Das Licht der Lehre 09

Das Licht der Lehre

von Sri Gnanawimala Maha Thero

9. KAMMA UND VIPAKA (Wirken und Frucht des Wirkens) 1. Teil



Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch sein Denken. Diese Fähigkeit ist ihm nicht vom Himmel her zugeflogen, sondern sie wurde im Laufe einer unvorstellbar langen Zeit durch einen fortschreitenden Lernvorgang erworben.

Wenn wir die Stammesgeschichte des Menschen als einen objektiven Spiegel seines subjektiven Werdeprozesses auffassen, so finden wir eine anfangslose Kette einander ablösender Daseinsformen, deren zeitliche Aufeinanderfolge mit einer zunehmenden Erweiterung und Vertiefung des Bewußtseins verbunden ist.

Dieses Bewußtwerden aber wird erkauft mit einer ungeheuren Masse von Leiden. Auf den niederen Daseinsstufen kann das Lebewesen die Wirksamkeit der Naturgesetze auf keine andere Weise als am eigenen Leibe durch körperliche Schmerzen erfahren.

Aber es lernt, wenn auch sehr mühsam und im Verlauf unzähliger Wiedergeburten, durch immer bessere Anpassung seiner Lebensweise Schmerz zu vermeiden und gelangt so auf immer höhere Daseinsebenen.

Als Mensch hat es schließlich einen so hohen Grad an Bewußtheit erlangt, daß es die Gesetzmäßigkeiten des Daseins mittels Beobachten und Nachdenken immer besser erkennen und sein Verhalten nach ihnen bewußt ausrichten kann.

Vor allem aber kommt das Wesen erst als Mensch zum Bewußtsein seiner selbst. So findet die Evolution im vollbewußten und vollerwachten Menschen, im Buddha, ihren Höhepunkt und der leidvolle Daseinskampf mit der Befreiung seinen Abschluß.

Welche Gesetzmäßigkeit liegt nun diesem ganzen Werdevorgang zugrunde? Welche Kraft bringt den unerschöpflichen Reichtum der Natur hervor der uns als leblose Materie, Pflanze, Tier und schließlich als Mensch entgegentritt? -

Die Ursache für alle Daseinsprozesse ist allgemein gesprochen der Lebensdurst (tanhā), den wir uns bildlich als eine Art Energiequelle vorstellen können. Diese Energiequelle wird einerseits gespeist durch einen Zustrom von Willensregungen, welche als gedankliches, sprachliches und körperliches Wirken in Erscheinung treten und die wir Kamma (=Wirken) nennen.

Andererseits aber liefert die Energiequelle die Kraft zur Bildung und Erhaltung des Organismus und aller unbewußt ablaufenden Lebensfunktionen, wobei das aufgespeicherte Kamma nach und nach verbraucht wird, indem es nämlich als vipāka (=Frucht des Wirkens) zur Reife gelangt. Insgesamt wird uns dieser Vorgang des Zu- und Abfließens, des Handelns und Erleidens als unsere Wirklichkeit bewußt, deren Qualität sich entsprechend dem zur Reife gelangenden Kamma in jedem Augenblick ändert.

Die Frage ist nun, ob innerhalb dieses allgemeinen Energieflusses bestimmte Handlungen auch ganz bestimmte zugehörige Wirkungen hervorbringen, das heißt, ob zwischen Kamma und vipāka ein kausaler Zusammenhang besteht.

Hierzu wenden wir unseren Blick zunächst wieder auf die objektive Erscheinungswelt und untersuchen, in welcher Weise dort äußere Ursachen das Verhalten bestimmen, welche Rückwirkung also das vipāka auf das Kamma hat.

Im Bereich der anorganischen Natur finden wir den engsten kausalen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, deren gesetzmäßige Verknüpfung hier so eng ist, daß viele Naturvorgänge mittels mathematischer Formeln berechnet und vorherbestimmt werden können. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung wird jedoch zunehmend schwerer faßlich, wenn wir ihn in der organischen Welt bei Pflanze, Tier und Mensch nachweisen wollen. Dies liegt daran, daß mit steigender Entwicklungsstufe in immer größerem Umfange Erfahrungsinhalte gespeichert und verwertet werden können, so daß zu den äußeren Ursachen noch innere treten, wodurch das Kausalnetz immer schwerer zu durchschauen wird. Bestimmte Wachstums und Bewegungsvorgänge der Pflanze lassen sich noch relativ eindeutig durch Reize hervorrufen.

Beim Tier dagegen treten Einwirkung und Bestimmtwerden schon weiter auseinander. Seine Lebensäußerungen können wir nur in groben Umrissen auf angeborene Instinkte und auslösende Motive zurückführen, wobei letztere noch gegenwärtig und anschaulich sein müssen.

Der Mensch schließlich scheint von außen gesehen in seinem Tun und Lassen fast ganz unabhängig zu sein, weshalb ihm einige Philosophen einen freien Willen zugesprochen haben. Indessen sind auch seine Handlungen bestimmt durch Motive, mögen diese auch im abstrakten Bereich liegen und als Ursachen kaum erkennbar sein.

