabe wäre "Stillung der Gedankengebilde".

(*2) Das bedeutet, er hat den unheilsamen Geisteszustand durch einen heilsamen bezwungen, nämlich durch seine Anstrengung, jene unheilsamen Gedanken zu beseitigen.


Wenn jene üblen, unheilsamen Gedanken, verbunden mit Begierde, Haß und Verblendung, die durch Hinwendung (falscher) Aufmerksamkeit auf ein Objekt entstanden sind, im Mönch aufgehoben und geschwunden sind (durch Anwendung dieser fünf Methoden); und wenn (demgemäß) sein Geist ruhig ist und stetig, geeint und gesammelt, - dann gilt dieser Mönch als ein Meister der Gedankengänge: er wird die Gedanken denken, die er zu denken wünscht, und wird solche nicht denken, die er nicht zu denken wünscht. Er hat das Begehren abgeschnitten, die (Daseins-) Fessel gesprengt und mit voller Durchdringung des Dünkels dem Leiden ein Ende gemacht."

Auszug aus Majjhima Nikaya, Nr. 20: "Die Beseitigung der unheilsamen Gedanken" (Vitakka-santhāna Sutta)

Erläuterung. - Die Rede zur Beseitigung unheilsamer Gedanken ist an meditierende Mönche gerichtet, und zwar besonders an solche, die sich um die Erreichung der meditativen Vertiefungen (jhāna) bemühen, welche das "Höhere Bewußtsein" (adhicitta) ausmachen, das in der Rede erwähnt ist. Aber die fünf Methoden zur Aufhebung unheilsamer Gedanken sind nicht auf solche beschränkt, die sich strenger Meditationspraxis widmen. Diese Methoden sind auch dann hilfreich, wenn Begierde (Lust), Abneigung und Verblendung während weniger intensiver Kontemplation aufsteigen, die von Mönchen oder Weltmenschen unternommen wird. Selbst in Situationen des gewöhnlichen Lebens, wenn man sich einem Ansturm unheilsamer Gedanken gegenüber sieht, werden diese Hilfsmittel sich als wirksam erweisen, vorausgesetzt natürlich, man kann die nötige Geistesgegenwart aufbieten, um diese Methoden anzuwenden. Bei solcher Anwendung übt

man sich auch in rechter Anstrengung, dem sechsten Glied des edlen achtfältigen Pfades. Diese Anstrengung zur Überwindung der unheilsamen Gedanken, die bereits aufgestiegen sind, ist eine der vier großen Anstrengungen (samma ppadhāna), die das sechste Pfadglied ausmachen.

Mit der ersten Methode werden die einströmenden üblen Gedanken durch ihr heilsames Gegenteil ersetzt. Die Rede gibt das Gleichnis von einem Zimmermann, der einen untauglichen groben Keil mit Hilfe eines feineren Keiles entfernt. Der Kommentar erklärt: Sobald einer jener unheilsamen Gedanken, z.B. der Begierde nach einem anderen Menschen, aufkommt, soll ihm durch Denken an die Unreinheit des Körpers begegnet werden; wenn es Begierde nach einem materiellen Objekt ist, soll man seine Vergänglichkeit und uneigene Natur erwägen. Im Falle von Abneigung gegen ein Lebewesen erwecke man die Gedanken und Gefühle der Güte (mettā) und Freundlichkeit; den Ärger über unbelebte Dinge oder über widrige Lebensumstände besiegt man durch Betrachtung über ihre Vergänglichkeit und ihre unpersönliche Natur (anattā).

Wenn verblendete oder verwirrte Gedanken aufsteigen, soll man sie klärender Prüfung unterziehen. Das bisher Gesagte bezieht sich auf eine sofortige Gegenwehr, also unmittelbar beim Auftreten unerwünschter Gedanken. Für eine anhaltende Bemühung, jene unheilsamen Gedanken zu schwächen und schließlich aufzuheben, sollen die heilsamen Wurzeln, ihr jeweiliges Gegenstück, gestärkt werden, wenn immer sich eine Gelegenheit bietet. Gierlosigkeit sollte durch selbstloses und großmütiges Handeln und Akte des Verzichts gefördert werden; Haßlosigkeit durch Geduld und Mitleid; Unverblendung durch Gedankenklarheit und ein wachsendes Verständnis der Wirklichkeit.

