Das Licht der Lehre 06

Das Licht der Lehre

von Sri Gnanawimala Maha Thero

6. Die sieben Erleuchtungsglieder (BOJJHANGA)



Als der Ehrwürdige Kassapo krank in der Pipphali- Höhle lag, besuchte ihn der Erhabene und erfreute den niedergedrückten Mönch mit einer Wiederholung der sieben Geistesfaktoren (bojjhanga), die zur Erleuchtung führen, nämlich:


1. Achtsamkeit (sati),
2. Wahrheitsergründung (dhammavicaya),
3. Willenskraft (viriya),
4. Verzückung (pīti),
5. Gestilltheit (passaddhi),
6. Sammlung (samādhi),
7. Gleichmut (upekkhā).


Was ist Erleuchtung und wie wirken diese Faktoren, daß sie zur Erleuchtung führen? -

Wenn ein Wanderer in unbekannter Gegend von der Dunkelheit überrascht wird, kann er seinen Weg nicht fortsetzen. Er weiß nicht, welche Gefahren schon der nächste Schritt birgt, ob er gegen ein Hindernis laufen oder sein Fuß keinen Halt mehr finden wird. Der Mangel an Information macht ihn praktisch bewegungsunfähig. In noch üblerer Lage befindet sich der unwissende Weltling, der im Nebel falscher Ansichten umherirrt, wobei ihm seine mißliche Lage völlig unbewußt ist.

Geistige Finsternis herrscht seit jeher, der Weltling kennt gar nichts anderes und hält den Zusammenstoß mit der Umwelt für etwas ganz Normales. Solange er noch in keine Grube gefallen ist, existieren für ihn keine Gruben; folglich geht er unbekümmert drauf los, bis er in eine fällt und sich den Hals bricht. -

Wenn nun aber der Morgen herauf dämmert und die Sonne mit ihren Strahlen die Dunkelheit mehr und mehr vertreibt, kann der Wanderer seinen Weg ohne Gefahr fortsetzen, denn nun erkennt er alle Hindernisse und kann sie mit Leichtigkeit umgehen oder überwinden. Ebenso: wenn die ersten Strahlen der Wahrheit den dichten Nebel der Unwissenheit zum ersten Mal durchdringen, dann blitzt Erleuchtung auf und enthüllt für einen Moment die wahre Natur aller Dinge. Wer aber erst im herauf dämmernden und immer strahlender werdenden Licht der Wahrheit seine elende Wirklichkeit und ihre Gefahren erkannt hat, vermag auch selbst den von Buddha gewiesenen einzig sicheren Weg zu entdecken, der heraus aus allem Leid hin zur Befreiung führt.


Die Unwissenheit, mit welcher der Geist des Weltlings verblendet ist, entsteht vor allem durch die falsche Ansicht, die er bezüglich seiner Persönlichkeit hat (sakkāya-ditthi). Entsprechend der tief eingewurzelten Denkgewohnheit stellt sich der Weltling die Persönlichkeit oder das Selbst als eine beständige, bleibende Wesenheit vor.

Zumindest glaubt er an einen festen beharrenden Kern innerhalb der Persönlichkeit, etwa an eine Seele, die ihm als Stützpunkt der erhofften zukünftigen Seligkeit erforderlich zu sein scheint. Gerade dieser Irrglaube an einen inneren Wesenskern aber versperrt ihm wie kein anderes Hindernis den Zugang zur Erkenntnis der Wahrheit. Solange er sich mit blinder Anhänglichkeit an diese Vorstellung klammert, lebt er in einer gespaltenen Wirklichkeit, in der Ich und Umwelt gegeneinander ankämpfen. Die ersehnte Seligkeit wird er auf diese Weise nie erreichen, er wird nur immer neue Enttäuschungen erleben und bei aller trügerischen Hoffnung auf die Zukunft in der konkreten, gegenwärtigen Wirklichkeit unbefriedigt und unglücklich bleiben. Weil er die wahre Natur des Selbst nicht kennt und immer wieder nach Illusionen greift, muß der Weltling zahllose Wiedergeburten mit all ihrem Leid im Gefolge durchmachen.


