II.A.1. Abstehen vom Töten

WIRKLICHKEIT UND ERLÖSUNG

II.A.1. Abstehen vom Töten

 

Das Leben als solches ist jedem Wesen das Eigenste und Wertvollste, und es willkürlich zu zerstören, ist und bleibt in jedem Falle ein Akt der Roheit und Lieblosigkeit.

 

Wir brauchen da nicht einmal auf das vorsätzliche Töten eines Menschen, sei es Mord oder Totschlag, hinzuweisen, da dieses Verbrechen ja den Charakter vollkommener Verworfenheit und Abscheulichkeit derart offensichtlich an sich trägt, daß wir uns darüber nicht weiter zu äußern brauchen; aber wir dürfen keinesfalls übersehen, daß auch das Töten eines Tieres Lebensraub und daher verwerflich ist. Daß Tiere Schmerzen empfinden und vor dem Tode Angst haben, das wissen wir. Wer es nicht weiß, begebe sich einmal in ein Schlachthaus und beobachte die entsetzliche Angst, die aus den Augen der zum Schlachten bestimmten Tiere bricht. So ist auch die Atmosphäre eines Schlachthauses für jeden auch nur einigermaßen empfindsamen Menschen unerträglich und entsetzlich, was nicht der Fall wäre, wenn die Tiere weder Schmerzens- noch Todesangst kennen würden.

Aber, ist nicht die ganze Welt ein Schlachthaus?

 

Töten und sich gegenseitig auffressen ist nicht nur im Tierreich das Alltägliche und sozusagen Selbstverständliche, auch der Mensch tötet. Er tötet seinesgleichen im Krieg und Verbrechen, er tötet aus Unachtsamkeit im Trubel und in der Hast des täglich schneller und intensiver werdenden Verkehrs, er tötet völlig unbedenklich und ohne die geringsten Hemmungen die Tiere, deren Fleisch er als Nahrung oder auch als bloßes Genußmittel zu sich nimmt, wobei er dann, in vollem Wohlbehagen schmatzend, völlig außer acht läßt, daß dieser Genuß sich auf dem Todesschmerz eines anderen Wesens aufbaut. Er tötet auch Tiere, um sogenannte Schäden in Haus und Hof, in Wald und Flur zu verhüten; er tötet auf der Jagd, beim Fischfang und vielleicht tötet er manchmal auch zum bloßen Zeitvertreib, aber auf alle Fälle ist unbestritten, daß er tötet.

 

Im allgemeinen gesehen mag vieles davon unvermeidlich und unabschaffbar sein, weil eben unsere Welt eine Welt des Tötens und der Todesschmerzen ist, aber im einzelnen Falle, im Falle eines Menschen, der da nicht mehr mitmachen will und kann und deshalb bereits zu jener Kategorie von Wesen gehört, denen das Nicht-mehr-töten-können zur Charaktereigenschaft geworden ist und die sich von der Befleckung durch willkürlichen Lebensraub befreit haben, ist das Bewußtsein von der Überwindung und völligen Aufhebung solcher Befleckungen nicht nur ein befreiendes, sondern auch ein höchst beglückendes Erlebnis.

 

Was wir als Menschen brauchen und notwendig haben, ist das Mitleid mit der dem Tode verfallenen Kreatur, mit allem Lebendigen, weil aus diesem Mitleid die unendliche und alles umfassende Güte fließt, die für den Frieden auf Erden und für unser aller Glück unentbehrlich ist. Die Güte allein schafft jene Harmonie in den menschlichen Beziehungen und in den Beziehungen zu allem Lebendigen, die immer wieder gepredigt und erstrebt, aber leider nur selten erreicht wird, weil eben das liebe eigene Ich immer in den Vordergrund drängt und für sich will, was es im Grunde genommen gar nicht braucht.

