1. Die Situation

WIRKLICHKEIT UND ERLÖSUNG

I. Erkenntnis

I.1. Die Situation

 

Wir Menschen sehen uns, insofern wir die Augen aufmachen, hier in dieser Welt in einer Situation, die mehr als dunkel ist. Wir wissen nicht woher wir kommen, wir wissen nicht wohin wir gehen und wenn wir versuchen, Sinn und Zweck unseres Hier-Seins und So-Seins zu deuten, geraten wir in die allergrößte Bedrängnis.

 

Daß wir uns aber nicht so ohne weiteres mit diesem Dunkel, das uns hinsichtlich der wichtigsten und entscheidendsten Fragen des Lebens umgibt, einfach abfinden, beweist das Vorhandensein von Religion und Philosophie, von Naturwissenschaft und Psychologie und von allerlei sonstigen Bestrebungen zur Aufhellung dieser Situation, kurz von Wissenschaft und Glaube im weitesten Sinne. Was bisher sowohl Wissenschaft wie religiöse Intuition, oder vielmehr gläubige Annahme von bloß gedachten Gegebenheiten, an Aufhellung des uns umgebenden Dunkels geleistet haben, kann, je nach dem Standpunkt des Urteilenden, sehr viel oder auch sehr wenig sein, vielleicht auch gar nichts. Jedenfalls kommt es in dieser Hinsicht ganz auf den einzelnen Menschen an und auf seine Überzeugung von Wert und Unwert, von der Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit des Geleisteten und der vorhandenen Theorien und Hypothesen.

 

Bei genauer Betrachtung sind wir uns aber offensichtlich darüber völlig klar, daß unsere Situation nichts weniger als erfreulich ist. Trotz allen tatsächlichen und möglichen Freuden dieser Welt bleiben wir die unweigerlich dem Tode Geweihten und dieses Bewußtsein allein genügt schon zur Dämpfung aller übersprudelnden Freude und Lust. Aber es ist nicht allein nur der Tod, der uns bedrängt; wir können hinblicken wohin wir wollen, überall begegnet uns Kummer, Leiden und Schmerz.

 

Schon die Geburt ist eine schmerzensvolle Angelegenheit, und was sich daran anschließend so nach und nach aneinanderreiht, ist eine endlose Kette von Mühe und Plage, von enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen, von Jammer und Verdruß, von Angst und Sorge, und wenn einmal Stunden des Glückes leuchten, so sind sie nur allzu rasch wieder vorbei.

 

Gerade in unserem Zeitalter fehlt es nicht an diesbezüglichem Anschauungs-Material, aber es hat auch in früheren Zeiten nie daran gefehlt und wird in kommenden ebensowenig fehlen. „Töten" scheint oft die natürliche Devise des Lebendigen zu sein.

 

Hinsichtlich der Tierwelt dürfte es ja keinerlei Zweifel darüber geben, daß diese Devise ganz und gar in Ordnung, sozusagen eine Selbstverständlichkeit ist; denn darin besteht ja gerade das Tierische, daß es keinen Pardon und keine Rücksicht kennt, keine Ehrfurcht, keine Scheu in den vitalen Äußerungen, und daß es unbedenklich tötet. In Hinsicht auf uns Menschen mag diese Devise allerdings unzutreffend sein, insofern nicht gerade kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden, oder nicht ausgesprochen tierische Charaktere in Betracht gezogen werden. Aber diese kriegerischen Auseinandersetzungen und die sich daraus ergebenden konkreten Geschehnisse weisen doch immerhin in einem erschreckenden Maße auf latent vorhandene, vom typisch Tierhaften kaum wesentlich verschiedene Möglichkeiten hin. Oder, man gehe einmal in ein Schlachthaus und überdenke, was da der Hunger nach fleischlicher Nahrung alles auf dem Gewissen hat. Aber ganz abgesehen vom Krieg und den gewollten Lebensbedrohungen und -beraubungen, fehlt es ganz und gar nicht an sonstigen Beispielen, welche die des Menschseins eindrücklichst illustrieren.

