Zurueck Milindapañha, Teil 4

Mil. 4.6.6. Sollten nicht besser bloß Vorgeschrittene im Orden Aufnahme finden? - 5.1.5. Hīnāyāvattanapañho

 

"Gewaltig, ehrwürdiger Nāgasena, ist des Vollendeten Lehre, gehaltvoll, edel, vorzüglich, erhaben, unvergleichlich, lauter, fleckenlos, leuchtend und untadelhaft. Nicht recht ist es, einen Laien ohne weiteres in den Orden aufzunehmen. Sondern erst dann sollte man einen Laien in den Orden aufnehmen, wenn man ihn durch Unterweisung das eine oder andere Ziel (das ist des Stromeintritts usw.) hat erreichen lassen und er so nicht wieder zurückfällt. 

Und warum? Weil eben die schlechten Menschen, nachdem sie erst dort in der lauteren Lehre Aufnahme gefunden haben, sich dann wieder davon abwenden und zum niedrigen Weltleben zurückkehren. Und infolge ihres Rücktrittes sagt sich alle Welt, daß diese Lehre des Asketen Gotamo doch gar eitel sein müsse, da jene sich wieder von ihr abwenden. Dies ist der Grund für meine Worte."

 

"Nehmen wir an, o König, es befinde sich da ein Teich, angefüllt mit klarem, ungetrübtem, kühlem Wasser. Und ein Mann, beschmutzt und mit Kot und Schlamm bedeckt, komme zu jenem Teiche. Ohne jedoch gebadet zu haben gehe er, schmutzig wie zuvor, wieder weg. Wen, o König, möchten da wohl die Leute tadeln: den Beschmutzten oder den Teich?"

"Den Beschmutzten möchten sie tadeln, o Ehrwürdiger. Denn, obzwar dieser sich zum Teiche hin begeben hat, ist er jedoch, ohne sich zu baden, in noch beschmutztem Zustand wieder fortgezogen. Wie sollte da wohl den Teich die Schuld treffen?"

"Genau so aber auch, o König, schuf der Vollendete den mit dem edlen Wasser der Erlösung angefüllten hehren Gesetzesteich. Und alle vom Schmutze der Leidenschaften Befleckten werden, sofern sie einsichtig und verständig sind, sich darin baden und so von allen Flecken rein gespült. Wenn aber einer zum Teiche des guten, edlen Gesetzes hingeht, sich jedoch nicht darin badet, sondern noch mit Flecken behaftet wieder weggeht und zum niederen Weltleben zurückkehrt, so wird eben alle Welt diesen tadeln und sagen: <Obzwar dieser in des Siegreichen Lehre Aufnahme gefunden hat, ist er dennoch, ohne festen Fuß darin zu fassen, wieder zum niederen Weltleben zurückgekehrt.> Sollte wohl, wenn dieser des Siegreichen Lehre nicht befolgt, die Lehre ihn etwa von allein läutern? Wie kann da also des Siegreichen Weisung irgend welche Schuld treffen?

Oder: gesetzt, o König, ein sehr kranker Mann finde einen mit der Entstehung der Krankheiten vertrauten, unfehlbar, sicher und erfolgreich arbeitenden Arzt; doch er lasse sich nicht behandeln, sondern kehre, genau so krank wie zuvor, wieder um. Wen möchten da wohl die Leute tadeln, den Kranken oder den Arzt?"

"Den Kranken, o Ehrwürdiger. Denn er hat sich ja nicht behandeln lassen, sondern ist in noch krankem Zustande wieder zurückgekehrt. Sollte wohl, wenn dieser sich nicht behandeln läßt, der Arzt ihn etwa von sich aus behandeln? Wie kann da den Arzt irgend welche Schuld treffen?"

"Ebenso auch, o König, hat der Vollendete in dem Korbe des Gesetzes die ganze Unsterblichkeitsarznei zur Heilung aller Leidenschaftsgebrechen aufbewahrt, damit alle die von den Übeln der Leidenschaftsgebrechen Gequälten, sofern sie Verstand und Einsicht besitzen, von diesem Unsterblichkeitstranke trinken und so von allen Übeln der Leidenschaften geheilt werden. Wenn da aber einer, ohne von dem Unsterblichkeitstranke zu trinken, noch voller Leidenschaften, sich wieder abwendet und zum niederen Weltleben zurückkehrt, so werden die Leute eben einen solchen tadeln und sagen: <Obzwar dieser in des Siegreichen Lehre Aufnahme gefunden hat, ist er dennoch, ohne festen Fuß darin zu fassen, wieder zum niederen Weltleben zurückgekehrt."

