3. Das Ich

WIRKLICHKEIT UND ERLÖSUNG

I.3. DAS ICH

 

In einem der größten Meisterwerke indischer Prosa, betitelt „Die Fragen des Milindo", finden wir ein sehr interessantes Gespräch zwischen dem König MILINDO (MENANDROS der Griechenkönig) und dem buddhistischen Mönch NAGASENO, das in eigenartig aufschlußreicher Weise sich mit dem uns hier beschäftigenden Problem befaßt.

 

König MILINDO besuchte mit einer großen Schar von Griechen, unter Beisein zahlreicher Mönche, den ehrwürdigen NAGASENO und nach gegenseitiger freundlicher Begrüßung wandte sich der König an NAGASENO und sprach:

 

„Wie heißt du, Ehrwürdiger? Welchen Namen trägst du?"

„Ich bin als Nagaseno bekannt, o König, und Nagaseno reden mich meine Ordensbrüder an. Ob nun aber die Eltern einem den Namen Nagaseno geben oder Suraseno oder Viraseno oder Sihaseno, immerhin ist dies nur ein Name, eine Bezeichnung, ein Begriff, eine landläufige Ausdrucksweise, ja weiter nichts als ein bloßes Wort, denn eine Wesenheit ist da genau genommen nicht vorzufinden."

Der König aber sprach: „Hört mich an, ihr fünfhundert Griechen und zahlreichen Mönche! Dieser Nagaseno behauptet, eine Wesenheit gebe es nicht. Wie kann man dem beipflichten?"

Und der König sprach zum ehrwürdigen Nagaseno:

„Wenn es, ehrwürdiger Nagaseno, keine Wesenheit gibt, wer ist es denn, der euch da die Bedarfsgegenstände, wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien spendet? Wer ist es, der davon Gebrauch macht? Wer ist es, der die Sittenregeln erfüllt, die Geistespflege übt, Pfad, Ziel und Erlösung verwirklicht? Wer ist es, der tötet, stiehlt, ehebricht, lügt, trinkt und die unmittelbar nach dem Tode zur Hölle führenden Verbrechen begeht? So gäbe es also weder etwas Moralisches noch etwas Immoralisches, noch einen Täter oder Verursacher guter und schlechter Taten, noch eine Frucht oder ein Ergebnis guter und schlechter Taten, und selbst derjenige, der dich töten würde, beginge keinen Mord. Und auch du, Nagaseno, hättest weder einen Lehrer noch Ratgeber, noch überhaupt die Mönchsweihe. Nun behauptest du aber andererseits, daß deine Ordensbrüder dich mit Nagaseno anreden. Wer ist denn da dieser Nagaseno? Sind da etwa die Kopfhaare der Nagaseno, oder sind es Körperhaare, Zähne, Fleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Niere, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lunge, Eingeweide, Gekröse, Magen, Kot, Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Lymphe, Speichel, Rotz, Gelenköl, Urin oder das im Schädel befindliche Gehirn?"

„Nicht doch, o König!"

„Oder sind etwa das Gefühl, oder die Wahrnehmung, oder die geistigen Gebilde, oder das Bewußtsein dieser Nagaseno?"

„Nicht doch, o König!"

„Dann sollen wohl vielleicht Körper, Gefühl, Wahrnehmung, geistige Gebilde und Bewußtsein, zusammengenommen, dieser Nagaseno sein?"

„Nicht doch, o König!"

„Oder soll dieser Nagaseno gar außerhalb von Körper, Gefühl, Wahrnehmung, geistigen Gebilden und Bewußtsein existieren?"

„Nicht doch, o König!"

„Ich mag dich fragen, wie ich will, Verehrter: den Nagaseno aber kann ich nicht entdecken. Soll etwa das bloße Wort ,Nagaseno’ schon der Nagaseno selber sein?"

,,Nicht doch, o König!"

„Nun, wer ist denn dieser Nagaseno? Eine Unwahrheit sprichst du, o Herr, eine Lüge, denn der Nagaseno existiert ja gar nicht!"

Und der ehrwürdige Nagaseno wandte sich zum Könige und sprach: „Du bist, o König, fürstlichen Luxus und äußerste Bequemlichkeit gewöhnt. Wenn du daher zur Mittagsstunde im heißen Sande zu Fuß gehst und mit den Füßen auf den harten steinigen Kiessand trittst, bekommst du wehe Füße, dein Körper ermattet, dein Geist wird verstimmt, und körperliche Schmerzgefühle machen sich geltend. Bist du denn zu Fuß gekommen oder mit dem Wagen?"

