II.B.1 Praxis der Meditation

WIRKLICHKEIT UND ERLÖSUNG

II.B.1. Die Praxis der Meditation

 

Es wurde bereits früher darauf hingewiesen, daß die Sittlichkeit einen Teil des Weges bildet, der zur Erlösung führt, und daß sie eine unerläßliche Vorbedingung ist für die Praxis der Meditation. Ohne ein bestimmtes Maß an Sittlichkeit ist es sogar gefahrvoll, verwegen und in Hinsicht auf das zu erreichende Ziel nutzlos, die Meditationsübungen aufzunehmen. Wie könnte auch ein Mensch, der andere Wesen tötet, der sich fremdes Gut widerrechtlich aneignet, der lügt, der einen unkeuschen Wandel führt, der sich berauscht, der Zorn- und Haß-erfüllt ist, der geizig, neidig, schwatzhaft, anmaßend und überheblich ist, sich in jenen reinen Höhen bewegen, die in der Meditation erreicht werden? Er würde sich vorkommen wie ein ungeübter auf Glatteis, der sein Gleichgewicht nicht zu bewahren vermag und stürzt und sich verletzt. Schmerz und Enttäuschung wären ihm gewiß, denn er würde seiner Unzulänglichkeit nur zu bald gewahr und aus dieser Erkenntnis heraus in einen Zustand der Verwirrung, der Selbstanklage und der Trübsal versinken.

 

Wer in sich z. B. die Tendenz zu bösen Worten, zu üblen und haßerfüllten Gedanken spürt, der nehme sich einmal für eine bestimmte Zeit vor, sei es für Stunden, für Tage, für Wochen oder für eine noch längere Zeit, und im vollen Bewußtsein, daß diese seine Charaktereigenschaft sowohl eigenes wie fremdes Leid schafft, kein böses Wort zu gebrauchen und keine üblen, haßerfüllten Gedanken in sich aufkommen zu lassen. Jeder Versuchung zu Streit, Übelwollen und Haß gehe er aus dem Wege, aber wenn sich die Gelegenheit zu solchen Taten und Gedanken trotzdem nicht vermeiden läßt, so sind die aufkeimenden, unheilvollen Worte und Gedanken gewaltsam zu unterdrücken, in der klaren Erkenntnis, daß es auf alle Fälle besser ist, derart üblen Dingen keinen Raum zu gewähren.

 

Gelingt es einmal, sich zu beherrschen, dann ist schon Genugtuung da und die Zuversicht wird so gewachsen und das Selbstvertrauen so stark geworden sein, daß diese Beherrschung auch ein zweites Mal, ein drittes Mal und öfter versucht wird, bis sie schließlich zur Gewohnheit geworden ist, und rückschauend mit allergrößter Befriedigung festgestellt werden kann, daß durch dieses Training sowohl an innerer Ruhe, wie an äußerer Beherrschtheit ein vorher ungekanntes Maß erreicht wurde. Freude und Befriedigung darüber erfüllt das Gemüt und als Weiteres ergibt sich daraus die Überzeugung, daß die Mitmenschen aufgeschlossener, zufriedener, zutraulicher und liebenswürdiger geworden sind. Auch das erfüllt wiederum mit Genugtuung und Freude, und dementsprechend gestaltet sich dann auch das eigene Verhalten den anderen gegenüber viel freundlicher und frohmütiger. So steigert sich das Bestreben und der Erfolg gegenseitig zu immer größerer und umfassenderer Überwindung der üblen Tendenzen, und als endgültiges Resultat ergibt sich schließlich das Nichtmehrkönnen, d. h. es ist zur Unmöglichkeit geworden, je wieder böse Worte zu gebrauchen oder haßerfüllte Gedanken zu denken.

 

So mag sich z. B. ein lügnerisch veranlagter Charakter einmal klar machen, daß sich ein Leben ohne Lügen leichter lebt als mit ihnen, die ja als solche eine ständige Belastung und Behinderung des eigenen Glücksstrebens darstellen, weil, wie schon in einem früheren Kapitel erwähnt, um eine Lüge aufrecht zu erhalten, immer wieder neue Lügen ersonnen werden müssen, für diese wieder andere und so weiter ad infinitum, bis schließlich das Netz des Lügengewebes den Urheber gänzlich umschließt.

 

Wer die Lüge in jeder Form meidet, lebt freier und ungebundener und lebt auf alle Fälle natürlicher, weil er nicht beständig im Widerspruch zu den Tatsachen steht. Er spinnt um sich kein Netz, in das er sich selber immer wieder verfängt und verfangen muß, und er leidet auch nicht unter dem Mißtrauen, das dem Lügner unausweichlich entgegengebracht wird.

 

Solche und ähnliche Überlegungen sind dann am Platze, wenn bei sich selber ein Hang zur Unwahrheit erkannt wird und dieser Hang überwunden werden soll. Man hat sich in einem solchen Falle vorzunehmen, während einer kürzeren oder längeren Zeitspanne auch der geringsten Unwahrheit auszuweichen und lieber zu schweigen, als nicht den Tatsachen entsprechend zu reden. Diese Übung führt in kurzer Zeit zu einer wohltuenden Offenheit im Verkehr mit den Mitmenschen, und wer sie beharrlich pflegt, sieht dabei auch manch andere üble Gewohnheiten ganz unwillkürlich schwinden, wodurch an Freude gewonnen und an Leid verloren wird. Mag es auch Rückfälle geben, so soll dies nur dazu anspornen, immer wieder neu zu beginnen und nicht nachzulassen im Bestreben zur Vermeidung auch kleinster Unwahrheiten, geschweige denn bewußter Lügen.

