Das Licht der Lehre 08

Das Licht der Lehre

von Sri Gnanawimala Maha Thero

8. Warum verehren wir den Buddha



Die Lehre des Erhabenen ist durchsättigt vom Geschmack der Leidensbefreiung. Nicht nur erkannte der Vollerwachte in durchdringender Weisheit das Wesen des Leidens, seine Ursache und die Möglichkeit seiner Aufhebung. In seinem grenzenlosen Mitleid wies er auch allen denkenden Wesen den einzigen Weg, der zur völligen Leidensaufhebung führt. Dieser Weg ist der Edle Achtfache Pfad. Er ist untergliedert in die drei Abschnitte Sittlichkeit (sila), Sammlung (samādhi) und Weisheit (pañña).

Im Majjhima Nikaya finden wir nun eine methodische Aufteilung des Pfades in einzelne Übungsschritte, und zwar in der Ratha Vinita Sutta (Nr. 24), welche eine umfassende und ins einzelne gehende Erklärung des Prozesses der stufenweisen Verfeinerung des Geistes enthält. In der Sutte werden sieben Reinheitsstufen unterschieden, welche die geistige Entwicklung in der angegebenen Reihenfolge durchlaufen muß: "Denn das Erlangen tiefen Wissens geschieht nicht auf einmal, sondern eben durch stufenweises Üben, durch stufenweises Ausarbeiten der dazu notwendigen Bedingungen, durch stufenweise Praxis."

Diese Stufen der Reinheit (satta visuddhi) sind nun folgende:


1. Reinheit der Sittlichkeit,
2. Reinheit des Geistes,
3. Reinheit der Erkenntnis,
4. Reinheit der Zweifelentrinnung,
5. Reinheit des Erkenntnisblicks hinsichtlich Pfad und Nichtpfad,
6. Reinheit des fortschreitenden Erkenntnisblicks,
7. Reinheit des Erkenntnisblicks.


Der Zweck der Entfaltung der sieben Reinheitsstufen ist die völlige Reinigung des Geistes von allen seinen Befleckungen um jene tiefe Erkenntnis der Wirklichkeit zu ermöglichen, die in einem fortschreitenden Reifeprozeß zu Gewissensfrieden, Weisheit, Erleuchtung und schließlich zum Nibbāna führt. Um dieses erhabene Ziel zu erreichen, wird das heilige Leben, das der Buddha gelehrt hat, von seinen Schülern, den Mönchen und Nonnen, den Laienanhängern und Laienanhängerinnen geführt. Jeder bemüht sich, entsprechend seinen Fähigkeiten auf dem Pfad voranzukommen. Lassen Sie mich aber noch einmal mit aller Eindringlichkeit darauf hinweisen: Ein Fortschritt ist nur möglich, wenn man nacheinander alle sieben Stufen in der genannten Reihenfolge entwickelt.


Es ist absolut notwendig, daß man sich zunächst einmal in der Sittlichkeit festigt, bevor man die zweite Stufe der gezielten Reinigung des Geistes in Angriff nimmt.

In diesem Zusammenhang ist eine Stelle im Anguttara Nikaya (X,1) bezeichnend, die folgendes besagt:

"Die karmisch heilsamen Sitten haben Reuelosigkeit zum Segen, Reuelosigkeit hat Freude zum Segen, Freude hat Verzückung zum Segen, Verzückung hat Gestilltheit zum Segen, Gestilltheit hat Glücksgefühl zum Segen, Glücksgefühl hat Geistessammlung zum Segen, Geistessammlung hat wirklichkeitsgemäßen Erkenntnisblick zum Segen, wirklichkeitsgemäßer Erkenntnisblick hat Abwendung und Entsüchtung zum Segen, Abwendung und Entsüchtung haben den Erkenntnisblick der Erlösung zum Segen. So also führen die heilsamen Sitten nach und nach zum Höchsten."


Ich werde nun versuchen, Ihnen die sieben Stufen der Reinheit in Kürze zu erklären.

Die erste Stufe ist also die Reinheit der Sittlichkeit.

Diese besteht in den zehn Pfaden heilsamen Wirkens, nämlich in

Alles in allem reinigen diese zehn Pfade heilsamen Wirkens den Übenden von seinen gröbsten und übelsten Verhaftungen. Fest und sicher in der Reinheit der Sittlichkeit, schreitet der Pilger auf dem Pfad nun weiter voran, um die zweite Stufe zu meistern, die Reinheit des Geistes. Durch untadelige Lebensführung hat er hierzu bereits gute Vorarbeit geleistet und besonders das Übelwollen zum Schwinden gebracht. Nun muß er weitergehen und auch die übrigen vier der fünf geistigen Hemmungen, nämlich Sinnengier, Trägheit, geistige Unruhe und Zweifelsucht, bekämpfen.