Oder: wenn da, o König, ein hungriger Mann, der sich zu einer außergewöhnlich großen frommen Speiseverteilung hinbegeben hat, ohne etwas von der Speise zu genießen in noch hungrigem Zustand sich wieder entfernt: wen möchte man da tadeln, den Hungrigen oder die fromme Gabe?"

"Den Hungrigen, o Ehrwürdiger. Denn er hat ja Speise erhalten; doch ohne von der Speise zu genießen, ist er in noch hungrigem Zustand wieder fortgegangen. Sollte ihm wohl, wenn er sich des Essens enthält, die Speise etwa von selber in den Mund fliegen? Wie kann da die Speise irgendwelche Schuld treffen?"

"Ebenso auch, o König, hat der Vollendete in dem Korbe des Gesetzes eine edle, erhabene, stillende, segensreiche und äußerst liebliche Unsterblichkeitsspeise aufbewahrt, die <Körperbetrachtung> (kāyagatā-sati), damit die von den Leidenschaften innerlich Verzehrten und im Geiste von der Gier Überwältigten, sofern sie Verstand und Einsicht besitzen, von dieser Speise genießen und alles Begehren nach sinnlichem, formhaftem und formlosem Dasein überwinden. Doch wenn da einer, ohne von jener Speise genossen zu haben, noch von Begehren erfüllt wieder umkehrt, so werden eben die Leute einen solchen tadeln und sprechen: <Obzwar dieser in des Siegreichen Lehre Aufnahme gefunden hat, ist er dennoch, ohne festen Fuß darin zu fassen, wieder zum niederen Weltleben zurückgekehrt.> 

Wenn, o König, der Vollendete nur den durch Übung zu einem der Hohen Ziele gelangten Hausbewohner in den Orden aufnehmen möchte, würde denn da diese Weltentsagung zur Überwindung der Leidenschaften oder zur Läuterung noch irgend welchen Zweck haben? Dann hätte man doch die Weltentsagung gar nicht mehr nötig! Oder nimm an, o König, ein Mann habe unter Verwendung von vielen Hunderten von Leuten einen Teich anlegen lassen, und nun verkünde er den Leuten: <Möge keiner von euch in beschmutztem Zustande in diesen Teich steigen! Erst, wenn ihr euch den Schmutz und Staub abgespült habt und sauber seid, ohne Flecken und gereinigt, dann möget ihr in diesen Teich steigen!> Würden dann diese wohl noch den Teich benötigen, die doch schon den Schmutz und Staub von sich abgespült haben, sauber sind, ohne Flecken und gereinigt?"

"Das freilich nicht, o Ehrwürdiger; denn der Zweck, um dessentwillen sie zu jenem Teiche gehen möchten, hätten sie bereits anderwärts erreicht. Was brauchten sie dann noch jenen Teich?"

"Ebenso auch, o König: wenn der Vollendete nur den durch Übung zu einem der Hohen Ziele gelangten Hausbewohner aufnehmen möchte, so hätte doch dieser seine Aufgabe bereits erfüllt. Wozu sollte er noch die Weltentsagung nötig haben? Oder: nimm an, o König, es sei da ein Arzt, ein echter Jünger der Seher, ein Kenner des Wissens und der Verstexte (der Heilkunde), kein Theoretiker, vertraut mit der Entstehung der Krankheiten, in seinem Beruf unfehlbar, sicher und erfolgreich. Dieser habe eine Arznei zusammengestellt, die alle Krankheiten heilt. Nun aber lasse er den Leuten bekannt geben, daß ihn keine Kranken aufsuchen dürfen, sondern nur solche Personen, die gesund sind und frei von Siechtum. Möchten da diese gesunden, von Siechtum freien, heilen und kräftigen Menschen wohl jenen Arzt noch nötig haben?"

"Das freilich nicht, o Ehrwürdiger. Denn der Zweck, um dessentwillen sie den Arzt aufsuchen würden, hätten sie ja bereits anderwärts erreicht. Wozu brauchten sie da noch jenen Arzt?"

