Das Licht der Lehre 07

Das Licht der Lehre

von Sri Gnanawimala Maha Thero

7. Der einzige Weg



Wer die Lehre des Erhabenen auf ihre kürzeste Formel bringen will, kann mit Buddhas eigenen Worten sagen: Es ist die Lehre vom Leiden und seiner Aufhebung.

Was das Leiden anbetrifft, so haben wir uns im letzten Vortrag über den Daseinskreislauf die unermeßliche Fülle des Leides vor Augen geführt, welches die Wesen seit anfangslosen Zeiten bei ihrer Irrfahrt durch das Samsara-Meer erdulden müssen. Heute wollen wir nun den Weg kennenlernen, den der Erhabene zur Beendigung all dieses sinnlosen Leides wies. Dieser Weg wird ausführlich in der Satipatthana - Sutte (Majjhima-Nikaya 10 und Digha-Nikaya 22) beschrieben. Jeder, der ernsthaft an der Befreiung vom Leiden interessiert ist, sollte die Suite sorgfältig studieren und in beharrlicher Übung ihre Anleitung in eigener Praxis verwirklichen. Die Suite beginnt und endet mit den bedeutungsvollen Worten:


"Nur einen einzigen Weg gibt es, ihr Mönche, der zu der Wesen Reinheit führt, zur Überwindung von Sorge und Jammer, zum Untergange von Schmerz und Kummer, zur Gewinnung des rechten Pfades und zur Verwirklichung Nibbanas, nämlich die vier Grundlagen der Achtsamkeit."


Daß die Entwicklung und Festigung der Achtsamkeit tatsächlich der einzige Weg zur Leidensbefreiung ist, sollte eigentlich jeder Buddhist wissen. Alle theoretischen Grundlagen der Buddhalehre, besonders aber die Analyse des Daseinsprozesses, die Lehre von der Bedingten Entstehung und das Karmagesetz führen ja mit so zwingender Eindeutigkeit zur Praxis der Satipatthana, daß sich der Hinweis auf die Einzigartigkeit dieses Weges fast erübrigt. Satipatthana ist die vom Erleuchteten selbst entwickelte Meditations- und Lebenspraxis; und ohne diese Praxis zu seiner eigenen zu machen, wird niemand dem Leiden ein Ende bereiten. Wirklich begriffen hat jemand die Buddhalehre überhaupt nur so weit, wie er selbst die rechten praktischen Konsequenzen zieht.

Was heißt in diesen Sinne recht"?

Der Erhabene lehrte den Heilsweg ja nicht zur Befriedigung intellektueller Bedürfnisse, auch redete er keiner kleinbürgerlichen Idylle zwischen Teetopf und Blumengesteck das Wort Das ganze gewaltige Lehrgebäude dient vielmehr allein dem Zweck, den richtigen Weg zur Überwindung des Leidens aufzuzeigen, ihn urbar zu machen, Hindernisse aus dem Weg räumen und mit letzter Klarheit begreiflich zu machen, was zu t u n ist, wo das Werk der Befreiung begonnen werden muß und wie es vollendet werden kann. Diese rechte Praxis, dieser einzige Weg heißt Satipatthana.


Wir wollen uns noch einmal ganz kurz darauf besinnen, w a r u m nach der Buddhalehre die methodische Entwicklung der Achtsamkeit der einzige Weg zur Befreiung ist. Den leichtesten Zugang bietet dabei wohl die Karma-Lehre. Sagen wir es einmal ganz einfach: Wenn wir etwas Unangenehmes Leidvolles erleben, so erscheint dieses Unangenehme als Folge unseres eigenen früheren unheilsamen Wirkens, unseres Karmas. Es ist übles Karma, was da zur Reife kommt. Übles Karma entsteht, wo mit Gier und Haß verbundene Willensregungen aufspringen. Nun hat alles Karma nur begrenzte Kraft. Wenn schlechtes Karma z.B. ein Schmerzgefühl hervorbringt, dann verzehrt es sich im Zustandekommen dieses Schmerzes, ähnlich wie sich eine Kerze bei der Erzeugung von Licht und Wärme verzehrt. Demnach müßte also einmal der Vorrat alles aufgehäuften Karmas aufgebraucht sein und sich ein Ende des Leidens abzeichnen.

