Wiedergeburt, Nicht-Selbst, Karma, Seelenwanderung: Was führt zur Wiedergeburt?

11 Dec 2002

Wiedergeburt, Nicht-Selbst, Karma, Seelenwanderung: Was ist es, was zur Wiedergeburt führt, wenn doch alles unbeständig ist, alles Nicht-Selbst ist, und es auch keine Seelenwanderung gibt, wie kann dann gar Wiedergeburt/Wiedergeburts-Karma entstehen?

Gibt es jemanden, der mir diese Frage beantworten kann?

Ich grüße euch alle,

insbes. Wolfgang.

chao, diana.


 

Liebe Diana,

im Grunde genommen ist doch alles so einfach, und dann doch wiederum so unendlich schwierig.


Was führt zur Wiedergeburt?

Nur drei Dinge:

  1. Gier (lobha)
  2. Hass (dosa)
  3. Verblendung (moha)

 

1. Gier (Zu-Neigung):

Mit der Gier ist alles eingeschlossen was wir uns wünschen, ersehnen, verlangen, alle Sinnenfreuden, die wir erleben wollen, alles wonach wir streben, was wir geniessen wollen, Sehnsucht nach Liebe, nach dem anderen Geschlecht, der Wunsch nach bestimmten Speisen - von der stärksten Gier bis zum leichtesten Ersehnen ist hiermit alles erfasst.

 

2. Hass (Ab-Neigung):

Hier ist die Abneigung in allen Stärkegraden eingeschlossen. Vom stärksten Hass bis zur kleinsten Abneigung.

 

3. Verblendung - Ignoranz:

Die Verblendung ist das Nicht-Erkennen der Vier Edlen Wahrheiten (sacca), das Nicht-Erkennen bzw. Durchschauen der Vergänglichkeit (anicca), des Nichtselbst (anattā), des Unbefriedigtseins dieses Daseins (dukkha).

Und das ist, wie man vielleicht im ersten Moment nicht vermeinen würde, die schwierigste Hürde, die es zu überwinden gilt. Die beiden oben genannten Dinge dienen hier nur als Vorarbeit, als Vorbereitung, um die Dinge so sehen zu können, wie sie wirklich sind.

(hierzu ein paar Sutten A.iii.69, S.3.2, S.11.22) und ein Gedicht aus Wurzeln von Gut und Böse

 

Gier ist der Wurzelgrund der Lässigkeit,
Ist Ursache für manchen Streit
Und zieht in Sklaverei hinab,
In Hunger leidende Geisterwelt.
Ihn, der die Giernatur durchschaut,
Den Gierbefreiten ehre ich.

Haß ist des Aufruhrs Wurzelgrund,
Die Häßlichkeit entspringt dem Haß.
Zerstörung ist es, die er wirkt,
Gebärend künftige Höllenwelt.
Ihn, der die Haßnatur durchschaut,
Den Haßbefreiten ehre ich.

Verblendung ist des Elends Wurzelgrund,
Unwissenheit ist Quelle aller Krankheit;
Sie schlägt den Geist mit Blindheit
Und schafft die Welt des stummen Tiers.
Ihn, der Verblendung klar durchschaut,
Den Unverblendeten verehre ich.


 

Ein wenig Verständnis, wie das ganze System abläuft, kann vielleich hilfreich sein:

 

Z.B., wenn man einen Automotor startet, läuft er, solange alle dazu notwendigen Komponenten zur Verfügung stehen wie, Benzin, Luft, Schmieröl, elektrischer Strom zur Erzeugung des Zündfunkens, ect.

Ähnlich funktionieren auch wir, solange alle lebensnotwendigen Komponenten zur Verfügung stehen, wie, Atemluft, Speisen, Wärme, ect. laufen, bzw. leben wir. Allerdings kommt hier noch eine Komponente hinzu, ohne die wir nicht lebensfähig wären, das ist der menschliche Geist, das Bewusstsein, es muss immer wieder neu entstehen, ähnlich wie der elektrische Wechseltrom, der durch die Lichtmaschine ununterbrochen erzeugt werden muss.

Man könnte hier als Vergleich eine Glühbirne hernehmen, die aufleuchtet, indem ein Wechselstrom durch einen Metalfaden geleitet wird. Würde man das Schwingen des Wechselstromes von den üblichen 50 Hertz erheblich reduzieren, könnte man das ständige Aufleuchten und Erlöschen mit dem Auge sehen.