Die zweite Methode ist: Abscheu wachzurufen gegen die Beschmutzung des Geistes durch jene unheilsamen Gedanken; sowie einen starken Sinn für die Gefahren zu wecken, die in ihnen offenkundig oder verborgen liegen. Das Gleichnis hierfür ist das von einer wohl gekleideten jungen Person, die sich erschreckt, entwürdigt und angeekelt fühlt, wenn der Kadaver eines Tieres um ihren Hals gelegt wird. Denkt man an die Unwürdigkeit böser Gedanken, wird ein Sinn für Scham (hiri) und Abscheu entstehen: die Überzeugung, daß diese unheilsamen Gedanken wahrhaft schädlich und gefährlich sind, wird eine abschreckende "Furcht vor den Folgen" (ottappa) erzeugen. Diese Abscheu hervorrufende Methode kann auch als eine Hilfe für die Rückkehr zur ersten Methode, "dem Ersetzen durch gute Gedanken", dienen, es sei denn, daß man jetzt fähig geworden ist, die hereindrängenden unheilsamen Gedanken durch die zweite Methode auszuschalten. Diese Methode kann sehr wirksam sein, wenn Begegnungen im gewöhnlichen Leben nach einer sofortigen Zügelung unheilsamer Gedanken verlangen.

Mittels der dritten Methode versucht man, jene unerwünschten Gedanken zu ignorieren, und zwar durch Hinlenken der Aufmerksamkeit auf andere Gedanken oder Tätigkeiten. Das Beispiel hierfür ist, daß man bei einem unangenehmen Anblick entweder die Augen schließt oder in eine andere Richtung blickt.

Wenn diese Methode während einer Meditationssitzung angewandt wird, bringt sie freilich eine zeitweilige Unterbrechung der Meditation mit sich. Als Beispiele ablenkender Beschäftigung nennt der Kommentar: Rezitieren, Lesen, Untersuchen des Beutels (oder der Hosentaschen) auf den Inhalt hin. Auch außerhalb meditativer Übungen kann Rezitieren oder Lesen für diesen Zweck hilfreich sein; oder man mag auch irgendeine kleine, die Aufmerksamkeit beanspruchende Arbeit verrichten, bis jene quälenden Gedanken geschwunden sind.

Die vierte Methode wird in der Lehrrede durch einen Mann illustriert, der schnell läuft und sich dann fragt: "Warum laufe ich denn? " - Er geht nun langsam und setzt dann den Vorgang des Beruhigens seiner Aktivität fort, indem er nacheinander erst stillsteht, sich setzt und zuletzt sich niederlegt. Dieses Gleichnis läßt vermuten, daß hiermit auf eine Sublimierung und Verfeinerung von Gedanken grob unheilsamer Natur abgezielt wird. Doch da diese meist ein langsamer und gradueller Prozeß ist, dürfte er nur selten in der Situation eines Meditierenden anwendbar sein, die eine schnellere Abhilfe erfordert.

Die kommentarielle Interpretation scheint daher angebrachter: das Nachspüren, Zurückverfolgen unheilsamer Gedanken bis zu den Gedanken oder der Situation, die ihre Entstehung verursacht oder angeregt haben, sowie der nachfolgende Versuch, diese Gedankenquelle im Geist versiegen zu lassen, d.h. die Ursprungs-Situation oder -Idee zu bewältigen. Das mag oft einfacher sein, als wenn man sich dem voll ausgereiften Endergebnis unmittelbar entgegenstellt. Es wird auch helfen, den Geist (gemäß der dritten Methode) von jenen unheilsamen Gedanken abzulenken, die sich sonst auf dieser Stufe schwer vertreiben lassen. Wir können deshalb die vierte Methode als