 

Gibt nicht schon das Fällen eines großen, starken Baumes Anlaß zu Traurigkeit? Hilflos steht er da, aller Willkür preisgegeben, und am Fuße seines Stammes knirscht die Säge und hackt das Beil so lange, bis das stolze Bild des lebenstrotzenden Baumes zu sein aufhört und er schließlich und endlich, in kleine Teile zerspalten, die Vergänglichkeit alles Gewordenen eindrücklichst vor Augen führt. Wie könnten wir erst das Unheilsame und Traurige des Tötens lebendiger Wesen übersehen?

 

Nicht nur das Töten an sich ist verderblich, sondern auch das Tolerieren des Tötens, das Nichtverhindern im Falle es verhindert werden könnte, das Dulden und gleichgültige Mitansehen einer Lebensberaubung und damit natürlich auch das Uninteressiertsein an diesem Problem überhaupt. Was kann von einem Menschen erwartet werden, dem das Leben anderer Wesen nicht heilig ist, der kalten Herzens nur an die Erhaltung und Förderung seines eigenen Daseins denkt, ja wenn es sogar auf Kosten des Lebens anderer geht? Kaum etwas Gutes.

 

Darum ist Sittlichkeit nicht denkbar ohne das Aufgeben des Tötens, ohne die Überwindung des Tötens, ohne die absolute Respektierung des Lebens der anderen Wesen, sei es Mensch oder Tier. Wer den Anspruch darauf erhebt, sittlich zu sein, dem muß das Leben aller anderen Wesen heilig sein.

 

 

II.A.2. Abstehen vom Nehmen nichtgegebener Dinge

 

Ein Dieb wird mit Recht überall verachtet, weil er sich auf unrechtmäßige Art und Weise das verschafft, was ihm nicht gehört. Er nimmt, was andere sich mit Fleiß und Mühe erworben, was sie sich verdient und erspart haben, was sie gekauft, erarbeitet, ererbt oder geschenkt erhalten haben, er nimmt fremdes Gut und betrachtet es als sein eigenes. Ein solches Tun ist unsittlich, es verstößt gegen die Moral, gegen das Recht, es fügt Schaden zu und damit Leiden, es ist gemein, verächtlich, niederträchtig und stempelt den, der es tut, zum Verbrecher.

 

In das Gebiet des Nehmens nichtgegebener Dinge, des Stehlens, gehört aber auch, wenn man in fremden Wiesen Blumen pflückt oder ungeheißen aus den Gärten anderer Leute Pflanzen und Früchte mitnimmt, wenn man Gefundenes nicht zurückerstattet, oder sich nicht um die Ermittlung des Eigentümers bemüht. Es gehört dazu auch, wenn man beim Bezahlen irrtümlich zu viel erhaltenes Wechselgeld nicht zurückgibt, oder einen diesbezüglichen Irrtum nicht korrigiert, oder wenn man unter falschen Angaben sich Vorteile schafft, die einem rechtlich nicht zustehen usw.

 

Es gibt tausenderlei kleine Dinge, die einem diebisch Gesinnten oder einem diesbezüglich nicht allzu gehemmten Herzen Gelegenheit zum unrechtmäßigen Nehmen geben, und wer da nicht wachsam ist, nicht konsequent in der Beurteilung seines Tuns, wer da leichtfertig meint: was wird es schon auf diese oder jene Kleinigkeit ankommen, wer wird das schon vermissen oder wer wird schon merken, was ich da nehme und behalte, der kommt bald in die Lage, sein Tun nicht mehr richtig beurteilen zu können. Er wird dabei in seinem sittlichen Empfinden immer roher, verstößt immer mehr gegen die von der Vernunft und der Einsicht errichteten Gesetze und wird schließlich zum eigentlichen Gewohnheitsdieb. Die Folgen bleiben in keinem Falle aus. Unrechtmäßiger Besitz ist noch tausendmal mehr eine Last, als Besitz an sich schon eine Last ist. An ihn knüpft sich die Angst vor Entdeckung und der dann zu erwartenden Strafe und Verachtung von Seite der Mitmenschen, es knüpft sich daran das schlechte Gewissen und das immer wieder zu unterdrückende Bewußtsein um die eigene Erbärmlichkeit, es knüpfen sich daran Unruhe und Unbehagen, Mißtrauen und Menschenscheu, aber auch Lüge und Verleumdung, Rücksichtslosigkeit und Falschheit und was es sonst noch an Dingen gibt, die die Atmosphäre der menschlichen Beziehungen vergiften und die nichts als Leid und Elend im Gefolge haben. Wir müssen das Üble, wo es auch gefunden wird, an der Wurzel packen; die Wurzel aber ist das Begehren. Nur wenn die Wurzel zerstört ist, kann daraus kein Wachstum mehr entstehen und keine entsprechenden Folgen.

