II.B Meditation

WIRKLICHKEIT UND ERLÖSUNG

II.B. MEDITATION

 

Ein weiterer, unentbehrlicher Faktor auf dem Wege zur Erlösung ist, in Verbindung mit der Sittlichkeit, die Meditation.

 

Man stelle sich darunter keine mystische, parapsychologische oder rituelle Handlung vor, sondern nichts anderes als eine im hellen Lichte des Bewußtseins zu entwickelnde gedankliche Vereinheitlichung, die sich stufenweise vertieft. Die Meditation in diesem Sinne hat nichts zu tun mit Hypnose und Suggestion und besteht natürlich auch nicht im Aufgeben des eigenen Willens zu Gunsten des Willens eines anderen, sondern ist ein willentlich selbst erzeugter Geisteszustand, der sich in der Hauptsache darin vom Alltäglichen unterscheidet, daß in ihm die Gedanken und Vorstellungen nicht mehr kommen und gehen wie sie wollen, daß sie bewußt gelenkt und gerichtet sind, und daß darin in der Hauptsache nur noch ein Gedanke gedacht, nur noch eine Vorstellung aktiviert wird, die darum jeweils um so gründlicher durchdacht und erfaßt werden kann, je weniger sie von anderen Gedanken und Vorstellungen gestört und verdrängt wird. Es gibt viele Meditations-Schulen, die in der Hauptsache fast alle auf den Yoga zurückzuführen sind. Yoga ist indische Geistes-Schulung par excellence, und PATANJALI war es, der ihm in seinen Yoga-Sutras die philosophische Grundlage gegeben hat. Es werden darin acht Glieder aufgeführt:

  1. Moralisches Wohlverhalten, wie es sich äußert in dem Nichtschädigen lebender Wesen, in Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit und in Besitzlosigkeit;
  2. äußere und innere Läuterung (Reinheit, Genügsamkeit, Askese, Studium, Gottesergebenheit);
  3. Einnehmen bestimmter Körperhaltungen;
  4. Atemregulierung;
  5. Zurückziehung der Sinnesorgane von den Objekten;
  6. Festlegung des Denkens auf einen bestimmten Punkt;
  7. Meditation und
  8. deren Steigerung, die Versenkung."

 

Der Zweck dieser Übungen besteht in der Isolierung der Seele von der Materie, um bestimmte Wunderkräfte und Fähigkeiten und um schließlich die Erlösung zu erreichen. Die Metaphysik des PATANJALI steht dem klassischen Sānkhya nahe, das als eines der sublimsten Systeme der indischen Philosophie zwischen dem Geist und der Materie unterscheidet und somit als Dualismus anzusprechen ist, der sein religiöses Heilsziel in der intuitiven Erkenntnis der Wesensverschiedenheit des ewig unveränderlichen Geistes von der ewig sich verändernden und leidbringenden Materie und in der endlichen Loslösung dieses Geistes von ihr, was gleichbedeutend seiner Erlösung ist, sieht.

 

Aus diesen kurzen Hinweisen dürfte bereits klar hervorgehen, daß sowohl die geistigen Hintergründe wie auch die Zielsetzung, die unseren, aus der buddhistischen Gedankenwelt heraus entwickelten Ausführungen zugrunde liegen, sich nicht mit denen des Yoga decken. Uns geht es ausschließlich und allein um die Aufhebung des Werde-Prozesses, den wir als den „Leidens-Prozeß überhaupt" ununterbrochen erleben. Wir halten uns fern von allen metaphysischen und transzendenten Spekulationen, die im Grunde genommen ja nichts anderes als bloße Hypothesen sind und bleiben, bar jedes Erlebniswertes.

 

Was im weiteren zum Thema Meditation zu sagen ist, hat allerdings und ganz besonders was die äußeren Umstände anbetrifft, mit dem Yoga mancherlei Gemeinsames; aber die geistige Haltung, aus der sich diese Betrachtungen ergeben, ist eine grundsätzlich andere als die des Yoga. Wir kennen da weder eine „Gottesergebenheit", weder eine „Seele" noch eine „All-Einheit", mit der sich die Seele in der Erlösung vereinigen soll; was wir kennen, ist das Erlebnis des Leidens, und was wir wissen, ist, daß die Aufhebung der Ursachen desselben auch das Leiden aufhebt.

 

Es handelt sich also hier um die Verwirklichung der Entropie des Triebhaften, das wir nicht etwa bloß haben, sondern das wir selber sind und das sich in allen positiven Lebensäußerungen manifestiert. Diese Entropie ist letzter Sinn und Zweck der in der Folge dargelegten Meditations-Praxis.

