II.A. Weg und Wandel

WIRKLICHKEIT UND ERLÖSUNG

II. Weg und Wandel

II.A. SITTLICHKEIT

 

Wir wenden uns hin zur Beantwortung der Frage: „Was muß praktisch getan werden, um das Leiden endgültig zu überwinden?"

 

Es mag paradox klingen, wenn darauf richtigerweise erwidert werden kann, daß da sowenig als möglich getan werden muß, weil ja gerade das Tun im weltlichen Sinne mit eine Ursache des Leidens ist. Damit ist schon gesagt, daß das aus dem sowohl innerlich wie äußerlich zu pflegenden Lassen von den Dingen sich ergebende Nichttun entscheidend wichtig ist, denn wo nichts geschieht, kann es auch keine Folgen aus einem Geschehen geben und deshalb auch kein Leiden. Das scheint eine sehr einfache Formel und ein primitives Rezept zu sein, aber in Tat und Wahrheit ist das ganz und gar nicht einfach und primitiv. Das Lassen ist viel schwerer als das Tun, denn das Tun ist immer ein Befriedigen, wohingegen das Lassen ein Abstehen vom Befriedigen ist, ein Fahrenlassen der Wunscherfüllung, ein Meiden, ein Zurückziehen, ein Aufgeben, ein Nicht-mehr anstatt eines Noch-mehr.

 

Daß ohne Einsicht in die Wirklichkeit ein solches Lassen überhaupt je zur Erwägung käme, ist sehr fraglich, denn in der Erfüllung des Wollens scheint ja alles Glück zu liegen, alle Befriedigung und damit alles Zufriedensein. Wie die immer wieder neu zu machende Erfahrung aber zeigt, immer und immer wieder zeigt, ist die Willensbefriedigung jeweils nur von kurzer Dauer. Neue Wünsche steigen empor, neues Verlangen, neues Begehren, neues Wollen, und so setzt sich der Kreislauf des Begehrens und Erfüllens immer fort und fort, ohne Anfang und ohne Ende.

 

Um diesem endlosen Kreislauf, diesem ewigen und verhängnisvollen Tanz von der Geburt zum Tode, diesem immer wieder neu Geborenwerden und Sterben Einhalt bieten zu können, genügt es natürlich nicht, bloß um die Wirklichkeit zu wissen, es muß auch etwas geschehen, d. h. es muß einmal der Anfang mit dem Aufhören des Geschehens gemacht werden. Paradox gesprochen: es muß geschehen, daß nichts geschieht.

 

Es war einmal ein großer chinesischer Weiser, der das Nicht-tun zu seiner Lebensmaxime gemacht hatte: LAO-TSE.

 

„Die Welt erobern wollen durch Handeln: ich habe erlebt, daß das mißlingt",

sagt er im 29. Vers seines Tao-te-king. Aber dieses Wu-Wei, dieses Nicht-tun des LAO-TSE hat einen positiven Aspekt, denn es führt etwa ja nicht zur Überwindung der Welt und des Ich’s, sondern vielmehr zur maximalen Erfüllung derselben und zwar, um einen Ausdruck RICHARD WILHELMS zu gebrauchen, durch die Vermeidung der sogenannten positiven Gewaltregungen, die durch negative Gewaltregungen zu ersetzen sind.

 

Bei LAO-TSE handelt es sich nicht um Entsagung, sondern um Erfüllung, um das Ganz-sein dessen, was meistens nur als rudimentär erscheint; es handelt sich bei ihm um das Tao, das wohl nicht nach der Meinung RICHARD WILHELMS als Sinn, sondern vielmehr als das restlose Ganz-sein eines Gegebenen, als das völlige So-sein desselben zu definieren und zu deuten ist. Dieser kurze Hinweis auf LAO-TSE soll nur dazu dienen, eine Verwechslung oder ein Mißverstehen zu verhüten, wenn wir vom Nicht-tun sprechen.

 

In unserem Falle handelt es sich also nicht um die totale Erfüllung, sondern ausschließlich um das Auslöschen, um das Nicht-mehr, das bis zur Totalität angestrebt wird. Dieses Nicht-mehr darf aber auch nicht mit Nihilismus verwechselt werden, der ja die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wahrheit verneint und dazu noch alle ethischen Werte überhaupt, was ungefähr das Gegenteil von dem ist, was wir in diesem Buche darzulegen versuchen.