 

Es handelt sich also darum, auch das leiseste Tendieren nach Ungegebenem zum Schweigen zu bringen; so, daß auch im Traume solches nicht mehr begehrt werden kann. Ungegebenes nicht zu nehmen muß im Charakter liegen, dann besteht keine Gefahr mehr. Wo dies der Fall ist, ist Sittlichkeit kein leerer Begriff.

 

 

II.A.3. Abstehen von Unkeuschheit

 

Für den Begriff der Sünde haben wir in unseren Betrachtungen so wenig Raum, wie für eine transzendentale Gottes-Vorstellung. Beides ist voneinander abhängig, denn „Sünde" kann es nur dann geben, wenn an einen belohnenden und strafenden Gott geglaubt wird. Außerhalb dieses Glaubens hat der Begriff „Sünde" keine Berechtigung und keine Bedeutung, da er dort, wo niemand belohnt und bestraft, seinen Sinn verloren hat. Da es uns hier nicht um Glaubensakte geht, sondern um die Wirklichkeit, fällt für uns der Sünden-Begriff dahin und an seine Stelle tritt das, was wir unter Verblendung verstehen, die als solche das schafft und zuläßt, was als unheilsam angesprochen werden muß. So verstehen wir auch alles Unsittliche nicht als Sünde, sondern vielmehr als Unvernunft, Einsichtslosigkeit, Verkennung der Wirklichkeit, als Verblendung und Wahn, mit einem Wort: als Unheilsames. Die Folgen der Verkennung der Wirklichkeit, der Verblendung und des Wahnes zeigen sich als Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung, kurz: als Leiden, und immer wieder erlebt sich dieses Leiden als bittere Wirklichkeit.

 

Was im allgemeinen als ganz besonders „sündhaft" gilt, das sind die unerlaubten Geschlechtsbeziehungen, und es ist nicht zu verwundern, daß in früheren Zeiten auf solche Vergehen die schwersten Strafen verhängt wurden. Auch heute noch werden solche Vergehen geahndet, und in der Ehe gelten sie als dringlichster Scheidungsgrund. Jedenfalls ergeben sich aus derartigen Tatbeständen mancherlei Unannehmlichkeiten und peinliche Folgen, die nichts weniger als beglückend sind.

 

Kaum ein anderes Gebiet der menschlichen Beziehungen ist so erfüllt von frohen und freudigen Erwartungen und Erfüllungen, aber auch von bitteren Enttäuschungen, von Abscheu, Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung, wie das der Geschlechtsbeziehungen. Es geht uns aber hier nicht darum, diese Beziehungen mit all ihren vitalen, hygienischen, rassischen, psychologischen und physiologischen Aspekten darzulegen, sondern es soll uns hier lediglich die moralische Seite dieses rein triebhaften Geschehens und den damit verbundenen emotionellen Zuständen, sowie in Hinsicht auf ihre Bindungen an Welt und Leben, beschäftigen. Es geht uns hier um das unmittelbare Trieb-Erlebnis, sei es als Ursache oder als Folge, und um seine Wertung an sich.