"Oder: nimm an, o König, ein Mann bringe viele Töpfe mit gekochter Speise heran und mache den Leuten bekannt: <Wenn ihr etwa hungrig seid, so dürft ihr nicht an dieser Speiseverteilung teilnehmen, sondern nur dann, wenn ihr bereits gründlich gespeist, euren Hunger gestillt habt und gesättigt seid, befriedigt, satt, und euer Magen gefüllt ist!> Würden da wohl diese noch der Speise bedürfen?"

"Das freilich nicht, o Ehrwürdiger. Denn den Zweck, um dessentwillen sie zu der Speiseverteilung gingen, hätten sie doch schon anderwärts erreicht. Was nützte ihnen da noch jene Speiseverteilung?"

"Ebenso auch, o König: wenn der Vollendete nur den durch Übung zu einem der Hohen Ziele gelangten Hausbewohner aufnehmen möchte, so hätte doch dieser seine Aufgabe bereits erfüllt. Wozu sollte er noch die Weltentsagung nötig haben? Nichtsdestoweniger aber, o König, lassen diejenigen, die zum niederen Weltleben zurückkehren, dadurch an des Siegers Botschaft deutlich fünf unvergleichliche, gute Eigenschaften erkennen. Welche fünf? Sie lassen die Erhabenheit ihres Gebietes erkennen, ihre lautere, fleckenlose Beschaffenheit, ihren Ausschluß schlechter Menschen, ihre schwere Verstehbarkeit, die Vielheit ihrer Regeln für Beherrschung und Selbstzügelung.

Wie aber lassen jene die Erhabenheit des Gebietes der Botschaft erkennen? Wenn da etwa, o König, einem armen Manne von niederer Herkunft, der ohne Vorzüge und Einsicht ist, ein gewaltig großes Gebiet zufallen sollte, so würde dieser in gar kurzer Zeit zu Fall kommen, ins Verderben geraten, sein Ansehen verlieren und außerstande sein, die Herrschaft zu behaupten. Und aus welchem Grunde? Eben wegen der Größe des Gebietes. Ebenso auch, o König: Wenn diejenigen, die ohne Vorzüge sind, kein Verdienst erwirkt haben und schwach an Einsicht sind, im Orden des Siegers Aufnahme finden, so werden sie, außerstande, die edle, erhabenste Weltentsagung auszuhalten, nach gar nicht langer Zeit von der Botschaft des Siegers abfallen, sie im Stiche lassen und zum niederen Weltleben zurückkehren, sie werden eben nicht imstande sein, die Botschaft des Siegers auszuhalten. Und aus welchem Grunde nicht? Eben weil das Gebiet der Botschaft des Siegers so erhaben ist. Auf diese Weise lassen sie die Erhabenheit des Gebietes der Botschaft erkennen.

Wie aber lassen sie der Botschaft lautere, fleckenlose Beschaffenheit erkennen? Gleichwie von einem Lotusblatte das Wasser wieder herabläuft, sich zerteilt und zerstreut, zerstiebt, zergeht und nicht haften bleibt - eben wegen der lauteren und fleckenlosen Beschaffenheit des Lotusblattes -: ebenso auch, o König, werden alle die hinterlistigen, falschen, ungeraden, versteckten und schlechten Ansichten ergebenen Menschen, die im Orden des Siegers Aufnahme gefunden haben, nach gar kurzer Zeit von des Siegers lauterer, fleckenloser, lichter und erhabener Botschaft wieder abfallen, sich davon abwenden, abkehren, nicht standhaft bleiben, nicht fest daran halten und werden zum niederen Weltleben zurückkehren. Und aus welchem Grunde? Eben weil des Siegers Botschaft so lauter und fleckenlos ist. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft lautere und fleckenlose Beschaffenheit erkennen.

Wie aber lassen sie der Botschaft Ausschluß schlechter Menschen erkennen? Mit der Botschaft des Siegers, o König, ist es wie mit dem Weltmeere, das keine Leiche in sich duldet. Jede Leiche, die sich darin befindet, spült das Meer gar bald zum Ufer, treibt sie auf's Land. Und warum? Eben weil das Weltmeer die Behausung mächtiger Geschöpfe bildet. Ebenso auch werden alle die bösen, unbeherrschten, schamlosen, untätigen, unstrebsamen, willenlosen, ungeraden, befleckten Menschen, die in des Siegers Orden Aufnahme gefunden haben, nach gar kurzer Zeit die Botschaft des Siegers wieder im Stiche lassen, nicht mehr daran festhalten und werden zum niederen Weltleben zurückkehren Und warum? Eben weil des Siegers Orden keine schlechten Menschen in sich duldet. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft Ausschluß schlechter Menschen erkennen.