„Nein, o Herr, ich bin nicht zu Fuß gekommen, sondern mit dem Wagen."

„Nun, wenn du mit dem Wagen gekommen bist, o König, so erkläre mir denn, was ein Wagen ist! Ist wohl vielleicht die Deichsel der Wagen?’’

„Nicht doch, o Herr!"

„Oder die Achse?"

,,Nicht doch, o Herr!"

„Oder sind die Räder, oder der Wagenkasten, oder der Fahnenstock, oder das Joch, oder die Speichen, oder der Treibstock der Wagen?"

„Nicht doch, o Herr!"

„Dann sollen wohl diese Dinge, alle zusammengenommen, der Wagen sein?"

„Nicht doch, o Herr!"

„Oder soll etwa gar der Wagen außerhalb dieser Dinge existieren?"

„Nicht doch, o Herr!"

„Ich mag dich fragen, wie ich will, o König: den Wagen aber kann ich nicht entdecken. Soll etwa das bloße Wort ,Wagen’ schon der Wagen selber sein?"

„Nicht doch, o Herr!"

„Nun, was ist denn dieser Wagen? Eine Unwahrheit sprichst du, o König, eine Lüge, denn der Wagen existiert ja gar nicht. Du bist doch, o König, der oberste Herr über ganz Indien. Aus Furcht vor wem lügst du denn da? Hört mich an, ihr fünfhundert Griechen und zahlreichen Mönche! Dieser König Milindo behauptet, mit einem Wagen gekommen zu sein, doch auf meine Bitte hin, mir zu erklären, was ein Wagen ist, kann er mir einen solchen nicht nachweisen. Kann man so etwas wohl billigen?"

Auf diese Worte spendeten die fünfhundert Griechen dem ehrwürdigen Nagaseno ihren Beifall und sprachen zum Könige Milindo: „Nun antworte, o König, wenn es dir möglich ist!"

Und der König sprach zum ehrwürdigen Nagaseno:

„Ich spreche durchaus keine Lüge, ehrwürdiger Nagaseno. Denn in Abhängigkeit von Deichsel, Achse, Rädern usw. entsteht der Name, die Bezeichnung, der Begriff, die landläufige Ausdrucksweise, das Wort ,Wagen‘ ".

„Ganz richtig, o König, hast du erkannt, was ein Wagen ist. Gerade so aber auch, o König, entsteht in Abhängigkeit von Kopfhaaren, Körperhaaren, Zähnen, Nägeln usw. der Name, die Bezeichnung, der Begriff, die landläufige Ausdrucksweise und das Wort ,Nagaseno’. Im höchsten Sinne ist da aber eine Wesenheit nicht vorzufinden. Auch die Nonne Vajirā, o König, hat in Gegenwart des Erhabenen gesagt: ,Gerade wie man infolge des Zusammentreffens einzelner Bestandteile das Wort ,Wagen’ gebraucht, ebenso auch gebraucht man, wenn die fünf Daseinsaspekte (Körper, Gefühl, Wahrnehmung, geistige Gebilde und Bewußtsein) da sind, die konventionelle Bezeichnung ,Wesen’".

 

In diesem Gespräche mag vor allem auffallen, daß der Mensch als solcher einem Wagen gleichgesetzt wird, als wären im Prinzip beide dasselbe, aber dasselbe sind sie natürlich nur hinsichtlich ihres Entstehens aus Bedingungen, hinsichtlich ihres Abhängigseins von unerläßlichen Faktoren, aber nicht hinsichtlich ihres eigentlichen Bestandes. Schon die jeweiligen Faktoren sind ja völlig voneinander verschieden, wie sollte da das daraus sich ergebende Ganze auch nur im geringsten miteinander vergleichbar sein? Also darf diese Gleichsetzung von Wagen und Mensch ganz und gar nur, wie gesagt, in Hinsicht auf beider Abhängigkeit von an sich ganz verschiedenen Komponenten oder Faktoren verstanden werden und auf nichts sonst. Man kann weder die Räder mit dem Bewußtsein vergleichen, noch die Achse mit den Empfindungen oder Gefühlen usw., aber man kann sagen, daß dort, wo Räder, Achsen usw. sind, der Wagen entstehen kann, und daß dort, wo Empfindung, Bewußtsein usw. sind von einem lebendigen Wesen und im speziellen Falle von einem Menschen, einer Persönlichkeit gesprochen werden kann.

