Das Licht der Lehre 12

Das Licht der Lehre

von Sri Gnanawimala Maha Thero

12. Wiedergeburt 2. Teil



Im ersten Teil unseres Vortrages kamen wir über die Frage, was eigentlich ein Lebewesen sei, zum Daseinsprozeß selbst. Diesen untergliederten wir dann in fünf Grundfunktionen, nämlich in Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, geistiges Gestalten und Bewußtsein.

Auf diese fünf Daseinsgruppen oder khandha lassen sich alle Daseinserscheinungen zurückführen, oder anders ausgedrückt: Dasein erschöpft sich in einem unablässigen Bewußtwerden von Körperfunktionen, Gefühlen, Wahrnehmungen und Willensregungen. Wir haben weiter festgestellt, daß Körperlichkeit, Gefühl und Wahrnehmung karmische Folgen sind und unabhängig vom momentanen Willen ins Bewußtsein treten, wobei sich in diesen Gestaltungen karmische Energie aufzehrt. Andererseits schafft jede willentliche Reaktion wieder neues Karma und erzeugt damit die Energie zur Bildung neuer Gestaltungen.


Der immer wieder aufspringende Wille oder, allgemeiner gesprochen, der Lebensdurst (tanhā) ist also der treibende Motor des ganzen Daseinsprozesses, während die übrigen Daseinsfaktoren lediglich den Charakter von Nachwirkungen haben. Diese Nachwirkungen bestimmen schlechthin unsere gesamte Wirklichkeit, unser ganzes Daseinsbefinden.

Von den karmisch bedingten Inhalten unseres Bewußtseins hängt es ab, ob wir uns gesund oder krank, wohlgestaltet oder mißgebildet wähnen, ob wir Lust oder Schmerz, Freude oder Leid empfinden, ob wir Angenehmes wahrnehmen oder Unangenehmes, ob uns die Welt freundlich oder feindlich gesinnt erscheint. Jeder Augenblick unseres Lebens ist vollständig bestimmt durch den jeweiligen Zustand unseres Bewußtseins. Dieser ändert sich fortwährend.

Je nachdem, ob heilsames oder unheilsames, starkes oder schwaches Karma zur Reife gelangt, schwankt das Bewußtsein zwischen angenehm und unangenehm empfundenen Zuständen, die wiederum mit wechselnder Deutlichkeit und Klarheit erlebt werden. Hinsichtlich der Intensität des Bewußtseins bildet sich ein regelmäßiger Rhythmus heraus, in welchem das Bewußtsein zwischen Zuständen heller Wachheil und tiefer Bewußtlosigkeit schwingt.

Dieser periodische Wechsel läßt sich einfach erklären: Befinden wir uns zum Beispiel gerade in einer relativ schwachen Bewußtseinslage, so kann in dieser der aufspringende Wille ebenfalls nur schwach sein; folglich wird auch nur schwaches Karma gebildet, welches in Zukunft wieder zu einer schwachen Bewußtseinsphase führen wird. Entsprechendes gilt für die klaren Wachzustände und die nahezu bewußtlosen Phasen des Tiefschlafes. Ähnlich dem Gezeitenwechsel von Ebbe und Flut entsteht und vergeht das Bewußtsein, werden die Daseinsgruppen ergriffen und wieder losgelassen.


Diesem Gesetz der Periodizität unterliegt auch die Wiedergeburt. Der Vorgang des Sterbens und Wiedergeborenwerdens unterscheidet sich von dem des täglichen Einschlafens und Erwachens im wesentlichen nur dadurch, daß im Todesaugenblick die Körperlichkeitsgruppe völlig aufgegeben wird, während im Schlaf ein vermindertes Bewußtsein von ihr erhalten bleibt. Dieses reduzierte Bewußtsein ermöglicht selbst während des Tiefschlafes den Fortbestand des Organismus und seiner lebensnotwendigen Funktionen wie Atmung, Kreislauf, Verdauung usw. Wird jedoch ein gewisses minimales Bewußtsein unterschritten, dann können diese Funktionen nicht mehr ausgeführt werden, der Organismus stirbt, die Daseinsgruppen zerfallen. Ungeachtet dessen nimmt der Karmastrom jedoch seinen Fortgang. Auf die Phase schwächster Karmaformationen folgt allmählich wieder stärkeres Karma, die Daseinsgruppen werden wieder ergriffen, ein neuer Organismus entsteht.