Wie aber lassen sie der Botschaft schwere Verstehbarkeit erkennen? Gleichwie alle die Bogenschützen, o König, die ungeschickt, ungeschult, unerfahren und ohne Scharfsinn sind und unfähig, die Haarspitze zu treffen, davon ablassen und fortgehen - eben weil die dünne, feine Haarspitze gar schwer zu treffen ist -; so auch, o König, ergeht es allen den einsichtslosen, stumpfen, blöden, verblendeten, geistig trägen Menschen, die in des Siegers Orden Aufnahme fanden. Außerstande, die Durchdringung jener so äußerst scharfsinnigen und subtilen vier Wahrheiten zu erreichen, fallen sie ab von des Siegers Weisung, lassen sie im Stich und kehren nach gar nicht langer Zeit zum niederen Weltleben zurück. Und warum? Weil eben diese so äußerst scharfsinnige und subtile Lehre des Siegers gar schwer zu verstehen ist. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft schwere Verstehbarkeit erkennen.

Wie aber lassen sie der Botschaft Vielheit ihrer Regeln für Beherrschung und Selbstzügelung erkennen? Wenn da zum Beispiel, o König, ein Mann sich auf einem gewaltig großen Schlachtfelde befindet und er, vom feindlichen Heere ringsherum eingeschlossen, die Krieger, mit Spießen in den Händen, auf sich losstürmen sieht, so zieht er sich voll Schrecken zurück, macht kehrt und flieht davon, weil er sich sonst ja gegen die vielerlei Kampfstellungen zu schützen hätte. Ebenso auch, o König, ergeht es jenen üblen, ungezügelten, schamlosen, untätigen, ungeduldigen, unbeständigen, erregten, niedrigen und unverständigen Toren, die in des Siegers Orden Aufnahme gefunden haben. Unfähig, die vielen Übungsregeln einzuhalten, ziehen sie sich zurück, machen kehrt, fliehen und kehren nach gar nicht langer Zeit zum niederen Weltleben zurück, eben weil sie in des Siegers Orden über so vielartige Regeln der Selbstbeherrschung zu wachen haben. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft Vielheit an Regeln für Beherrschung und Selbstzügelung erkennen.

Selbst am besten, im Trockenen wachsenden Jasminbusch gibt es von Insekten durchlöcherte Blüten, und die vertrockneten Knospen fallen ab. Nicht aber wird wegen ihres Abfallens der Jasminbusch verachtet, denn die daran hängengebliebenen Blüten durchdringen noch immer mit ihrem lieblichen Dufte jede Richtung. Ebenso auch, o König, wird der Orden des Siegers nicht wegen jener mißachtet, die erst im Orden Aufnahme gefunden haben und dann wieder zum niederen Weltleben zurückkehren. Denn, wie insektendurchbohrte Blüten, ohne Schönheit und Duft, von gleichsam farbloser Sittlichkeit, sind diese unfähig, in des Siegers Orden reif zu werden. Nicht aber wird wegen ihrem Rücktritt zum niederen Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin ausharrenden Mönche durchdringen noch immer die Welt samt ihren Göttern mit dem edlen Dufte der Sittlichkeit. Auch mitten unter gesundem rotem Reis mag bisweilen eine Reisart namens Karumbhaka entstehen, die bald zugrunde geht. Nicht wird aber wegen ihres Zugrundegehens jener rote Reis verachtet, denn den verbleibenden Reis genießen ja selbst die Könige. Genau so aber, o König, steht es mit jenen Menschen. Dem Karumbhaka unter dem roten Reise gleichend bringen sie es im Orden des Siegers nicht zum Wachsen und Gedeihen, sondern kehren schon vorher zum niederen Weltleben zurück. Nicht aber wird wegen ihres Rücktritts zum niederen Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin ausharrenden Mönche sind ja noch immer fähig, die Heiligkeit zu erreichen. Selbst an dem wunschgewährenden Edelsteinjuwel, o König, mag an irgend einer Stelle eine Rauheit entstehen. Doch deswegen wird das Edelsteinjuwel nicht verachtet, denn das, was an dem Edelsteinjuwel lauter ist, bringt noch immer den Menschen Freude. Genau so, o König, steht es mit jenen Menschen. Als Rauheiten gelten sie in des Siegers Orden, als Abgefallene. Und nicht wird wegen ihres Rücktritts zum niederen Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin ausharrenden Mönche gereichen noch immer den Göttern und Menschen zur Freude.

