Milindapañha 4.1.1-4.1.7

Zurueck Milindapañha, Teil 4

1. Kapitel 

 

 (*) Die von der ersten Auflage abweichende Fassung dieses schwierigen Verses folgte dem in diesem Jahrhundert in Burma verfaßten Milinda-Kommentars des Ehrw. Mingun Jetava Sayadaw (Hamsavati Pitaka Press, Rangoon)

 

Als nun das Dunkel der Nacht gewichen war und der Morgen graute, wusch der König Milinda sein Haupt, hob darauf seine gefalteten Hände zur Stirne empor und gedachte der Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dann nahm er acht Observanzen auf sich, indem er sprach: "Von heute ab will ich sieben Tage lang in der Askese leben und die acht Observanzen befolgen. Darauf will ich dem Meister meine Aufwartung machen und ihn über zweischneidige Probleme befragen." Und der König zog seine beiden Alltagsgewänder aus, legte seinen Schmuck ab und kleidete sich in ein fahles Gewand. Den Kopf aber bedeckte er mit dem flachen Käppchen eines kahlhäuptigen Asketen. Darauf nahm er, wie ein Asket ausschauend, die acht Tugenden auf sich, indem er sprach: "Die nächsten sieben Tage darf ich kein Regierungsgeschäft unternehmen. Kein mit Gier verbundener Gedanke soll in mir aufsteigen, kein mit Haß verbundener Gedanke, kein mit Verblendung verbundener Gedanke. Desgleichen habe ich mich gegen meine Knechte und Arbeitsleute demütig zu erweisen. Körper und Wort habe ich zu bewachen, habe meine sechs Sinne vollkommen zu behüten, habe den Geist auf Erweckung der Allgüte (Mettā) zu richten." 

Damit nahm er diese acht Tugenden auf sich, festigte sein Herz darin, und auf diese Weise, ohne sein Haus zu verlassen, verbrachte er volle sieben Tage. Am achten Tage aber nahm er bereits ganz in der Frühe, bei Tagesanbruch, sein Frühstück zu sich und begab sich darauf, mit gesenktem Blick, in Worten beherrscht, in seinen Körperhaltungen wohlbemessen, unzerstreuten Geistes, voll Freude, Begeisterung und Heiterkeit zum Ordensälteren Nāgasena. Und voller Ehrfurcht begrüßte er ihn, indem er mit dem Haupte seine Füße berührte. Darauf stellte er sich zur Seite hin und sprach:

"Ich habe da, ehrwürdiger Nāgasena, eine Sache mit dir zu besprechen Doch darf dabei kein Dritter zugegen sein. Im Walde oder an einsamer, abgeschiedener Stätte, die acht Eigenschaften besitzt und sich für Asketen eignet, da sollte dieses Problem vorgetragen werden. Auch darfst du mir dort nichts vorenthalten, nichts verheimlichen. Ich bin nun jetzt würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, alle Geheimnisse zu hören. Diese Tatsache ließe sich auch durch ein Gleichnis anschaulich machen. Gleichwie nämlich, ehrwürdiger Nāgasena, wenn man einen Schatz verbergen will, sich die Erde dazu am besten eignet, ihr denselben anzuvertrauen: ebenso auch, o Herr, bin ich nunmehr würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, die sämtlichen Geheimnisse zu hören."


Mil. 4.1.1. Zur Diskussion ungeeignete Plätze - Aṭṭhamantavināsakapuggalā

 

Der König begab sich daher zusammen mit seinem Meister an eine abgeschiedene Stelle im Walde und sprach: "Wer da eine Diskussion führen will, ehrwürdiger Nāgasena, der sollte acht Plätze meiden. Denn an solchen Plätzen mag kein verständiger Mensch eine Sache besprechen. Geschieht es aber dennoch, so gerät die Sache auseinander und führt zu nichts. Welches aber sind diese acht Plätze? 

Diese acht Plätze sollten dabei gemieden werden."

"Welche Fehler besitzen denn derartige Plätze?" warf der Ordensältere ein.

"Auf unebenem Boden, ehrwürdiger Nāgasena, gerät die Diskussion auseinander, wird zerrissen, gestört, macht keinen Fortschritt. 

In gefährlichen Plätzen ist der Geist aufgeregt und infolge der Aufregung bekommt man kein klares Bild. 

Deshalb heißt es auch:

 

 


Mil. 4.1.2. Zur Diskussion ungeeignete Menschen - Aṭṭhamantavināsakapuggalā

 

"Folgende acht Menschen, ehrwürdiger Nāgasena, bringen beim Diskutieren die besprochene Sache in Verwirrung. Welche acht? Derjenige, der einen begehrlichen oder gehässigen oder verblendeten oder dünkelhaften Charakter besitzt, der Habsüchtige, der Träge, der von einer fixen Idee Erfüllte und der Narr. Diese acht Menschen bringen den Gegenstand des Gespräches in Verwirrung."

"Worin besteht denn ihr Fehler?" fragte der Ordensältere.

