6. Bereiche der Existenz

WIRKLICHKEIT UND ERLÖSUNG

I.6. BEREICHE DER EXISTENZ

 

Wer mit offenen Augen in die Welt blickt, der ist tief beeindruckt von der ungeheuren Vielfalt der Lebensformen. Was da an Verschiedenartigkeit sowohl im botanischen wie im zoologischen Bereich zu finden ist, kann kaum überblickt werden, und in unserem eigenen Existenz-Bereich, im Menschentum, treffen wir keine zwei Wesen an, die einander völlig gleich sind.

 

Es mag scheinen, als wäre da wenig gesagt, wenn hinsichtlich der Ursache dieser Verschiedenartigkeit der Formen und Charaktere nur erwähnen, daß sie in der inneren Veranlagung der einzelnen Wesen liegt, d. h. in der steten Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten und den daraus sich entwickelnden Bedürfnissen, Gewohnheiten, Ansprüchen, Schutzmaßnahmen und all den unzähligen Wünschen, die immer wieder befriedigt sein wollen, und doch ist damit alles gesagt. Es spielt gar keine Rolle, ob diese Vorgänge mehr oder weniger bewußt vor sich gehen, daß sie aber Wirklichkeit sind, darüber ist gar kein Zweifel möglich, da wir sie ja in uns selber ununterbrochen erleben.

 

Trotz der ungeheuren Vielfalt der Lebewesen sind wir in der Lage, sie zu klassifizieren. Wir unterscheiden drei große Gebiete oder Existenz-Bereiche: die Pflanzenwelt, die Tierwelt und den Bereich des Menschen. Was sich unterhalb dieser Bereiche befindet, und was darüber hinausgeht, das entzieht sich unserer unmittelbaren Anschauung und darum wird es in das Gebiet des Fraglichen, des Unwirklichen, ja des Phantastischen verwiesen. Begreiflich, denn was unsere Sinnesorgane nicht ohne weiteres zu erfassen vermögen, das braucht ja gar nicht zu existieren; jedenfalls kann es geleugnet und bestritten werden.

 

Wir hören mancherlei von sogenannten Geistern und Gespenstern, von Dämonen, Teufeln und Göttern, aber da denken wir sofort an Sagen und Märchen, an Phantasien und Träumereien, an Hirngespinste und Illusionen, und es besteht sehr wenig Neigung, in dieser Hinsicht an Wirklichkeit zu glauben und zuzugeben, daß solche über- und unterweltlichen Wesen tatsächlich existent sein können.

 

Was wir aber nicht zu leugnen vermögen, das sind Gemüts-Zustände, Bewußtseins-Zustände, emotionale Vorgänge, die man als himmlisch oder höllisch ansehen kann. Wir erleben solche Zustände und dabei können wir genau feststellen, daß es innere Zustände sind, denen wohl äußere Geschehnisse zugrunde liegen mögen, die aber als Erlebnis unabdeutbare Wirklichkeit sind.

 

Wenn schon die Welt bloß am Faden des Bewußtseins hängt, so kommen wir nicht um die Tatsache herum, daß die Qualität des Bewußtseins auch die Qualität der Welt bestimmt.

 

Ein höllischer Bewußtseins-Zustand ist nicht in einer himmlischen Welt denkbar, und umgekehrt ist ein himmlischer Zustand nicht in einer Höllenwelt denkbar; beide Welten aber sind Entsprechungen jeweiliger Gemütsverfassungen und geistiger Zustände und sind dementsprechend durchaus existent, da sie ja Teil-Erscheinungen unserer Psyche sind. Wie kämen wir überhaupt auf den Begriff über- oder unterweltlicher Bereiche, wenn sie nicht in uns selber irgendwie zu finden wären? Was sich dem primitiven Geist als ein „räumliches" Gebiet vorstellt, das stellt sich dem kritischen und höher entwickelten als ein psychischer Zustand dar, der latent immer vorhanden ist und der sich unter gewissen Bedingungen zur Erlebnis-Tatsache steigern kann.