Wie aber ist das Selbst oder die Persönlichkeit dann zu verstehen? - Nach der Buddhalehre erschöpft sich Dasein in fünf Seinsgruppen, welche sich in unablässigem Fluß befinden:

Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, geistiges Gestalten und Bewußtsein.

Außer diesen Formationen oder Aggregaten (khandha) existiert nichts - oder besser gesagt, funktioniert nichts. Das Wort "existiert" kann schlecht auf Elemente angewandt werden, die sich in beständigem Wechsel befinden. Das Wort "funktionieren" paßt schon eher, denn wir beziehen uns hier auf einen Prozeß und nicht auf eine bleibende Entität. So lesen wir im Samyutta-Nikaya, daß die Bhikkhuni Vajira den Versucher Mara mit folgenden Worten abweist: "Hier ist nichts als eine Ansammlung von Aggregaten, ein Wesen gibt es hier nicht." - Buddha sagt einmal: "Nur leere Erscheinungen fließen dahin."

Persönlichkeit ist daher nach den Lehrtexten nur eine konventionelle Bezeichnung für einen Prozeß sich schnell ablösender Erscheinungen.

Die Daseinsphänomene entstehen und vergehen so schnell, daß nichts, auch kein Selbst, auch nur für zwei aufeinanderfolgende Augenblicke sich selbst gleich bleibt. Diese Tatsache kann mit dem unentwickelten Geist des Weltlings nicht gesehen werden. In ähnlicher Weise, wie ein träges Auge das Erscheinungsbild eines feurigen Kreises sieht, wenn eine Fackel herumgewirbelt wird, erscheint dem Weltling das Bild einer stabilen und dauerhaften Welt, weil ihm der ständige Wechsel von Werden und Vergehen verborgen bleibt.

So sagen die Lehrtexte - aber der Buddha erwartet keine blinde Annahme der von ihm erklärten Wahrheit, keinen bloßen Glauben. Er ermuntert seine Zuhörer, selbst die Wahrheit zu erforschen: "Komm und sieh selbst die wahre Natur der Dinge!" Dies ist der Geist freier Nachforschung, zu dem die Lehre ermutigt, der auch belegt wird durch die bekannte Ermahnung der Kalamer zu Kesavaputta. "Wenn ihr Willen, Geduld und Energie habt, werdet ihr selbst sehen!" Hiermit scheint er anzudeuten: "Ihr werdet sehen und wissen, was ich sehe und weiß, und was andere Arahats (Heilige), die meinen Anweisungen gefolgt sind, sehen und wissen. Ihr werdet sehen, wie die Dinge wirklich sind." Und diese Anweisungen können gefunden werden in einer großen Zahl von Abhandlungen, von denen wohl die bekannteste das SATIPATTHANA-SUTTA (D.22) ist.


Was muß man tun, um Erleuchtung zu erwirken? -

Setze dich ruhig auf einen geeigneten Platz hin und wende dich nach innen zur Tiefe deines Geistes.

Beobachte nur und notiere mit Aufmerksamkeit, was immer in deinem Geiste erscheint. Diese Beobachtung sollte völlig objektiv sein.

Sie muß frei sein von jedem persönlichen Urteil und allen willentlichen Reaktionen. Kurz gesagt, in deine Beobachtung darf kein Ich hineinprojiziert werden.

Diese reine Aufmerksamkeit ist das Wesen des Erleuchtungsgliedes Rechte Achtsamkeit, welches an der Geistestür Wacht hält und jedem unerwünschten Eindringling den Zutritt verwehrt.

Wenn Achtsamkeit in dieser Weise geübt wird, wird der Beobachter eine ununterbrochene Serie von Wahrnehmungen, Gefühlen, Geistesformationen oder körperlichen Funktionen in schneller Aufeinanderfolge erscheinen und vergehen sehen.

Zunächst wird beispielsweise ein Hörvorgang bewußt, dieser wird abgelöst durch eine emotionale Empfindung, eine Erinnerung taucht auf und vergeht wieder, ein Schmerzgefühl macht sich bemerkbar und so fort . . . eine endlose Kette geistiger und körperlicher Phänomene.

Nach einiger Übung wird der Beobachter fähig sein, die geistigen Aggregate (nāma) von den materiellen Aggregaten (rūpa) zu unterscheiden, wenn er das paarweise Auftreten geistiger und materieller Vorgänge prüft, die unablässig erscheinen und verschwinden. Eine Untersuchung dieser Art führt den Namen Wahrheitsergründung (DHAMMA-VICAYA).