"Aufspüren der Gedankenquelle" bezeichnen. Doch die Erklärung dieser Methode als Sublimierung oder graduelle Verfeinerung braucht nicht ausgeschlossen zu werden, wenn es sich um eine fortgesetzte Bemühung um die Überwindung unheilsamer Gedanken, auf längere Frist hin handelt. Durch die Sublimierung ergeben sich Möglichkeiten, die Intensität und den unsittlichen Charakter der drei unheilsamen Wurzeln zu schwächen und sogar ihre Energie in heilsame Bahnen zu leiten.

Die fünfte und letzte Methode, also die Methode kraftvoller Unterdrückung, muß dann angewendet werden, wenn unheilsame Gedanken so stark geworden sind, daß sie unbeherrschbar zu werden drohen und damit zu praktisch und sittlich gefährlichen Situationen führen können. Die Lehrrede veranschaulicht diese Methode durch einen körperlich starken Mann, der einen schwächeren mittels schierer Kraft niederzwingt.

Wenn man die Anwendung dieser fünf Methoden nicht vernachlässigt, sondern sie sowohl in meditativer Praxis als auch im Alltagsleben lebendig erhält, kann eine merkbare und zunehmende Schwächung der drei unheilsamen Wurzeln erwartet werden, bis schließlich die vollkommene Meisterung der Gedanken, wie am Ende der Lehrrede versprochen, erreicht wird.


30. Um seiner selbst willen

"Aus vier Gründen, ihr Mönche, hat man um seiner selbst willen unermüdliche Achtsamkeit zum Wächter des Geistes zu machen. Aus welchen vier Gründen?

'Möge mir bei den Gier erregenden Dingen der Geist nicht gieren!' So hat man um seiner selbst willen unermüdliche Achtsamkeit zum Wächter des Geistes zu machen.

'Möge mir bei den Haß erregenden Dingen der Geist nicht hassen!' So hat man um seiner selbst willen unermüdliche Achtsamkeit zum Wächter des Geistes zu machen.

'Möge mir bei den Wahn erregenden Dingen der Geist nicht wähnen!' So hat man um seiner selbst willen unermüdliche Achtsamkeit zum Wächter des Geistes zu machen.

'Möge mir bei den betörenden Dingen der Geist nicht betört sein!' So hat man um seiner selbst willen unermüdliche Achtsamkeit zum Wächter des Geistes zu machen.

Wenn nun einem Mönch, weil er von Gier, Haß, Wahn und Betörtsein frei ist, sein Geist bei den Gier erregenden, Haß erregenden, Wahn erregenden und betörenden Dingen nicht giert, nicht haßt, nicht wähnt und nicht betört wird, dann wankt er nicht, bebt er nicht, erzittert er nicht, gerät nicht in Furcht und verfällt nicht mehr den Meinungen Andersgesinnter."

A.IV.117


31. Die Edle Macht

"Gut ist es, ihr Mönche, wenn der Mönch von Zeit zu Zeit Nichtwiderliches als widerlich betrachtet; wenn er Widerliches als nicht widerlich betrachtet; wenn er Nichtwiderliches und Widerliches als widerlich betrachtet; wenn er Widerliches und Nichtwiderliches als nicht widerlich betrachtet; wenn er beides, Widerliches und Nichtwiderliches, verwerfend, gleichmütig verweilt, achtsam und wissensklar.

Aus welchem Beweggrund aber, ihr Mönche, mag der Mönch Nichtwiderliches als widerlich betrachten? Damit ihm bei den giererregenden Dingen keine Gier aufsteige.

Aus welchem Beweggrund aber mag er Widerliches als nicht widerlich betrachten? Damit ihm bei den haßerregenden Dingen kein Haß aufsteige.

 

Aus welchem Beweggrund aber mag er Nichtwiderliches und Widerliches als widerlich betrachten? Damit ihm bei den giererregenden Dingen keine Gier und bei den haßerregenden Dingen kein Haß aufsteige.

