Wurzeln von Gut und Böse 12

DIE WURZELN VON GUT UND BÖSE

VI. DIE HEILSAMEN UND UNHEILSAMEN WURZELN IM ABHIDHAMMA

Im Dhammasangani, dem ersten Buch des Abhidhamma-Pitaka, erscheinen die drei unheilsamen Wurzeln als

Einteilung des unheilsamen Bewußtseins,

wobei acht Klassen 'in Gier wurzeln', zwei 'im Haß wurzeln' und zwei 'in Verblendung wurzeln'. Diese Benennungen der drei Arten des Unheilsamen finden sich im Visuddhi Magga. Obwohl diese Benennungen nicht im Dhammasangani erscheinen, finden sich dort klare Hinweise auf die drei Wurzeln. Ein Bewußtsein, das im Haß wurzelt, wird dort als mit 'Unwillen verbunden' (oder Widerstreben) bezeichnet.

Ein Bewußtseinszustand, der in Gier oder Haß wurzelt, hat Verblendung als eine zweite Wurzel. Verblendung kann aber auch als eine selbständige Wurzel ohne die Anwesenheit von Gier oder Haß erscheinen.

Beide Wurzelgruppen, die von Gut und Böse, erscheinen natürlich auch in der Liste der Bewußtseinsfaktoren (cetasika), und zwar in Verbindung mit dem heilsamen und unheilsamen Bewußtsein.

Die Heilsamen Wurzeln dienen unter dem Namen 'hetu', Wurzelursache, als

Einteilung des Wiedergeburtsbewußtseins

Die Wiedergeburt als Mensch ist immer das Ergebnis von gutem Kamma. Da das Wiedergeburtsbewußtsein ein Kamma-Ergebnis ist und nicht Kamma selbst, sind die Wurzelursachen, die das Wiedergeburtsbewußtsein begleiten, 'karmisch neutral'. Im menschlichen Wiedergeburtsbewußtsein kann es entweder drei begleitende Wurzelursachen oder zwei (ohne Unverblendung) oder in seltenen Fällen keine Wurzelursache geben.

Bei dreifach-verwurzelter Wiedergeburt können die Stärke oder Schwäche dieser Wurzeln sehr verschieden sein. Bei zweifach-verwurzelter Wiedergeburt bedeutet das Fehlen der Unverblendung natürlich nicht das vollständige Fehlen der Intelligenz, sondern eine völlige Unfähigkeit, die Wirklichkeit im Allgemeinen und die vier edlen Wahrheiten im Besonderen zu verstehen. Wurzellose Wiedergeburt findet sich in allen vier niederen Welten (Tiere, Geister, Dämonen und höllische Wesen); unter Menschen ist sie auf jene beschränkt, die blindgeboren, taub, verkrüppelt oder geistig unterentwickelt sind. In den meisten der menschlichen Wesen gibt es aber einige Anlagen für das Gute, weil menschliche Wiedergeburt immer auch das Ergebnis heilsamen Kammas ist. Wir sagten 'die meisten', weil für geistig schwache Menschen diese Möglichkeit stark beeinträchtigt ist; das gilt aber nicht notwendigerweise für solche, die als Krüppel usw. geboren sind. Ob die gute Anlage in der überwiegenden Mehrheit der Menschen aktiviert und bestärkt oder ob sie geschwächt wird oder gar verloren geht, das wird zu einem großen Teil davon abhängen, welche der Wurzeln das Übergewicht haben bei dem Wiedergeburt-erzeugenden Kamma des vormaligen Lebens, das einen stark formenden Einfluß auf den Charakter der Neigungen in der gegenwärtigen Existenz hat. Dies ist das Thema des folgenden kommentariellen Textes mit dem Titel:


44. Die Darlegung vom Vorherrschenden

"In einigen Wesen herrscht Gier vor, in anderen Haß oder Verblendung; und wieder bei anderen sind Gierlosigkeit, Haßlosigkeit oder Unverblendung vorherrschend. Was ist es, das dieses Vorherrschen bestimmt? Es ist die vormalige Wurzel-Ursache (im vorigen Leben), die das Vorherrschen der Wurzeln im gegenwärtigen Leben bestimmt.