So muss man sich auch das Entstehen und Vergehen des menschlichen Geist-Bewusstseins vorstellen. Es entsteht und vergeht (stirbt) mit einer enormen Geschwindigkeit, Buddha sagt, es gibt nichts schnelleres als den menschlichen Geist. Es gibt auch keine Möglichkeit die Geschwindigkeit zu reduzieren, das macht das Durchschauen dieses Vorganges so schwierig.

 

Ein Selbst ist hier nicht zu finden, das Bewusstsein, das vor ein paar Sekunden aufgeflackert ist, ist nicht dasselbe, wie das im jetzigen Moment, es ist bereits mehrmals verstorben und wieder neu geboren worden, und was im nächsten Augenblick passiert, wissen wir auch nicht. Angetrieben von den oben genannten Neigungen, versuchen wir Angenehmes zu erreichen, Unangenehmes zu vermeiden, und so laufen wir wie blind durch die Gegend, glauben an ein Selbst, wo gar keins vorhanden ist, durchwandern im Laufe unendlich langer Zeit die einunddreissig Existenzebenen, vom höchsten Gott (Brahma) bis zur tiefsten Hölle, und wenn wir eines Tages als Mensch mit der buddhistischen Lehre in Berührung kommen und die Wahrheit dieses Daseins aufgezeigt bekommen, dann wird hoffentlich in uns der Wunsch aufsteigen, dieser unbefriedigten Daseinsrunde zu entkommen, und es kann endlich eine moralische Lebensweise und die Achtsamkeitsschulung beginnen.


 

Zu welchem Zeitpunkt dieser Vorgang, das Entstehen und Vergehen des Geistes, angeworfen bzw. gestartet worden ist, und wer dies gemacht hat, lässt sich leider nicht beantworten.

Buddha hat versucht eine Antwort darauf zu finden, als er aber über neunzig Weltenentstehungen und Weltenvergehungen zurück geschaut hatte, hat er die Suche abgebrochen und den Anfang unseres Daseins als nicht erklärbar definiert. Er fügte weiter hinzu, dass man nicht versuchen solle, einen Anfang zu finden, weil dies nur zum Wahnsinn führen würde (acinteyya).

Die Lebenszyklus eines Planeten wie der unserer Erde wird mit 5 Miliarden Jahren angegeben, das bedeutet Buddha hat ca. 500 Miliarden Jahre zurückgeschaut und keinen Anfang gefunden.


 

Um den menschlichen Körper am Leben zu erhalten, muss also der menschliche Geist ununterbrochen neu Entstehen (und Sterben). Könnte man die Geschwindigkeit reduzieren, würde das Leben ins stottern geraten, und wenn der Geist nicht mehr entstehen würde, bzw. den Körper verlassen würde, müsste der Körper sterben.

 

Wie dies zusammenhängt, hat Buddha mit der bedingten Entstehung erklärt.

 

Die bedingte Entstehung (paticcasamuppada):

1. viññāṇa paccayā nāmarūpaṃ

durch das Bewusstsein bedingt ist der menschliche Körper

wie oben beschrieben ist der Körper ohne die geistige Energie nicht lebensfähig, d.h., die geistige Energie entsteht und vergeht mit einer immensen Geschwindigkeit, vergleichbar mit einer hoch frequenten Schwingung und gibt unserem Körper die Lebenskraft. Hier ist nirgendwo ein Selbst oder etwas Beständiges zu finden. Der Geist entsteht-vergeht, entsteht-vergeht mit irrer Geschwindigkeit und ist nicht aufzuhalten, auch nicht durch den Tod - oder etwa zu kontrollieren, wir wissen nicht einmal, was dieser Körper, gesteuert von der immer wieder neu entstehenden Geistkomponente, im nächsten Augenblich anstellt.

Die einzige Möglichkeit die wir haben, ist eine gewisse Richtung vorzugeben, durch unseren Willen und Absichten, aber von Kontrolle kann keine Rede sein.

Im Laufe der Zeit prägen sich Denkschemen ein, man nimmt Gewohnheiten an, gewisse Dinge werden Routine, negative Erfahrungen tun ihr übriges, um unser Verhalten zu formen, das nennt man dann Charakter oder Persönlichkeit. Wie sie sehen steckt da nichts dahinter, alles ist unbeständig und ohne ein Selbst. Nur die Neigungen treibt alles an. Das Leben funktioniert nur nach diesem aufgezeigten System. Solange, bis eine Komponente die zum Funktionieren notwendig ist, ausfällt. Das ist z.B. beim Ertrinkenden die Atemluft, beim Verhungernden die Speise, beim Kranken oder im Alter, die Fehlfunktion des Körpers, etc. hier wird aber nur der Körper zerstört, die geistige Komponente kommt nicht zur Ruhe. Da noch Willen, Wünsche, Absichten und Karma vorhanden sind, sucht sich der menschliche Geist einen neuen Körper, je nach seinen erarbeiteten oder antrainierten Fähigkeiten, positiv oder negativ, wird er einen dementsprechenden Körper finden.