 

Es gibt immer wieder Menschen, denen das Glück geradezu aus den Augen leuchtet; ihre Begehrungen sind erfüllt, ihre Sehnsucht ist gestillt und sie befinden sich gerade, wie man so treffend sagt, im siebenten Himmel. Dieser „siebente Himmel" ist kein Phantom und kein Hirngespinst, kein bloßer Glaube und kein Trug, sondern Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit mag von kürzerer oder längerer Dauer sein, das hängt ganz von den Umständen ab, aber sie kann nicht weg geleugnet werden.

 

Ein Sturz aus diesem Himmel, oder sagen wir aus dieser Himmelswelt, kommt für den Betroffenen fast einer kosmischen Katastrophe gleich und wird auch als das erlebt. „Himmelhoch jauchzend" und „zu Tode betrübt", das sind die Extreme menschlicher Gemütszustände, und dazwischen breitet sich das sogenannte „normale" Leben aus, mit seinem unterbrechungslosen Auf und Ab emotionaler Zustände, seinem alltäglichen Kleinkram von Freud- und Leid-Empfindungen und den kurzen von Gleichmut oder Gleichgültigkeit erfüllten Ruhepausen.

 

Es kann nicht geleugnet werden, daß die Welt des Verbrechers eine andere ist als die des Menschenfreundes und Selbstlosen. Der Unterschied zwischen der geistigen Verfassung eines sittlich Verwahrlosten, eines Verbrechers, und der eines NIKLAS VON FLÜE, eines ANGELUS SILESIUS oder eines Meisters ECKEHARDT usw. ist dermaßen groß, daß mit Recht gesagt werden kann, es liegen Welten dazwischen Es gibt Menschen, deren ganzes Wesen etwas Raubtierhaftes an sich hat, etwas Tierisches, deren Dasein sich in bloß animalischen Aktionen und Reaktionen erschöpft und die völlig unfähig sind, sich in die Sphären höherer Geistigkeit aufzuschwingen. Andererseits gibt es Menschen, denen alles bloß Vitale wie ein notwendiges Übel erscheint, dem sie auszuweichen bestrebt sind, weil eben ihre Tendenzen auf jene geistigen (himmlischen) Sphären gerichtet sind, die reineren und höheren Bewußtseins-Zuständen entsprechen. Da kann man schon von Himmels- und Höllenwelten reden.

 

In jener frommen Gläubigkeit, die unter solchen Welten das Jenseits versteht, das nach dem Tode die Guten und Bösen erwartet, wo sie, je nach ihrem diesseitigen Tun und Lassen belohnt oder bestraft werden, schimmert wohl ein klein wenig Wirklichkeit hindurch, aber sie ruht doch allzusehr auf einer sowohl primitiven wie naiven Denkungsart, welcher die eigentlichen Zusammenhänge verborgen bleiben. Sie mag an sich ihr Gutes haben, da sie im Bösen hemmend und im Guten fördernd wirken kann, aber sie fördert nicht die Einsicht in die Wirklichkeit und bleibt im bloß Gefühlsmäßigen stecken, womit sie nichts zur Erreichung des großen Erlösungs-Zieles beiträgt.

 

Himmels- und Höllenwelten sind also bereits diesseitig erlebbar, so daß auf sie nicht bis zur Stunde des Todes gewartet zu werden braucht; wohl aber könnte es sein, daß ein tierischer Charakter, ein Mensch mit hauptsächlich animalischen Eigenschaften und Tendenzen, nach seinem Tode nicht mehr im Bereiche des Menschen, sondern dort wiedererscheint und Wurzel faßt, wo er kraft seiner Veranlagungen hingehört, im Tierreich. Es könnte auch sein, daß ein Mensch der sich von allem bloß Triebhaften und Vitalen losgelöst hat, also ein Heiliger, nach seinem Tode nicht mehr im Menschentum Wurzel schlägt, sondern dort, wo keine sinnlichen Regungen, sondern nur noch von Willensakten losgelöste Reine Formen existent sind.