Aus welchem Beweggrund aber mag er Widerliches und Nichtwiderliches als nicht widerlich betrachten? Damit ihm bei den haßerregenden Dingen kein Haß und bei den giererregenden Dingen keine Gier aufsteige.

Aus welchem Beweggrund aber mag er beides, Widerliches und Nichtwiderliches, verwerfend, gleichmütig verweilen, achtsam und wissensklar? Damit ihm bei keiner Gelegenheit, nirgends, irgendwie bei den giererregenden Dingen Gier aufsteige, bei den haßerregenden Dingen Haß aufsteige und bei den verblendenden Dingen Verblendung aufsteige."

A.V.144

Erläuterung. - Diese fünffache Betrachtung der Gefühle wird im Pali ariya iddhi genannt, was durch edle Macht, edlen Erfolg oder edle Magie wiedergegeben werden kann; oder alternativ: Macht, Erfolg oder Magie der Edlen (ariya), also der Arahants oder Heiligen. Wie in einigen Lehrreden und Kommentaren bemerkt wird, kann diese schwierige geistige Schulung in ihrer Vollkommenheit sicher nur von Arahants gemeistert werden. Wie jedoch unser Text schon zu Anfang sagt, hatte der Buddha diese Übung ganz allgemein seinen Mönchen empfohlen, und dies schließt auch jene ein, in denen die drei unheilsamen Wurzeln noch aktiv sind. Unserem Text zufolge ist es die Aufhebung eben dieser Wurzeln, die das Hauptmotiv für die Aufnahme der Übung ist. Über die Anwendung dieser fünffältigen Macht finden sich in den buddhistischen Texten und Kommentaren (*1) die folgenden Hinweise.

(*1) Zusammengestellt aus dem Patisambhidā Magga und Kommentaren zu Digha Nikaya und Anguttara Nikaya.

1. Um das Widerliche im Nichtwiderlichen zu erkennen, richtet man auf nichtwiderliche (anziehende) Lebewesen die Betrachtung der körperlichen Unreinheit, bei nichtwiderlichen (anziehenden) unbelebten Objekten wendet man die Tatsache der Vergänglichkeit an.

2. Um das Nichtwiderliche im Widerlichen zu erkennen, durchdringt man in seinem Geiste abstoßende Lebewesen mit liebevoller Freundlichkeit; und abstoßende unbelebte Objekte soll man betrachten als aus den vier Elementen bestehend; aber auch Lebewesen sollten der Elementbetrachtung unterzogen werden.

3. Um das Widerliche in beiden, dem Nichtwiderlichen und dem Widerlichen, zu erkennen, richtet man auf beide die Betrachtung der Unreinheit und wendet auf sie die Tatsache der Vergänglichkeit an.

Oder: Wenn man ein Wesen zuerst als nichtwiderlich (anziehend) beurteilt hat und später als widerlich (*1), betrachtet man es als (durchweg) widerlich (d.h. unter dem Blickwinkel der Unreinheit und Vergänglichkeit).

(*1) "Wegen einer Änderung in der eigenen Einstellung zu einer Person oder wegen einer Änderung im Charakter (oder Verhalten) jener Person." Sub-Kommentar zu Majjhima Nikaya.

 

4. Um das Nichtwiderliche in beiden, dem Widerlichen und dem Nichtwiderlichen, zu erkennen, durchdringt man beide mit liebender Freundlichkeit und betrachtet beide als bloße Elemente. Oder: Wenn man ein Wesen zuerst als widerlich (abstoßend) und später als nichtwiderlich (anziehend) beurteilt hat, betrachtet man es nun als (durchweg) nichtwiderlich (nämlich unter dem Blickwinkel der liebenden Freundlichkeit und als aus Elementen bestehend).