 

Solange die Flamme noch Brennstoff hat, wird sie brennen, wenn aber einmal der Brennstoff verzehrt ist, dann wird sie erlöschen. Als Brennstoff gelten in unserem Falle, im Falle der Menschen und der Wesen überhaupt, die Leidenschaften, der Haß und die Unwissenheit in Hinsicht auf die Leidhaftigkeit und bedingte Entstehung alles Gewordenen. Brennstoff ist weiterhin alles gewollte Tun, das zum Anhaften führt, zu neuen Wünschen und Begehrungen, ist der Lebenswille im eigentlichsten Sinne des Wortes. Das triebhafte Wollen darf nicht mehr gewollt werden; erst wenn das erlischt, dann erlischt auch das Leiden.

 

Es ist nicht vorstellbar, daß ein von Böswilligkeit und Leidenschaft erfüllter Mensch glücklich sein kann. Alle Erfahrung bestätigt, daß ein solch ewig getriebener und gehetzter Mensch, voller Unruhe und Qual, gleich einem Schiff im Sturm auf dem Meere seines Lebens hin und her tanzt. Wahrlich kein würdiges Beispiel dafür, was wir uns unter einem glücklichen Menschen vorstellen. Es brauchen aber nicht immer Böswilligkeit und Leidenschaft im ausgeprägten Sinne zu sein, es genügen schon weit schwächere derartige Emotionen, um darauf hinweisen zu können, daß da etwas Nicht-sein-sollendes ist, daß zum mindesten Tendenzen da sind, die eine Entropie der Leidenschaften verhindern.

 

Was aber diesen verhängnisvollen Tendenzen unmittelbar entgegenwirkt und ihnen diametral gegenübersteht, ist die Sittlichkeit, die deshalb als Grund und Boden aller Bemühungen um das wirkliche und reine Glück, das in der völligen Leidlosigkeit verwirklicht ist, zu dienen hat.

 

Es gibt keine Religion und keine Ethik, die nicht der Sittlichkeit als solche eine überragende Bedeutung hinsichtlich der Erreichung des religiösen Heilszieles beimessen würde, wobei es dahingestellt bleiben mag, was im einzelnen Falle als Sittlichkeit betrachtet wird. Das kulturelle Niveau, die Eigenartigkeit der Lebensbedingungen, althergebrachte Gewohnheiten und Gebräuche usw. mögen gewisse Verschiedenheiten in der Wertung dessen, was als sittlich gilt, verständlich machen. Es gibt aber eine allgemeine und durchaus populäre Formel, die besagt, was zu tun oder nicht zu tun ist, sie lautet: „Füge keinem andern zu, was du nicht willst, daß man dir tu’." Damit stimmt auch KANT’s Grundgesetz der praktischen Vernunft überein, das er so formuliert:

 

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

Es liegt diesem kategorischen Imperativ aber nur das bloße Sollen zugrunde und nicht etwa das Nicht-anders-können, was ihm hinsichtlich seiner ethischen Bedeutung abträglich ist. Es sind abstrakte Motive, die den kategorischen Imperativ motivieren, d. h. sie sind aus bloßen Überlegungen gewonnen und sind daher nicht im eigentlichen Sinne Erlebnis und darum auch nicht Wirklichkeit. Der Form nach mag KANT Recht haben, aber dem inneren Gehalt nach ist seine These unbefriedigend, denn was sich daraus als Sittlichkeit ergibt, kann ein bloßes Tun „als ob" sein, ohne daß dahinter mehr steckt als eine gewöhnliche Pflichterfüllung. Sittlichkeit ist aber nicht einfach Pflichterfüllung, sondern ist vielmehr ein Zustand, eine geistige Haltung, die sich nicht bloß auf Pflichten gründet, sondern vielmehr auf die Einsicht in die Wirklichkeit, auf das Erkennen von unumstößlichen Wahrheiten hinsichtlich des Lebens und Sterbens, auf das klare Bewußtsein der Leidhaftigkeit alles Gewordenen und Gestalteten, alles Begehrens und Anhaftens; kurz, auf die Leidhaftigkeit und Wesenlosigkeit nicht nur der Welt, sondern auch dessen, was wir Persönlichkeit nennen.

 

Der höchste und letzte Sinn der Sittlichkeit, der Tugend und Reinheit, der Reinheit von den Befleckungen des Daseins, liegt in der Überwindung des Leidens und nicht etwa in der Einhaltung von Geboten göttlicher oder menschlicher Autoritäten. Das Leiden ist hier, wie ja bereits dargetan wurde, als die kosmische Gebundenheit an die Vergänglichkeit alles Seins zu verstehen und somit als ein alles durchdringender Zustand, den es eben zu überwinden gilt. Dies allein ist der Hintergrund wahrer und wirklicher Sittlichkeit, ihr ausschließlicher Sinn und Zweck.