 

Zugegeben, das Alltags-Bewußtsein reicht nicht aus, um solche Unter- und Überwelten anschaulich fassen zu können, aber das beweist nichts gegen das Dasein derartiger Lebens-Ebenen.

 

Wir haben ja schon davon gesprochen, daß innerhalb des Mensch-Seins und So-Seins bereits die allergrößte Verschiedenartigkeit in den Bewußtseins- und Gemütszuständen möglich und wirklich ist, und daß wir schon im Diesseits Himmels- und Höllenwelten erleben können. Wir lassen also nicht außer acht, daß die Bewußtseinszustände im Bereiche des Menschen ja nicht die für ihn allein möglichen sind. Wir können uns diese Zustände sowohl nach oben wie nach unten fortgesetzt denken, wie die Tastatur eines Klaviers sowohl nach den hohen wie nach den tiefen Tönen erweitert gedacht werden kann. Dabei kommen wir rein gedanklich zu Daseins-Sphären, die mit unseren gewöhnlichen Sinnesorganen nicht mehr erfaßt werden können, wie die Töne vom Ohr nicht mehr aufgenommen werden, wenn ihre Schwingungszahl ein gewisses Maß über- oder unterschreitet Diese Begrenzung ist aber keine absolute, d. h. es ist nicht ausgeschlossen, daß wir trotz des relativ kleinen Aktionsradius’ unserer Organe, auch mit sogenannten übersinnlichen Welten in Berührung kommen können, oder zu kommen vermögen; also mit Existenz-Bereichen, die über dem normalen Fassungsvermögen unserer Sinnesorgane liegen. Das ist aber nur unter Voraussetzungen möglich, die nicht jedermanns Sache sind. Im konkreten Falle geht es darum, bewußt und zielgerichtet alles aus seinem Geiste auszuschalten, was noch als weltlich und daher als hemmend und störend angesehen werden muß. Diese Ausschaltung und Beruhigung führt zu einer derartigen Verfeinerung des Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögens, daß auf Grund derselben, Erscheinungen in den Bereich des Bewußtseins treten, die vorher nicht wahrgenommen werden konnten. Ähnlich wie die Stille der Nacht unser Ohr für Geräusche empfänglich macht, die im Lärm des Tages einfach unhörbar sind.

 

Diesen Geisteszustand, in dem alles Störende und Hemmende in Hinsicht auf eine durchdringende Erkenntnis, oder in Hinsicht auf ein anschauliches Erkennen höherer Welten ausgeschaltet ist, nennen wir Konzentration, geistige Sammlung, Meditation, Versenkung usw. Wir werden darauf später noch eingehend zurückkommen. Hier soll vorerst nur auf die Bedingungen hingewiesen werden, die als Voraussetzung für eine Fühlungnahme mit übersinnlichen Welten notwendig sind.

 

Wesen höherer Art, sogenannte überweltliche Wesen, brauchen ja nicht räumlich von uns getrennt zu sein. Sie mögen so organisiert sein, daß nur die Verschiedenheit der Empfindungs- und Bewußtseins-Schwelle als trennender Faktor auftritt, die unter gewissen Voraussetzungen aufgehoben werden kann, und sie wird aufgehoben im Zustande der Meditation.

 

Alle Menschen, denen es gegeben ist, die Aktivität ihrer Sinnesorgane, einschließlich des Denkorgans, so einzudämmen und zu beruhigen, daß sich daraus ein Zustand tiefster Versenkung ergibt, stimmen restlos darin überein, daß ein solches Stadium geistiger Verfassung die Trennwand zwischen dem Sinnlichen und Übersinnlichen beseitigt und ein direkter Kontakt mit überweltlichen Bereichen zur Wirklichkeit wird.