 

Der Fortpflanzungs-Trieb wohnt allem Lebendigen inne als eine Funktion der Körperlichkeit. Wie Hunger und Durst nach Stillung verlangen, so verlangt der Sexual-Trieb nach Befriedigung. Im Tierreich regelt sich diesbezüglich alles wie von selber und es sind da, außer der natürlichen Zuchtwahl, keinerlei Gesetze und Vorschriften zu erkennen; aber im Bereiche des Menschen sind die sexuellen Probleme und Beziehungen derart kompliziert und verworren, widerspruchsvoll und unabsehbar in Ansehung der möglichen Komplikationen und unheilsamen Bindungen, daß für eine einigermaßen erträgliche Regelung des ganzen Komplexes, Gesetze, Verordnungen, Sitten und Gebräuche einfach unentbehrlich sind.

 

Als einfachste und natürlichste Institution, die, wenigstens theoretisch, eine Lösung des schwierigen Fragen-Komplexes bildet, gilt die Ehe. Sie ist eine sehr weise, notwendige und selbstverständlich sittliche Einrichtung, die speziell in Hinsicht auf die neu ins Leben drängenden Menschen, einen unentbehrlichen Faktor in der ordnenden Gestaltung des physiologischen, sozialen und humanen Wachstums und Werdens der Menschheit im allgemeinen und des Einzelnen im besonderen darstellt. Sie trägt aber nichts bei zur Überwindung des Leidens; im Gegenteil, sie kommt den vitalen Trieben sogar sehr entgegen, legalisiert sie und annulliert deren Anstößigkeit im Rahmen ihrer rechtmäßigen und sittlichen Gegebenheit. Außerdem stellt sie in Tat und Wahrheit auch keine wirkliche Lösung der möglichen sexuellen Konflikte und Schwierigkeiten überhaupt dar, sondern erschöpft sich bloß als zeitweiser Regulator eines Natur-Triebes, der an sich zu den unbändigsten des Daseins gehört.

Vor 2500 Jahren sagte der BUDDHA: (A.I.1)

 

„Keine andere Gestalt, keine andere Stimme, keine andere Berührung kenne ich, die das Herz des Mannes so bestrickt, wie die des Weibes.

Keine andere Gestalt, keine andere Stimme, keine andere Berührung kenne ich, die das Herz des Weibes so bestrickt, wie die des Mannes."

Womit die geschlechtlichen Bindungen als die stärksten überhaupt gekennzeichnet sind.

 

Der Mann drängt zum Weibe hin und das Weib zum Manne mit einer Intensität, die alles übertrifft, was es da an Begehrungen gibt. Mit der Stillung dieses Begehrens ist aber nichts gewonnen, wenigstens nicht in Hinsicht auf die Dauer, denn das Begehren steigt unaufhaltsam immer und immer wiederum auf, und je mehr ihm nachgegeben wird, desto mehr und öfter muß ihm nachgegeben werden. Es war ARTHUR SCHOPENHAUER, der einmal den treffenden Ausspruch tat: „Nach dem Koitus hört man das Lachen des Teufels", womit er in denkbar kürzester Formulierung das Bedenkliche und Unheilsame des Geschlechtsaktes zum Ausdruck brachte. Alle großen Religionen sind sich darüber einig, daß