Eine Unterschiedlichkeit besteht schon im Moment einer Anhäufung von Karma. Wenn in einer Person im Augenblick der (Wiedergeburt-erzeugenden) Kamma-Anhäufung Gier stark ist und Gierlosigkeit schwach, Haßlosigkeit und Unverblendung stark sind und Haß und Verblendung schwach, dann ist seine schwache Gierlosigkeit unfähig, über seine Gier die Oberhand zu gewinnen; aber wenn Haßlosigkeit und Unverblendung stark sind, können sie über seinen Haß und seine Verblendung die Vorherrschaft behaupten. Wenn nun ein Mensch durch Wiedergeburts-Verbindung, die durch jenes Kamma verursacht wurde, geboren wird, dann ist er gierig, gutmütig, nicht jähzornig, intelligent und besitzt einen blitzartigen Scharfsinn.

Wenn aber im Augenblick der Kamma-Anhäufung Gier und Haß stark sind und Gierlosigkeit und Haßlosigkeit schwach, jedoch Unverblendung stark ist und Verblendung schwach, dann wird diese Person, entsprechend dem oben Gesagten, sowohl Gier wie Haß in sich haben, aber intelligent sein und blitzartigen Scharfsinn haben wie der Ordensältere Dattabhaya.

Wenn aber im Augenblick der Kamma-Anhäufung Gier, Haßlosigkeit und Verblendung stark und die anderen Wurzeln schwach sind, dann wird jene Person, entsprechend dem oben Gesagten, gierig sein, dumm, aber gutmütig und nicht jähzornig.

Wenn jedoch im Augenblick der Kamma-Anhäufung die drei Wurzeln Gier, Haß und Verblendung stark sind und Gierlosigkeit usw. schwach, dann wird jene Person gierig sein, gehässig und auch verblendet.

Wenn im Augenblick der Kamma-Anhäufung Gierlosigkeit, Haß und Verblendung stark und die anderen schwach sind, dann wird jener Mensch wenig (lustvolle) Makel haben und sogar beim Anblick eines himmlischen Sinnenobjektes davon unbewegt bleiben, aber er wird gehässig sein und schwer von Begriff.

Wenn im Augenblick der Kamma-Anhäufung Gierlosigkeit, Haßlosigkeit und Verblendung stark und die anderen schwach sind, dann wird jene Person nicht gierig sein und gutmütig, aber langsam im Verständnis.

Wenn im Augenblick der Kamma-Anhäufung Gierlosigkeit, Haß und Unverblendung stark und die anderen schwach sind, dann wird jene Person nicht gierig sein und intelligent, aber gehässig und jähzornig.

Wenn aber im Augenblick der Kamma-Anhäufung die drei (heilsamen Wurzeln) Gierlosigkeit, Haßlosigkeit, Unverblendung stark sind, Gier und die anderen schwach, dann hat ein solcher weder Gier noch Haß, und er ist weise wie der Ordensältere Sangharakkhita."

Aus Atthasālini, dem Kommentar zum Dhammasangani des Abbhidhamma Pitaka, S. 267 (PTS) 


45. Die Bedingungs-Form 'Wurzel-Ursachen'

Die Wurzeln von Gut und Böse bilden auch die erste der 24 Bedingtheitsarten, nämlich als Wurzelursachen-Bedingung. Die 24 Bedingtheits-Arten gehören zum System des siebenten und letzten Werkes des Abhidhamma Pitaka, dem Patthāna, in dessen Einführungsteil sie aufgezählt und erklärt sind.* Notwendig sind sie auch für das Verständnis der Beziehungsformen der 12 Glieder der "Bedingten Entstehung " (paticca-samuppada).

* Enthalten in Visuddhi Magga. Verlag Christiani, Konstanz, S. 622.

Es folgen hier Auszüge aus der Erklärung der Wurzelursachen-Bedingung, entnommen der Abhandlung:

Patthānuddesa-Dipani, 'The Buddhist Philosophy of Relations' vom Ehrwürdigen Ledi Sayadaw (Rangun 1935)

"Was ist die Wurzelursachen-Bedingung (hetu-paccaya)? Gier, Haß und Verblendung und deren Gegensätze Gierlosigkeit, Haßlosigkeit und Unverblendung, diese sind die Wurzelursachen-Bedingungen.

Welches sind die Dinge, die von ihnen abhängig sind?

