Milindapañha 3.3.8-3.4.15

Zurueck Milindapañha, Teil 3

1. Kapitel, Lösungen der Zweifel

Mil. 3.3.8. Sitz der Weisheit - 2.6.8. Paññāpatiṭṭhānapañho

 

Der König sprach: "Wo, o Herr, mag wohl die Weisheit thronen?"

"Nirgends, o König."

"Dann gibt es wohl, o Herr, überhaupt keine Weisheit?"

"Wo mag denn wohl der Wind wohnen, o König?"

"Nirgends, o Herr."

"Dann gibt es wohl, o König, überhaupt keinen Wind?"

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.3.9. Kreislauf des Daseins - 2.6.9. Saṃsārapañho

 

Der König sprach: "Was ist es, ehrwürdiger Nāgasena, das du mit dem Kreislauf des Daseins (samsāra) bezeichnest?"

"Da, o König, wird einer hier geboren und stirbt wieder hierselbst. Hier abgestorben taucht er anderswo wieder auf. Dort geboren stirbt er wieder dortselbst. Dort gestorben taucht er anderswo wieder auf. Das, o König, ist der Kreislauf des Daseins."

"Gib mir ein Gleichnis!"

"Nimm an, o König, es hätte einer eine reife Mangofrucht gegessen und er pflanzte deren Kern. Daraus entstände ein großer Mangobaum, der Früchte trüge. Und jener Mann äße auch davon eine reife Frucht und pflanzte wiederum den Kern. Daraus entstände wiederum ein großer Mangobaum, der Früchte trüge. Auf diese Weise wäre doch wohl ein Ende dieser Bäume nicht abzusehen. Ebenso auch, o König, wird einer hier geboren, um wieder hierselbst zu sterben. Hier abgestorben taucht er anderswo wieder auf. Dort geboren stirbt er wieder dortselbst. Dort abgestorben, taucht er anderswo wieder auf. Das, o König, ist der Kreislauf des Daseins."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.3.10. Geist und Gedächtnis - 2.6.10. Cirakatasaraṇapañho

 

Der König sprach: "Womit, ehrwürdiger Nāgasena, erinnert man sich an etwas, das vergangen und bereits vor langer Zeit geschehen ist?"

"Mit dem Gedächtnis (sati), o König."

"Wie denn, ehrwürdiger Nāgasena? Man erinnert sich doch wohl mit dem Geist (citta) und nicht mit dem Gedächtnis!"

"Gibst du wohl zu, daß du schon manchmal an ein Geschäft, das du verrichtet hast, dich später nicht mehr erinnern konntest?"

"Gewiß, o Herr."

"Fehlte dir denn nun damals der Geist?"

"Nein, o Herr, das Gedächtnis fehlte mir."

"Warum sagst du aber dann, o König, daß man sich mit dem Geiste erinnere und nicht mit dem Gedächtnisse?"

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.3.11. Von Außen her veranlaßte Erinnerung - 2.6.11. Abhijānantasatipañho

 

Der König sprach: "Ist wohl, ehrwürdiger Nāgasena, alle Erinnerung (sati), die aufsteigt, durch eigenes Erkennen bedingt oder von außen her veranlaßt?"

"Auch die von außen her veranlaßte Erinnerung, o König, ist ja durch eigenes Erkennen bedingt."

"Damit wäre ja, o Herr, alle Erinnerung durch eigenes Erkennen bedingt, und es gäbe gar keine von außen her veranlaßte Erinnerung."

"Wenn es keine von außen her veranlaßte Erinnerung gäbe, so brauchten ja die Lernenden sich gar nicht erst zu üben in Handwerk, Kunst und Wissenschaft, und die Lehrer hätten keinen Zweck. Doch dem ist nicht so, o König."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"

 


4. Kapitel

2.7. Arūpadhammavavattanavaggo

Mil. 3.4.1. Erinnerung - 2.7.1. Satiuppajjanapañho

 

Der König sprach: "Aus wie vielen Anlässen, ehrwürdiger Nāgasena, mag die Erinnerung (sati) aufsteigen?"