 

Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß irgend ein Ding besser erkannt und aufgefaßt wird, wenn es genau betrachtet und nicht nur oberflächlich und so gewissermaßen im Vorbeigehen zur Kenntnis genommen wird. Das gilt nicht nur für das Auge, sondern für alle Sinnesorgane und ganz im besonderen für das Denkorgan. Dieses genaue Hinsehen, genaue Hinhören, dieses aufmerksame Riechen, Schmecken, Tasten und Denken, das Bedenken einer Idee oder Vorstellung, setzt die Außerachtlassung störender und hemmender Faktoren, seien sie körperlicher oder geistiger Art, voraus. Am auffallendsten und hinderlichsten sind störende Einflüsse bei den gedanklichen Vorgängen, im besonderen seitens nicht gewollter Gedanken. Die quellen als ein unversiegbarer Strom aus dem Unbewußten, aus dem Gedanken- und Vorstellungs-Reservoir empor und machen es überaus schwer, während kürzerer oder längerer Zeit nur einen einzigen, bestimmten Gedanken zu denken und die, die man gar nicht denken will, zu eliminieren oder unbeachtet zu lassen. Wie ein Eichhörnchen bald dahin, bald dorthin springt, so springt das Denken in der Regel von einem Gegenstand zum anderen über und es muß schon etwas ganz Besonderes sein, etwas das Denken außergewöhnlich Beanspruchendes, wenn die Aufmerksamkeit für eine längere Zeit darauf ungeteilt gerichtet bleibt.

 

Im alltäglichen Leben ist das „schärfer ins Auge fassen" eines bestimmten Objektes, eines Vorganges oder einer Vorstellung, etwas Selbstverständliches und findet weiter gar keine Beachtung, obwohl es manchmal geradezu lebensnotwendig sein kann, daß bestimmten Dingen zeitweise eine größere und ungeteilte Achtsamkeit zugewendet wird. Diese Tatsache fällt nicht auf, so wenig wie es auffällt, daß man atmet, sich bewegt oder ruhig verhält, daß man schaut, hört, denkt usw. Es fällt auch nicht auf, daß die intensivere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit nur erkauft werden kann durch ein unwillkürliches Beiseitelassen anderer, momentan weniger aktueller und interessierender Dinge, Gedanken und Vorstellungen.

 

Es geschieht also oft und meistens ganz unbewußt das, was der Yoga, resp. die Yogis (die Betätiger des Yoga) zu einem weitverzweigten System ungeteilter Konzentration entwickelt haben Es geschieht aber in einer meist schwachen, ungeübten und ungerichteten Art und Weise, in einem nur eben für die momentanen Zwecke gerade notwendigen Ausmaß, um die Erfüllung bestimmter Begehren, die Lösung von Aufgaben und Problemen, die Bewältigung körperlicher oder geistiger Anforderungen usw. zu verwirklichen.

 

Es gibt natürlich mancherlei Abstufungen der Konzentrations-Intensität und auch der Konzentrations-Dauer. Das hängt ganz von dem zu erreichenden Zweck und von der Willenskraft des sich Konzentrierenden ab. Man denke an die notwendige, intensive Konzentration bei vielen beruflichen Arbeiten, bei wissenschaftlichen Untersuchungen, bei der Bewältigung künstlerischer Aufgaben, beim körperlichen, sportlichen Training usw. Alle Spitzenleistungen, sei es auf geistigem oder körperlichem Gebiet, im beruflichen Leben, im Bereiche wissenschaftlicher Forschung, in der künstlerischen Betätigung, im Sport usw. sind Resultate einer zielbewußten Schulung, einer dauernd konzentrierten Haltung; wobei ganz abgesehen ist von den sonstigen Qualitäten und Faktoren, die von Fall zu Fall vorhanden sein müssen, wenn ein außergewöhnliches Resultat erzielt werden soll.

 

Nun, solche Resultate sprechen ganz im allgemeinen eine deutliche Sprache und sie bezeugen, daß mit Hilfe der Konzentration ungewöhnliche und außergewöhnliche geistige sowohl als körperliche Ergebnisse zu erreichen sind, die ohne diese gedanklich gerichtete und willentliche Zielstrebigkeit eben nicht erreicht werden könnten.

 

Wenn auch, im Falle es sich darum handelt, etwas Außergewöhnliches zu erreichen, die Notwendigkeit einer konzentrierten Haltung eingesehen wird, so fällt diese Haltung meistens nicht leicht, wenn sie sich nicht als eine unbewußte sozusagen von selber ergibt. Ihr systematisches Training findet wenig Förderung und wird stark vernachlässigt, was eben dazu führt, daß man es von Fall zu Fall darauf ankommen läßt, ob das Denken und Wollen die notwendige Intensität und Ausdauer aufbringt. Je stärker das Interesse an dem ist, was erreicht werden soll, desto straffer und konzentrierter wird auch das entsprechende Denken und Wollen sein; aber, wie gesagt, diese ausgerichtete Haltung des Geistes, die Konzentration als solche, besser, die Konzentrationsfähigkeit, wird bei uns, im Gegensatz zur östlichen Welt, viel zu wenig geübt und gepflegt. Diese Vernachlässigung eines ungemein wichtigen Hilfsmittels der Geistes-Schulung ist für den westlichen Menschen typisch, wohingegen im Osten die Konzentration in der Form der Kontemplation und Meditation, den Menschen ein vertrautes Gebiet ist, in dem Einzelne Ergebnisse zu erzielen vermögen, die im Westen kaum glaublich erscheinen.