 

Denken wir nur an die Häufung körperlichen Elends in den unzähligen Kranken- und Siechenhäusern, an die körperlichen Schmerzen und Qualen überhaupt. Denken wir an die Irrenhäuser mit ihrem Unmaß an geistigem Elend. Denken wir an die vielen Kümmernisse des täglichen Lebens, an all den Jammer und die Verzweiflung, die infolge des Verlustes geliebter Menschen, infolge mißlicher Lebensumstände, aus Ängsten und Sorgen usw. immer wieder neu entstehen. Denken wir an die sozusagen permanente Angst vor möglichem Unheil, vor Krankheit, Alter und Tod. Denken wir an die vielen Stätten des Grauens und der Trauer, an Gefängnisse und Zuchthäuser, an die Slums der Großstädte, an verlotterte Armenhäuser, an Kasernen und Fabriken, an Friedhöfe und Krematorien. Denken wir an den ständigen Kampf ums Dasein, um die Selbstbehauptung, und denken wir daran, was dieser Kampf alles an Enttäuschungen und Entbehrungen, Rücksichtslosigkeiten und Lieblosigkeiten im Gefolge hat. Denken wir an die zahllosen Reibereien, Sticheleien, Böswilligkeiten, Verleumdungen und Unfreundlichkeiten des täglichen Lebens. Was bedeuten da gegen diese Masse des Leidens die wenigen Freuden? Sie sind wie ein Tropfen Süßigkeit in einem Meer von Bitternis.

 

Lauert nicht hinter dem strahlenden Mutterglück die tiefe Sorge um das Wohlergehen des Kindes? Lauert nicht hinter dem Glück der Jugend die Angst vor dem Welken und Verblühen, vor Krankheit und Alter? Lauert nicht hinter den Freuden des Besitzes die Sorge um die Erhaltung und Vermehrung, und lauert nicht hinter allem Glück des Daseins die Angst vor dem Tod und der Vergänglichkeit? Wer vermöchte es, unter derartigen Umständen die Frage nach der Möglichkeit eines wirklichen, fleckenlosen, reinen Glückes zu bejahen?

 

LEIBNIZ stellte einmal die Behauptung auf, daß diese unsere Welt die beste aller möglichen sei; aber was er da als eine Lobpreisung verkündete, ist vielmehr ein ganz unfreiwilliger Ausdruck tiefster Resignation, ein Sich-Abfinden mit dem Unvermeidlichen, mit einem Zustand, der scheinbar nicht zu ändern ist, mit einer hoffnungslosen Lage, aus der sich keine Möglichkeit des Entrinnens ergeben will. Viel mehr als ein Lob ist es ein Verzicht und ein Sich-Bescheiden mit dem wenigen, was diese Welt an wirklicher Freude und Lust zu bieten vermag. Zugegeben, es ist ein Standpunkt, der eingenommen werden kann und der sogar von all denen eingenommen werden muß, die an der Tatsächlichkeit nicht zerbrechen wollen, daß für diese Welt ein Mehr an Leiden, d. h. daß für den Menschen ein Mehr an Leiden gar nicht mehr tragbar wäre; aber dieser Standpunkt bietet nichts in Hinsicht auf die Abschaffung des Leidens. Er macht es bloß erträglicher, versucht es wenigstens, wie jener Aussätzige, der seine faulenden Glieder am Feuer röstet und dieses Brennen als wohltuend empfindet.

 

Die zentrale Ursache alles Leidens dieser Welt findet sich aber in dem Begriff der Vergänglichkeit. Der Vergänglichkeit begegnen wir überall und allezeit, da sie dem Leben als solchem inhärent ist. Sie wird diesbezüglich immer wiederum verkannt, aber sie ist und bleibt das Kriterium des Leidens überhaupt. Es ist ein unumstößliches Naturgesetz, daß alles was entsteht, wieder vergehen muß, und gerade in diesem Vergehen wurzelt alles Leiden, aller Kummer und aller Schmerz, aller Gram und Jammer, alle Sorge und Verzweiflung. Die Vergänglichkeit des Glückes, der Jugend und Schönheit, der Lust und Freude, des Befriedigtseins und Wohlseins, das empfinden wir in allererster Linie als Leiden, ganz abgesehen von der Vergänglichkeit des eigenen Daseins. Aber im Taumel des immer wieder neuen Begehrens richten wir unsere Blicke nur auf den Gegenstand des Begehrens und achten viel zu wenig oder gar nicht auf seine Vergänglichkeit. Wer kennt nicht den Zeitungsleser, der sich gierig in die „letzte Ausgabe" vertieft, um seinen Neuigkeits-Hunger zu befriedigen. Nach einigen Minuten des Blätterns und flüchtigen Aufnehmens des „Allerneuesten" ist sein Interesse an dem soeben noch begehrten Blatt völlig erloschen und so wirft er es weg, oder legt es zum Altpapier. Diese Haltung ist geradezu symptomatisch für alles Geschehen, dem das Begehren als Grundlage dient.