5. Beide (Ansichten) vermeidend, wendet man den sechsfachen Gleichmut an, von dem gesagt wird: "Beim Erkennen (eines der sechs Objekte, einschließlich geistiger Objekte) ist man weder froh noch traurig, sondern hält sich an den Gleichmut, ist achtsam und klar verstehend. " Ein solcher ist dann weder lüstern nach einem begehrenswerten Objekt, noch haßt er ein abstoßendes; und wenn andere gedankenlos Verblendung entstehen lassen, gibt er der Verblendung keinen Raum. Er verweilt gleichmütig den sechs Objekten gegenüber, weil er mit dem sechsfachen Gleichmut ausgerüstet ist, wobei der reine natürliche Zustand des Geistes nicht verlassen wird.

Diese fünf Methoden der Anwendung Edler Macht sind zuerst für den Gebrauch während der Meditation gedacht, wenn Bilder abstoßender oder anziehender Wesen oder Dinge im Geist aufsteigen. Zu einer solchen Zeit ist man fähig, bei den entgegengesetzt wirkenden Ideen (Liebenswürdigkeit, Elemente, usw.) so lange, wie gewünscht, zu bleiben. Zweitens können diese Methoden bei Begegnungen des alltäglichen Lebens benutzt werden, wenn die entgegenwirkenden Ideen kurz und bündig formuliert und rasch angewendet werden müssen. Dies wird frühere Vertrautheit mit ihnen und Wachsamkeit des Geistes voraussetzen. Bei Begegnungen mit abstoßenden Personen möge man auch an ihre guten Qualitäten, ihr Teilhaben an der allgemeinen, menschlichen Natur mit ihren Schwächen und Leiden denken. Wenn man eine sinnlich anziehende Person trifft, sollte man sich lebhaft den Prozeß des Alterns und den Zerfall ihres Körpers vorstellen.

Wenn diese fünf Methoden der Begegnung mit dem Widerlichen und Nichtwiderlichen im Arahant vollkommen geworden sind, bilden sie den Höhepunkt unübertrefflicher Meisterung des Geistes über die Welt der Empfindungen und der Gefühle, wobei die Einstellung zu ihnen willentlich gewählt werden kann. Die Grundhaltung in der Betrachtung der Gefühle ist allerdings, wie wir sehen werden, unterschiedlich (Text 37 - 39). Hier wird der Gefühlswert einer Erfahrung festgestellt und so angenommen, wie er ist. Durch Anwendung reiner Achtsamkeit bleibt man bei diesen unmittelbaren Gefühlseindrücken und erlaubt ihnen nicht, in die leidenschaftlichen Reaktionen der Lust oder Abneigung hineinzuwachsen. Aber bei der Methode der Edlen Macht wird der Gefühlswert selber nicht für selbstverständlich genommen, er wird nicht akzeptiert. Die Einstellung hierbei ist, den Gefühlswert umzukehren (Modus 1, 2), den Respons auf das Widerliche und Nichtwiderliche auszugleichen (Modus 3, 4) und schließlich beide mit achtsamem Gleichmut zu durchschauen (Modus 5). Diese fünf Weisungen sind eine Art subtiler "Magie der Verwandlung", durch welche angenehme und unangenehme Gefühle, so wie sie sich gewöhnlich zeigen, willentlich geändert oder durch Gleichmut ersetzt werden können. Ein Geist, der eine derartige Übung durchlaufen hat, hat in der Tat die strengste Probe bestanden. Durch diese Übung kann eine wachsende Kontrolle gefühlsmäßiger Reaktionen und eine stärkere Unabhängigkeit von Gewohnheiten und Leidenschaften erreicht werden. Im Satipatthāna Sutta heißt es: "Er verweilt unabhängig und ist an nichts angehangen". Diese bedeutsamen Worte werden am Ende jeder einzelnen in der Lehrrede gegebenen Übung wiederholt. Im Licht der obigen Betrachtungen ist es bemerkenswert, daß diese Worte auch nach der Betrachtung der Gefühle in der Lehrrede erscheinen.