"Aus sechzehn Anlässen, o König, mag die Erinnerung aufsteigen, und zwar: infolge eignen Erkennens oder durch äußere Veranlassung oder infolge eines starken Bewußtseinseindruckes oder beim Erkennen eines Vorteils oder Nachteils oder einer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit oder durch Verstehen im Gespräch oder infolge eines Merkmales oder beim Nachsinnen oder infolge eines Zeichens oder beim Rechnen oder Auswendiglernen oder infolge geistiger Übung oder auf Grund eines Buches oder eines Unterpfandes oder der Erfahrung."

"Wieso aber mag infolge eignen Erkennens die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn zum Beispiel, o König, der ehrwürdige Ananda und die Laienschwester Khujjuttarā, oder irgend welche andere mit der Erkenntnis früherer Geburten begabte Personen, sich einer früheren Geburt erinnerten, so ist eben infolge eignen Erkennens in ihnen die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag durch äußere Veranlassung die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn zum Beispiel einen, der von Natur aus vergeßlich ist, die anderen immer wieder und wieder an etwas erinnern müssen, so steigt eben durch äußere Veranlassung in ihm die Erinnerung auf."

"Wieso aber mag infolge eines starken Bewußtseinseindruckes die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn da zum Beispiel einer zum Herrscher gekrönt wurde oder das Ziel des Stromeintrittes verwirklicht hat, so mag eben infolge jenes starken Bewußtseinseindruckes in ihm die Erinnerung daran aufsteigen."

"Wieso aber mag beim Erkennen eines Vorteils die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn sich da zum Beispiel einer erinnert, daß ihm unter diesem oder jenem Umstande Glück zuteil wurde, so steigt eben beim Erkennen eines Vorteils in ihm die Erinnerung auf."

"Wieso aber mag beim Erkennen eines Nachteils die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß man unter diesem oder jenem Umstande Leiden zu erdulden hatte, so ist eben beim Erkennen eines Nachteils in einem die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag beim Erkennen einer Ähnlichkeit die Erinnerung aufsteigen?"

"Man mag sich zuweilen an seine Eltern und Geschwister erinnern, wenn man ähnlich aussehende Personen erblickt. Oder man mag, wenn man ein Kamel oder einen Ochsen oder einen Esel erblickt, sich dabei an ein anderes ähnlich aussehendes Tier dieser Art erinnern. Auf diese Weise mag also beim Erkennen einer Ähnlichkeit in einem die Erinnerung aufsteigen."

"Wieso aber mag beim Erkennen einer Unähnlichkeit die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß ein gewisser Gegenstand anders in Farbe, Klang, Geruch, Geschmack oder Berührung ist, so ist eben beim Erkennen einer Unähnlichkeit die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag infolge einer Andeutung in Worten die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn zum Beispiel einen, der von Natur aus vergeßlich ist, die anderen an etwas erinnern und er sich infolgedessen der Sache wieder entsinnt, so ist eben durch Verstehen im Gespräch in ihm die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag infolge eines Merkmales die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn man zum Beispiel einen Stier an einem Brandmale oder an irgend einem anderen Kennzeichen wiedererkennt, so ist eben infolge eines Merkmales in einem die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag beim Nachsinnen die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn da zum Beispiel einer von Natur aus vergeßlich ist, und man fordert ihn wiederholt auf, sich auf eine gewisse Sache zu besinnen, so mag eben beim Nachsinnen in ihm die Erinnerung aufsteigen."

"Wieso aber mag infolge eines Zeichens die Erinnerung aufsteigen?"

"Infolge der Übung im Schreiben weiß man, welchen Buchstaben man auf diesen oder jenen folgen lassen muß. Auf diese Weise mag infolge eines Zeichens in einem die Erinnerung aufsteigen."

"Wieso aber mag beim Rechnen die Erinnerung aufsteigen?"

"Infolge der Übung im Rechnen können die Rechner große Summen zusammenzählen. Somit also mag beim Rechnen die Erinnerung aufsteigen."

"Wieso aber mag beim Auswendiglernen die Erinnerung aufsteigen?"