 

Wenn es also dem gewöhnlichen menschlichen Bewußtsein nicht gelingt, einen derartigen Kontakt herzustellen, so beweist das gar nichts gegen die Möglichkeit eines solchen. Schon der alte EPIKUR hatte die irrige Auffassung, daß die Götter „in den Zwischenräumen der Welt" wohnen, wozu DU PREL in seinem Buche „Entwicklungsgeschichte des Weltalls" korrigierend bemerkt, daß sie vielmehr „in den Zwischenräumen unserer Erkenntnis der Welt" wohnen; womit er treffend auf die bewußtseinsimmanente Existenz der Götter hingewiesen hat. Götterwelten haben nichts mit jener eigentlichen Transzendenz zu tun, wie sie z. B. im Falle des christlichen Gottes-Begriffes gegeben ist; sie sind wohl für unser Bewußtsein transzendent, aber nur insoweit als dieses Bewußtsein im gegebenen Falle infolge mangelnden Trainings versagt. Sie stellen einfach Lebens-Ebenen ähnlich der unsrigen dar, nur höher, feiner, lichtvoller, von reinerer und intensiverer Freude erfüllt, und sie sind bedingt, wie wir selber bedingt sind. Was aber bedingt ist, das ist vergänglich.

 

Bei solcher Betrachtung weitet sich die Anschauung der Welt, oder vielmehr der Lebensbereiche, weit hinaus über die grob materiellen Daseinsformen zu rein psychischen Existenzformen, die von den ausschließlich von Qualen erfüllten Höllenwelten über alle möglichen Zwischenstufen bis zu den höchsten Himmelswelten reicht. Wir beschränken uns da nicht mehr auf Menschen, Tiere und Pflanzen, sondern greifen hinaus in die tieferen und höheren Ebenen, in die unter- und überweltlichen Bewußtseins-Sphären, die latent in uns selber schlummern. So wie wir sind, so erscheint uns auch die Welt, denn die Welt sind wir letzten Endes selber. Die Unter- und Überwelten sind uns im Prinzip nichts Fremdes, können es nicht sein, denn es sind Projektionen unserer Gemütsverfassungen, es sind Phasen unseres Lebensstromes, der in seinem anfangslosen Kreisen alles einbezieht, was überhaupt einbeziehbar ist, vom Dunklen, Schweren, Höllischen bis zum strahlend Lichtvollen, bis zur reinen, glückseligen Himmelswelt. So wandeln wir pausenlos durch die Höhen und Tiefen der Existenz; einmal oben, einmal unten, in ewigem Wechsel. Wir wandeln nicht als eine Ichheit, sondern als bedingtes Entstehen und Vergehen, als Erlebnis „an sich".

 

Wenn wir das bisher Gesagte irgendwie an einem Beispiel illustrieren wollen, so möge uns dazu das einleuchtendste und im Abendland allseitig bekannteste dienen, das Auftreten von JESUS CHRISTUS im Existenz-Bereich des Menschen. Wir verwenden zur Schilderung dieses Ereignisses nicht einen biblischen Text, sondern einen bedeutend älteren: „Die Reden GOTAMO BUDDHOS Längere Sammlung (Dighanikayo)". Nicht etwa, daß der BUDDHA schon fünfhundert Jahre v. Chr. auf CHRISTUS hingewiesen hätte, ganz und gar nicht, sondern er hat einfach den Vorgang als solchen dargelegt, wie er sich im Laufe der Weltenentstehungen und Weltenvergehungen schon unzählige Male wiederholt haben mag und sich wiederholen wird. Die in Frage kommende Stelle in den Pali-Texten lautet:

 

„Es kommt wohl, ihr Mönche, eine Zeit vor, wo sich da wieder einmal, im Verlaufe langer Wandlungen, diese Welt zusammenballt. Wann die Welt sich zusammenballt, ballen sich die Wesen zumeist als Leuchtende zusammen. Die sind dann geistförmig, genießen Wonne, kreisen selbstleuchtend im Raume, bestehen in Schönheit, lange Wandlungen dauern sie durch."