Keuschheit und Enthaltsamkeit höher zu werten sind als der Akt der Hingabe an das andere Geschlecht; was im Grunde genommen seltsam anmutet, da die Glaubens-Religionen in ihrer Mehrheit ja nicht lebensverneinend sind und daher dem Koitus gegenüber eine ganz andere Einstellung haben müßten, wo er doch der Leben-schaffende und -erhaltende Akt an sich ist. Vom Standpunkt der Bejahung des Lebens aus, kann gegen den Geschlechtsakt als solchen unmöglich etwas eingewendet werden und darum ist es eigentlich verwunderlich, daß er trotzdem ausschließlich im Verborgenen, in der Abgeschlossenheit, im Alleinsein zu zweien aktiviert wird. Es muß ihm also etwas anhaften, was besser nicht wäre, was das Tageslicht nicht erträgt: seine Anstößigkeit. Wer Hunger und Durst hat, scheut sich nicht im geringsten in Gegenwart anderer zu essen und zu trinken, wer aber den Geschlechtsdrang zu befriedigen sucht, der verkriecht sich und versteckt sich, denn im Grunde schämt er sich ob des Geschehens.

 

Nicht umsonst gilt ein ausgeprägtes Schamgefühl als kostbares Gut, denn es beweist, daß sein Träger, wenn auch vielleicht ganz unbewußt, von der sittlichen Anrüchigkeit der menschlichen Geschlechtsbeziehungen durchdrungen und überzeugt ist. Nicht umsonst verlangt die katholische Kirche von ihren Priestern das Zölibat, denn wie könnten sie ihren Gläubigen Führer und Lehrer sein auf dem Wege zur Himmelswelt und Gott, wenn sie sich nicht selber von dieser erdhaftesten aller Bindungen frei gemacht hätten. Nicht umsonst genießt jener Mensch, von dem man weiß, daß er freiwillig und bewußt in völliger Keuschheit lebt, höchstes Ansehen. Über ihm schwebt die Gloriole der Heiligkeit.

 

Was meinen wir, wenn wir von der Reinheit und Unschuld des Kindes sprechen?

 

Nichts anderes als dessen geschlechtliche Unberührtheit. Das ist es, was sein Wesen von dem der Erwachsenen trennt, wobei wir uns wohl bewußt sind, daß dieser sein Zustand nicht ein gewollter und freiwilliger, sondern nur ein „Noch-nicht", ein Übergangsstadium zum Vollmenschen ist, welch letzterer dann eben als solcher diese Reinheit und Unschuld nur noch in ganz seltenen Fällen sich zu erhalten vermag.

 

Es ist irgendwie tragisch, daß der Bestand des Menschengeschlechtes von einer Betätigung abhängt, die wir selber als unanständig und als zutiefst unsittlich empfinden. Daß wir es so ansehen beweist, daß wir als Menschen über der bloßen Vitalität des Tieres stehen und somit, kraft unseres Erkenntnisvermögens, die Möglichkeit der Überwindung besitzen, was gleichbedeutend ist mit der Möglichkeit der Erlösung. Das will aber gar nicht heißen, daß wir diese Möglichkeit in jedem Falle auszuwerten gewillt sind. Es ist schon ein weiter Weg bis zum Erfassen dieser Möglichkeit, aber es ist ein noch viel weiterer Weg bis zur Verwirklichung der Erlösung. Oft und oft wird der Verstand dazu gebraucht, um tierischer als das Tier zu sein. Das heißt dann: Befriedigung der Leidenschaften, Glück der Sinne, Beruhigung des Begehrens, Wollust, Sinnesfreude usw. Gewiß, auch das mag zeitweise als Glück erscheinen, aber es ist ein dumpfes, leidverbundenes, kurzes und überaus vergängliches Glück.

 

Daß der Geschlechts-Trieb als einer der stärksten Naturtriebe unserem Dasein inhärent ist, damit haben wir uns abzufinden Ob wir von ihm beherrscht werden, oder ob wir ihn beherrschen, das ist hier die Frage, und die ist für jeden Einzelnen in Hinsicht auf die Loslösung vom Leiden von entscheidender Bedeutung. Daß seine Beherrschung außerordentlich schwer sein kann und ist, darüber bestehen wohl keine Zweifel, und daß in der Mehrzahl der Fälle von einer Beherrschung desselben kaum gesprochen werden kann, darüber ist sich wohl niemand im Unklaren. Wir können und wollen also nicht sagen, daß ein Mensch etwa deshalb sittlich zu beanstanden wäre, weil er diesem Naturtrieb im Rahmen der bestehenden Gesetze und der verschiedenen, da und dort üblichen Sitten und Gebräuche nachgibt und dabei nicht die Unvernunft, sondern die Vernunft walten läßt.