Auch das echte, rote Sandelholz, o König, mag an einer Stelle verdorben sein und ohne Duft. Nicht aber wird deswegen das rote Sandelholz verachtet, denn was daran unverdorben und wohlriechend ist, das sendet seinen Duft noch immer aus und verbreitet ihn ringsumher. Genau so, o König, steht es mit jenen Menschen. Der verdorbenen Stelle mitten im Kerne des roten Sandelholzes gleichend, gelten sie im Orden des Siegers als Auszuscheidende. Und nicht wird wegen ihres Rücktritts zum niederen Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin ausharrenden Mönche durchdringen ja noch immer mit dem edlen Sandelholzdufte ihrer Sittlichkeit die Welt samt ihren Göttern."

"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena, hast du durch mancherlei treffende, angemessene Begründungen den untadeligen Orden des Siegers gewiesen, in seiner ganzen Erhabenheit beleuchtet; und gezeigt hast du, daß selbst die zum niederen Weltleben Zurückkehrenden des Siegers Orden in seiner ganzen Erhabenheit deutlich erkennen lassen."

 


Mil. 4.6.7. Hat der Heilige Gewalt über seinen Körper? - 5.1.6. Arahantavedanāvediyanapañho

 

"Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Heilige nur noch eine Art der Schmerzen empfinden mag und zwar den körperlichen Schmerz, nicht mehr den geistigen. Ist denn, ehrwürdiger Nāgasena, der Heilige über den Körper, auf den doch seine eigene Bewußtseinstätigkeit gestützt ist, nicht Herr und Meister; hat er denn nicht Gewalt darüber?"

"Nein, o König."

"Das ist aber nicht recht, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Heilige über den sein eigenes Bewußtsein im Gange haltenden Körper nicht Herr und Meister sein und keine Gewalt darüber haben sollte. Selbst der Vogel ist doch Herr und Meister über das Nest, das er bewohnt, hat Gewalt darüber."

"Zehn dem Körper anhaftende Erscheinungen, o König, begleiten und verfolgen den Körper von Dasein zu Dasein: welche zehn? Kälte Hitze, Hunger, Durst, Kot, Urin, Stumpfheit und Mattigkeit (*), Alter, Krankheit, Tod. Hierüber ist der Heilige nicht Herr und Meister, hat keine Gewalt darüber."

 

(*) Diese beiden Begriffe (thīna-middha) werden hier offenbar als körperliche Zustände aufgefaßt. Im Pāli-Kanon erscheinen sie jedoch als geistige Hemmungen (nīvarana), von denen der Heilige frei ist. Auch in einem der alten Lehrkompendien, dem "Weg zur Freiheit" (Vimutti-Magga) gelten sie als körperlich, was jedoch in Buddhaghosas "Der Weg zur Reinheit" (Visuddhi-Magga) verworfen wird.

 

"Warum, ehrwürdiger Nāgasena, hat wohl der Heilige keine Gewalt über den Körper? Erkläre mir den Grund hierfür!"

"Die auf der Erde wohnenden Wesen, o König, bewegen sich und leben doch alle auf der Erde. Haben diese etwa Herrschaft und Macht über die Erde?"

"Nein, o Ehrwürdiger."

"Ebenso auch, o König, stützt sich zwar die Bewußtseinstätigkeit des Heiligen auf den Körper; aber dennoch hat der Heilige keine Herrschaft und Macht darüber."

"Aus welchem Grunde nun wohl, ehrwürdiger Nāgasena, mag der Weltling (puthujjana) beide Arten des Schmerzes empfinden, körperlichen und geistigen?"