 

Es ist aber etwas anderes, was dem obigen Gespräch eine ganz besondere Bedeutung gibt; es ist die Verneinung des Begriffes „Wesenheit" im transzendentalen Sinne, was gleichbedeutend ist mit der Verneinung des Ich, im Sinne eines Absoluten und Unvergänglichen.

 

Dem König war es vor der Belehrung durch NAGASENO selbstverständlich, wie es heute noch ganz allgemein selbstverständlich ist, daß der Mensch als Erscheinung irgendwie „wesenhaft" sein muß, und daß dieses Wesenhafte gerade das ist, was wir mit den Ausdrücken Ich oder Seele benennen. Über diese Annahme bestehen im allgemeinen gar keine Zweifel, und das ist dabei eigentlich das Erstaunlichste. Nichts ist unbeweisbarer und fragwürdiger als ein Ich im transzendenten Sinne, nichts hängt so völlig als ein ganz und gar undeutliches, bloßes Gedankengebilde in der Luft wie die Vorstellung, besser, der Vorstellungs-Versuch eines Ich und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb ist es so schwer, von diesem Begriff loszukommen, der als Basis, als Fundament, als „felsenfester" Grund auch all jenen Gedanken und Vorstellungen dient, die wir in ihrer Gesamtheit Religion nennen und die in der Hauptsache zu den achtunggebietendsten und würdigsten Manifestationen des menschlichen Geistes zählen.

 

Weder das Christentum noch der Islam, weder der Hinduismus noch andere Glaubens-Religionen sind ohne den Begriff der Ich-Wesenheit denkbar, und die meisten philosophischen Systeme und Schulen wurzeln ebenso in ihm. So mag es in Ansehung dieses Tatbestandes wohl als eine Vermessenheit erscheinen, hier ernsthafte Zweifel vorzubringen, ja diesen Begriff überhaupt abzulehnen. Und doch dürfen wir uns dessen nicht enthalten, da sich der Begriff der Ich-Wesenheit im Lichte der Wirklichkeit und in Hinsicht auf die Erlösung als ein Hindernis erweist, das überwunden werden muß. Wir haben im vorangehenden Kapitel die Komponenten der Persönlichkeit kennen gelernt, d. h. wir haben uns auf das besonnen, was die Persönlichkeit überhaupt formt. Dabei sind wir auf die nicht weiter mehr unterteilbaren sogenannten letzten erlebbaren Gegebenheiten gestoßen, aber wir fanden da nichts, das auch nur andeutungsweise als Seele, als Wesenheit, als absolutes und bedingungsloses Ich oder Selbst angesprochen werden könnte.

 

Bei dem Versuch, den Begriff Ich im Sinne eines transzendent Wesenhaften zu konkretisieren und zu definieren, werden wir höchstens gewahr, daß unser Vorstellungsvermögen in dieser Hinsicht völlig versagt und versagen muß, denn wir können ja nicht anders denken und vorstellen, als auf Grund des Materials unserer Sinne, das aber so wenig transzendent ist wie die Sinne selber, und trotzdem versucht die Meinung sich immer wieder durchzusetzen, daß wir als Denkende und Erkennende ja selber dieses Ich sind, das als Subjekt dem Objektiven gegenübersteht.

 

Was erkennen und erleben wir, wenn wir uns selber betrachten?

 

Wir erkennen und erleben das Formhafte, die Körperlichkeit, die Empfindungen, Wahrnehmungen, die willkürlichen und unwillkürlichen Gestaltungen und das Bewußtsein. Das ist alles, aber auch ganz und gar alles! Was davon soll nun das Ich sein?

 

Der Körper kann es nicht sein, denn wenn wir auch Arme und Beine verlieren würden, hätten wir deswegen wohl kaum das Gefühl, daß wir nun an Ich-Substanz verloren haben. Die Empfindungen und Wahrnehmungen, die Gestaltungen und das Bewußtsein können es jeweils auch nicht sein, denn dies alles haben wir ja als ein ununterbrochenes Entstehen und Vergehen durchschaut. Was aber den Anschein eines Ichs hervorzurufen imstande ist, das ist die Kontinuität im kausal bedingten Zusammen- und Ineinanderwirken der Persönlichkeits-Gruppen. Wenn wir aber diesen Gesamt-Komplex von Elementen und Wirkungen mit Ich bezeichnen, was wir ja ohne weiteres tun können und auch tun, so sind wir trotzdem keinen Schritt weiter gekommen zu jenem Ich hin, das als transzendente Wesenheit verstanden sein möchte, das immer nur ein bloß Gedachtes, aber nie Realität sein kann.