Mit Einschlafen und Erwachen, Tod und Geburt haben wir jedoch nur die relativ groben Bewegungen des Daseinsprozesses erfaßt. Tatsächlich schwingt das Bewußtsein in jedem Augenblick mit unvorstellbarer Geschwindigkeit zwischen Zuständen unterschiedlicher Intensität.

Das Wirklichkeitserleben wird also nicht nur durch die Stärke und Qualität des zur Reife gelangenden Karmas bestimmt, sondern auch durch die Fähigkeit des Bewußtseins, den wechselnden Karmaschwingungen folgen zu können. Das normale Durchschnittsbewußtsein heftet sich willentlich an bestimmte Erscheinungen des Daseinsstromes und verliert dadurch seine Beweglichkeit; es verschleift die einzelnen Schwingungen zu einem trägen Mittelwert, der sich nur langsam ändert. Hierdurch entsteht dann die falsche Vorstellung von einer dauerhaften und beständigen Welt.


Mittels Meditation kann diese Verhaftung an einzelne Erscheinungen nach und nach gelöst werden, bis das Bewußtsein auch den feinsten Bewegungen des Karmastromes folgen kann und dann in Resonanz mit seiner natürlichen Ursache frei schwingt. Dieser Bewußtseinszustand offenbart dann klar die Tatsache, daß Wiedergeburt in jedem Augenblick stattfindet. Mehr noch: Es wird eine Erinnerung an frühere Wiedergeburten möglich, und zwar nicht nur innerhalb einer Existenz, sondern über die ganze karmische Reihe. Es besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Bewußtsein des physischen Todesmomentes und dem Meditationsbewußtsein. Ersteres kommt durch eine allgemeine Schwächung des Karmastromes zustande und führt zum Zerfall der Daseinsgruppen. In der Meditation bleibt die gerade vorhandene Stärke des Karmastromes und damit die Bedingung für den Fortbestand des Organismus voll erhalten. Dennoch kann das frei schwingende Bewußtsein bis in die tiefsten Schichten, bis auf den Grund aller karmischen Gestaltungen vordringen.


Im Grunde genommen ist hiermit bereits alles Wesentliche zum Thema Wiedergeburt gesagt. Wer den Zusammenhang zwischen den fünf Daseinsgruppen und dem Karmagesetz begriffen hat, versteht auch die Wiedergeburt; durch Meditation wird dieses Verständnis zur zweifelsfreien Gewißheit. - Wir wollen hier aber noch auf eine andere Auffassung von Wiedergeburt eingehen, welche auf einem Mangel an tieferer Einsicht beruht. Hierzu sagt Buddhagosa im Visuddhi Magga: "Derjenige, der keine klare Idee betreffs der Wiedergeburt hat und sich nicht der Tatsache bewußt ist, daß das Erscheinen der Daseinsgruppen immer und überall Wiedergeburt bedeutet, kommt zu allerhand Schlußfolgerungen wie: Ein Lebewesen ist geboren und hat einen neuen Körper erhalten."