Richtig - aber infolge von Unwissenheit produzieren wir immer neues Karma. Wir reagieren nämlich auf alles Unangenehme, was uns als Frucht alten Karmas entgegentritt, sofort mit spontaner Abwehr. Abwehr aber ist eine mit Haß verbundene Willensregung und schafft neues übles Karma, welches in der Zukunft neues Leiden bringen wird. Übles Karma in Verbindung mit Unwissenheit hat also die Tendenz, sich in einem endlosen Kreislauf ständig selbst zu erneuern. Leider kann man das vom guten Karma nicht sagen. Gutes Karma bringt angenehme Erscheinungen hervor, und hier besteht die Gefahr, daß infolge Unwissenheit Verlangen nach dem Angenehmen entsteht. Verlangen aber ist eine mit Gier verbundene Willensregung und erzeugt schlechtes Karma mit Leiden im Gefolge.


Wem dieser Mechanismus automatischer Leidanhäufung bewußt geworden ist, der begreift, warum der Buddha das Dasein Leiden nennt, der sieht mit Erschrecken die abwärts führenden zu Daseinsfährten, in dem wird der Wunsch wach, diesen Mechanismus zu durchbrechen. Und wenn er gründlich weiterdenkt, findet er jetzt auch ohne weitere Hilfe selbst den Weg, der aus diesem Kreislauf herausführt. Denn wie verhindert man wohl, daß aus den leidigen Früchten alten Karmas sofort wieder neues Karma, neues Unheil, neues Leiden erwächst? Indem man eben nicht mehr impulsiv und automatisch auf die Daseinserscheinungen reagiert, sondern Achtsamkeit und Wissensklarheit walten läßt.


Dies ist leichter gesagt als getan; es ist eine schwere Aufgabe, die nur durch eifriges Üben gemeistert werden kann.

Worauf kommt es bei dieser Übung an? Man muß sich darum bemühen, den Daseinserscheinungen mit wacher Besonnenheit zu begegnen und muß sie als das erkennen, was sie in Wirklichkeit sind - bloße Karma- Folgen, vergängliche Gebilde, Vorgänge oder Zustände des Bewußtseins, Produkte des eigenen früheren Willens. So entlarvt, vermögen sie Gier und Haß nicht zu erwecken. Man verfolgt das Entstehen und Vergehen diese Erscheinungen, ohne sich zu unbedachter Aktivität hinreißen zu lassen, ohne anzuhaften, unverwirrt und geistesklar.

Diese rein beobachtende, wache Geisteshaltung nennt man Rechte Achtsamkeit. Wenn die Situation nach vorurteilsfreier Prüfung durch die Rechte Achtsamkeit eine aktive Stellungnahme, ein Eingreifen, ein Handeln erfordert, so muß man sich darüber im klaren sein, daß jede willentliche Aktivität neues Karma schafft.


Dies läßt sich oft gar nicht vermeiden, das Leben zwingt zum Tätigsein, und es ist keineswegs Sinn des Buddhaweges, in völliger Passivität zu verharren. Wenn man aber tätig wird, dann richte man die Achtsamkeit darauf, was man tut, warum man es
tut und aus welcher Geisteshaltung heraus man tätig wird. Gier und Haß sind Bewußtseinszustände, die jede Aktivität im ureigensten Interesse verbieten - das alles muß man klar wissen.

Achtsamkeit, wie sie zur Befreiung vonnöten ist, ist also keine Achtsamkeit schlechthin, wie wir sie etwa beim Kleinkind beobachten, wenn es mit großen Augen und offenem Munde dem Kasperle-Theater zuschaut. Rechte Achtsamkeit ist wissende Achtsamkeit: Achtsamkeit verbunden mit Wissensklarheit.


Wissen um die Daseinsgesetze verbunden mit einer Lebenshaltung, die dieses Wissen in jedem Augenblick in die zweckmäßigste Praxis umsetzt - das ist wirkliche Satipatthana.

Aber wer kann einen solchen Weg gehen? Antwort: Wer ihn beschreitet. Wer begriffen hat, worum es hier geht, befindet sich schon auf diesem Weg und ist reif genug, das Werk der Selbstbefreiung bewußt weiterzuführen. Vielleicht meint mancher, er stecke zu tief im Sumpf übler Gewohnheiten, er sei zu schwach für diesen Weg, er sei ein hoffnungsloser Fall. Aber wer so denkt, hat noch nicht richtig begriffen. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten: entweder so weitermachen wie bisher d.h. auf unabsehbare Zeit im Samsara-Meer ohnmächtig umherirren. Oder damit anfangen, den Karma- Berg abzutragen, wie groß er auch immer sein mag.