"Infolge der Übung im Auswendiglernen erinnern sich die Auswendiglernenden gar vieler Dinge. So also mag beim Auswendiglernen in einem die Erinnerung aufsteigen."

"Wieso aber mag durch geistige Übung die Erinnerung aufsteigen?"

"Da erinnert sich zum Beispiel ein Mönch gar mancher früheren Daseinsform. Insofern ist eben durch geistige Übung in ihm die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag auf Grund eines Buches die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn da zum Beispiel Fürsten über eine Verordnung nachsinnen und sich ihr Buch bringen lassen und auf Grund dieses Buches sich an etwas erinnern, so ist eben auf Grund eines Buches in ihnen die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag auf Grund eines Unterpfandes die Erinnerung aufsteigen?"

"Wenn man zum Beispiel durch den Anblick eines deponierten Gegenstandes an etwas erinnert wird, so ist eben auf Grund dieses Unterpfandes in einem die Erinnerung aufgestiegen."

"Wieso aber mag auf Grund der Erfahrung die Erinnerung aufsteigen?"

"Man erinnert sich einer Gestalt, eines Tones, eines Geruches, eines Geschmackes, einer Berührung oder eines geistigen Objektes, weil man eben früher einmal diese Dinge wahrgenommen hat. Auf diese Weise steigt eben auf Grund der Erfahrung in einem die Erinnerung auf."

"Aus diesen sechzehn Anlässen, o König, mag die Erinnerung aufsteigen."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.2. Wirkungskraft des Guten - 2.7.2. Buddhaguṇasatipaṭilābhapañho

 

Der König sprach: "Ihr lehrt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß, wenn einer auch hundert Jahre lang Böses getan hat, aber in der Sterbestunde selbst nur eine einzige Betrachtung über den Erleuchteten anstellt, er unter den himmlischen Geistern wiedergeboren werde. So etwas kann ich nicht glauben. Andererseits lehrt ihr aber, daß man infolge der Tötung eines einzigen Lebewesens in der Hölle wiedergeboren werde. Auch so etwas kann ich nicht glauben."

"Glaubst du wohl, o König, daß selbst ein kleiner Stein ohne Boot auf dem Wasser schwimmen könnte?"

"Nein, o König."

"Könnten nicht aber wohl sogar hundert Fuhren Steine, o König, falls man sie auf ein Schiff lädt, auf dem Wasser schwimmen?"

"Freilich könnten sie das, o Herr."

"Als das Schiff aber, o König, hat man eben die guten Taten anzusehen."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.3. Zweck des geistigen Strebens - 2.7.3. Dukkhappahānavāyamapañho

 

Der König sprach: "Strebt ihr wohl, ehrwürdiger Nāgasena, nach Überwindung des vergangenen Leidens?"

"Nein, o König."

"Oder vielleicht des gegenwärtigen Leidens?"

"Nein, o König."

"Oder etwa des zukünftigen Leidens?"

"Nein, o König."

"Wenn ihr nun aber weder nach Überwindung des vergangenen noch des gegenwärtigen noch des zukünftigen Leidens strebt, wonach strebt ihr denn da überhaupt?"

"Daß sowohl dieses Leiden versiegen als auch kein künftiges Leiden mehr aufsteigen möge: danach streben wir."

"Ist denn das zukünftige Leiden wirklich da, ehrwürdiger Nāgasena?" "Nein, o König."

"Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, ehrwürdiger Nāgasena, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!"

"Haben sich nicht wohl schon einst, o König, irgendwelche Gegenkönige als Feinde und Gegner gegen dich erhoben?"

"Gewiß, o Herr."

"Wie nun, o König: ließest du wohl dann erst Gräben ziehen, Wälle aufwerfen, Verschanzungen und Wachtürme errichten und Proviant herbeischaffen?"

"Nein, o König, dafür hat man schon früher gesorgt."

"Oder fingst du etwa erst dann damit an, dich mit Elefanten, Pferden, Wagen, Bogen und Schwert vertraut zu machen?"

"Nein, o König, das habe ich schon früher besorgt."