Siehe z.B. A.iv.197.

Bei sehr negativen Fähigkeiten landen wir in der Gespenster oder Höllenwelt, bei positiven in der Götterwelt, was aber in keiner weise erstrebenswert ist. Man kann dort sicherlich äonenlanges Glück geniesen (siehe Vimana Vatthu), aber irgendwann landet man unweigerlich wieder in dem Menschendasein und nur von da hat man die beste Möglichkeit, sich aus diesem Dasein zu befreien. In der Tier und Höllenwelt besteht zu großes Leiden um Achtsamkeitsschulung zu betreiben und in der Götterwelt ist es zu schön, um Interesse an einer Erlösung zu finden.

 

Wenn man z.B. eine Glocke anschlägt, wird die Luft in hochfrequente Schwingungen versetzt, die wir als Ton hören können. So ähnlich kann man sich das Schwingen, das Entstehen/Vergehen des Geist/Bewusstseins vorstellen, mit dem Unterschied, dass das Entstehen/Vergehen des Geistes nie aufhört, die Glocke wird irgendwann aufhören zu Schwingen aber das Entstehen/Sterben des Geistes nicht.

 

 

Dieser Vergleich trifft zu während dem Leben, aber beim Tod oder bei tiefer Bewusstlosigkeit ist eher ein gleichmäßiges Fließen vorhanden (siehe bhavanga sota). Hier bietet sich der Vergleich des elektrischen Stromes an, beim Leben mit dem Wechselstrom, und beim Tod, tiefer Bewustlosigkeit oder als geistiges Wesen, mit Gleichstrom.

 

2. nāmarūpa paccayā saḷāyatanaṃ

durch den Geist/Körper bedingt sind die Sinnesorgane

Indem der Körper lebensfähig ist, in Verbindung mit dem Geist, können auch die Sinnesorgane funktionieren und äußere Eindrücke aufnehmen. Wobei hier der Geist auch als Sinnesorgan mitzählt. Er kann Eindrücke innerhalb, aus sich selbst heraus, und außerhalb aufnehmen.

Das immerwährende Entstehen/Sterben, der geistigen Komponente ist durch nichts aufzuhalten, auch nicht durch den Tod dieses menschlichen Körpers und kann auch ohne den menschlichen Körper weiter Entstehen/Sterben, kann Eindrücke wahrnehmen und mit anderen Wesen kommunizieren, wie man z.B. im Peta und Vimāna Vatthu nachlesen kann.

Jetzt könnte jemand auf die Idee kommen und die Frage stellen, warum überhaupt einen Körper?

Wie aus vielen Reden Buddhas zu entnehmen ist, kann nur ein menschliches Wesen, effektiv die Erlösung aus diesem unendlichen Daseinskreislauf erreichen. Ein geistiges Wesen hat nicht die Möglichkeit sich weiter zu entwickeln und die Achtsamkeit zu schulen wie ein Mensch. Als geistiges Wesen sind wir nicht in der Lage, so mit der Umwelt zu kommunizieren und sie zu verändern, solche starke Gefühle zu entwickeln, so viel gutes, leider auch schlechtes, zu tun, wie als Mensch.

Bei allen geistigen Wesen, den höheren, den göttlichen, oder bei den niedrigeren, den hungrigen Geistern, oder den Höllenwesen, gilt das gleiche Gesetz, sie verbleiben dort bis ihr postives oder negatives Karma verbraucht ist. Vergleichbar mit einer Batterie die positiv oder negativ aufgeladen ist und die sich solange entlädt bis ihre Spannung einen Punkt erreicht, bei dem das Wesen sich nicht mehr in der momentanen Existenz Ebene aufhalten kann. Wie es scheint, haben die geistigen Wesen kaum ein Interesse ihren Zustand zu verbessern, sie genießen ihre Zeit bis sie abgelaufen ist. Dann erscheinen sie wieder in einer anderen geistigen Welt oder mit viel Glück auch wieder als Mensch.

 

Wie man sieht, ist die Menschwerdung nicht so einfach zu erreichen, hinzu kommt, dass die Chance, in einer Zeit geboren zu werden, in der die buddhistische Lehre existiert, sehr gering ist. Zusätzlich braucht man einen gesunden Körper, einen gesunden Verstand, um die Lehre zu begreifen, eine Umwelt, die es einem ermöglicht die Lehre auszuüben, alles Dinge die sehr selten sind. Deshalb sollte man keine Zeit vergäuden und sofort mit der Achtsamkeitsschulung und mit einer moralischen Lebensweise beginnen.