Zu diesem Zweck werden im Visuddhi-Magga verschiedene Übungen beschrieben. Von diesen muß sich der Übende diejenige aussuchen, die seinem Charakter und Temperament entspricht und mit der er seine Schwächen am besten überwinden kann. Leidet er z.B. vor allem unter Konzentrationsmangel, so mag er das Ausrichten der Achtsamkeit auf den Atem als Meditationsmethode wählen.

Mit Hilfe dieser Übung kann er die Fähigkeit entwickeln, unter Ausschaltung aller anderen Objekte den Geist auf ein einziges Meditationsobjekt gerichtet zu halten. Dieses Gerichtetsein des Geistes auf ein einziges Objekt ist die Krone der Sammlung - die Einheit des Geistes in der vierten Versenkungsstufe.

Solche hohe Konzentrationsfähigkeit ist in diesem Stadium aber noch nicht unbedingt erforderlich. Für ein Weiterschreiten auf dem Pfad genügt die Fähigkeit zur Angrenzenden Sammlung, die im Anschluß an die erste Vertiefung erreicht wird und durch Gedankenruhe gekennzeichnet ist.

Mit der Aufhebung der bewußten Willensregungen in der Meditation sind auch die fünf geistigen Hemmungen zeitweilig verschwunden, und der Geist hat den erforderlichen Grad von Reinheit erreicht, um zur Erkenntnis der Wirklichkeit vorzustoßen.
Diese Aufgabe meistert er durch vorurteilsfreies Beobachten des Organismus in der vipassanā (Satipatthana-) Meditation.

Hierbei verwirklicht der Übende die dritte Stufe der Reinheit, die Reinheit der Erkenntnis. Er erreicht diese Stufe, wenn sein Denken und Erkennen durch völliges Verstehen des Organismus glasklar werden.

Mit der Klarheit intuitiver Einsicht ist er imstande, die körperlichen und geistigen Phänomene, die in ihrer Gesamtheit das Lebewesen ausmachen, in ihrer Wirklichkeit zu erkennen. In Kürze gesagt: er kann dank tiefen Erkennens den körperlich-geistigen Komplex in die fünf Daseinsgruppen auflösen, nämlich in Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein.

Mit durchdringender Einsicht sieht er alle Dinge in ihrer wahren Natur; er durchschaut, daß sie bloße Anhäufungen von Kräften und Eigenschaften sind und sich in einem unablässigen Fließen befinden.

Er versteht, daß alle Daseinsgebilde dem Wechsel unterworfen sind und daß ein Anhaften an ihnen letztlich nur Enttäuschung bringen kann.

Mit tiefgründiger Weisheit hat er nun die edle Wahrheit vom Leiden voll und ganz erfaßt. Der Wanderer auf dem Reinheitspfad erreicht jetzt triumphierend die vierte Reinheitsstufe, indem er noch tiefer bis auf den Grund der Erscheinungen vordringt.

Er überwindet alle Glaubensvorstellungen hinsichtlich der Erscheinungswelt und zerschlägt mit dem Schwert der Weisheit jeden noch verbliebenen Rest an Zweifel.

Mit augenfälliger Deutlichkeit sieht er, daß alle Daseinsgebilde in Wahrheit Formationen des Bewußtseins sind. Und er begreift, daß diese wechselnden Bewußtseinszustände nicht zufällig entstehen und vergehen, daß sie bedingt sind, daß sie eine Ursache haben müssen.

Als eben diese Ursache aber entlarvt er das Daseinsbegehren (tanhā), den blinden Durst nach individuellem Leben, der in einem ruhelosen Strom karmaschaffender Willensimpulse nach Befriedigung lechzt und doch nie befriedigt werden kann.

Dieser unstillbare Durst ist selbst Leiden und schafft beim Versuch seiner Stillung nur neues Leid. Jetzt weiß der Übende: Leiden ist durch Begehren bedingt. Schwindet Begehren, dann schwindet auch Leiden. Mit anderen Worten, er hat das volle Verständnis der beiden edlen Wahrheiten von der Leidensentstehung und von der Leidensvernichtung erreicht.

Indem er so die Wirklichkeit bezüglich der gesamten Erscheinungswelt versteht, erreicht er die fünfte Stufe, die Reinheit des Erkenntnisblicks mit Hinsicht auf Pfad oder Nichtpfad. Das plötzliche Gewahrwerden der Daseinserscheinungen als Bewußtseinsschwingungen erhellt mit außerordentlicher Transparenz sein Bewußtsein und mag z.B. als strahlender Lichtglanz erlebt werden.

Er könnte jetzt der irrigen Ansicht verfallen, die Erleuchtung erlangt zu haben. In diesem Moment befindet er sich an einem Kreuzweg; ein falscher Schritt kann alle bisherige Anstrengung zunichte machen. Er unterbricht seine Meditation für einen Augenblick, analysiert die neue Entwicklung mit klarer Einsicht und begreift, daß auch dieser Lichtglanz ein bloßer Bewußtseinszustand und nicht Nibbana ist. Deshalb haftet er nicht daran, er wendet sich ab von allen Erscheinungen, auch von dieser. Damit aber hat er sich zwischen weltlichem und überweltlichen Pfad entschieden. Jetzt befindet er sich auf dem richtigen Weg: die vierte Wahrheit vom Pfad, der zur Leidensvernichtung führt, hat er zutiefst begriffen.