 

Das Ich im Sinne einer transzendenten Wesenheit müßte aus sich selber heraus bestehen und infolgedessen müßte es bedingungslos sein. Als bedingungslos wäre es nicht mehr wirklich sondern unwirklich; wir aber sind als Persönlichkeiten wirklich und deshalb erleben wir uns auch als wirkend, aber gleichzeitig auch als dauerlos, als veränderlich und vergänglich.

 

Es liegt in der Kontinuität dieses Wirkens, daß die Fiktion der Dauer eines Subjektiven hervorgebracht wird. Diese Fiktion muß aber als solche durchschaut werden, denn sie ist es, die in uns die Meinung erweckt, daß wir im Sinne eines Absoluten bestehen, daß wir wesenhaft unvergänglich und ewig sind, was aber, wie wir gesehen haben, keineswegs der Fall ist.

 

C.G. JUNG sagt in seinem Buche „Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten":

„Einer kritischen Betrachtung bleibt von absoluter Realität nichts übrig. Vom Wesenhaften und vom absolut Seienden wissen wir nichts."

Das ist klar und deutlich gesprochen und hebt sich ungemein vorteilhaft von all den Idealismen ab, die das Ich als transzendentales Absolutes, als die alle Realität in sich fassende und die Unendlichkeit erfüllende schöpferische Einheit verstanden wissen wollen, und die damit nichts bieten als eine Schaumblase, die im Lichte einer angeblichen Erkenntnis wohl funkeln und glitzern mag, aber trotzdem hohl und leer ist.

 

Die Persönlichkeit als solche ist Wirken, gleichzeitig aber auch Resultat früheren Wirkens und Ursache künftigen Wirkens, d. h. sie ist bedingt und bedingend. Wirken muß hier verstanden werden als die Gesamtheit alles Tuns, Redens und Denkens (in welch letzterem alles Wollen und Empfinden inbegriffen ist) und es dürfte wohl darüber keine Zweifel geben, daß diese Gesamtheit in jedem einzelnen Falle eine ganz bestimmte Individualität repräsentiert, die wir im konkreten Falle als den Herrn X. oder die Frau Y. usw. kennen, und nicht zuletzt als uns selbst.

 

Die Betrachtung der Persönlichkeit, des Typus Mensch, als die jeweilige Summe eines ganz bestimmten Wirkens, führt zu einem Aspekt von geradezu revolutionärer Bedeutung. Er erschließt uns nicht mehr und nicht weniger als die Möglichkeit, Herr des eigenen Schicksals zu sein, denn die Summierung dieses Wirkens ist unsere Sache, ist die Sache jedes einzelnen Menschen, der es, kraft seiner Einsicht in die Wirklichkeit, völlig in der Hand hat, dieses Wirken so oder so zu gestalten. Darum ist zu sagen: So wie ich wirke, so bin ich.

 

Diese Einsicht hat aber auch noch zur Folge, daß wir die Freiheit unseres bestimmenden Handelns, bestimmend in Hinsicht auf die Richtung und den Wert unseres Persönlichkeits-Prozesses, als gegeben erkennen. Das Bewußtsein dieser Freiheit ist in unserer Leidenswelt das Tröstlichste, was es geben kann. Wir erkennen uns als die Erben unseres eigenen Wirkens, aber auch als die Former und Gestalter unserer Zukunft. In einem späteren Kapitel werden wir noch ausführlich auf dieses Thema zu sprechen kommen.

 

Ohne Zweifel ist das denkbar unmittelbarste Erlebnis das des eigenen Ich, das mit dem dem Objektiven gegenüberstehenden Subjekt identisch erscheint. Wir werden aber sofort stutzig, wenn wir beobachten, daß an diesem Ich so vieles nicht Subjekt, sondern Objekt ist, das von den körperlichen Formen bis zu den innersten Gemütsbewegungen reicht. Zuguterletzt mag als sogenanntes Ich-Subjekt noch das Selbst-Bewußtsein verbleiben, das im Satze „Ich bin Ich" seinen letzten Ausdruck findet.

 

Was ist nun in dieser Formulierung „Ich bin Ich" Objekt und was ist Subjekt?

 

Da es auf diese Frage keine restlos befriedigende Antwort gibt und geben kann, muß geschlossen werden, daß sie falsch gestellt ist. Vom Standpunkt der Wirklichkeit aus kann und darf nicht gefragt werden nach einem dauernden Subjektiven, das dem vergänglichen Objektiven gegenübersteht, sondern nur nach den Bedingungen, aus denen heraus sowohl Erkennendes wie Erkanntes, Subjektives sowohl wie Objektives, entsteht. Beides ist bedingt, beides ist abhängig von vielerlei Faktoren, hauptsächlich aber ist beides voneinander abhängig.