 

So und ähnlich hat man sich auch in der Vermeidung und Unterdrückung anderer etwa vorhandener, unguter Dinge zu üben, bis das im eigenen Leben wuchernde Unkraut gänzlich vertilgt ist. Wenn auch nicht alles gelingt und manch Ungutes vielleicht als unausrottbar erscheint, so ist doch schon das beharrliche Streben nach Überwindung der Befleckungen, nach Sittlichkeit und Reinheit unendlich wertvoll, und früher oder später, sei es in diesem Leben oder in einem zukünftigen, wird der volle Erfolg zur Tatsache geworden sein. Dieses beharrliche Streben ist eine unerläßliche Vorbedingung der Meditation.

 

Wir wenden uns nun hin zu jener Meditations-Übung, der als Objekt die Atmung dient.

 

Die Beobachtung der Ein- und Ausatmung ist das Unmittelbarste, was sich denken läßt. Es braucht dazu keinerlei Hilfsmittel, keine langen Vorbereitungen, keine besonderen Kenntnisse; nur etwas braucht es dazu: ein klares Bewußtsein und einen ruhigen, ungestörten Ort, an dem man sich in einer bequemen aber nicht liegenden Körperhaltung und unbeobachtet aufhalten kann.

 

Wohlgemerkt, es handelt sich hier nicht um eine sogen. „Atemschulung" oder „Atemgymnastik", wie sie als Pranayama-Übungen speziell im Hatha Yoga gepflegt werden und deren Zweck die Entwicklung physischer Kräfte, oder die „Vereinigung mit einem höchsten Wesen" ist, sondern allein nur um die schon einmal erwähnte „Einspitzigkeit des Denkens" zu erreichen, die für eine restlose Durchdringung der Wirklichkeit von ausschlaggebender Bedeutung ist.

 

Ob der Ort, an dem die Meditation geübt wird, sich innerhalb des Hauses oder außerhalb desselben im Freien befindet, ist nicht so wichtig. Entscheidend ist die Ruhe dieses Ortes. Es darf sich dort kein Lärm störend bemerkbar machen, denn es gibt für die Meditation, und ganz besonders in ihrem Anfangsstadium, nichts Störenderes als Lärm.

 

Auch der zu wählende Zeitpunkt ist wichtig. Die Stunde nach einer reichlichen Mahlzeit ist kaum geeignet für eine geistige Konzentration; auch nicht der späte Abend, da zu dieser Zeit sich das Schlafbedürfnis als ein Hindernis erweisen könnte. Eine der günstigsten Zeiten ist der frühe Morgen, wo noch am ehesten Ruhe herrscht und man selber ausgeruht und frischen Geistes ist.

 

Wichtig ist auch eine bequeme Körperhaltung Es braucht nicht jene typisch östliche Stellung zu sein, die als „Lotussitz" (padmasana) bekannt ist, sie muß aber möglichst bequem und natürlich, möglichst frei und aufrecht sein, wozu ein Stuhl oder ein Hocker am besten dienen mag. Hinsichtlich der Bekleidung ist wenig zu sagen. Sie darf nicht beengen und soll praktisch und zweckmäßig sein.

 

Ist der Platz eingenommen und durch eine kleine Ruhepause eine gewisse innere Entspannung erreicht worden, nehme man sich fest vor, die immer wieder aufsteigenden Gedanken und Vorstellungen nicht zu beachten und die Aufmerksamkeit ausschließlich und allein auf das Ein- und Ausströmen des Atems zu richten.

 

Die Atmung muß ganz ungezwungen und mühelos sein. Man atme nicht durch den Mund, sondern durch die Nase und beobachte im Geiste das Ein- und Ausströmen des Atems an der Nasenöffnung. Beim Einatmen zähle man: Eins; beim Ausatmen: Zwei; beim Wiedereinatmen: Drei; beim Wiederausatmen: Vier, usw., bis etwa auf Acht oder Zehn. Dann ist mit dem Zählen wieder von vorne zu beginnen. Das Zählen dient zur Erhaltung der auf die Atmung gerichteten Aufmerksamkeit.

 

So lange ist in dieser Übung fortzufahren, bis es gelingt, die Aufmerksamkeit ohne die Zuhilfenahme des Zählens auf die Atmung zu richten. Das kann vielleicht schon nach der ersten Übung gelingen, vielleicht aber auch erst bei der zehnten oder hundertsten, ganz je nach der Konzentrationsfähigkeit des Meditierenden.

 

Die Dauer jeder einzelnen Übung hängt ebenfalls vom Willen und Können des Übenden ab und kann sich von der Zeitspanne einiger Minuten bis zu Stunden und noch länger erstrecken.

 

Im Anfang können schon einige wenige Minuten bewußter Aufmerksamkeit auf die Atmung, unter Ausschaltung aller anderen Gedanken und Vorstellungen, eine mühevolle Anstrengung sein, aber mit der Zeit und mit der allmählichen Gewöhnung an die Übung verschwindet das Mühevolle und an deren Stelle tritt eine bisher unbekannte Beruhigung, sowohl des Körpers wie des Geistes.

 

Ist die Zählstufe überwunden, d. h. bleibt die Aufmerksamkeit, auch ohne zu zählen, ungeteilt bei der Atmung, so bedeutet das schon einen ordentlichen Erfolg. Nun versuche man, im Geiste den Weg des Atems bis zum Zwerchfell und wieder zurück bis zur Nasenöffnung genau zu verfolgen und zu beobachten. Das ist so lange zu üben, bis die Beobachtung zur automatischen wird und beliebig lange ausgedehnt werden kann.


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