Voller Entzücken betritt er nun die vorletzte der sieben Reinheitsstufen, die Reinheit des fortschreitenden Erkenntnisblicks. Mit geläutertem Geist, der fest auf die drei Daseinsmerkmale Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Ichlosigkeit ausgerichtet ist, fährt er in seiner Meditation fort und verwirklicht:

  1. Die in Betrachtung des Entstehens und Vergehens bestehende Erkenntnis,
  2. Die in Betrachtung der Auflösung bestehende Erkenntnis,
  3. Die im Sichgewärtighalten des Schreckens bestehende Erkenntnis,
  4. Die in Betrachtung des Elends bestehende Erkenntnis,
  5. Die in Betrachtung der Abwendung bestehende Erkenntnis,
  6. Die im Erlösungswunsch bestehende Erkenntnis,
  7. Die in nachdenkender Betrachtung bestehende Erkenntnis,
  8. Die in Gleichmut hinsichtlich der Gebilde bestehende Erkenntnis, und
  9. Die der Wahrheit sich anpassende Erkenntnis.


Mit der Verwirklichung der Anpassungserkenntnis hat der ernsthafte Wanderer die letzte Stufe des Reinheitspfades erreicht, nämlich die Reinheit des Erkenntnisblicks.

Er hat jetzt einen Entwicklungsstand erreicht, der es ihm ermöglicht, die vier überweltlichen Pfade zu betreten. Die Anpassungserkenntnis führt zur Reife-Erkenntnis, die ihm hilft, den Rang des Weltlings hinter sich zu lassen und in den Rang der Edlen einzutreten.

Er ist nun ein in den Strom Eingetretener, ein Sotapanna.

In diesem Zustand erlebt er zum ersten Mal den Vorgeschmack auf Nibbāna, die völlige Befreiung. Für immer zerstört er die ersten drei der zehn ans Dasein kettenden Fesseln: Persönlichkeitsglaube, Zweifelsucht und das Hängen an Regeln und Riten.

Wenn er Nibbāna in dieser Existenz nicht erreichen sollte, wird er höchstens noch siebenmal wiedergeboren, jedoch niemals in elendem Zustand.

 

Der zweite überweltliche Pfad ist der des Einmalwiederkehrenden oder Sakadagami. Er überwindet zusätzlich bis auf einen geringen Rest zwei weitere Fesseln: sinnliches Begehren und Übelwollen. Er wird nur noch einmal zur Sinnenwelt zurückkehren.

Der dritte Pfad ist der des Niewiederkehrenden oder Anagami, der von den ersten fünf Fesseln vollständig befreit ist. Sollte er in diesem Leben Nibbana noch nicht verwirklichen, so wird er in den reinen Gefilden der feinkörperlichen Welt wiedergeboren werden, wo er Nibbana mit Sicherheit erreicht.

Der vierte überweltliche Pfad ist der des Vollkommen- Heiligen oder Arahat, der die fünf letzten Fesseln ganz und gar vernichtet: das Begehren nach feinkörperlichen Dasein, das Begehren nach unkörperlichem Dasein, Dünkel, Aufgeregtheit und den letzten Rest von Unwissenheit. Unmittelbar auf das beim Eintritt in einen der überweltlichen Pfade regelmäßig aufblitzende Pfadbewußtsein entsteht das sogenannte Fruchtbewußtsein. Es ist ein überweltlicher Geisteszustand, der unzählige Male während der Lebenszeit eines Edlen in jedem der vier überweltlichen Pfade auftauchen kann.

Der Vollkommen- Heilige oder Arahat, der die sieben Stufen der Reinheit gemeistert und vollendet hat, steht gesichert am "anderen Ufer", denn er hat die wogenden Fluten hinter sich gelassen: die Flut des Begehrens, die Flut des Werdens, die Flut der Ansichten und die Flut der Unwissenheit. Er hat das Floß verlassen, mit dessen Hilfe er die größte Leistung vollbrachte, zu der ein Mensch überhaupt fähig ist.


Wir verehren den Buddha, weil wir in ihm das erste menschliche Wesen sehen, dem ein solcher geistiger Erfolg gelang. Er ist unser großer Lehrer, der uns den Weg zur Befreiung wies, jenen Weg, den ich Ihnen gerade zu erklären versuchte. Meine reine Verehrung gilt ihm allein.

Groß ist das Ziel, das ein Mann, dessen Energie, aktiviert worden ist, weitab von üblen, ungünstigen Dingen vollenden kann." (Samyutta Nikaya II, 28.)


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