Nun, ob wir nach dem bisher Gesagten noch eine solche Vorstellung haben oder nicht, Tatsache bleibt, daß wir uns selbst als Lebewesen bezeichnen und daß wir diese Welt mit anderen Lebewesen teilen. Es besteht offensichtlich ein Unterschied zwischen dem, was wir erkannt haben und dem, was wir erleben. Und das ist auch nicht verwunderlich: Wir erleben ja stets nur Karmafolgen, und durch bloße Erkenntnis dieses Umstandes wird am Karmastrom noch nichts geändert. Es kommt auf die Umsetzung des Erkannten in der Praxis an, auf die Willenswendung, und selbst diese wird nicht sofort zu einer total veränderten Wirklichkeit führen. Alles braucht seine Zeit, um heranzureifen. Wenn Erkenntnis nicht dem Erleben vorauseilte, wäre überhaupt keine bewußte Entwicklung möglich. Wir müssen uns aber sehr davor hüten, den Blick für unsere konkrete Wirklichkeit zu verlieren. Wer alles nur unter dem Blickwinkel "absoluter Wahrheit" sehen will, gleicht einem Bergsteiger, der auf den Gipfel starrt und dabei nicht auf seinen Weg achtet.


Leben ist wie ein Traum. Auch im Traum gibt es Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Willensregung und Bewußtsein, und auch hier finden wir uns gemeinsam mit anderen Lebewesen in einer komplizierten Welt wieder. Mit dieser Traumwelt setzen wir uns auseinander, wir begegnen anderen Menschen, reden mit ihnen und handeln, empfinden Zuneigung oder Haß. Wenn wir erwachen, erkennen wir, daß alle Gestaltungen und Erlebnisse bloße Projektionen des Bewußtseins waren. Und trotzdem können wir nicht leugnen, daß wir im Traum wirklichen Schmerz erlitten, Kummer hatten, oder Freude und Glück empfanden.

Es gibt keine absolute Realität, aber unsere Wirklichkeit ist auch keine bloße Täuschung, die uns unberührt ließe. Solange wir nicht vollständig erwacht sind, bleiben wir gefesselt an diese oder jene Welt, unterliegen wir ihren Gesetzen, haben wir uns mit ihr auseinanderzusetzen. Zu bestimmten Zeiten ist die Welt des Traumes unsere Wirklichkeit, zu anderen Zeiten die des Wachzustandes; der Unterschied beruht auf der ungleichen Stärke des zur Reife gelangenden Karmas.


Im Hinblick auf unser Wirklichkeitserleber ist es durchaus sinnvoll, von einem Ich, von einer Umwelt und von anderen Lebewesen zu sprechen. Überhaupt haben wir ja keine andere verbale Ausdrucksmöglichkeit als die Umgangssprache, die noch ganz diesem Erleben entspricht. Aber wir wissen bereits, daß diese Welt mit ihren Gestaltungen nicht die letzte Realität sein kann, daß in jedem Augenblick Wiedergeburt in ein neues Dasein erfolgt, daß Wirklichkeit sich entwickelt. Ein Blick in unsere Umwelt offenbart die unendlich vielen Möglichkeiten anderer Daseinsformen: Allein die Menschenwelt erstreckt sich von höllischen, mit unermeßlichem Leid verbundenen Zuständen bis zu himmlischen Zuständen der Freude, des Glücks und der Seligkeit. Götter und Teufel, Dämonen und Gespenster brauchen wir nicht in außerirdischen Gefilden zu suchen. Sie leben in unserer Wirklichkeit als Heilige oder Verbrecher, als Wahnsinnige oder geistig dahindämmernde Wesen. Himmel und Hölle sind keine Ortsbezeichnungen, es sind Zustände des Bewußtseins.


Trotz allem interessiert uns nun aber doch, wie die Lehre von den fünf Daseinsgruppen mit der Vorstellung von einem Ich, einer Umwelt und der Vielzahl anderer Geschöpfe vereinbar ist. Wie konnte es überhaupt zu einer solchen Vorstellung kommen? - Wir erinnern uns, daß wir die Daseinsgruppen nach karmischen Ursachen und Folgen unterschieden haben. Nochmals: Was immer auch an Körperlichkeit, Gefühl und Wahrnehmung bewußt wird, entsteht nicht durch blinden Zufall, sondern tritt als Karmafrucht, hervorgegangen aus der Saat der Willensregungen, in Erscheinung. Solange diese inhaltsschwere Tatsache nicht erkannt wird, scheinen Wille und Daseinsgestaltungen unabhängig voneinander zu existieren. In diesem Stadium führen Ursachen und Wirkungen im Bewußtsein gleichsam ein Eigenleben; der Daseinsprozeß ist zerfallen in ein Ich, welches will, und in eine Welt von Objekten, auf welche der Wille gerichtet ist. In die Umwelt hinein projiziert dann das Ich seinen eigenen karmischen Werdegang und schaut ihn in Form einer unendlichen Vielzahl von Lebewesen an.