Während er die mannigfachen Gestaltungen in rascher Folge erscheinen und verschwinden sieht, wird der Beobachter ergriffen von dem Wechsel, der in seinem Bewußtsein stattfindet. Da ist Wechsel, Wechsel und nochmals Wechsel. Indem er den Prozeß unaufhörlichen Wechsels beobachtet, wird ihm das Gesetz der Vergänglichkeit klar. Er versteht, daß es nichts gibt, an dem anzuhangen sich lohnte, da alles so schnell wechselt. Auch begreift er jetzt, daß in diesem Prozeß unablässigen Wechsels nirgendwo ein bleibender Wesenskern wahrgenommen werden kann. Die Vorstellung, das Selbst sei etwas Statisches, wird angesichts pausenloser Veränderung allmählich ihre Kraft verlieren.

Die drei charakteristischen Merkmale des Daseins, nämlich seine Vergänglichkeit (anicca), Unzulänglichkeit (dukkha) und Unpersönlichkeit (anattā) werden in einem kühnen Akt der Geistesbefreiung zum Durchbruch gelangen.


Für die tiefere Durchdringung der Realität muß der Geist weiter entwickelt werden. Hierzu muß das Entstehen und Vergehen der Aggregate noch gründlicher erforscht werden, wobei die Achtsamkeit vor allem auf das Vergehen gerichtet werden sollte. Diese Untersuchung erfordert beharrliche Anstrengung von seiten des Meditierenden. Hier muß jetzt die Willenskraft (viriya) ihren Teil beisteuern. Man wird jedoch bei dieser Untersuchung eine Leichtigkeit und Beweglichkeit des Geistes bemerken, weil inzwischen schon die Idee von einem Selbst abgeschwächt ist. Das Selbst, wenn überhaupt noch als existierend, wird in diesem Stadium als gleichbedeutend mit dem schnellfließenden Strom der Daseinsgruppen betrachtet, welcher jeder Substantilität entbehrt.


Mit dem Aufgeben auch dieser Vorstellung, daß sich das Ego in den Formationen äußert, wird ein Gefühl der Erleichterung und Freiheit aufsteigen. Eine große Begeisterung wird den Beobachter durchdringen. Eine tiefe Freude wird erfahren, eine Seligkeit, die bis zur Verzückung anwachsend die Grenze dessen übersteigt, was Sinne an Lust und Wonne verschaffen können.

So beglückend aber dieser Zustand auch sein mag, er stellt nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Erleuchtung dar und muß überwunden werden. Denn für die tiefste Durchdringung der Daseinsphänomene braucht man ein Höchstmaß an Besonnenheit und Ruhe.

Deshalb wird bei richtigem Übungsfortgang die Verzückung (pīti) vom Erleuchtungsglied PASSADDHI abgelöst, einem Gefühl von Ruhe, Gestilltheit und Gelassenheit. PASSADDHI ist ein wichtiger Geistesfaktor, besonders für Meditierende, bei denen viriya stark erweckt und erregt wurde. Die natürliche Folge von PASSADDHI ist schließlich die Einspitzigkeit des Geistes oder samādhi. Dieses Erleuchtungsglied ist vorhanden, wenn der Geist ohne Anstrengung seine Aufmerksamkeit auf ein einzelnes bestimmtes Objekt gerichtet lassen kann unter Ausschließung aller anderen. In diesem Stadium wird der Geist nicht mehr schwanken, eine innere Ruhe wird herrschen, und in diesem unbewegten Zustand wird eine realistische Sicht der weltlichen Phänomene möglich. Ganz ähnlich wie in einem See, dessen Oberfläche nicht vom Wind oder anderen äußeren Störungen aufgerührt wird, die Tiefe sichtbar wird und die verschiedenen Objekte, wie Fische oder am Boden liegende Steine, erkannt werden können, so wird auch in der samādhi die verborgenste Tiefe des Geistes aufgedeckt, die völlig klar und rein ist. Die wahre Natur der Dinge wird dann erkannt werden und Erleuchtung wird aufdämmern. Die Illusion des Ich ist vertrieben und die Wirklichkeit durchschaut.