Unserem Text zufolge ist der Beweggrund für eine Pflege dieser Edlen Macht die Ausrodung von Gier, Haß und Verblendung. In einem Geist, der durch solche radikale Schulung hindurchgegangen ist, werden diese drei Übel keinen fruchtbaren Boden für ihr Wachstum finden.

Diese Schulung hat noch einen anderen Wert, nämlich als Erfahrungsgrundlage für die Erkenntnis der wahren Natur der Gefühle als relativ und subjektiv. Dies wird durch die fünf Methoden der Edlen Macht überzeugend demonstriert. Die Relativität der Gefühle und der durch sie erregten Emotionen wurde von Aryadeva (2.Jahrhundert n. Chr.) bündig zum Ausdruck gebracht:

"Durch dasselbe Ding wird Lust im einen, Haß im anderen, Verblendung im nächsten hervorgerufen. Deswegen haben Sinnenobjekte keinen innewohnenden (Eigen-) Wert."

Catuh-Sataka, Kap. VIII, v. 177

Freilich ist Vollkommenheit in der Ausübung dieser edlen Macht das Gebiet der wahrhaft Edlen, der Arahants, deren Meisterung von Geist und Wille dieser Verwandlungsmagie der Gefühle mühelos gewachsen sind. Aber auch auf niedrigerer Ebene der geistigen Entwicklung wird, wie wir gesehen haben, eine ernste Bemühung um den Erwerb dieser Edlen Macht von großem Nutzen sein. In den hier erläuterten Texten, beschränkt auch der Buddha die Pflege der Edlen Macht nicht auf die Heiligen, sondern beginnt seine Darlegung darüber mit den Worten: "Es ist gut für einen Mönch ..." (und wir fügen hinzu: nicht nur für ihn). Frühere Ausübung von rechter Achtsamkeit (Satipatthāna) ist jedoch unerläßlich. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei die Betrachtung der Gefühle, wodurch man lernen wird, zwischen dem mit jeder Wahrnehmung verbundenen Gefühl und der darauf folgenden emotionalen Reaktion zu unterscheiden.


32. Die vier Wege des Fortschritts

"Vier Wege des Fortschritts (*1) gibt es, ihr Mönche. Welche vier?

Den mühsamen Fortschritt (*2), verbunden mit langsamem Verständnis; den mühsamen Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis; den mühelosen Fortschritt (*3), verbunden mit langsamem Verständnis; den mühelosen Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis.


(*1) catasso patipadā. Siehe Visuddhi Magga S. 798.

(*2) dukkha-patipadā. Der Begriff dukkha hat hier drei verschiedene Bedeutungen: (1) mühsam, (2) schmerzlich (durch die Folgeerscheinungen starker Gier usw.), (3) unerfreulich, wenn Fortschritt erlangt wird mit einem unerfreulichen Meditationsgegenstand, wie der unreinen Natur des Körpers.

(*3) Sukha-patipadā. Sukha bezieht sich hier (1) auf eine verhältnismäßig mühelose, leicht erfolgende Überwindung der Leidenschaften, die deshalb nicht viel Leiden verursacht; (2) auf das während der meditativen Versenkungen (jhāna) erfahrene Glücksgefühl, das gleichfalls einen leichten, glückerfüllten Fortschritt (sukha-patipadā) mit sich bringt.


Was aber, ihr Mönche, ist der mühsame Fortschritt, verbunden mit langsamem Verständnis?

Da, ihr Mönche, besitzt einer von Natur aus starke Gier, starken Haß oder starke Verblendung, und infolge davon empfindet er häufig Leiden und Gram. Die fünf Fähigkeiten, nämlich Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Geistessammlung und Weisheit (*1), sind nur schwach in ihm entwickelt; und da sie schwach entwickelt sind, erreicht er nur langsam die unmittelbare Bedingung (*2) der Triebversiegung. Das, ihr Mönche, nennt man den mühsamen Fortschritt, verbunden mit langsamem Verständnis.

Was aber, ihr Mönche, ist der mühsame Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis?