"Aus welchem Grunde denn?"

"Um künftiger Gefahr vorzubeugen, o Herr."

"Ist denn wohl, o König, die künftige Gefahr wirklich da?"

"Nein, o Herr."

"Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, daß ihr etwas abzuwenden sucht, das gar nicht existiert!"

"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"

"Was meinst du wohl, o König: wenn du Durst hast und Wasser zu trinken wünschest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke erst einen Brunnen oder eine Zisterne graben?"

"Gewiß nicht, o Herr, dafür hat man schon früher gesorgt."

"Aus welchem Grunde denn?"

"Um künftigem Durste vorzubeugen, o Herr."

"Ist denn wohl, o König, der künftige Durst wirklich da?"

"Nein, o Herr."

"Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, o König, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!"

"Gib mir noch ein anderes Gleichnis!"

"Was meinst du wohl, König: wenn du Hunger hast und zu essen wünschtest, wirst du wohl zu diesem Zwecke es für nötig halten, erst das Feld zu pflügen und Korn zu säen?"

"Gewiß nicht, o Herr, dafür hat man schon früher gesorgt."

"Aus welchem Grunde denn?"

"Um künftigem Hunger vorzubeugen, o Herr."

"Ist denn wohl, o König, der künftige Hunger wirklich da?"

"Nein, o Herr."

"Da seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, o König, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!"

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.4. Geschwindigkeit - 2.7.4. Brahmalokapañho

 

Der König sprach: "Wie weit, ehrwürdiger Nāgasena, ist es von hier bis zur Götterwelt?"

"Gar weit, o König, ist es von hier bis zur Götterwelt. Wenn da zum Beispiel ein Felsen, so groß wie ein Giebelhaus, von dort herabfallen sollte, so würde er erst nach vier Monaten die Erde erreichen, obzwar er schon in vierundzwanzig Stunden achtundvierzig tausend indische Meilen zurücklegt."

"Ihr behauptet aber doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß ein magiegewaltiger, geistbeherrschter Mönch imstande sei - gerade so schnell wie ein starker Mann seinen gebeugten Arm streckt oder seinen gestreckten Arm wieder beugt - von Indien zu verschwinden und in der Götterwelt wieder zu erscheinen. So etwas kann ich nicht glauben. Denn wie könnte wohl ein Mensch in dieser außerordentlichen Schnelligkeit so viele Hunderte von Meilen zurücklegen?"

Der Ordensältere sprach: "In welchem Lande, o König, bist du geboren?"

"Es gibt da ein Land zwischen zwei Flüssen, o Herr, mit Namen Alexandria. Dort bin ich geboren."

"Wie weit, o König, ist es wohl von hier bis Alexandria?"

"Zweihundert Meilen, o Herr."

"Kannst du dich wohl, o König, an irgend etwas erinnern, das du dort getan hast?"

"Gewiß, o Herr, ich erinnere mich da eben gerade an etwas."

"Fürwahr, o König, gar schnell hast du die zweihundert Meilen zurückgelegt."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.5. Unmittelbarkeit der Wiedergeburt - 2.7.5. Dvinnaṃ lokuppannānaṃ samakabhāvapañho

 

Der König sprach: "Nehmen wir nun einmal an, ehrwürdiger Nāgasena, daß da einer nach seinem Abscheiden von hier in der Götterwelt wiedergeboren würde und ein anderer in Kaschmir. Wer würde da wohl später und wer früher an seinem Ziele anlangen?"

"Beide würden gleichzeitig anlangen, o König."

"Gib mir ein Gleichnis!"

"An welchem Orte bist du geboren, o König?"

"Es gibt da, o Herr, ein Dorf mit Namen Kalasi. Dort bin ich geboren."

"Wie weit, o König, ist es wohl von hier bis zum Dorfe Kalasi?"

"Zweihundert indische Meilen, o Herr."

"Wie weit aber, o König, ist es von hier bis Kaschmir?"

"Zwölf Meilen, o Herr."

"Nun, o König, so denke einmal an das Dorf Kalasi!"

"Gut, o Herr, ich denke eben daran."