"Weil er seinen Geist nicht entfaltet hat, o König. Gleichwie etwa, o König, ein von Hunger und Durst gequälter Büffel, den man mit einem schwachen, morschen, dünnen Strohseile oder mit einer Ranke angebunden hat, sobald er erregt wird, sich losreißt und mit seiner Fesselung davon läuft: ebenso auch, o König, bringt bei dem im Geiste Unentfalteten der (körperliche) Schmerz, sobald er aufsteigt, den Geist in Erregung. Ist aber der Geist erregt, so drängt er den Körper hier- und dorthin, treibt ihn im Kreise herum. Und jener im Geiste Unentfaltete bebt und schreit stößt Schreie des Entsetzens aus. Das ist eben der Grund, o König daß der Weltling noch beide Arten des Schmerzes empfinden mag."

"Was aber, ehrwürdiger Nāgasena, ist der Grund, daß der Heilige nur noch eine Art des Schmerzes empfinden mag, den körperlichen und nicht mehr den geistigen?"

"Der Geist des Heiligen, o König, ist gepflegt und wohl entfaltet, bezähmt und wohl beherrscht, gehorsam, folgsam aufs Wort. Und wird der Heilige von einem (körperlichen) Schmerzgefühl berührt, so faßt er den Gedanken der Vergänglichkeit fest, bindet gleichsam seinen Geist an den Pfeiler der Sammlung. Ist aber sein Geist an den Pfeiler der Sammlung gebunden, so erbebt und erzittert er nicht, bleibt standhaft und unbeirrt, während sein Körper unter dem Einfluss der störenden Schmerzen sich hin und her krümmen und winden mag. Das, o König, ist der Grund, daß der Heilige nur noch eine Art des Schmerzes empfinden mag, den körperlichen Schmerz und nicht mehr den geistigen."

"Wunderbar ist es doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß da trotz der Erregung des Körpers der Geist nicht erregt wird. Erkläre mir den Grund hierfür!"

"Wenn da zum Beispiel, o König, ein mächtiger, gewaltiger Baum, mit gesundem Stamme, Ast- und Blätterwerk, von der Gewalt des Windes getroffen wird, so mögen zwar die Zweige erzittern. Tut es etwa aber auch der Stamm?"

"Das nicht, o Ehrwürdiger."

"Ebenso auch, o König, mag unter dem Einfluss störender Schmerzen der Körper des Heiligen sich hin und her krümmen und winden. Sein Geist aber, o König, erbebt und erzittert nicht mehr, gleichwie der Stamm des Baumes nicht erzittert."

"Wunderbar, ehrwürdiger Nāgasena! Erstaunlich, ehrwürdiger Nāgasena! Noch nie zuvor habe ich eine Leuchte des Gesetzes gesehen, die zu jeder Zeit so leuchtete."

 


Mil. 4.6.8. Kann, wer eine Todsünde begangen hat, das Nibbāna erreichen? - 5.1.7. Abhisamayantarāyakarapañho

 

"Gesetzt, ehrwürdiger Nāgasena, ein Hausbewohner habe eine Todsünde(*)  begangen, und in der Folgezeit trete er in den Orden ein; er sei sich aber selber nicht bewußt, daß er als Hausbewohner eine Todsünde begangen habe, und auch kein anderer mache ihn darauf aufmerksam. Wenn nun dieser nach dem Ziele streben möchte, könnte er da wohl die Durchdringung der Lehre(**)  erreichen?"


(*) das hier mit dem populären Ausdruck "Todsünde" wiedergegebene Pāli-Wort pārājika bezeichnet eigentlich nur die schwersten Vergehen eines Mönches. Für einen Laien entsprechen dem an Schwere die folgenden Vergehen, laut Kommentar: Muttermord, Vatermord, Heiligenmord, Verwundung eines Buddha, Verführung einer Nonne.

(**) dhammābhisamaya, wird meist gleichgesetzt mit Erreichung des Stromeintrittes, der ersten Stufe Heiligkeit.


"Nein, o König."

"Aus welchem Grunde nicht, o Ehrwürdiger?"

"Weil eben in einem solchen, o König, die Bedingung dazu zerstört ist."