„Es kommt wohl, ihr Mönche, eine Zeit vor, wo sich da wieder einmal, im Verlaufe langer Wandlungen, diese Welt auseinanderballt. Wann die Welt sich auseinanderballt, kommt ein öder Brahmahimmel zum Vorschein. Aber eines der Wesen, aus Mangel an Kraft oder Mangel an Güte dem Reigen der Leuchtenden entschwunden, sinkt in den öden Brahmahimmel herab. Auch das ist noch geistförmig, genießt Wonne, kreist selbstleuchtend im Raume, besteht in Schönheit, lange Wandlungen dauert es durch."

„Nach einsam dort lange verlebter Frist erhebt Unbehagen und Unruhe sich in ihm: ,O daß doch andere Wesen noch hier erschienen!’ Und andere der Wesen noch, aus Mangel an Kraft oder Mangel an Güte dem Reigen der Leuchtenden entschwunden, sinken in den Brahmahimmel herab, gesellen sich jenem Wesen zu. Auch diese sind noch geistförmig, genießen Wonne, kreisen selbstleuchtend im Raume, bestehn in Schönheit, lange Wandlungen dauern sie durch."

„Da ist, ihr Mönche, jenem Wesen, das zuerst herabgesunken war, also zumute geworden: ,Ich bin Brahma, der große Brahma, der Übermächtige, der Unübermächtigte, der Allsehende, der Selbstgewaltig, der Herr, der Schöpfer, der Erschaffer, der Höchste, der Erzeuger, der Erhalter, der Vater von allem, was da war und sein wird: von mir sind diese Wesen erschaffen. Und woher weiß ich das? Ich habe ja vordem gewünscht ,O daß doch andere Wesen noch hier erschienen’: das war mein geistiges Begehren, und diese Wesen sind hier erschienen.’ Die Wesen aber, die da später herabgesunken sind, auch diese vermeinen dann: ,Das ist der liebe Brahma, der große Brahma, der Übermächtige, der Unübermächtigte, der Allsehende, der Selbstgewaltige, der Herr, der Schöpfer, der Erschaffer, der Höchste, der Erzeuger, der Erhalter, der Vater von allem, was da war und sein wird: von ihm, dem lieben Brahma, sind wir erschaffen. Und woher wissen wir das? Ihn haben wir ja hier schon früher dagesehn, wir aber sind erst später hinzugekommen.’"

"Nun hat, ihr Mönche, das Wesen, das zuerst herabgesunken ist, eine längere Lebensdauer, eine höhere Anmut, eine größere Macht; während die Wesen, die später nachgekommen sind, geringere Lebensdauer, geringere Anmut, geringere Macht haben. Es mag aber wohl, ihr Mönche, geschehn, daß eines der Wesen diesem Reich entschwindet und hienieden Dasein erlangt. Hienieden zu Dasein gelangt wird ihm das Haus zuwider, als Pilger zieht er von dannen. Ohne Haus und Heim hat er als Pilger in heißer Buße, in stetem Kampfe, in ernster Übung, in unermüdlichem Eifer, in tiefer Bedachtsamkeit eine geistige Einigung errungen, wo er innig im Herzen seiner früheren Daseinsform sich erinnert, darüber hinaus aber nicht sich erinnert. Der sagt sich nun: ,Er, der der liebe Brahma ist, der große Brahma, der Übermächtige, der Unübermächtigte, der Allsehende, der Selbstgewaltige, der Herr, der Schöpfer, der Erschaffer, der Höchste, der Erzeuger, der Erhalter, der Vater von allem, was da war und sein wird, von dem wir, dem lieben Brahma, erschaffen sind: er ist unvergänglich, beständig, ewig, unwandelbar, ewig gleich wird er immer so bleiben; während wir, die wir von ihm, dem lieben Brahma, erschaffen wurden, vergänglich sind, unbeständig, kurzlebig, sterben müssen, hienieden zur Welt gekommen.’"

