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Augenblicke der Wahrheit

18. DAS ANDÄCHTIGE LEBEN

 

Es gibt Menschen, die sich gegen die Hereinnahme des Gebets ins philosophische Leben verwahren. Was, so fragen sie, soll in einer vom Gesetz von Ursache und Wirkung regierten Welt dieses Gewinsel um unverdiente Wohltaten nütze sein? Ist es nicht unvernünftig, darauf zu rechnen? Wäre es nicht anderen gegenüber ungerecht, wenn sie gewährt würden?

Diese Einwände sind begründet. Aber der Gegenstand ist von Wolken verdeckt. Um zwei oder drei von ihnen zu vertreiben, ist es angebracht, zwei oder drei Tatsachen festzuhalten. Zunächst einmal wendet sich ein Gebet, ob an das Ursein, das Überselbst oder einen spirituellen Führer gerichtet, immer an eine höhere Macht und stellt daher eine Selbsterniedrigung des Ich vor dieser Macht dar. Wenn wir an die aufgeblasene Selbstgefälligkeit des Menschen denken und an die Notwendigkeit, ihn darin zu verunsichern, damit er auf eine wahrere Stimme hören kann als seine eigene, was sollte es dann an einer solchen Selbstdemütigung auszusetzen geben? Er wird durch sein Bitten nicht von der Herrschaft des Gesetzes von Ursache und Wirkung ausgenommen werden. Wenn er anscheinend auf sein Gebet eine Antwort erhält, dürfen wir sicher sein, daß dies aus Gründen geschieht, die in sich triftig sind, selbst wenn er über diese Gründe nicht Bescheid weiß. Aber wie viele Gebete werden beantwortet? Jedermann weiß, wie gering der Anteil ist.

Wer ernsthaft danach strebt, spirituell voranzukommen, wird sich für gewöhnlich schämen, irgendein weltliches Begehren in sein heiliges Gebet einfließen zu lassen. Er wird hart an sich arbeiten, um sich zu bessern, zu läutern und zu wandeln, und braucht daher nicht zu zögern, sich ins Gebet zu vertiefen - um die rechten Dinge. Er wird um besseres Verständnis der höheren Gesetze, klareres Erkennen, worin seine individuelle spirituelle Verpflichtung besteht, und größere und wärmere Liebe für das Überselbst beten.

Beides tut not: beten und aufnahmebereit sein. Zuerst beten wir inbrünstig und voll Gefühl zum Überselbst, es möge uns näher zu sich heranziehen, dann lassen wir uns in emotionale Stille sinken und warten geduldig darauf, daß das innere Selbst sich uns eröffne. Es ist nicht nötig, daß wir vom Gebet ablassen, weil wir mit der Meditation angefangen haben. Das eine ist der passende Auftakt für das andere. Wirklich nötig ist, daß wir das Gebet läutern und um etwas Höheres bitten.

Meditation an einem einsamen Ort fern der Welt kann anderen helfen, die noch in der Welt sind, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Sie muß zum Beispiel bewußt auf namentlich genannte Individuen gerichtet sein. Wenn sie sich ohne einen Gedanken an andere in der allgemeinen Atmosphäre verläuft, ist sie bloß eine Selbstversunkenheit, die für andere unergiebig ist, wenn auch nützlich für einen selbst. Sie kann auf den spirituellen Beistand eines jeden gerichtet sein, den der Übende liebt oder dem er behilflich sein möchte. Aber dies sollte nicht vorzeitig geschehen. Bevor man jemandem einen wirklichen Dienst leisten kann, muß man zuerst die Kraft dazu erwerben. Bevor man fruchtbar für Menschen beten kann, muß man zuerst imstande sein, von dem, was über allen Menschen steht, Stärke zu beziehen. Zuerst muß man die Fähigkeit zu dienen erlangt haben, bevor man den Versuch unternimmt zu dienen. Daher sollte man der Verlockung widerstehen, sich stracks zugunsten anderer ins Gebet oder in die Meditation zu stürzen. Statt dessen sollte man warten, bis die eigene Andacht oder Verbundenheit ihre höchste Ebene erreicht. Dann - und nur dann - sollte man anfangen, hieraus die Kraft und die Hilfe und das Licht zu ziehen, die man altruistisch auf andere richten will. Hat man erst einmal die Fähigkeit entwickelt, problemlos in den Zustand tiefer Versunkenheit einzugehen, kann man ihn auch dazu benutzen, anderen zu helfen. Man muß dann die Namen und Bilder dieser Menschen gegenwärtig haben, wenn man in diesen Zustand eingetreten ist, und sie dort für eine Weile in der göttlichen Atmosphäre festhalten.

Wie du in die Gegenwart des Überselbst vorgelassen wirst, läßt sich in einem Wort zusammenfassen: Liebe es! Nicht durch sehr kräftiges Einatmen oder sehr langsames Ausschnauben, nicht durch Kopfstände oder froschähnliche Verrenkungen wird dir je Einlaß zuteil. Nicht einmal durch langes Erforschen göttlicher Dinge noch durch ihre scharfsinnige Analyse. Aber laß zuerst die Liebe einkehren, laß sie das Atmen, Schnauben, Stehen oder Verrenken inspirieren, laß sie dich zum Forschen hinziehen und zum Denken drängen, und diese Methoden werden wirklich fruchtbar werden. Je höher einer steigt, desto demütiger wird er. Nur wird er seine Demut nicht vor der Welt zur Schau tragen, denn sie wird dort nicht gebraucht und könnte ihm und anderen sogar zum Schaden gereichen. Er wird tief drunten in seinem Herzen demütig sein, wo es gebraucht wird, an jenem heiligen Ort, wo er dem Überselbst gegenübertritt.