 

Trotzdem bleibt aber die Wertung des sexuellen Geschehens an sich, sei es natürlich oder pervers, legal oder illegal, als ein bedenklich perniziöses, Leiden-schaffendes und deshalb zu meidendes, durchaus aufrecht. Im Sinne der allgemeinen Auffassungen vom Sittlichkeits-Begriff wird der Geschlechtsakt erst dann als unsittlich empfunden, wenn er unrechtmäßig ausgeübt wird. Wir erweitern diesen Aspekt und sagen, daß dann ein geschlechtliches Vergehen vorliegt, wenn die direkt oder indirekt daran Beteiligten oder davon Betroffenen dadurch Leiden erfahren. Wer z. B. sich mit Minderjährigen sexuell vergeht, der schreitet skrupellos über den Schaden, den er dem Kinde anrichtet, und der im Momente gar nicht erkennbar zu sein braucht, hinweg und zeugt damit von einer brutalen und ihm selber verderblichen Haltung. Wer ein Weib vergewaltigt und deren Abwehr erstickt, der handelt wie ein Tier und nicht wie ein Mensch. Wer ein unberührtes Mädchen schändet, es vielleicht sogar noch mit einem Kinde sitzen läßt und sich aus dem Staube macht, gilt mit Recht als ein übles Subjekt. Wer sich in eine Ehe als dritte Person einschleicht, um Teil zu haben an dem, was die Eheleute einst gelobt haben sich gegenseitig ausschließlich allein zu geben, der begeht ganz offensichtlich einen schweren Diebstahl. Wer durch seine Geschlechtsbetätigung Krankheiten verbreitet, muß als gemeingefährlich angesprochen werden. Wer durch sein unbeherrschtes Triebleben andere moralisch schädigt, handelt verbrecherisch. Es ist gar nicht auszudenken, welch eine Unmenge Leiden der Geschlechtstrieb zur Folge hat und welche eine fast unlösbare Bindung an das Leben er darstellt.

 

Daß die Frauen durch diesen Trieb noch erdgebundener sind als die Männer, ist eine Tatsache, die nicht übersehen werden kann, und es mag sein, daß seinerzeit OTTO WEININGER sein kraß überspitztes Urteil über die Frauen: „man ist Mann oder man ist Weib, je nachdem man wer ist oder nicht", aus dieser Tatsache hergeleitet hat. Diese stärkere Gebundenheit der Frau an die Geschlechtlichkeit und damit an das Leben, wird von vielen Einsichtigen unter ihnen selber als eine Belastung empfunden, der sie entfliehen möchten, aber nur schwer entfliehen können; womit nicht gesagt sein soll, daß der Mann es diesbezüglich wesentlich leichter hat. Die Ansicht mag ja zu Recht bestehen, daß die Liebe für die Frau alles bedeutet, und daß der Mann in ihr nur eine Episode in seinem mit allerlei sonstigen Dingen ausgefüllten Leben sieht, aber diese Episode wiederholt sich seit anfangslosen Zeiten immer und immer wieder und bindet das Individuum unwiderstehlich an die Existenz. Ja, und die Liebe, dieser blendende und strahlende Feuerball der Sinnlichkeit, die vielgerühmte, vielbedichtete, besungene und in allen Himmeln hinaufgehobene Liebe? Ist sie nicht das Glück überhaupt? Ist sie nicht das Himmlische auf Erden? Ist sie nicht die Seligkeit aller Seligkeiten? Ist sie nicht die Erfüllung heißer Sehnsucht, glühender Träume und Hoffnungen? Ist sie nicht höchste Wonne und seliges Ineinanderfließen? Ist sie nicht die Sonne, die die von ihr Bestrahlten zu edelstem Tun und zu bewundernswerten Kunstwerken zu entflammen, zu begeistern und hinzureißen vermag?