 

Was als Zukünftiges wichtig und begehrenswert erscheint, ist als Vergangenes zum Nichts geworden. Wir freuen uns auf bevorstehende Genüsse, auf zu erwartenden Besitz, wir freuen uns ganz allgemein auf die in Aussicht stehende Befriedigung unserer Wünsche und Begehrungen, aber nach der Erfüllung, nach dem Genuß bleibt nichts übrig als neues Begehren und Erfüllen, immer wieder und wiederum, anfangslos und endlos. Leiden ist aber auch die Nichterfüllung des Begehrens, und dieses Leiden kann sich ins Unerträgliche steigern und bis zum Selbstmord führen.

 

So steckt in jeder Freude und in jedem Lustgefühl der Stachel der Vergänglichkeit, der das Leben immer wiederum in Leiden wandelt.

 

Vom bloß tierischen Behagen bis zur Freude eines rein ästhetischen Genusses, vom animalen Wohlbefinden bis zur Erhabenheit eines seligen Verweilens in religiöser Ergriffenheit, gibt es zahllose Zwischenstadien, denen allen eines gemeinsam ist, die Dauerlosigkeit. Diese allen überhaupt denkbaren Zuständen gemeinsame Eigenschaft treibt uns unaufhörlich weiter auf der Suche nach dem Glück, denn wir suchen das Glück, wir suchen die Leidfreiheit und wir geben es trotz allen gegenteiligen Erfahrungen nicht auf, es doch irgendwie und irgendwann einmal zu finden.

 

Seien wir doch ehrlich und geben es offen zu, daß der letzte und allgemeinste Sinn der Wissenschaft, und nicht nur der Geisteswissenschaft, der der Leidensüberwindung ist, und daß alle diesbezüglichen Resultate nur Bausteine sind am großen Bau des menschlichen Glückes, soweit sie nicht zu gegenteiligen Zwecken mißbraucht werden. Aber dieser Bau kann nie vollendet werden, denn die Vergänglichkeit und Unbeständigkeit des Baumaterials selber läßt keine Vollendung zu.

 

Die Leidensüberwindung ist auch der letzte und höchste Sinn alles religiösen Glaubens und Hoffens, wobei ohne weiteres und ganz allgemein zugegeben wird, daß auf dieser Welt das Ziel nicht erreicht werden kann. Darum richtet der Gläubige seinen Blick auf das Jenseits, auf das Leben nach dem Tode und hofft dort jene Stätte ewigen Glückes zu finden, die ihm hier zu finden unmöglich erscheint.

 

Dieses Suchen nach dem Glück überhaupt, dieses anfangs- und endlose Verlangen und Hoffen, Erträumen und Ersehnen, dieses verbissene Forschen und diese gläubige Zuversicht, zeugen von der jedem Menschen zutiefst innewohnenden Sehnsucht nach endlicher Überwindung der Situation, in der er sich im Dasein hineingestellt sieht. Alles ist vergänglich, so wie wir selber vergänglich sind. Was zählen schon die wenigen Jahre eines Menschenlebens und doch leben wir so, als wären wir mitsamt der Welt unvergänglich. Wir häufen in uns Wissen auf Wissen, Kenntnisse auf Kenntnisse, und um uns Besitz auf Besitz, oder versuchen es wenigstens; wir kriegen nie genug an Macht und Ansehen, wir gründen Städte und Staaten, Familien und Gemeinschaften, gründen Geschäfte und Unternehmungen und mehr oder weniger weltumspannende Organisationen, wir gründen Parteien und völkerumspannende Ideologien, wir tun als ob und auf einmal kommt der Tod und macht dem, den er erreicht, alles zunichte. Der Tod aber erreicht alle, ausnahmslos alle und alles. Wozu also dieses ganze Getue, diese ameisenartige Geschäftigkeit?

Um des Glücks willen!