Abgesehen von diesen Schwierigkeiten kann aber die angestellte Betrachtungsweise auch grundsätzlich nie das vipāka Ergebnis der Kamma- Handlung zeigen, weil der Beobachter den ganzen Vorgang ja innerhalb seiner eigenen subjektiven Wirklichkeit sieht und in die Welt der handelnden Objekte keinen Einblick hat. Es erweist sich daher als ganz aussichtslos, aus der Beobachtung der äußeren Objektwelt einen allgemeinen Kausalnexus abzuleiten, der das Verhalten des Menschen einschließt. Deshalb wären dem Menschen seine eigenen wechselnden Körperbewegungen der dunkelste Punkt im ganzen Naturgeschehen und völlig unbegreiflich - wenn nicht der Körper als einziges von allen Objekten gleichzeitig auch von innen erfahrbar wäre und das Geheimnis von Ursache und Wirkung direkt und mit letzter Klarheit offenbaren könnte. Die Konsequenzen dieses Gedankens werden wir aber erst im zweiten Teil dieses Vortrags verfolgen.


Zunächst wollen wir wieder zu unserer Evolutionskette zurückkehren und uns fragen, ob wir nicht aus ihr heraus einen Blick in das universelle Kausalgeschehen werfen können, da wir doch mitten in ihr drinstecken. - Es leuchtet ein, daß dem Tier noch jede Möglichkeit fehlt, diese Entwicklungskette zu überblicken und in ihr ein Gesetz zu erkennen. Aber auch das Bewußtsein des Menschen reicht im allgemeinen über die Grenzen der eigenen leiblichen Existenz nicht hinaus, solange er nämlich noch am Ich-Wahn hängt. Für den Durchschnittsverstand beginnt das Dasein ganz willkürlich irgendwann mit der Geburt, um nach einem mehr zufälligen als ursächlich bedingten Verlauf irgendwann plötzlich wieder abzubrechen. In dieser Situation ist es am besten, an ein moralisches Kausalitätsprinzip zu glauben und entsprechend zu handeln.


Mit fortschreitender Entwicklung der Denkfähigkeit aber ersetzt der Mensch mehr und mehr den Glauben (durch welchen Begriff ja nur das Nichtwissen einen positiven Ausdruck findet) durch auf Erfahrung beruhende eigene Erkenntnisse. Dabei profitiert er von den Ergebnissen der Natur- und Geisteswissenschaften und den Ideen der besten Denker - aber er sucht im äußeren Feld der Objekte nach einer Lösung, die er dort nicht finden kann. Der Intellekt nämlich, so entwickelt er sein mag, kann nie mehr erkennen als schließlich noch seine eigene Gesetzlichkeit, nach der er arbeitet, das heißt seine dialektische Natur, der zufolge er alle Wahrheit nur als Einheit von Gegensätzen fassen kann. Über den Grundwiderspruch Bewußtsein-Sein, der ja gerade das Problem in der Kamma- Lehre bildet, führt er nicht hinaus.


Erst der Buddha konnte die kausale Verknüpfung aller durchlaufenen Existenzen lückenlos überblicken und aus ihr eine universelle Gesetzlichkeit ableiten - er fand die Lösung in sich selbst. Das Bewußtsein des Buddha war durch Geistesschulung zu unvorstellbarer Wachheil und Klarheit gelangt. In meditativer Versenkung konnte er in Erinnerungsräume vordringen, die normalerweise in den tiefsten Schichten des Unterbewußtseins verborgen liegen. In einer solchen intuitiven Schau über die ganze unendlich lange Kette von Wiedergeburten erkannte der Erhabene, wie die Wesen ihrem Kamma entsprechend wiedergeboren werden, wie heilsame Handlungen den Wesen dabei zum Vorteil gereichen und unheilsame Handlungen ein elendes, kummervolles Dasein zur Folge haben.


Was sind nun überhaupt "heilsame" und "unheilsame" Handlungen? - Die Lehre des Erhabenen ist eine Wirklichkeitslehre, und moralische Dogmen sind ihr fremd. Wenn wir die Kulturgeschichte der Völker betrachten, beobachten wir einen ständigen Wandel der Moralvorstellungen. Überdies kann zu jeder Zeit und überall jede Handlung durch verschiedene moralische Brillen gesehen werden und dem einen gut, dem anderen schlecht erscheinen. Der Erhabene hatte keine moralischen Vorurteile, doch paßte er seine Lehrweise dem Verständnis der Menschen an. Ebenso, wie er manchmal von Göttern und Dämonen sprach, benutzte er auch Begriffe wie "gut" oder "böse" aus der Vorstellungswelt seiner Zuhörer, um diesen das Verständnis seiner Lehre zu erleichtern.