 

Es gibt kein Subjekt ohne Objekt, so gut wie es kein Objekt ohne Subjekt gibt. Ein Betrachtender ohne ein zu Betrachtendes ist so wenig denkbar wie ein Betrachtetes ohne den Betrachtenden. Das eine steht und fällt mit dem anderen. So muß also richtigerweise gefragt werden: Von was ist Selbst-Bewußtsein abhängig? Und darauf wäre zu erwidern: von all den sich gegenseitig bedingenden Persönlichkeits-Gruppen und ihrem Ineinanderwirken.

 

Bedingungslos könnte nur ein Absolutes sein, das aber kann nie wirklich sein, und so ist darüber auch nichts auszusagen. Wer aber trotzdem davon redet, und es wird viel darüber geredet, dem wäre zu bedeuten, daß schweigen in diesem Falle besser ist.

 

Irgend etwas begreifen heißt etwas in sich aufnehmen, wie Nahrung aufgenommen wird. Man könnte also den Vorgang des Begreifens, des Bewußtwerdens, der Apperzeption, als einen sich auf geistigem Gebiet abspielenden Ernährungsvorgang auffassen. Wie durch die körperliche Ernährung das Gefühl von Sattheit und des Befriedigtseins aufsteigt, so wird durch den Begreifensvorgang eine Art temporärer geistiger Sättigung erreicht, eben das Begreifen oder das Begriffen-haben. Dieses Begriffen-haben ist die abschließende Phase des Bewußtwerdens, wie die Sattheit die abschließende Phase bei der körperlichen Ernährung ist, und als Resultat oder als Frucht ergibt sich daraus der Begriff.

 

Tritt ein Ding, ein geistiges oder körperliches Etwas von außerhalb des Persönlichkeits-Prozesses in den Bereich des Bewußtseins, so entsteht der Begriff „Ding’, oder „Objekt"; fällt aber der eigene Persönlichkeits-Prozeß unter die Betrachtung und soll begriffen werden, so entsteht als Abschluß dieses begrifflichen Vorganges der Begriff „Ich".

 

Sowohl Objekt wie Subjekt sind also Ergebnisse begrifflicher Vorgänge, sind Resultate eines bestimmten Ernährungs- oder Werde-Prozesses, der natürlich bedingt ist wie alles andere.

 

Was könnte also da noch ein transzendenter Begriff wie „ewige Wesenheit", oder „Absolutes", oder „Ding an sich", oder „Ich" usw. bedeuten? Somit ist die Aussage „Ich bin Ich" nichts anderes als das Sich-selber-bewußt-werden des Persönlichkeits-Prozesses, und diese Aussage oder Feststellung ist genau so bedingt entstanden wie der Prozeß selber.

 

Wer also „Ich" sagt, oder „Mein", oder „Mir", der mag sich wohl bewußt sein, daß damit nicht ein ewiges, transzendentes, absolutes Selbst oder Überselbst gemeint werden kann, wie es anfänglich der König MILINDO in seinem Gespräch mit NAGASENO meinte, sondern daß es nur Bezug haben kann auf ein Wirkliches, auf ein Zusammen-wirkendes, wie es eben im Persönlichkeits-Prozeß existent oder wirklich ist.

 

Das „Wesenhafte", die „Seele", das „Ich", das „wahre Selbst", oder wie immer es benannt werden mag, das auch im Tode nicht vernichtet wird und das, ewig sich gleichbleibend, sich nur immer wieder neu manifestiert und durch die Zeiten wandelt als ein . . . ja, als was? als ein unbegreifbarer Begriff, als eine Fiktion, als ein Mißverständnis, als ein völlig Überflüssiges, als ein Phantom, das an unserer Situation und an unserem Wirken nicht das Geringste zu ändern vermag, das ist es, was im Denken in allererster Linie überwunden werden muß, denn das sich Gebunden-fühlen an ein transzendent Unerkennbares, auch wenn es nur eine Fiktion ist, ein Glaube, lähmt alle und jede Initiative in Hinsicht auf die mögliche Überwindung des ganzen Persönlichkeits-Prozesses, der als ein Leidens-Prozeß und als nichts anderes zu durchschauen ist.

 

Vergänglichkeit ist das Kriterium des Leidens und wir sind vergänglich.


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