"Ihr sagt doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß nur, wer sich (einer Schuld) bewußt ist, Gewissensunruhe empfindet, daß bei Gewissensunruhe eine Hemmung entsteht, und daß bei so gehemmtem Geiste es keine Durchdringung der Lehre gibt. Warum aber erreicht dieser, der sich doch gar keiner Schuld bewußt, von keiner Gewissensunruhe erfüllt ist und ruhig im Geiste bleibt, nicht die Durchdringung der Lehre? Von einer Schwierigkeit zur anderen führt dieses Problem. Denke darüber nach, bevor du es mir beantwortest."

"Möchte wohl, o König, auf gut gepflügtem, ganz schlammigem fettem Boden reifer, sorgfältig gepflanzter Samen gedeihen?"

"Gewiß, o Ehrwürdiger."

"Würde aber wohl, o König, derselbe Samen auf hartem, felsigem Steinboden gedeihen?"

"Das nicht, o Ehrwürdiger."

"Warum aber, o König, gedeiht genau der gleiche Samen zwar im Schlamme, nicht aber auf hartem Steinboden?"

"Weil eben auf dem harten Steinboden, o Ehrwürdiger, die Bedingungen zu einem Gedeihen nicht vorhanden sind und der Samen ohne diese Bedingungen nicht gedeihen kann."

"Ebenso auch, o König, ist die Bedingung, durch die es zu einer Durchdringung der Lehre kommen mag, in jenem Menschen zerstört, und ohne diese Bedingung ist eine Durchdringung der Lehre nicht möglich. Es finden, o König, zwar Stöcke, Erdklumpen, Keulen, Zuschlagehämmer und Schlegel alle eine feste Unterlage auf der Erde; möchten sie diese wohl aber auch in dem freien Luftraume finden?"

"Das wohl nicht, o Ehrwürdiger."

"Warum aber, o König, finden die nämlichen Dinge auf der Erde eine feste Unterlage, nicht aber im freien Luftraume?"

"Weil im freien Luftraume, o Ehrwürdiger, die Bedingungen zu einem festen Halt fehlen und sie ohne diese Bedingungen keinen Halt finden."

"Ebenso auch, o König, ist für jenen Menschen infolge seines Vergehens die Bedingung zum Durchdringen der Lehre zerstört, und ohne diese Bedingung ist eine Durchdringung der Lehre nicht möglich. Wohl mag, zum Beispiel, o König, das Feuer auf dem Erdboden brennen; aber könnte es wohl auch auf dem Wasser brennen?"

"Nein, o Ehrwürdiger. Denn im Wasser fehlt die zum Brennen nötige Bedingung, und ohne diese Bedingung brennt es nicht."

"Ebenso auch, o König, ist für jenen Menschen infolge seines Vergehens die Bedingung zum Durchdringen der Lehre abgeschnitten und zerstört; und ohne diese Bedingung ist eine Durchdringung der Lehre nicht möglich."

"Überlege dir diese Sache noch einmal, ehrwürdiger Nāgasena! Ich bin noch nicht davon überzeugt, daß für einen, der sich keiner Schuld bewußt ist und keine Gewissensbisse empfindet, dennoch eine Hemmung bestehen soll. Davon überzeuge mich durch einen Vergleich!"

"Kann das Halāhala-Gift, o König, auch bei einem, der ahnungslos davon getrunken hat, den Tod herbeiführen?"

"Gewiß, o Ehrwürdiger."

"Genau so aber auch, o König, bildet das verübte Böse, auch wenn man sich dessen nicht bewußt ist, eine Hemmung zur Durchdringung. Und mag die Giftschlange durch ihren Biß nicht wohl einen Menschen ums Leben bringen, selbst wenn dieser ganz ahnungslos ist?"

"Gewiß, o Ehrwürdiger."

"Genau so aber auch, o König, bildet das verübte Böse, auch wenn man sich dessen nicht bewußt ist, eine Hemmung zur Durchdringung. Und als einst der als Samana-Kolañña bekannte König von Kālinga (Siehe Kālinga-Bodhi-Jātaka, Nr. 479. Der Name des Königs ist dort nicht genannt, noch die unbewußte Schuld. Diese war vielleicht der Versuch, über die heilige Stätte zu reiten), von den sieben Kleinoden umgeben und auf dem edlen Elefanten thronend, sich zum Besuche seiner Verwandten begab, war er da etwa nicht außerstande, über den Thron des Bodhibaumes zu reiten? Das aber, o König, ist ein Beweis dafür, daß das verübte Böse - auch wenn man sich dessen nicht bewußt ist - ein Hemmnis zur Durchdringung bildet."