Da, ihr Mönche, besitzt einer von Natur aus starke Gier, starken Haß oder starke Verblendung, und infolge davon empfindet er häufig Leiden und Gram. Doch die fünf Fähigkeiten, nämlich Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Geistessammlung und Weisheit sind in ihm stark entwickelt; und da sie stark entwickelt sind, erreicht er schnell die unmittelbare Bedingung der Triebversiegung. Das, ihr Mönche, nennt man den mühsamen Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis.

(*1) Wohlausgewogene und stark entwickelte spirituelle Fähigkeiten (indriya) sind die wesentlichen geistigen Werkzeuge für erfolgreiche Einsichts-Meditation (vipassanā), die in der Heiligkeit (arahatta) gipfelt. Vertrauen soll im Gleichmaß sein mit Weisheit, Energie mit der Ruhe geistiger Sammlung, während die fünfte Fähigkeit, Achtsamkeit, stets stark sein soll.

(*2) „Unmittelbare (Bedingung)" (ānantariyam) bezieht sich dem Kommentar zufolge auf die mit dem Pfad der Heiligkeit verbundene Konzentration des Geistes (magga-samādhi), die, einen einzigen Moment dauernd, der unmittelbar darauf folgenden Erreichung der Heiligkeitsfrucht vorangeht, wo dann das Versiegen der Triebe (āsavānam khayo) Vollendung erreicht hat.

Was aber, ihr Mönche, ist der mühelose Fortschritt, verbunden mit langsamem Verständnis?

Da, ihr Mönche, besitzt einer von Natur aus keine starke Gier, keinen starken Haß, keine starke Verblendung, und infolge davon empfindet er nur selten Leiden und Gram; doch die fünf Fähigkeiten, nämlich Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Geistessammlung und Weisheit, sind in ihm nur schwach entwickelt; und da sie schwach entwickelt sind, erreicht er nur langsam die unmittelbare Bedingung der Triebversiegung. Das, ihr Mönche, nennt man den mühelosen Fortschritt, verbunden mit langsamem Verständnis.

Was aber, ihr Mönche, ist der mühelose Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis?

Da, ihr Mönche, besitzt einer von Natur aus keine starke Gier, keinen starken Haß, keine starke Verblendung; und infolge davon empfindet er nur selten Leiden und Gram. Die fünf Fähigkeiten, nämlich Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Geistessammlung und Weisheit, sind in ihm stark entwickelt; und da sie stark entwickelt sind, erreicht er schnell die unmittelbare Bedingung der Triebversiegung. Das, ihr Mönche, nennt man den mühelosen Weg, verbunden mit schnellem Verständnis.

Diese vier Wege des Fortschritts gibt es, ihr Mönche."

A.IV.162


33. Nichtwiederkehr

"Wenn ihr, o Mönche, drei Dinge aufgebt, verbürge ich euch die Nichtwiederkehr. Welche drei Dinge sind dies? Gier, Haß und Verblendung.

Die Gier, durch welche gierbetört
Die Wesen Unheilspfade gehn,
Der Einsichtsvolle gibt sie auf
Und kehrt, weil er die Gier durchschaut
Und ihrer sich entledigt hat,
Nicht mehr zu dieser Welt zurück.
 
Der Haß, durch welchen haßergrimmt
Die Wesen Unheilspfade gehn,
Der Einsichtvolle gibt ihn auf
Und kehrt, weil er den Haß durchschaut
Und seiner sich entledigt hat,
Nicht mehr zu dieser Welt zurück.
 
Verblendung, die verwirrten Geists
Die Wesen Unheilspfade führt,
Der Einsichtsvolle gibt sie auf
Und kehrt, weil er den Wahn durchschaut
Und seiner sich entledigt hat,
Nicht mehr zu dieser Welt zurück."

Zusammenfassung des Itivuttaka 1 bis 3

Die nun folgenden Texte 34 - 36 behandeln die Beseitigung der unheilsamen Wurzeln durch die Satipatthāna Methode der reinen Achtsamkeit.


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