Was das Handeln anbetrifft, so lehrte der Buddha ausdrücklich und unmißverständlich, daß sittliches Handeln auf Rechter Erkenntnis und Rechter Gesinnung gegründet sein muß, das heißt auf Einsicht und nicht auf moralische Dogmen. Ein so fundiertes sittliches Verhalten ist immer heilsam, weil es auf der Einsicht in die Gesetze der Wirklichkeit beruht, unnötiges Leid vermeidet und der weiteren Entwicklung förderlich ist. Unheilsames Handeln aber verstößt aus Unwissenheit oder gar wider besseres Wissen gegen die Daseinsgesetze, wodurch das Wesen in seiner Entwicklung zurückgeworfen wird und Schmerz erleidet. Entscheidend bei einer Handlung ist nicht die Tat als solche, sondern der Bewußtseinszustand, aus dem heraus sie begangen wird.
Im Anguttara-Nikaya III.34 finden wir in der Lehrrede über die Entstehungsgründe der Taten folgende Aussage über das Tatbewußtsein und seine Folgen:


"Eine Tat, die aus Begierde, aus Haß, aus Verblendung entsprungen ist, wird reifen, wo immer die betreffende Person auch wiedergeboren wird, und wo sie reift, dort wird einem die Frucht jener Tat zuteil, sei es in diesem oder einem anderen Leben. Eine Tat, die aus Gierlosigkeit, aus Haßlosigkeit, aus Unverblendung entsprungen ist, eine solche Tat ist entwurzelt, gleich einer Fächerpalme dem Boden entrissen, vernichtet und keinem Neuentstehen mehr unterworfen."

In den letzten Vorträgen ist ja ausführlich dargelegt worden, daß Gier, Haß und Verblendung nichts anderes sind als Zustände der Unwissenheit, die im Ich-Wahn ihre Grundlage haben. Solange ein Ich-Bewußtsein da ist, und das ist ja in der Regel der Fall, sind auch diese Unreinheiten vorhanden und führen alle Taten, heilsame wie unheilsame, zur Wiedergeburt. Hieran erkennen wir, daß "heilsam" und "unheilsam" relative Aussagen sind, die sich auf den jeweiligen Bewußtseinsstand des Wesens beziehen und im Hinblick auf seine weitere Entwicklung gelten.


Für verschiedene Wesen gelten verschiedene Maßstäbe, die sich mit der Zeit entsprechend der Erkenntnisfähigkeit ändern. Für ein Tier zum Beispiel mag die Naturnotwendigkeit bestehen, andere Tiere zu töten und zu fressen. In diesem Fall bildet Töten die Erhaltung und weitere Entwicklung des Wesens, es ist daher nicht unheilsam, wenngleich manche Leute darin etwas "Böses" sehen. Der Mensch hingegen erreicht einmal einen Grad von Bewußtheit, wo er zumindest vom Intellekt her die nahe Verwandtschaft aller fühlenden Wesen erkennt. Er weiß, daß jedes Lebewesen wie er selbst Schmerzen fürchtet, und er sieht, wie noch das elendeste Tier um sein Leben kämpft. Und wenn auch der Ich-Wahn noch nicht soweit geschwunden ist, daß er sich selbst in allen Wesen wiedererkennt und an ihrem Leid teilhat, so vermeidet er doch das Töten, weil er es als unheilsam erkannt hat.


Was als Ergebnis eines Erkenntnisprozesses klar bewußt geworden ist, bedarf keiner moralischen Vorsätze, um verwirklicht zu werden. Denn Erkenntnis bewirkt eine Umwertung der Handlungsmotive, wodurch unheilsames Handeln weitgehend unmöglich wird. Wenn ein vernunftbegabter Mensch keine Tiere quält, dann nicht deshalb, weil er diesen Trieb bezähmen kann, sondern weil in ihm gar keine derartigen Handlungsantriebe mehr vorliegen. Rechte Erkenntnis erfaßt die Unreinheiten des Geistes wurzeltief und rodet sie endgültig aus.


Wo aber das Licht der Erkenntnis noch nicht vorgedrungen ist, da herrscht Finsternis oder Halbdunkel der Unwissenheit, und das Wesen muß tastend und irrend seinen Weg suchen. Das Ziel aller Wesen ist das gleiche: Freisein von Angst, Kummer und Schmerz. Aus Unwissenheit suchen sie dieses Ziel im Sinnesgenuß zu verwirklichen, unzählige Irrwege werden beschritten, und unendliches Leid häufen die Wesen auf sich. Solange der Ich-Wahn besteht, ist alles Wirken notwendig unvollkommen, gutes wie schlechtes, und führt zur Wiedergeburt, zu neuem Dasein. Leben aber ist immer ein unbefriedigender, leidbehafteter und vergänglicher Zustand, wenn auch das Leid in den höheren Daseinsebenen subtilere Formen annimmt. Erst die völlige Ausrodung des Ich-Wahns vermag die Daseinsfessel zu sprengen und führt zur Befreiung.


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