Jene Bewußtseinsklassen und Bewußtseinsfaktoren (citta und cetasika) die zusammen mit Gier usw. oder Gierlosigkeit usw. auftreten, ebenso wie die Gruppen materieller Qualitäten, die mit ihnen zusammen erscheinen - diese sind die Dinge, die durch die Wurzelursachen-Bedingung bedingt sind. Sie werden so genannt, weil sie kraft der Wurzelursachen-Bedingung entstehen.

Mit der Bezeichnung 'Gruppen materieller Qualitäten, die mit ihnen zusammen erscheinen' sind jene materiellen Qualitäten gemeint, die von Kamma erzeugt werden, und zwar im Anfangsmoment der durch Wurzelursachen bedingten Empfängnis eines neuen Wesens; ferner auch jene materiellen Qualitäten, die vom wurzelursachen-bedingten Bewußtsein während der Lebenszeit erzeugt werden. Hier ist mit 'Augenblick der Empfängnis' der Entstehensmoment der Wiedergeburts-Empfängnis gemeint, und mit 'Lebenszeit' ist die Spanne bezeichnet, die mit dem Moment des Bestehens der Wiedergeburts-Empfängnis beginnt und sich bis zum Augenblick des Sterbe-Bewußtseins erstreckt.

In welchem Sinn ist hetu zu verstehen? Und in welchem Sinn ist paccaya zu verstehen?

Hetu ist im Sinne von Wurzel zu verstehen; und paccaya ist im Sinne von unterstützen beim Erscheinen oder Hervortreten der bedingt auftretenden Dinge zu verstehen.

Der Zustand einer Wurzel kann wie folgt erklärt werden.

Nehmen wir an, daß ein Mann in eine Frau verliebt ist. Solange er sich nicht seiner lusterfüllten Gedanken entledigt hat, werden alle seine Handlungen, Worte und Gedanken, die sich auf diese Frau beziehen, mit Lust verbunden sein, der Lust nämlich, die zur gleichen Zeit auch jene materiellen Qualitäten unter ihrer Kontrolle hat, die vom gleichen Bewußtsein erzeugt werden (z.B. kāya-vaci-viññatti, 'der körperliche oder sprachliche Ausdruck' jener Liebe).

Wir sehen also, daß alle diese Zustände geistiger und materieller Qualitäten ihre Wurzel in lustvoller Begehrlichkeit nach jener Frau haben. Deshalb ist Gier eine Bedingung, die als Wurzelursache unterstützend wirkt; nämlich als hetu, weil sie als Wurzelursache wirksam ist, und als paccaya, weil sie bei der Entstehung jener geistigen und körperlichen Zustände hilft. Das Übrige kann auf dieselbe Weise erklärt und verstanden werden - d.i. die Entstehung der Gier durch das Begehren nach begehrenswerten (unbelebten) Dingen; das Auftreten von Haß durch die Abneigung gegen hassenswerte Personen oder Dinge; und das Aufkommen der Verblendung wegen mangelnden Wissens (von Personen, Dingen und Ideen, die nicht oder unrichtig wahrgenommen oder verstanden wurden).

Nehmen wir einen Baum als Beispiel, so sehen wir, daß die Wurzeln eines Baumes sich fest im Boden verankert haben und die aus Wasser und Erde entzogene Nährlösung bis hinauf in die Krone bringen. So entwickelt sich der Baum und wächst für eine lange Zeit. In ähnlicher Weise verankert sich die Gier in den begehrenswerten Dingen und pumpt die aus Genuß und Vergnügen bereitete Essenz in die begleitenden Bewußtseinsfaktoren hinein, bis diese bersten und sich in unsittlichen Handlungen und Worten ergießen.

Dasselbe kann vom Haß gesagt werden, der durch Abneigung die Essenz des Mißfallens und Unbehagens aufgesogen hat; und auch von Verblendung, die wegen mangelnden Wissens das Anwachsen einer Essenz, bereitet aus eitlem und trügerischem Denken über vielerlei Objekte, begünstigt.

Indem diese drei Faktoren, Gier, Haß und Verblendung, ihre jeweilige Essenz weitertragen, wirken sie auf die anderen Bestandteile (des betreffenden Bewußtseins) so ein, daß sie, sozusagen, glücklich werden, wenn sie sich der begehrenswerten Objekte erfreuen (oder mißmutig bei unliebsamen Objekten). Diese Begleitfaktoren des Bewußtseins nehmen den Charakter dessen an, was auf sie einwirkt; ebenso verhält es sich mit den begleitenden materiellen Qualitäten.