 

 

3. saḷāyatana paccayā phasso

durch die Sinnesorgane bedingt sind die Bewusstseins-Eindrücke

Wenn z.B. ein Lichtstrahl durch die Pupille eintritt und auf die Netzhaut trifft, wird das gesehene Bild an das Gehirn weitergeleitet (das Bild steht übrigens auf dem Kopf), wo der Geist, wenn die nötige Aufmerksamkeit vorhanden ist, sich damit beschäftigt, und erst dann kann das zugehörige Sehbewusstsein entstehen. Bei den anderen Sinnenorgane läuft es in ähnlicher weise ab (vergl. Mil.2.3.7)

Wobei nur ein Bewusstsein zur gleichen Zeit entstehen kann, wenn also ein Sehbewusstsein aufgestiegen ist, kann nicht gleichzeitig ein Hör-, Riech-, Schmeck-, Tast-, oder Denkbewusstsein aufsteigen. Die Geschwindigkeit des Entstehens/Sterbens des Geistes ist so enorm, dass der schnelle Wechsel zwischen den entstehenden Bewusstseine, der irrtümliche Eindruck entsteht, etwas gleizeitig wahrzunehmen.

 

 

4. phassa paccayā vedanā

durch die Bewusstseinseindrücke bedingt sind Gefühle

Nach diesem rein funktionellen Sehbewusstsein kommt es zur Entstehung verschiedener Geistelemente (cetasika), je nach unseren Neigungen, bzw. Fähigkeiten, die wir bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt haben, karmisch heilsam, unheilsam oder neutral und es kommt zur Entstehung der Gefühle.

 

 

5. vedanā paccayā taṇhā

Durch das Gefühl bedingt ist das Begehren

 

 

6. taṇhā paccayā upādānaṃ

Durch das Begehren bedingt ist das Anhaften

 

 

7. upādāna paccayā bhavo

Durch Anhaften bedingt ist der (karmische) Werdeprozeß

 

 

8. bhava paccayā jāti

Durch den Werdeprozeß bedingt ist die Geburt/Wiederentstehung

Hier kann man oben bei eins wieder anknüpfen, es kommt zur Entstehung/Geburt des nächsten Geist/Bewusstseins Zyklus.

Und so läuft der aufgezeigte Kreislauf von der Geburt bis zum Tod des Menschenwesens, und auch darüber hinaus ...

 


 

9. jāti paccayā jarāmaraṇaṃ

Durch Geburt bedingt ist Altern und Sterben

In dem letzten Punkt der bedingten Entstehung fasst Buddha noch einmal zusammen. Bedingt durch die Geburt kommt es auch zum Tod.


 

In einigen Reden (z.B. M.115, S.55.28, A.iii.62, A.x.92, fehlt in D.14 und D.15) werden am Anfang noch zwei weitere Stufen hinzugefügt:

 

womit zum Ausdruck gebracht wird, dass es die gesamte bedingte Entstehung, bzw. den Samsara, nur geben kann, weil Unwissenheit besteht, womit allerdings nicht das Lesen oder Lernen der Schriften gemeint ist, sondern es muss selbst erkannt, durchschaut, erfasst werden; das funktioniert nur durch Vipassana Meditation. Auswendig lernen und verstehen des gesamten Dreikorbs hilft zwar die Richtung beizubehalten, ist aber nicht die Endlösung, man muss sich hinsetzen und die Aufmerksamkeit auf die Atmung richten, siehe satipatthāna. Nur durch Schulen des Geistes besteht die Möglichkeit, dass eines Tages, wenn der Geist beruhigt ist, die Erkenntnis aufblitzt und die Unwissenheit durchbrochen wird, was letztendlich zum Nibbana führt.

Erst dann, wenn der Heilige in das parinibbāna eintritt, läuft die bedingte Entstehung zum allerletzten Mal ab und kommt zum Erlöschen:

Ist aber die Unwissenheit nicht (oder nicht ganz) durchbrochen, kommen die geistigen karmischen Gestaltungen nicht zum versiegen, es stirbt zwar beim Tode der Körper ab, aber das noch vorhandene Begehren führt über Anhaften und Werdeprozess zur erneuten Geburt und so läuft die Daseinsunde seit unendlichen Zeiten ab und je nach unserem Willen, auch noch viele zukünftige Weltzeitalter.


Wolfgang


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