In dieser gespaltenen Wirklichkeit ist das Ich Wahrnehmungszentrum und Aktionsquelle zugleich. Wir wissen nun, daß alle Wahrnehmungen Karmafolgen sind; was also an Objekten wahrgenommen wird, kann immer nur Folge des Willens, nie der Wille selbst sein. Mit diesem aber identifiziert sich das Ich, folglich kann es sich selbst nie erkennen. Es erkennt nur Objekte, von denen es getrennt ist und deren Ursprung ihm ein völliges Rätsel bleibt. Gleichwohl zeigen alle Daseinserscheinungen in ihrem Ablauf nichts anderes als die Wandlungen des karmaschaffenden Willens. Was das Ich als seine Umwelt erlebt, ist also das objektive Spiegelbild seines subjektiven Werdeganges. Tatsächlich läßt sich in der Objektwelt ein Entwicklungsgesetz nachweisen. Leben entstand nicht plötzlich, es entwickelte sich allmählich, ohne daß sich ein eigentlicher Anfang festsetzen ließe.

Die Abstammungslehre verfolgt die Entstehungsgeschichte der Arten bis zum einzelligen Organismus zurück. Alle tierischen und pflanzlichen Lebensformen, also auch der Mensch, haben dieses einzellige Entwicklungsstadium durchgemacht und sich dann weiter zu immer höheren Daseinsformen emporgearbeitet. Dabei erlebt jedes einzelne Lebewesen in seiner individuellen Entwicklung noch einmal alle wesentlichen Phasen seiner Stammesgeschichte. Die Evolution der Arten verläuft wie in einer Spirale. Bereits durchlaufene Stadien werden auf immer höheren Ebenen wiederholt, wobei diese allmähliche Entwicklung durch tiefe Einschnitte unterbrochen wird, in denen ein neuer qualitativer Zustand erreicht wird. Dieses Gesetz entspricht, bei Beachtung der unterschiedlichen Perspektive, vollkommen unserer Wiedergeburtslehre.


Aber die Abstammungslehre setzt mit dem einzelligen Organismus eine ganz willkürliche Grenze. Wo beginnt Leben wirklich? Bei den Einzellern, den organischen Molekülen, den Atomen, den Elementarteilchen, den energetischen Schwingungen? Die moderne Wissenschaft lehrt keine solche Grenze. Sie kennt keine tote Materie mehr, sie hat diese völlig aus ihrem Weltbild getilgt und durch ein Spiel lebendiger Formen ersetzt. Energie und Materie, Geist und Substanz, nāma-rūpa sind nur die wechselnden Erscheinungsformen eines einzigen Daseinskreislaufs.


Der Kampf ums Dasein, wie wir ihn zwischen den Lebewesen, dem Ich und der Umwelt erleben, ist in Wahrheit eine Auseinandersetzung des Bewußtseins mit sich selbst. Letztlich beruht diese Bewußtseinsspaltung, die der Buddha Ich-Wahn nennt, auf der Unkenntnis des Karmagesetzes und der bedingten Natur der Daseinsgruppen, auf Unwissenheit also. Unwissenheit ist die allgemeinste Bedingung für den Daseinsprozeß überhaupt. Denn nur solange der Ich-Wahn besteht, werden die Gestaltungen als etwas Fremdes empfunden, können ihnen gegenüber Willensregungen aufspringen, kann neues Karma für neue Gestaltungen entstehen. Solange aber wird auch das Leiden existieren. Wer daher die Buddhalehre wirklich begriffen hat, strebt nicht nach Wiedergeburt in dieser oder jener Welt - er ist dabei, die Daseinsfessel zu sprengen.


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