 

Das Unsittliche in jeder Form, sowohl im Tun, wie im Reden und Denken, ist immer ein Hindernis auf dem Wege zur vollendeten Leidfreiheit, zur Entropie der Leidenschaften, Zur vollkommenen Glückseligkeit, und darum ist es verwerflich, darum ist es zu meiden und zu überwinden.

 

Wer hier etwa einwenden möchte, daß unter solchen Aspekten die Menschenliebe und das Mitleid, die als Stimulans eines humanen Handelns, einer wahren Menschlichkeit, eine überragende Rolle spielen, zu kurz kommen müssen - da hier die Ausrichtung des Denkens ja nur auf die eigene Erlösung gerichtet ist, das Wohlergehen der anderen aber einfach ignoriert wird - dem müßte gesagt werden, daß nur derjenige, der sich nicht selber im Sumpfe befindet, einem Sumpfversunkenen beistehen kann. Daher ist es primäres Erfordernis, vorerst sich selber in jenen Zustand zu bringen, der für ein überlegtes und zielbewußtes Eingreifen und Beistehen im Falle der Not und des Unglücks von Mitmenschen Bedingung ist.

 

Wie könnte mit einem von Leidenschaften durchwühlten Herzen Trost und Hilfe gespendet werden? Wie könnte Güte und Mitleid aus Haß und Verachtung emporwachsen? Wie könnten Freigebigkeit und Milde aus Geiz, Härte und Selbstsucht erblühen? Wie könnte aus Lüge Wahrheit und aus verleumderischem Geschwätz Vertrauen entstehen? Wie könnte Gier Enthaltsamkeit schaffen und Dummheit zur Weisheit führen? Wie könnte Ungeduld zu Geduld und Stolz zu Bescheidenheit gereichen? Nie und nirgends ist so etwas möglich.

 

Wer einen Menschen haßt, ihm aber Gutes tut, um ihn damit über die eigene Gesinnung zu täuschen, der handelt nicht sittlich. Wenn er aber den Haß in sich selber überwindet, dann kann wahrhaft von einer sittlichen Tat gesprochen werden, mag auch äußerlich nichts geschehen. Es kommt also darauf an, sittlich zu sein. Das sich daraus ergebende Tun, Reden und Denken entspricht dann ganz von selber dem inneren Zustand.

 

Im Wollen und Können findet die Sittlichkeit hauptsächlich ihren Ausdruck. Wer aus einer inneren Notwendigkeit heraus weder töten kann noch will, wer weder imstande ist, eine Lüge in den Mund zu nehmen noch jemand zu verleumden, wer bewußt keusch lebt, wer nichts nehmen will was ihm nicht gehört, wer sich nicht berauschen will, wer seine übernommenen Verpflichtungen erfüllen will, usw., von dem kann gesagt werden, daß er sittlich lebt.

 

Es mag aber der gute Wille vorhanden sein und trotzdem die Gefahr des Entgleisens bestehen. Diese Tatsache kann immer wieder beobachtet werden und es ist ihr sehr viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn es kommt darauf an, diese Gefahr mehr und mehr zu mindern, sie unermüdlich und mit Ausdauer zu bekämpfen und in diesem Kampfe mit sich selber nicht nachzulassen. Vielleicht zeigen sich wesentliche Ergebnisse erst nach jahre- und jahrzehntelangen Bemühungen, aber sie können nicht ausbleiben, früher oder später muß der Erfolg und damit die Freude über das Erreichte eintreten. Immerwährende Selbstbeobachtung ist unerläßlich,

 

Wir wissen ja meistens nicht im Voraus mit aller Sicherheit, was wir selber in einem bestimmten und unvorhergesehenen Falle tun würden. Es sind die ganz spontanen Äußerungen unserer Persönlichkeit, die einen einwandfreien Rückschluß auf den eigenen Charakter erlauben, die ein wahres und richtiges Bild der vorhandenen charakterlichen Tendenzen ergeben. Auch im Traume fallen viele Hemmungen fort und wir können ruhig behaupten, daß wir, solange wir etwas im Traume zu tun und zu lassen imstande sind, sei es lieben oder hassen, sei es morden, stehlen, unkeusch oder keusch sein, großmütig und freigebig oder kleinlich und geizig, sei es mitleidig oder grausam sein usw., es auch im wachen Zustande zu tun oder zu lassen imstande sind. So bietet der Traum die Möglichkeit einer Kontrolle der Tendenzen des eigenen Unbewußten, wie sie besser kaum gedacht werden kann.