"Und nun, o König, denke an Kaschmir!"

"Gut, ich habe es getan."

"Welchen Ort nun, o König, hast du in Gedanken schneller erreicht und welchen langsamer?"

"Gleich schnell, o Herr, habe ich an beide gedacht."

"Ebenso auch, o König, braucht ein jeder dieselbe Zeit um wiedergeboren zu werden, gleichviel ob er in der Götterwelt oder in Kaschmir wiedergeboren wird."

"Gib mir ein weiteres Gleichnis hierfür!"

"Nimm an, o König, zwei Vögel flögen durch die Luft. Und der eine von ihnen setzte sich auf einen hohen und der andere auf einen niedrigen Baum. Wenn nun beide zu ein und derselben Zeit sich setzen sollten, wessen Schatten würde da früher und wessen Schatten später auf den Boden fallen?"

"Beide Schatten, o Herr, würden ganz gleichzeitig auf den Boden fallen."

"Ebenso auch, o König, braucht ein jeder dieselbe Zeit um wiedergeboren zu werden, gleichviel ob er in der Götterwelt oder in Kaschmir wiedergeboren wird."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.6. Die Erleuchtungsglieder - 2.7.6. Bojjhaṅgapañho

 

Der König sprach: "Wieviel Erleuchtungsglieder (bojjhangā) gibt es, ehrwürdiger Nāgasena?"

"Sieben, o König." (Diese sieben sind: Achtsamkeit, Wahrheitsergründung, Willenskraft, Verzückung, Ruhe, Sammlung und Gleichmut)

"Durch wieviel Erleuchtungsglieder aber, o Herr, kommt man zur Erleuchtung?"

"Durch ein einziges Erleuchtungsglied, o König, nämlich die Wahrheitsergründung."

"Aus welchem Grunde aber, o Herr, spricht man dann von sieben Erleuchtungsglieder?"

"Was meinst du, o König: könnte man wohl mit einem Schwerte, solange es noch in der Scheide steckt und man es nicht in die Hand nimmt, etwas zerschneiden?"

"Das nicht, o Herr."

"Ebenso aber auch, o König, ist es unmöglich, ohne das Erleuchtungsglied der Wahrheitsergründung - also bloß durch die übrigen sechs Erleuchtungsglieder - zur Erleuchtung zu kommen."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.7. Verdienst und Schuld - 2.7.7. Pāpapuññānaṃ appānappabhāvapañho

 

Der König sprach: "Was ist mehr, ehrwürdiger Nāgasena: Verdienst (puñña, dieser Begriff deckt sich im großen und ganzen mit kusala, karmisch heilsam, gut, moralisch) oder Schuld?" (apuñña, das Nicht-Verdienstvolle, Schlechte)

"Verdienst ist mehr, o König, Schuld ist geringer."

"Wieso?"

"Derjenige, o König, der eine Schuld begeht, fühlt Gewissensbisse darüber, daß er eine böse Tat begangen hat. Daher kann das Böse nicht weiter zunehmen. Wer aber etwas Verdienstvolles tut, o König, ist frei von Gewissensbissen. In einem aber, der keine Gewissensbisse hat, entsteht Freude, im Erfreuten die Verzückung, und das ganze Wesen des geistig Verzückten beruhigt sich; beruhigten Wesens aber empfindet er Glück, und des Glücklichen Geist sammelt sich; der Gesammelte aber erkennt die Dinge der Wirklichkeit gemäß. Aus diesem Grunde nimmt das Verdienst immer weiter zu.

Und wenn da zum Beispiel ein Mann mit verstümmelten Händen und Füßen, o König, auch nur eine einzige Hand voll Lotusblumen dem Erhabenen darreicht, so gerät er für einundneunzig Weltperioden nicht in die Hölle. Aus diesem Grunde, o König, behaupte ich eben, daß es mehr Verdienst gibt und weniger Schuld."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.8. Die größere Schuld - 2.7.8. Jānantājānantapāpakaraṇapañho

 

Der König sprach: "Wen, o Herr, trifft größere Schuld: denjenigen, der wissentlich eine böse Tat verübt, oder denjenigen, der, ohne es zu wissen, eine böse Tat verübt?"