"Den vom Sieger vorgebrachten Gründen, o Ehrwürdiger, kann man nicht widersprechen. Die Sache verhält sich eben so. Und so nehme ich es an."

 


Mil. 4.6.9. Was ist der Unterschied zwischen dem sittenlosen Weltmenschen und dem sittenlosen Asketen? - 5.1.8. Dussīlapañho

 

"Was für ein Unterschied, ehrwürdiger Nāgasena, besteht zwischen einem sittenlosen Weltmenschen und einem sittenlosen Asketen? Wodurch unterscheiden sich beide? Wenn beide genau denselben Wandel führen, ist da wohl beiden genau dasselbe Los beschieden, oder besteht da irgend ein Unterschied?"

"In zehn Eigenschaften, o König, ist der sittenlose Asket dem sittenlosen Weltmenschen überlegen; und aus ferneren zehn Gründen verleiht er einer Gabe Lauterkeit.

In welchen zehn Eigenschaften aber ist der sittenlose Asket dem sittenlosen Weltmenschen überlegen? Da, o König, hat der sittenlose Asket Ehrfurcht vor dem Erleuchteten, er hat Ehrfurcht vor dem Gesetze, hat Ehrfurcht vor der Jüngerschaft, hat Ehrfurcht vor seinen Ordensbrüdern; er bemüht sich um das Rezitieren (der Lehrtexte) und um Befragung (nach ihrem Sinn), er hat viel gelernt; trotzdem er seine Sittengelübde gebrochen hat, bewahrt er unter den Leuten immerhin den äußeren Anstand, aus Furcht vor Tadel wacht er über seine Worte und Handlungen; sein Geist ist der Strebsamkeit zugewandt; er gehört der Gemeinschaft der Mönche an, selbst wenn der sittenlose Asket etwas Böses verübt, so tut er es heimlich, genau wie eine verheiratete Frau nur versteckt und im Geheimen sich vergeht. Dies, o König, sind die zehn guten Eigenschaften, in denen der sittenlose Asket den sittenlosen Weltmenschen übertrifft.

Aus welchen zehn Gründen aber verleiht er einer Gabe Lauterkeit? Weil er den unverletzlichen Panzer trägt (das gelbe Gewand); weil er nach Art der weisen Einsiedler geschoren ist und so deren Abzeichen trägt; weil er in die Ordensgemeinschaft eingetreten ist; weil er zum Erleuchteten, zum Gesetze und zur Jüngerschaft Zuflucht genommen hat; weil er in einer zum Streben geeigneten Behausung wohnt; weil er den Schatz der Botschaft des Siegreichen erforscht; weil er das erhabene Gesetzt darlegt; weil die Leuchte der Wahrheit seine Zuflucht und Stütze ist; weil er die vollkommen aufrichtige Überzeugung hat, daß der Buddha der Höchste ist; weil er den Feiertag (uposatha) befolgt. Dies, o König, sind die zehn Gründe, warum der sittenlose Asket einer Gabe Lauterkeit verleiht. Ja, sogar ein völlig auf Abwege geratener, sittenloser Asket, o König, verleiht den Gaben der Almosenspender Lauterkeit, gerade wie selbst trübes Wasser Kot, Schlamm, Staub und Schmutz fortspülen mag; oder wie heißes, ja selbst kochendes Wasser eine gewaltige, flackernde Feuersglut zum Verlöschen bringt; oder wie selbst eine geschmacklose Speise die durch Hunger hervorgerufene Entkräftung vertreiben mag. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, sagt in der edlen, ausgezeichneten Sammlung der Mittleren Lehrreden (Nr. 142) in der <Lehrrede über das Almosengeben>:

 


Mil. 4.6.10. Wo Sittenreine Sittenlosen Gaben reichen - 5.1.9. Udakasattajīvapañho

 

"Wunderbar, ehrwürdiger Nāgasena! Außerordentlich, ehrwürdiger Nāgasena! Gerade wie ein Koch oder sein Gehilfe das Fleisch, das er erhält, mit mancherlei Zutaten zubereitet und dem König zum Essen vorsetzt: ebenso auch hast du alles, worüber ich dich fragte, mir durch Gleichnisse und Begründungen erklärt und mich ambrosische Lieblichkeit vernehmen lassen."


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