 

Nicht umsonst bedient sich die Psychoanalyse in ausgedehntem Maße des Traumlebens bei der Erforschung sogenannter seelischer Konflikte, bei der Untersuchung und Heilung von Neurosen, bei abnormen geistigen Zuständen usw. Gerade die Träume sind es, mit deren Hilfe oft tief in das Unbewußte hineingeleuchtet werden kann.

 

Daraus, daß es bewußt geworden ist, welche Folgen aus der Nichtbeherrschung der vitalen Triebe, aus der Ungezügeltheit des Genußverlangens, aus der Ungesättigtheit der Begehrungen, erwachsen können und erwachsen, entsteht jene Zügelung der Sinnes-Organe, die immer wieder neu einzusetzen hat und auch einsetzt, wenn gefährdende Situationen und Erscheinungen die Oberhand zu gewinnen drohen. Erblickt das Auge liebliche und betörende Formen, so wird bei Nichtabwendung davon, Lust und Verlangen aufsteigen und als Folge davon Leiden; hört das Ohr berückende Töne, riecht die Nase betörende Düfte, schmeckt die Zunge genießerische Säfte, berühren die Tastorgane wohlige Formen, schafft das Denken begehrliche und leidenschaftliche Vorstellungen, so wird bei Nichtabwendung die unausbleibliche Folge Leiden sein. Vielleicht weil das Begehren keine Erfüllung findet, oder weil das Glück der Erfüllung nicht von Dauer ist. Sowohl Nichterfüllung wie Vergehen ist Leiden.

 

Wir haben uns aber auch darüber klar zu sein, daß es nicht genügt, einfach Gutes zu tun um des Guten willen, die Menschen zu lieben um der Liebe willen, die Pflichten zu erfüllen um der Pflichterfüllung willen usw. Das alles ist für die guten und heilsamen Beziehungen der Menschen untereinander durchaus schätzbar, nützlich, lobenswert und wünschbar, aber es genügt nicht in Hinsicht auf das letzte und höchste Ziel, auf die wirkliche Loslösung vom Leiden. Bereits in einem früheren Kapitel haben wir darauf hingewiesen, daß es letzten Endes auf das zielbewußte Loslassen, auf das Abstehen von allen Anhaftungen ankommt, d. h. auf die Überwindung der inneren Bindungen. Entscheidend ist auch hier die Tiefe der Einsicht in die Wirklichkeit, der entsprechend dann auch die Grundhaltung ist, die zum schwächeren oder stärkeren Loslassen führt. Es kann sein, daß diesbezüglich im gerade gelebten Leben nicht immer bedeutende Erfolge und Fortschritte erzielt werden, aber das braucht an sich nicht entmutigend zu sein, da es ja überhaupt einmal darauf ankommt, die Richtung und den Weg mit Sicherheit zu erkennen. Sind einmal die entsprechenden Tendenzen, kraft klarer Einsicht und anschaulicher Erkenntnis, so gefestigt, daß sie sich zu Charaktereigenschaften ausgewachsen haben, dann besteht hinsichtlich eines Abkommens vom Wege keine große Gefahr mehr, auch nicht in einem zukünftigen Leben, da sich das ganze Tun und Lassen auf die Loslösungs-Vollendung ausgerichtet hat und trotz eventueller Rückschläge das Ziel nicht mehr aus dem Auge verloren werden kann. Diese charakterliche Festigung ist aber nur auf Grund einer in allen Lebensäußerungen geübten sittlichen Haltung zu erreichen und zu verwirklichen.

 

Es gibt verschiedene Methoden zur Erlangung und Festigung der Sittlichkeit. Man kann in sich selber Unsittliches, was dem Unheilsamen entspricht, nicht aufkommen lassen, und man kann ein solcherart Aufgekommenes unterdrücken; man kann in sich selber Sittliches, was dem Heilsamen entspricht, am Aufkommen fördern und man kann ein so Aufgekommenes zu erhalten suchen. Das sind Bemühungen, die in allen Fällen von Gutem sind, sowohl für den Einzelnen wie für die Gesamtheit. Es gehört dazu aber auch ein Stark-sein im besten Sinne des Wortes, eine eiserne Selbstdisziplin und eine wahrhaft männliche Selbstbeherrschung. Die wahre Größe und Stärke eines Menschen dokumentiert sich in seiner Selbstüberwindung, und dazu braucht es klare Besonnenheit, Wachsamkeit bei den Sinnen und dem Denken, tiefes und umfassendes Wissen um die Leidhaftigkeit alles Gewordenen und einen stahlharten Willen zur Vermeidung jedweder Befleckung des Daseins, weil eine solche Befleckung ausnahmslos ein großes Hindernis auf dem Wege zur Leidbefreiung darstellt.


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