"Denjenigen, o König, der, ohne es zu wissen, eine böse Tat verübt, trifft größere Schuld."

"Demnach müßten wir ja, o Herr, unsere Prinzen und Hofleute, die, ohne es zu wissen, eine böse Tat verüben, doppelt bestrafen!"

"Was meinst du, o König, wer sich da mehr verbrennen würde: derjenige, der mit Wissen eine glühendheiße, flammende und feurige Eisenkugel anfaßt, oder derjenige, der es ohne zu wissen tut?"

"Derjenige, o Herr, der es ohne zu wissen tut."

"Ebenso auch, o König, trifft denjenigen die größere Schuld, der, ohne es zu wissen, eine böse Tat verübt."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.9. Die Luft durchschweben - 2.7.9. Uttarakurukādigamanapañho

 

Der König sprach: "Gibt es wohl irgend jemanden, ehrwürdiger Nāgasena, der imstande wäre, mit dieser körperlichen Hülle nach Uttarakuru oder der Götterwelt oder nach irgend einem der anderen Weltteile zu schweben?"

"Gewiß gibt es welche, o König, die imstande sind, mit diesem aus den vier Elementen entstandenen Körper nach Uttarakuru oder der Götterwelt oder nach irgend einem der anderen Weltteile zu schweben."

"Wie ist wohl so etwas möglich, o Herr?"

"Erinnerst du dich vielleicht, o König, daß du wohl schon einmal ein oder zwei Fuß hoch über den Boden gesprungen bist?"

"Ja, o Herr, ich erinnere mich, daß ich sogar acht Fuß hoch über den Boden gesprungen bin."

"Wie aber konntest du so etwas fertig bringen?"

"Ich hatte den Gedanken gefaßt: <So hoch will ich fliegen!> - und bei diesem Gedanken wurde mein Körper leicht. Dann hatte ich den Gedanken gefaßt: <Hier will ich wieder hinunter kommen>!"

"Auf dieselbe Weise, o König, ist ein magiebegabter, geistesgewaltiger Mönch imstande, den Körper dem Geist gefügig zu machen und vermittelst der Geisteskraft durch die Lüfte zu schweben."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"


Mil. 3.4.10. Aufhebung des Atems - 2.7.10. Dīghaṭṭhipañho

 

Der König sprach: "Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß es möglich sei, Ein- und Ausatmung aufzuheben."

"Ja, o König, das kann man auch."

"Auf welche Weise aber bringt man das zustande, ehrwürdiger Nāgasena?"

"Sage, König, du hast doch wohl schon irgend einen Menschen schnarchen hören?"

"Gewiß, o Herr."

"Wenn nun ein solcher, o König, sich mit dem Körper umdreht, hört da nicht wohl alsbald das Schnarchen auf?"

"Gewiß, o Herr."

"Wenn nun aber bei einem, o König, der sich in Hinsicht auf Körper, Sittlichkeit, Geist und Weisheit noch gar nicht geübt hat, schon infolge einer bloßen Körperdrehung jenes Geräusch aufhört, warum sollte denn da bei einem, der sich in diesen Dingen geübt hat, durch den Eintritt in die vierte Vertiefung nicht auch die Ein- und Ausatmung zur Aufhebung gelangen können?"

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"

 


Mil. 3.4.11. Teilbarkeit - 2.7.11. Assāsapassāsanirodhapañho

 

Der König sprach "Kann man wohl, ehrwürdiger Nāgasena, das Allersubtilste teilen?"

"Freilich kann man das, o König."

"Was ist nun aber, o Herr, das Allersubtilste?"