 

Denken wir an jene Einsiedler in den gletschergepanzerten Hochgebirgs-Regionen des Himalaya, die im tiefsten Winter nackt im Schnee sitzen und Tumo üben, d. h. sie erzeugen in vollkommenem Ruhezustand in sich selber so viel Wärme, daß rund um ihren Körper der Schnee schmilzt. Oder denken wir an jene Yogis, die sich lebendig eingraben lassen, um dann nach Tagen und Wochen wieder gesund und munter aufzuerstehen, als wäre nichts geschehen. Denken wir an jene Büßer, die mit nackten Füßen durch eine Grube voll glühender Kohlen schreiten, um am Ende unversehrt und heil wieder aus der Glut zu steigen. Oder denken wir an jene stillen Heiligen, die in tiefster Inschau versunken, das Glück eines überirdischen Zustandes genießen. Beispiele solcher Art gibt es eine Unmenge; dabei fällt auf, daß sich diese Vorgänge fast durchwegs auf einem Gebiet abspielen, das von einem materialistischen und bloß rationalen Standpunkt aus, als ein Überflüssiges und Zweckloses erscheint. Es ist die mystisch-religiöse Grundhaltung des Ostens, die den Boden für derartige Erscheinungen und Zustände bildet.

 

Es gibt aber auch im Westen Ausnahmen, die, wie Meister ECKEHARDT, wie der heilige FRANZ VON ASSISI, Bruder KLAUS und manche andere, auf dem Gebiete der mystisch-religiösen Versenkung zu ungewöhnlichen Erscheinungen und Zuständen gelangt sind und derer unzählige Menschen in Hochschätzung und Ehrfurcht gedenken.

 

Die Konzentration des westlichen Menschen ist also hauptsächlich rationalistisch und materiell gerichtet und dient meist nicht zur Entwicklung einer religiös orientierten inneren Reife, nicht zur Förderung der Gemütsruhe und des Hellblickes in Hinsicht auf das Leben und Sterben; geschweige denn, daß das Konzentrationsvermögen zur Kontemplations- und Meditations-Fähigkeit gesteigert wird, die höhere Daseinsebenen zu erschließen vermag, die dann in den Versenkungen zum Erlebnis werden.

 

Es ist in der Welt wieder einmal zuviel an Religiosität verloren und zuviel an bloßer Zivilisation und Lebens-Routine gewonnen worden, und so hat sich denn jene geistige Situation ergeben, in der das Heil ausschließlich in der Erfüllung der vitalen Triebe und Begehrungen zu finden vermeint wird, anstatt daß es dort versucht wird, wo es allein gefunden werden kann, im Aufgeben des Anhaftens, in der Abwendung von der Welt. In der Welt und mit der Welt als Teil der Welt zu leben, kann und tut jedes Wesen, aber der religiöse Mensch, und ganz besonders der die Wirklichkeit erkennende, hat die Welt als leidhaft durchschaut und strebt nach ihrer Überwindung. Je mehr den vitalen Trieben nachgegeben wird, desto stärker ist die Verstrickung in das Leiden; wer aber diese Verstrickung nicht will und die Leidensüberwindung sucht, für den gibt es keinen anderen Weg als die Aufhebung der Triebe und des Begehrens. Im Streben nach Sittlichkeit findet diese Aufhebung ihre vorzüglichste Förderung und in der Pflege der Meditation ihre beglückende Vollendung.

 

Es ist nicht so, daß die Anlagen zu einer meditativen Lebensgestaltung selten zu finden sind. Meist fehlt nur der Wille zu ihrer Betätigung, der sich natürlich nicht aus einer rein materialistischen und rationalistischen inneren Haltung heraus entwickeln kann, sondern eben nur aus einer weniger oberflächlichen Lebensauffassung, aus einem intuitiven Erfassen der wirklichen Art und des Wesens der Existenz, die an sich Leiden ist. Es fehlt oft aber auch an Selbstvertrauen hinsichtlich der eigenen meditativen Fähigkeiten und Möglichkeiten, und das kann nur gewonnen werden durch wirkliches Betätigen der meditativen Praxis. Wenn bedacht wird, was so im Leben oft an Konzentration zwecks Erreichung der verschiedenartigsten Dinge und Ziele geleistet wird, so kann nicht behauptet werden, daß es an Konzentrationskraft mangelt, aber es kommt darauf an, diese Kraft einmal zur Leistung in einer ganz anderen Richtung als der gewöhnlichen und geläufigen zu verwenden, zu üben und zu pflegen; es kommt darauf an, sie in Hinsicht auf das höchste aller Ziele, auf die totale Leidensüberwindung zu gebrauchen. Es muß versucht werden, die Einigung des Geistes, die sogenannte „Einspitzigkeit des Denkens" systematisch zu üben und das Denken und Wollen so in die Hand zu bekommen, daß es geschmeidig, biegsam und gefügig wird, um es dann auf die Durchdringung der Wirklichkeit und auf die Erreichung des Heilszieles hinzuwenden.

 

Willentlich läßt der Meditierende die Gedanken aufsteigen und willentlich läßt er sie untergehen. Er weiß, daß das wahre Glück in der Weltüberwindung liegt und so entrinnt er allen Anhaftungen.


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