Einmal muß jeder beginnen, hier Ordnung zu schaffen. Zudem erscheint die Aufgabe gewaltiger, als sie in Wirklichkeit ist, und wer erst den toten Punkt mangelnden Zutrauens zu sich selbst überwunden hat und sich an die Arbeit macht, hat die Hauptschwierigkeit schon hinter sich.

Weiter: Ob wir heute mit gut ausgebildeten oder nur schwachen Fähigkeiten ausgestattet sind, hat seine Ursache in der Vergangenheit, die unwiederbringlich vorbei und nicht mehr zu korrigieren ist. Jetzt kommt alles allein auf den gegenwärtigen Augenblick an, auf das H I E R und das NUN. Ob wir wollen oder nicht, in jeder Sekunde arbeiten wir an unserer Zukunft. Jeder Augenblick stellt uns neu vor die Entscheidung, unsere Situation zu verschlechtern oder zu verbessern.

Worauf wartest Du also? Entscheide Dich - jetzt!


Zur Selbstbefreiung gehören noch zwei andere Dinge: Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. Wenn jemand über die Daseinsgesetze tief nachgedacht hat, den Mechanismus der Leidanhäufung versteht, den rechten Weg aus dem Dilemma erkennt und beschließt, ihn einzuschlagen, so ist dies ein erster guter Schritt zur Befreiung hin. Ein solcher Mensch hat Rechte Erkenntnis und Rechte Gesinnung, beginnt Wissen (pañña) zu erwerben und Selbsterkenntnis zu erlangen. Sein nächstes Ziel muß sein, Selbstbeherrschung zu gewinnen. So übt er sich: Er achtet zunächst darauf, daß er nicht tätig wird, wenn er Gier oder Haß in sich spürt. Er handelt nicht unbeherrscht, sondern überlegt vorher gründlich, was er tut. Ebenso kontrolliert er seine Rede; er schweigt lieber, als daß er im Zorn unbedachte Worte sagt. Dann erwägt er, ob seine Lebensgewohnheiten wohl die richtigen sind oder ob sie ihn immer wieder in üble Dinge verwickeln. Wenn er sich so eine Weile übt, schafft er die größten Hindernisse fort, vervollkommnet sich stetig in Rechter Rede, Rechter Tat, Rechter Lebensweise, nimmt zu an Tugend (sīla), gewinnt Selbstbeherrschung.

Hat er sein Handeln und Reden einigermaßen unter Kontrolle, so beginnt er sein Denken zu beobachten. Stellt er üble Gedanken fest, vertreibt er sie durch gute; beharrlich kämpft er gegen Gier und Haß an und läßt ihnen keinen Raum, sich auszubreiten. Hierdurch reinigt er sein Denken, so daß er die Geschehnisse um sich herum und in seinem Innern vorurteilsfreier sehen und sie objektiv beobachten kann. Dabei sammelt sich sein Geist und fördert neue Einsichten zutage, mit der er seine Praxis weiter verbessern kann. So reinigt er durch Rechte Anstrengung seinen Geist, erwirbt Rechte Achtsamkeit und Rechte Sammlung (samādhi) und schreitet festen Schrittes fort auf dem Weg der Selbstbefreiung.


Diese Übungsgrundlage ist nichts anderes, als die Praxis des Edlen Achtfachen Pfades. Achtfacher Pfad und Satipatthana enthalten einander und durchdringen einander, sie sind voneinander nicht zu trennen. Der Achtfache Pfad umschließt mit seinen Gliedern die ganze buddhistische Lebenspraxis, und in dieser haben Achtsamkeit und Wissensklarheit die Führung inne. Diese beiden Führer muß man stark machen. Zu Beginn des Weges sind Achtsamkeit und Wissensklarheit noch recht schwach entwickelt. Hier bietet die Satipatthana - Meditation eine ausgezeichnete Geistesschulung, in welcher durch systematische Übungen die Geisteskräfte gefördert und entwickelt werden.

Meditation unterstützt die allgemeine Pflege der Achtsamkeit im Tagesgeschehen ganz wesentlich und ermöglicht ein tieferes Verständnis der Daseinsvorgänge. Für die weitere Entwicklung des fortgeschrittenen Schülers ist Meditation ganz unerläßlich, aber auch dem Anfänger hilft sie entscheidend weiter.