 

Aber das ist ein Phantom, denn wir leben, um zu sterben und sterben, um zu leben. Was soll da Glück sein!?

 

Eigentlich leben wir nicht, sondern wir werden gelebt, kraft des in uns wohnenden Lebens-Durstes. Es lebt sich da ein anfangs- und endloser Kreislauf, ein Prozeß ewigen Werdens und Vergehens, der sich im Bewußtsein des Einzelnen zur Welt, im umfassendsten Sinne des Wortes, gestaltet.

 

Dieser kosmische Prozeß, den wir Leben nennen, hat seinen Ursprung nicht außerhalb sondern in uns selber, und wenn wir ihn durchschauen wollen, so müssen wir uns selber durchschauen.

 

Das unbegreiflichste und Wunderbarste von allem, was es auf dieser Welt gibt, ist das Bewußtsein. Dieses Bewußtsein, das sich im Menschen bis zum Selbstbewußtsein gesteigert hat, stellt das Licht dar, mit dessen Hilfe der ewige Kreislauf des Geschehens, des Werdens und Vergehens, durchleuchtet werden kann. Es ist nicht der eigentliche und wahre Zweck des Bewußtseins, als Licht zur Durchschauung der Wirklichkeit gebraucht zu werden, denn seine dringendste und sozusagen ausschließliche Aufgabe ist die der Erhaltung des Daseins, der Gestaltung und Förderung der Vitalität, aber, oh Wunder! darüber hinaus vermag es im Menschen auch anderen, weiteren, höheren und höchsten Aufgaben zu dienen.

 

Im Lichte des Wirklichkeits-Bewußtseins erkennen wir, daß Welt und Leben eins sind, und daß ihre Wurzeln in uns selber liegen, d. h. daß wir selber sowohl Welt als Leben sind. Auf Grund dieser Erkenntnis vermögen wir auch die Tatsache zu erfassen und zu begreifen, daß, gerade weil wir selber Welt und Leben sind, die Bestimmung über unser Glück und Leid allein in unseren eigenen Händen liegt. Das will heißen, daß wir selber die wahren und wirklichen Beherrscher der Situation sind, in der wir uns befinden, und daß wir die Möglichkeit haben, in das Rad des Schicksals mit aller Macht einzugreifen und es dorthin zu lenken, wo es keine Geburt und keinen Tod mehr gibt, keine Krankheit und kein Altern, keinen Kummer und keinen Jammer, keinen Schmerz und keine Verzweiflung mehr, dorthin wo es kein Leiden mehr gibt.

 

Dies alles mag so auf den ersten Blick vielleicht als eine bloße Behauptung erscheinen, ja geradezu als ein phantastischer Aspekt eines abwegigen Denkens, aber es ist in Tat und Wahrheit nichts anderes als das Ergebnis eines fundamentalen Einblickes in die Wirklichkeit.

Mit bloßem Wissen ist es aber hier nicht getan. Die Wirklichkeit muß erlebt werden, denn nur das was erlebt wird, ist Wirklichkeit. So ist auch die Welt und der Mensch nur Wirklichkeit im Erlebnis, denn außer dem Erlebnis gibt es weder Welt noch Leben.

 

Wenn ALBERT SCHWEITZER in der Vorrede seines Buches „Kultur und Ethik" mit den Worten:

„Was bleibt von den Leistungen unserer Philosophie übrig, wenn man sie ihres gelehrten Flitters entkleidet? Was hat sie uns zu bieten, wenn wir von ihr das Elementare verlangen, dessen wir bedürfen, um als wirkende und sich vertiefende Menschen im Leben stehen zu können?"

das Versagen der abendländischen Philosophie beklagt, so hat er damit vollkommen recht. Da SCHWEITZER aber ein Mann des Glaubens ist, so glaubt er, daß unsere Situation mit den Versprechungen des Glaubens, mit dem Hinweis auf die göttliche Gnade und mit den Erwartungen eines Jenseits gewandelt werden kann, aber die Widersprüche, die sich aus derartigen Aspekten ergeben, überzeugen höchstens davon, daß dies nicht der Weg sein kann, der unsere Situation von Grund auf zu ändern vermag.

 

So bleibt also nur noch ein Weg offen, der dritte Weg, der Weg des Erlebnisses der Wirklichkeit, und das ist unser Weg.


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