Als positiven Fall aber nehmen wir an: der Mann sieht die Gefahr im Sinnengenuß und gibt jene lustvollen Gedanken an die Frau auf. Dadurch kommt es in ihm zur Uninteressiertheit (Gierlosigkeit; alobha) an dieser Frau. Während vorher unreine Handlungen, Worte und Gedanken auftraten, die als ihre Wurzel Verblendung (und Gier) hatten, so sind diese jetzt nicht mehr vorhanden; an ihrer Stelle entstehen reine Handlungen, Worte und Gedanken, die ihre Wurzel in Uninteressiertheit (Gierlosigkeit) haben. Darüber hinaus erscheinen in ihm Verzicht, Selbstkontrolle, Jhāna-Übung oder höheres, meditatives Denken auf der 'Bildfläche'. Gierlosigkeit wird daher als hetu-paccaya bezeichnet, weil sie als Wurzelursache, hetu, wirksam ist; sie gilt als paccaya, weil sie bei der Entstehung der Begleitfaktoren hilft. Dieselbe Erklärung gilt auch für die noch verbliebene Gierlosigkeit, für Haßlosigkeit und Unverblendung.

Diese drei sind die Gegensätze von Gier, usw.

Ebenso wie die Wurzel eines Baumes den ganzen Stamm und die anderen Teile des Baumes anregt und belebt, so verhält es sich auch mit der Gierlosigkeit; sie beseitigt die Gier nach begehrenswerten Dingen und fördert das Aufsteigen eines von Gier losgelösten Glücksgefühls, das wie der Baumsaft die es begleitenden Bewußtseinsfaktoren ernährt, bis sie, sozusagen, derart glücklich und freudevoll werden, daß sie sogar die Höhe des Jhāna-Glücks oder des Pfad- oder Fruchteintritts-Glücks erreichen. Ähnlich vertreiben Haßlosigkeit und Unverblendung den Haß und die Unwissenheit in Hinblick auf hassenswerte und verwirrende (oder täuschende) Dinge und fördern das Aufsteigen eines von Haß und Verblendung freien Wohlgefühls. Auf diese Weise dauert die Wirksamkeit der drei Wurzeln Gierlosigkeit, Haßlosigkeit und Unverblendung für lange Zeit an, und sie machen ihre geistigen Begleiter glücklich und freudevoll. Auch die begleitenden Bewußtseinsfaktoren nehmen den Charakter der jeweiligen Einwirkung auf sie an; ebenso verhält es sich auch mit den begleitenden Gruppen materieller Qualitäten.

Nehmen wir ferner an, daß in einem Manne Verlangen nach Geld und Besitz aufsteigt. Unter dem Einfluß solchen Begehrens geht er in einen Wald, rodet ein Stück aus und reinigt es, legt Felder, Stapelplätze und Gärten an und arbeitet sehr hart. Schließlich erhält er durch seine angestrengte Arbeit reichlich Geld und Besitz. Mit diesen Einkünften sorgt er für seine Familie und tut auch manche verdienstlichen und tugendhaften Werke, von denen er erwarten kann, in seiner zukünftigen Existenz den Lohn zu ernten. In diesem Beispiel gelten alle geistigen und materiellen Vorgänge, die gleichzeitig mit Gier verlaufen, als 'direkte' Wirkungen. Von diesen abgesehen werden alle Folgeerscheinungen, Ergebnisse und glücklichen Umstände, die man in zukünftigen Existenzen erfährt, 'indirekte Wirkungen' genannt. Nur die erste dieser zwei Arten von Auswirkungen wird im Patthāna behandelt. Die zweite findet jedoch ihren Platz in den Suttanta-Lehrreden. 'Wenn dieses existiert, geschieht jenes; oder wegen des Auftretens von diesem findet jenes statt' - eine solche Darstellung gilt als Darlegung nach der Suttanta-Methode.

Diese drei Geisteszustände, Gier, Haß und Verblendung, werden Wurzelursache-Bedingungen genannt, weil sie die Wurzeln sind, denen die Makel der gesamten belebten Welt, der gesamten unbelebten Welt und der Welt des Raumes entspringen.

Die drei entgegengesetzten Zustände, Gierlosigkeit, Haßlosigkeit und Unverblendung, werden gleichfalls Wurzelursache-Bedingungen genannt, weil sie die Wurzeln sind, aus denen Reinheit entsteht."


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