"Der Dhamma (Gesetz, Lehre), o König, ist das Allersubtilste. Doch sind nicht etwa alle Dhammas (Erscheinungen, Dinge) subtil; die Dhammas werden entweder als subtil, oder als grob, bezeichnet. Alles aber, was irgendwie teilbar ist, kann nur durch die Weisheit geteilt werden; eine andere Teilung als durch Weisheit gibt es nicht."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"

 


Mil. 3.4.12. Bewußtsein, Weisheit und Seele

 

Der König sprach: "Sind, ehrwürdiger Nāgasena, diese Dinge, wie Bewußtsein, Weisheit und die Seele in einem Lebewesen, wirklich verschiedene Begriffe mit verschiedenem Inhalt, oder sind es bloß verschiedene Worte, die ein und dasselbe besagen?"

"Das Bewußtsein (viññāna), o Herr, besitzt das charakteristische Merkmal des Bewußtwerdens, die Weisheit (paññā) dasjenige des Erkennens, doch eine den Lebewesen innewohnende Seele gibt es überhaupt nicht."

"Wenn es aber keine Seele gibt, ehrwürdiger Nāgasena, wer ist es denn, der durch Auge, Ohr, Nase, Zunge, Tastorgan und Geist die Dinge wahrnimmt?"

Der Ordensältere sprach: "Wenn es wirklich eine Seele gäbe, die durch diese sechs Sinnestore die Dinge wahrnehmen könnte, müßte denn da, sobald die Sinnestore herausgenommen würden und sie gewissermaßen ihren Kopf herausstreckte, nicht wohl die Seele infolge des vollen Tageslichtes die Dinge besser wahrnehmen können?"

"Das ist allerdings unmöglich, o Herr."

"Folglich, o König, gibt es keine den Lebewesen innewohnende Seele."

"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"

 


Mil. 3.4.13. Eine schwierige Aufgabe - 2.7.12. Samuddapañho

 

Der Ordensältere sprach: "Eine gar schwierige Aufgabe, o König, hat der Erhabene gelöst."

"Welche denn, ehrwürdiger Nāgasena?"

"Etwas Schwieriges, o König, wurde vom Erhabenen darin geleistet, daß er bei diesen unkörperlichen Vorgängen, nämlich dem Bewußtsein und den Bewußtseinsfaktoren, die mit einem einzigen Objekt auftreten, ihre Analyse darlegte: Dies ist Sinneneindruck, dies ist Gefühl, dies ist Wahrnehmung, dies ist Wille, dies ist Bewußtsein."

"Gib mir ein Gleichnis hierzu!"

"Nimm an, o König, ein Mann führe mit seinem Boote auf die hohe See hinaus, schöpfte dort mit der hohlen Hand etwas Wasser und kostete es. Würde da wohl, o König, jener Mann unterscheiden können, ob dieses Wasser aus dem Ganges stammt oder aus der Jumnā oder der Aciravatī oder der Sarabhū oder der Mahī?"

"Schwerlich würde er das können, o Herr."

"Eine aber noch viel schwierigere Aufgabe als diese, o König, hat der Erhabene gelöst, indem er bei diesen unkörperlichen Vorgängen, nämlich dem Bewußtsein und den Bewußtseinsfaktoren, die mit einem einzigen Objekt auftreten, ihre Analyse darlegte: Dies ist Sinneneindruck, dies ist Gefühl, dies ist Wahrnehmung, dies ist Wille, dies ist Bewußtsein."

"Ja, vortrefflich, o Herr!" stimmte da der König erfreut bei.

 


Mil. 3.4.14. Abschied

 

Der Ordensältere sprach: "Weißt du vielleicht, o König, welche Zeit wir eben haben?"

"Ja, o Herr, das weiß ich. Die erste Nachtwache ist nämlich gerade vorüber, und die mittlere Nachtwache hat begonnen. Denn die Fackeln werden eben angezündet, und der Befehl ist gegeben, die vier Fahnen zu hissen, und die Geschenke des Königs werden sogleich aus der Schatzkammer eintreffen."

Und die Griechen sprachen: "Ja, schlagfertig bist du, o König, und gar weise ist dieser Mönch!"

"Ja, weise ist der Ordensältere! Wo da ein solcher Lehrer ist und ein solcher Schüler wie ich, da mag ein Verständiger in gar kurzer Zeit die Wahrheit erfassen."

