Nichtselbst

Nicht-Selbst

09 Feb 2006

Hallo, Ich habe eine Frage bezüglich des Nicht-Selbst (anatman).

Zu einem wird darunter verstanden, dass weder Menschen noch Gegenstände eine unveränderliche Grundlage, ein 'Selbst' besitzen. In den Anleitungen zur Meditation lese ich, dass darunter auch ein Realitätsverständnis gefasst wird, wonach dem Einzelnen seine Lebensumstände nicht bestimmbar sind.

Und in der berühmten Rede des Buddha, heißt es, der Leib und alles Wandelbare sind nicht das Selbst.

Nun, die Frage, ob es ein Selbst gibt, wurde weit diskutiert. In den Einleitungen, die über Meditation erhalten habe, und die auch mein Meditationsverständnis prägen, habe ich die Erkenntnis der Unverfügbarkeit, die Nichtexistenz der Möglichkeit der Kontrolle als Grundlegend angesehen. Darüber, so meine Ansicht, erhebt sich der Meditierende, in seinem wahren Selbst und indem er erkennt, dass all dies (Leiden, Vergänglichkeit) nun nicht sein Selbst ist, kann er das damit verbundene Leid überwinden, quasi auf einer (wenn man mir das unbuddhistische Wort erlaubt) Metaebene zur irdischen Existenz.

Über Hinweise, wie dies zu vereinbaren ist und welche Texte mir Klarheit verschaffen könnten, wäre ich sehr dankbar, über eine rasche Antwort um so mehr.

Vielen Dank, auch für die tolle Seite und die viele Mühe.

Richard


Hallo Richard,

wie du ja selbst schon gesehen hast, ist die Sache mit dem Nicht-Ich (anattā) nicht so einfach zu verstehen.

Um sich diesem komplizierten Thema zu nähern, müssen wir erst klären, dass es sich hier um zwei verschieden Ausdrucksweisen, Darlegungen, Wahrheiten handelt. Einmal die konventionelle und einmal die im höchsten Sinne gültige Wahrheit oder Ausdrucksweise (paramatthasacca).

 

Z.B beim Licht. Mit einem Glasprisma können wir das Licht in seine verschiedene Farb-Bestandteile zerlegen. Das 'weiße' Licht enthält alle für uns sichtbare Farben. Wenn dieses Licht auf ein Objekt trifft, werden bestimmte Farbanteile absorbiert bzw. reflektiert. Wir sehen nur die reflektierende Farbe. Z.B. bei einem grünen Blatt sehen wir nur die reflektierende Farbe grün, alle anderen Farben werden von dem Blatt absorbiert und zur Fotosynthese benutzt. Die tatsächliche (bzw. absorbierte) Farbe des Blattes können wir nicht sehen, wir können es uns aber mit unseren Verstand und unserem Wissen vorstellen.

Auf diese Weise müssen wir uns auch an das Nicht-Ich und die Vergänglichkeit (anicca) herantasten.

 

Oder nehmen wir eine Fotografie. Erst unser Geist oder Bewusstsein erkennt darin ein Geschehnis, eine Person, Landschaft, etc. Wenn wir das Bild genauer betrachten, sehen wir, dass es nur ein Stück Papier mit Farbpunkten darauf ist. Es wird uns etwas vorgegaukelt, dass es gar nicht gibt und nur für den kurzen Augenblick, während die Kamera auslöste, existierte.

 

Ein anderes Beispiel wäre der Computer und der Bildschirm auf den sie vielleicht gerade blicken. Die Bilder oder Buchstaben auf dem Computer Bildschirm sind viel kurzlebiger als das Papier. Je nach dem was für eine "Refresh" Rate in ihrem Betriebssystem eingestellt haben, wird das Bild mit etwa 60 bis 70Hertz dargestellt. D.h. das Bild wird 60 bis 70 mal pro Sekunde neu aufgebaut. Es wird uns ein beständiges Bild vorgegaukelt das es in Wirklichkeit nicht ist. Es wird ständig erneuert, mit einer Geschwindigkeit die das Auge nicht sehen kann.

 

So ist es auch mit unseren Gedanken oder Bewusstseinsprozessen. Sie entstehen und vergehen mit einer so hohen Frequenz, dass wir es nicht erkennen können und uns eine Beständigkeit vorgegaukelt wird, die es nicht gibt. Es ist ein großer Bluff, ein Betrug, den wir nur durch Meditation auflösen können.

 

In der Buddhistischen Literatur finden wir unter anderem noch ein Gleichnis mit dem Wagen (auch Kuh oder den menschlichen Körper). Im höchsten Sinne betrachtet gibt es gar keinen Wagen (Kuh oder Menschen). Schauen sie sich einmal ein Auto genauer an. Welches Teil macht das Auto aus. Ist es der Motor? Oder die Achsen? Oder der Kotflügel? Nehmen sie also alle Teile weg, die nicht das Auto sind, wird nichts übrig bleiben. Lesen sie die Gleichnisse nach im Milinda PanhaSamyutta Nikaya 5.10, Majjhima Nikaya 28, Visuddhi Magga 18 und im Satipatthāna Kommentar (ff).

 

Ob ihnen dieses Wissen jetzt weiterhilft bezweifle ich, vielleicht indem sie jetzt nicht mehr weiter nach einem Selbst suchen müssen, oder es irgendwo hinein interpretieren, wo es nicht vorhanden ist. Sie sollten ihre ganze Energie darauf verwenden, ihren Geist oder ihr Bewusstsein zu schulen, Tagträume in Beobachten der Umgebung (oder besser der eigenen Körpertätigkeiten) umwandeln; so gut es irgendwie möglich ist, immer im jetzigen Moment alles bewusst wahr nehmen, und sei es die kleinste Kleinigkeit wie das Augenzwinkern. Wenn sie hier mit dem Beobachten der Körpertätigkeit (z.B. die Atmungsmeditation) etwas weiter gekommen sind, können sie anfangen die Geistestätigkeiten zu beobachten. Z.B. wenn der Gedanke aus dem Nichts auftaucht: "es muss doch ein Selbst geben, ich sitze ja hier", dann gilt es den Gedanken zu erkennen, zwei oder dreimal zu bestätigen:

und dann wird dieser Gedanke wieder ins Nichts entlassen, wo er hergekommen ist, und man kehrt zur Atmungsübung zurück.

So macht man es mit allen Dingen die da so im Geiste auftauchen können (auch Gefühle werden so behandelt). Es können auch Angst machende Dinge aus der Vergangenheit auftauchen, aber es gilt immer das gleiche Verfahren: Erkennen, Bestätigen, ins Nichts entlassen und zur Meditationsübung zurück kehren. Im Zweifelsfalle kann man immer noch die Augen aufmachen. Es ist auch angebracht sich einer Gleichgesinnten Gruppe anzuschließen oder eine Meditationsschule oder Kloster aufzusuchen.

Wolfgang


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