"Der eine verdirbt die besprochene Sache infolge seiner Gier, der andere infolge seiner Gehässigkeit, der andere infolge seiner Verblendung, der andere infolge seines Dünkels, der andere infolge seiner Habsucht, der andere infolge seiner Trägheit, der andere infolge seiner fixen Idee, der andere infolge seiner Narrheit. Deshalb heißt es auch:

 


Mil. 4.1.3. Ausplauderer von Geheimnissen - Navaguyhamantavidhaṃsakaṃ

 

"Folgende neun Menschen gibt es, ehrwürdiger Nāgasena, die ein besprochenes Geheimnis verraten und nicht für sich behalten können. Und welche sind diese neun? Derjenige, der einen begehrlichen oder gehässigen oder verblendeten Charakter besitzt, der Feigling, der auf seinen Vorteil Bedachte, das Weib, der Trinker, der Eunuch und das Kind."

"Worin besteht denn deren Schwäche?" fragte der Ordensältere.

"Der eine verrät ein besprochenes Geheimnis aus Gier, der andere aus Gehässigkeit, der andere aus Verblendung, der andere aus Feigheit, der andere aus Gewinnsucht, das Weib aus mangelndem Verständnis (Obwohl betreffend des geistigen Fortschritts im Buddhismus den Frauen die gleichen Möglichkeiten wie den Männern zuerkannt werden, geben hier 'Die Fragen des Königs Milinda' das zeitgenössische Verständnis der weiblichen Daseinsweise wieder. Zu jener Zeit erhielten die Frauen, mit wenigen Ausnahmen, eine minimale Erziehung, was einer abschätzigen Beurteilung Vorschub leistete), der Trinker in seiner Betrunkenheit, der Eunuch infolge seiner Zwiespältigkeit und das Kind in seiner Unstetigkeit. Deshalb heißt es auch:

 

 


Mil. 4.1.4. Acht Fördernisse der Einsicht - Aṭṭha paññāpaṭilābhakāraṇaṃ

 

"Unter acht Umständen, ehrwürdiger Nāgasena, mag sich die Einsicht entfalten und Reife erlangen. Diese sind: die Altersreife, das Zunehmen an Ansehen, das Befragen, das Zusammenwohnen mit einem Meister, weise Erwägung, Zwiegespräch, Pflege der Freundschaft und der Aufenthalt an einem geeigneten Orte. Deshalb heißt es auch:

 

 


Mil. 4.1.5. Die Schülertugenden

 

"Diese Stätte nun, ehrwürdiger Nāgasena, ist frei von den acht für eine Diskussion störenden Umständen. Ich aber bin in aller Welt der beste Diskussionspartner. Ich kann ferner Geheimnisse für mich behalten, und ich werde auch solche zeitlebens hüten. Auch hat infolge der acht erwähnten Umstände meine Einsicht die nötige Reife erlangt. Schwerlich könnte man daher einen anderen Schüler finden, der mir gleich käme."


Mil. 4.1.6. Die Lehrertugenden - Ācariyaguṇaṃ

 

"Gegen einen Schüler aber, der sich richtig benimmt, hat der Meister sich in vollkommener Übereinstimmung mit den fünfundzwanzig Lehrertugenden zu benehmen. Und welche sind diese fünfundzwanzig Tugenden? 

Der Meister, o Herr, soll den Schüler beständig und unablässig überwachen. 

 

[In A.III.129, heißt es: "Drei Dinge, ihr Jünger, leuchten vor aller Welt, nicht im Geheimen: die Sonne, der Mond und die Lehre des Vollendeten." Esoterismus und Geheimnistuerei sind unvereinbar mit dem Geiste der für alle Wesen bestimmten Erlösungslehre des Erleuchteten.]

 

 

Dies, o Herr, sind die fünfundzwanzig Tugenden eines Lehrers. Und in Übereinstimmung mit eben diesen Tugenden mögest du mich recht behandeln. Zweifel sind mir da aufgestiegen, o Herr. In den Lehren des Siegreichen gibt es nämlich zweischneidige Probleme. Darüber möchte sich in späteren Zeiten Streit entspinnen, und Einsichtige deinesgleichen möchten dann wohl schwerlich zu finden sein. So verschaffe mir denn in diesen Fragen Klarheit, damit ich die Behauptungen der Gegner widerlegen kann."


Mil. 4.1.7. Die Tugenden eines Laienanhängers - Upāsakaguṇaṃ

 

"Gut", stimmte der Ordensältere bei und erklärte ihm sodann die zehn Tugenden eines Laienanhängers, indem er sprach: "Folgende zehn Tugenden eines Laienanhängers gibt es, o König. Welche zehn? 

Dies, o König, sind die zehn Tugenden eines Laienanhängers. Und alle diese Tugenden sind in dir anzutreffen. Darum ist es richtig und in der Ordnung, dir angemessen und deine Pflicht, daß du, der du den Verfall der Lehre siehst, ihr erneutes Wachstum herbeisehnst. Ich gebe dir also die Erlaubnis, mir Fragen zu stellen, so viele du willst."


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