Und voll Freude über die Antworten die er von dem Ordensälteren Nāgasena auf seine Fragen erhalten hatte, beschenkte ihn der König mit einer wollenen Überdecke im Werte von hunderttausend Kahāpana-Münzen, indem er sprach: "Von heute ab, ehrwürdiger Nāgasena, will ich dich für achthundert Tage mit Almosenspeise versehen. Was es hier im Palaste an Gegenständen gibt, die dir als Mönch gestattet sind, davon lade ich dich ein auszuwählen"

"Lasse es bewenden, o König! Ich habe meinen Lebensunterhalt",

"Das weiß ich wohl, ehrwürdiger Nāgasena, daß du genug hast zum Leben. Doch solltest du sowohl dich als auch mich vor Unannehmlichkeiten bewahren, und zwar dich vor dem öffentlichen Gerüchte, daß du, obwohl du den König Milinda bekehrt hast, keinerlei Dankbezeugung erhalten hattest, mich aber vor dem öffentlichen Gerüchte, daß ich, obzwar ich bekehrt wurde, mich nicht erkenntlich gezeigt habe."

"Nun gut, o König, lasse es so geschehen."

"Gleich wie da etwa, o Herr, der Löwe, der König der Tiere, selbst wenn er in einem goldenen Käfig eingesperrt ist, stets seinen Blick (vorsichtig) nach außen gerichtet hält: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, trotzdem ich im Hause lebe, muß ich doch stets meinen Blick (vorsichtig) nach außen richten. Sollte ich aber, o Herr, von Hause fort in die Hauslosigkeit ziehen, so würde ich nicht mehr lange am Leben bleiben, denn meiner Feinde sind gar viele."

 


Mil. 3.4.15. Die Nacht nach der Diskussion

 

Darauf erhob sich der ehrwürdige Nāgasena, nachdem er die sämtlichen Fragen des Königs Milinda beantwortet hatte, von seinem Sitze und kehrte zum Kloster zurück. Nicht lange aber, nachdem der ehrwürdige Nāgasena gegangen war, dachte der König Milinda bei sich nach über die Fragen, die er gestellt, und die Antworten, die er von dem ehrwürdigen Nāgasena erhalten hatte. Und er kam alsbald zu dem Schluss, daß er sämtliche Fragen richtig gestellt, und daß der ehrwürdige Nāgasena sie alle richtig beantwortet hatte. Und auch der ehrwürdige Nāgasena machte, nachdem er ins Kloster zurückgekehrt war, dieselbe Erwägung. Und auch er kam zu demselben Schluss.

Nach Verlauf jener Nacht nun, in der Frühe, kleidete sich der ehrwürdige Nāgasena an und begab sich, mit Gewand und Almosenschale versehen, zum Palast des Königs Milinda. Dort angelangt setzte er sich auf dem angewiesenen Sitze nieder. Und der König Milinda begrüßte ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Nāgasena und setzte sich zur Seite nieder. Darauf sprach er zum ehrwürdigen Nāgasena:

"Möge der Ehrwürdige nicht denken, daß, wenn ich den Rest der Nacht nicht geschlafen habe, es etwa aus Freude darüber war, daß ich dem ehrwürdigen Nāgasena meine Fragen gestellt habe. Das sollst du nicht denken. Ich habe vielmehr den Rest der Nacht darüber nachgesonnen, welche Fragen von mir gestellt und welche Antworten von dem Ehrwürdigen gegeben wurden. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß ich sämtliche Fragen richtig gestellt und der Ehrwürdige sie alle richtig beantwortet hatte."

Und auch der Ordensältere sprach: "Mögest auch du nicht von mir denken, daß ich den Rest der Nacht in Freude darüber verbracht habe, daß ich deine sämtlichen Fragen beantwortet hatte. Das sollst du nicht denken, denn ich habe während des Restes der Nacht darüber nachgesonnen, welche Fragen du mir gestellt und welche Antworten ich gegeben hatte. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß du sämtliche Fragen richtig gestellt und ich sie alle richtig beantwortet hatte."

So freuten sich denn jene beiden großen Männer gegenseitig über ihre wohlgesprochenen Worte.


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