Man sieht, daß diese durchdringende Einsicht nicht durch mystische Offenbarung, sondern durch die Anwendung einer strikten wissenschaftlichen Arbeitsweise erreicht wurde, nämlich durch die vorurteilsfreie Beobachtung von Objekten, so wie sie vor dem Auge des Geistes erscheinen. Nur richtet sich hier die Untersuchung nicht wie in der Wissenschaft auf die Beziehungen zwischen Objekten, sondern auf den Erkenntnisprozeß selbst, in den der Untersuchende mit einbezogen ist.

Der nach Erleuchtung Strebende kann verglichen werden mit einem Forscher, der ein Objekt unter dem Mikroskop untersucht. Zunächst präpariert der Forscher das Objekt und säubert es sorgfältig von allen nebensächlichen Fremdkörpern. In der Meditation wird das reine Objekt mit Hilfe des Erleuchtungsgliedes Achtsamkeit (SATI) gewonnen. Sodann untersucht der Wissenschaftler das Präparat auf seine besonderen Eigenschaften. Ebenso wendet der Meditierende den Geistesfaktor Wahrheitsergründung (DHAMMA-VICAYA) an, um die Daseinsmerkmale herauszufinden.


Bei beiden Untersuchungen braucht man große Geduld, Beharrlichkeit und Willenskraft (viriya). Doch plötzlich hat man entdeckt, was man bisher erst vermutete, und große Freude (pīti) steigt auf. Um aber ganz sicher zu gehen, muß man zu einem noch stärkeren Vergrößerungsmaßstab greifen bzw. in der Meditation den Dingen noch mehr auf den Grund gehen. In der ersten Begeisterung wird man hierzu noch zu aufgeregt sein; allmählich aber legt sich die freudige Erregung und Beruhigung (PASSADDHI) tritt ein, die sich bis zum erforderlichen Grad höchster Sammlung (samādhi) vertieft. Jetzt können auch die feinsten Einzelheiten beobachtet werden, und der letzte Zweifel an der Richtigkeit des Erkannten schwindet.


Bisher haben wir nur sechs der sieben Erleuchtungsglieder behandelt, upekkhā oder Gleichmut wurde ausgelassen. upekkhā ist vorhanden, wenn die übrigen Faktoren gleichmäßig entwickelt worden sind.

Bei unharmonischer Entwicklung des Geistes kann keine Erleuchtung erreicht werden, z.B. wird ein Zuviel an samādhi und ein Mangel an viriya zu geistiger Trägheit führen, während umgekehrt ein Zuviel an viriya und ein Mangel an samādhi den Geist ruhelos macht.

Ein Zuviel an Achtsamkeit aber gibt es nicht. Im Gegenteil ist auf allen Entwicklungsstufen ein Höchstmaß an Achtsamkeit wünschenswert. Gerade die Achtsamkeit stellt ja auch eine etwaige ungleiche Entwicklung der Geistesfaktoren fest. In einer solchen Situation bietet die Achtsamkeit upekkhā auf, um die gesunde Ausgeglichenheit bewahren zu helfen. Achtsamkeit wird den Geist aktivieren, wenn er träge ist, oder ihn zur Ruhe bringen, wenn er erregt ist, und so die gewünschte Balance wieder herstellen.


Unzweifelhaft spielt die Achtsamkeit die Schlüsselrolle im Wachstum des Geistes auf die Erleuchtung zu. Sie überwacht das richtige Funktionieren der übrigen Geistesfaktoren. Sie verwehrt unerwünschten Eindringlingen den Zutritt zur inneren Tiefe des Geistes und schützt sie mit einem Mantel der Stille. Sie regt den Geist an, wenn er schläfrig ist, und zügelt ihn, wenn er erregt ist. Achtsamkeit ist so wichtig für die Geistesentwicklung, wie das Salz für eine gut gewürzte Speise. Dies erklärt, warum der Buddha der Achtsamkeitsschulung so große Bedeutung beimaß und mit Nachdruck immer wieder auf ihre überragende Rolle für die Geistesbefreiung hinwies: "Dies ist der einzige Weg, der zur Erleuchtung und zum Erreichen von Nibbana führt."


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