 

Mag sie den Liebenden tausendmal als das erscheinen, mag sie ihnen das Glück an sich bedeuten, in Wirklichkeit ist sie nichts anderes als das, was über sie der Professor Dürrfeldt in KARL GJELLERUP’s „Pastor Mors, in seiner Reflexion über das Liebespaar und damit über sein eigenes Liebes-Erlebnis zum Ausdruck bringt:

 

„Was ist nun da viel Aufhebens wert? . . Zwei junge Leute wollen zusammen, das ist sehr menschlich, sehr tierisch sogar; und doch muß zu dem Zwecke die ganze himmlische Maschinerie in Bewegung gesetzt werden, Ewigkeit und Unsterblichkeit ihre Hallen öffnen, Gott und Vorsehung zu Hilfe eilen, als ob es sich um wunder was für ein welterlösendes Ereignis handelte. Welch lächerliche Posse! Zwei Puppen, die sich durch den blinden Trieb wie durch einen Draht nasführen lassen, um zu einem sehr alltäglichen Naturzweck verwendet zu werden, während sie selbst wähnen, aus ureigener Geistesfreiheit irgendeinem himmelhohen Sternenziel zuzustreben. Wie abgeschmackt! Sie wollen zusammen; das heißt doch wohl eigentlich, die Gattung will sich durch sie erhalten. Ein neues Wesen drängt sich ins Dasein. Und welch ein Wesen? Eins, das wiederum neue vergängliche Wesen in die Welt setzen will, um dann zu sterben, wie seine Eltern gestorben sind und seine Kinder und Enkel sterben werden, nachdem es sich lebenslang um das liebe Brot weidlich abgemüht hat. Was ist also das Ganze? Der Tod will gefüttert werden!"

Daß Sinn und Zweck des Geschlechtslebens die Fortpflanzung und Erhaltung der Art ist, kommt beim Tier viel eindeutiger zum Ausdruck als beim Menschen, von dem dieser Urtrieb oft zur bloß nervenkitzelnden Erotik mißhandelt und mißbraucht wird. In diesem Mißbrauch liegt die Wurzel dessen, was diesbezüglich als unsittlich gilt und was in allererster Linie zu überwinden ist, falls der Weg zur Loslösung und Erlösung begangen werden will. Daß mit der Annäherung an das Ziel, dieser Urtrieb an sich, mag seine Stillung als legal und damit als sittlich, oder als illegal und damit als unsittlich gelten, mehr und mehr, bis zur völligen Überwindung und Abtötung eingedämmt und beherrscht zu werden hat und auch eingedämmt und beherrscht wird, zeigt nur, wie unvereinbar er mit dem ernstlichen Streben zum Ziel ist, und wie er eines der Haupthindernisse auf dem Wege dorthin bildet. Nicht nur ist zu seiner Überwindung ein tiefer und umfassender Einblick in die Wirklichkeit notwendig, es braucht dazu auch einen außerordentlich starken Willen, und es ist meistens wohl so, daß ein einziges Leben zur Verwirklichung dieser Überwindung nicht ausreicht. Wie viele Leben dazu notwendig sein mögen, kann im einzelnen Falle nicht beurteilt werden, aber wer einmal den Weg erkannt hat, wer von Grund aus erfaßt hat, um was es hier geht, der wird trotz aller Anfechtungen und trotz aller Stunden der Schwäche und des Nachgebens, die ihn vom Wege abbringen, ganz zwangsläufig immer wiederum darauf zurückkehren, mit dem wahrhaft beglückenden Bewußtsein, daß einmal die Zeit der völligen Überwindung und Befreiung kommen wird und muß.


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