 

Setzen wir im obigen Text an Stelle des indischen Begriffes ,,Brahma" den Ausdruck „Gott Vater" und betrachten wir JESUS CHRISTUS als jenes Wesen, das aus der Schar der „Strahlenden" abscheidet und in dieser irdischen Existenz erscheint, ausgestattet mit dem Rückerinnerungsvermögen an seine frühere Himmelswelt, so haben wir hier nicht weniger vor uns, als die Entstehungsgeschichte sowohl des christlichen Gottesbegriffes, als auch der christlichen Lehre von der Himmelswelt und des von dort ausgegangenen Gott-Sohnes.

 

JESUS war zeit seines Lebens durchdrungen vom Wissen um die Himmelswelt, aus der er zu den Menschen herabgestiegen, und er war durch und durch erfüllt von der Sehnsucht nach dieser Himmelswelt, so erfüllt, daß alles Irdische ihm nichts bedeutete. Er kannte auch den Weg dorthin und er predigte ihn immer und überall. Der Weg, das ist in diesem Falle die reine Menschenliebe, die nichts Höheres kennt als die eigene Hingabe an den Andern, den selbstlosen Verzicht zum Wohl und Heil der Mitmenschen, das Mitleid und Erbarmen mit den Sterblichen, das gütige und verzeihende Verstehen aller Schwächen und Fehler des irrenden Menschen. Das ist es, was immer und immer wieder geübt und gepflegt, zum Himmel führt, in die Gefilde der Seligen oder Strahlenden und wahrlich, wer hat es nicht schon gekostet, wie beglückend und beseligend diese reine Liebe für den Liebenden selber sein kann! Nichts macht so heiter, froh und glücklich wie das selbstlose Erlebnis des Gebens, des Wohlwollens und Gutseins, des Verstehens und Verzeihens.

 

Es mag den Anschein erwecken, als hätten wir mit diesem Beispiel den Boden der Wirklichkeit verlassen und uns dem Bereiche des Glaubens zugewandt. Das ist keineswegs der Fall. Man muß nur den oben zitierten Text so lesen, wie er gelesen werden muß, d. h. ohne die Vorstellung eines transzendenten Hintergrundes. Dieser Brahma oder Gottes-Begriff hat nichts zu tun mit dem Gottes-Begriff, wie ihn die Glaubens-Religionen und da in allererster Linie das Christentum kennen und verstanden wissen wollen. Es handelt sich hier um Götter, deren Sein ein bedingtes ist und nicht ein unbedingtes, absolutes wie beim Gott der Glaubens-Religionen. Das bedeutet aber, daß diese Götter, mögen sie langlebig oder kurzlebig sein, aus Bedingungen und Ursachen entstehen und daher dem Gesetze der Vergänglichkeit unterworfen sind. Sie entstehen und vergehen, wie wir Menschen entstehen und vergehen. Sie sind in ihrer Art nichts anderes, als höhere und reinere Lebensformen und Bewußtseins-Stadien, die an sich wiederum nichts anderes sind als eine Steigerung jener erlebbaren und erlebten Zustände, die wir als glückselige kennen. Unser menschliches Bewußtsein ist eines, ein tieferes oder höheres ist ein anderes. Wie kämen wir dazu, die Möglichkeit solch andersartiger Bewußtseins-Zustände zu verneinen?

 

Das, was wir unter Dasein verstehen, ist, recht betrachtet, nicht ein Sein, sondern ein Werden. Wer sich selber mit wachen Augen zu beobachten versteht, der erlebt dieses Werden mit jedem Atemzug als ein ununterbrochenes, mit jedem Herzschlag, mit jedem aufsteigenden Gedanken, mit jeder Wahrnehmung und Empfindung. Gerade dieses Werden aber ist es, dieses ununterbrochene Fließen des Lebensstromes, das in seiner zeitlichen Unbegrenztheit die Möglichkeit des Auf und Ab, die Möglichkeit der Himmels- und Höllenwelten, der Bewußtseins-Stufen und -Stadien, die hinsichtlich ihrer Glück- und Leidempfindungen von größter Differenziertheit sind, verbürgt. Unsere derzeitige Existenz ist also nicht die allein mögliche.


 Home Oben Index Next