Allerdings darf Meditation nicht zum Selbstzweck werden, sie muß Werkzeug zur Befreiung bleiben. Wer meint, mit einer täglichen Meditationssitzung seine Pflicht getan zu haben und im übrigen unbeherrscht in den Tag hineinlebt, zeigt eben, wie wenig er von der Lehre des Erhabenen verstanden hat.

Zur direkten Gefahr wird Meditation da, wo jemand aufgrund gewisser Meditationserlebnisse meint, schon alles begriffen zu haben oder gar über Satipatthana hinausgewachsen zu sein. Solche Leute führen gern Redensarten im Munde, wie "weit" dieser oder jener schon sei, wissen genau, wer ein großer Meister ist und wer nicht, denn sie selbst können dies alles ja wegen ihrer eigenen "Entwicklungshöhe" übersehen und beurteilen. Durch solch selbstgefälliges Getue wird mancher Anfänger eingeschüchtert und verwirrt. Deshalb ein Rat: Halte nicht nach großen Vorbildern Ausschau, blicke nicht auf andere hinab, maße Dir kein Urteil an, sondern sieh in Dich selbst hinein und schaffe da Ordnung.


Soviel ist klar: wer von den inneren Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten des Daseins nichts weiß, wird schwerlich den Weg aus dem Leiden finden. Vom Leiden freikommen aber will jeder, und seit undenklichen Zeiten haben Menschen versucht, die Befreiung durch Gebete, Riten und Opfer, durch gesunde Lebensweise, richtiges Sitzen, richtiges Atmen, durch wissenschaftliche Forschung, Bewußtseinserweiterung oder Gesellschafts- Veränderung zu erzwingen. In dieser Hinsicht gleicht die Menschheit nach Buddhas Worten wahrlich einem Schilf- und Röhrichtgestrüpp, einem verwirrten Garnknäuel, einem Vogelneste.

Aber sind all diese Bemühungen völlig falsch und ganz nutzlos? Stellen wir uns einmal einen Mann vor, dem sich bei der Arbeit ein böser Splitter tief ins Fleisch gebohrt hat. Nun kommen seine Freunde und geben gute Ratschläge. Der erste sagt: "Bete zu Gott, der wird dir helfen." - Der zweite: "Ich weiß ein wirkungsvolles Hausmittel, das hilft immer." - Der dritte: "Die Sonne heilt alle Wunden –Der vierte: "Man muß einen keimfreien Verband anlegen." - Der fünfte empfiehlt Tabletten, der sechste dringt auf Beseitigung der Unfallquelle am Arbeitsplatz. Der verletzte Mann befolgt alle diese Ratschläge, aber die Wunde entzündet sich und schmerzt immer mehr. Schließlich zieht er einen guten Arzt zu Rate und erzählt ihm von seinen fehlgeschlagenen Behandlungsversuchen. Da sagt der Arzt zu ihm: "Lieber Freund, alle Ratschläge, die du befolgt hast, waren gut und nützlich, aber das Naheliegendste und Wichtigste habt ihr allesamt vergessen: man muß den Splitter herausziehen!"


Ebenso gibt es viele Wege, das Dasein leichter, schöner, bequemlicher zu machen und durch gesunde und maßvolle Lebensweise das Leiden zu verringern. Aber der einzige Weg des Buddha ist eben deswegen so einzigartig, weil er das Leiden an der Wurzel packt, vollständig ausrodet, den Splitter endgültig herauszieht. Und was ist dieser Splitter? - Unwissenheit. Unwissenheit über die Gesetze des Daseins, Unwissenheit über die Bedingungen der Leidensentstehung und -auslöschung, Unwissenheit über den rechten Weg, der aus dem Leiden herausführt. Niemand hat vollkommenes Wissen über diese Dinge, solange er nicht selbst den Weg zu Ende gegangen und am Ziel angelangt ist.

Der Übende bedarf immer wieder des Wissenden, der ihm seine Situation klarmacht und ihm den weiteren Weg weist. Dieser Wegweiser ist der Buddha. Deshalb müssen wir die Buddhalehre sorgfältig studieren, gründlich über sie nachdenken und ihren Sinn erforschen. Vor bloßer Wortgläubigkeit warnt der Buddha - schon wer den Weg einschlägt, muß klar wissen, warum er dies tut.


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