In seinem Herzen darf er nichts als sein eigen bezeichnen oder behalten, nicht einmal seine Spiritualität. Wenn er sich wirklich nicht an das Ich klammern will, darf er sich auch an nichts anderes klammern. Er darf keine Anwandlungen innerer Größe haben, kein ausgeprägtes Gefühl, einen hohen Grad von Heiligkeit erreicht zu haben.

Aber Selbstlosigkeit bedeutet nicht die Hingabe des eigenen Ich zugunsten des Ich eines anderen. Auf den persönlichen Willen zu verzichten heißt nicht, zur Kreatur des Willens eines anderen zu werden. Demut bedeutet nicht, zum hilflosen Opfer der Missetaten anderer zu werden. Die einzige Hingabe, zu der wir berechtigt sind, ist die Hingabe an die höhere Macht.

Wer ein Problem dem Überselbst hingibt, hört damit auf, sich darum zu sorgen. Bleibt die Sorge, so ist ihr Vorhandensein der Beweis, daß die Hingabe nicht wirklich vollzogen wurde.

Die unverzichtbare Vorbedingung zu mystischer Erleuchtung ist Selbsthingabe. Niemand kann sie empfangen, ohne diesen Preis zu zahlen. Jeder Mensch auf jeder Entwicklungsstufe kann diesen Preis zahlen - er muß umkehren, seine Einstellung ändern und den Christus, das höhere Selbst, als seinen Herren annehmen. Doch wenn dies einmal geschieht und die Gnade der Erleuchtung herniederfließt, kann sie sich nur so auf das Selbst auswirken, wie sie das Selbst vorfindet. Ein unausgeglichenes Ich wird nicht plötzlich ausgeglichen sein. Ein unintellektuelles wird nicht plötzlich gebildet sein. Die Unvollkommenheiten bleiben bestehen, wenn auch das Licht durch sie hindurchscheint.

Die Ablehnung der Idee der Gnade beruht auf einem Mißverständnis darüber, was diese ist, und vor allem auf der Meinung, sie sei eine in einer Günstlingswirtschaft nach Lust und Laune verliehene Gabe. Sie ist selbstverständlich nichts dergleichen, sondern vielmehr das Wirksamwerden einer höheren Gesetzmäßigkeit. Die Gnade ist ganz einfach die verwandelnde Kraft des Überselbst, die allgegenwärtig ist, aber nach ihrem Gesetz unter normalen Umständen so lange nicht in einem Menschen wirken kann, wie er die diesem Wirken entgegenstehenden Hindernisse nicht ausräumt. Wenn ihr Auftreten als unvorhersagbar gilt, dann, weil die bösen karmischen Tendenzen, die dieses Auftreten verhindern, von einer Person zur anderen nach Stärke, Umfang und Lebensdauer erheblich voneinander abweichen. Wenn das Karma, das sie hervorbrachte, schwach genug wird, können sie das Wirken der Gnade nicht mehr aufhalten.

In den Anfangsstadien spirituellen Fortschritts kann die Gnade sich im Zuteilwerden ekstatischer Emotionen bekunden. Dadurch wird man ermutigt, die Suche weiter zu verfolgen, und erfahrt, daß man sie bis jetzt in der rechten Weise verfolgt. Ist jedoch der Zweck erfüllt, gehen die wonniglichen Zustände schließlich vorbei, und das muß auch so sein. Man wird dann fälschlich meinen, man habe die Gnade verloren und etwas ungetan gelassen, was man hätte tun sollen, oder etwas getan, was man nicht hätte tun sollen. Die Wahrheit ist, daß es die Gnade selbst ist, die diesen Verlust herbeigeführt hat, welcher nunmehr die nächste Stufe des Fortschritts bildet, wenn dies unserem bewußten Geist auch kein Vergnügen bereitet, sondern nur Schmerz. Die Meinung, man habe den direkten Kontakt mit der höheren Macht verloren, den man zuvor unterhielt, ist falsch: Der tatsächliche Kontakt war nur ein indirekter, denn in den Emotionen, die man hatte, war man noch ganz mit sich selbst und seiner Lust an der Erfahrung beschäftigt. Man wird von ihnen abgelöst, jedes Begehrens entäußert und in seinem Ich ganz und gar gedemütigt und wird damit für die Zeit bereitet, da die nunmehr wiedergewonnene Freude einen niemals wieder verläßt. Denn man steht jetzt auf der Schwelle zur dunklen Nacht der Seele. Auch in diesem Zustand wird von der Gnade etwas für einen getan, aber es findet tief im unterbewußten Geist statt und geht weit über den Punkt hinaus, wo man es noch absehen oder beherrschen könnte.


19. SEINS- UND BEWUSSTSElNSZUSTÄNDE

 

Der stete Bezug auf Raum/Zeit/Kausalität ist ein wesentlicher Teil der menschlichen Natur, ein das menschliche Denken beherrschendes Gesetz. Diese drei gelten ausschließlich im Bannkreis solchen Denkens und besitzen außerhalb davon keine mögliche oder eigentliche Geltung. Der Mensch erlegt sie seinem Denken nicht bewußt oder willkürlich auf; es liegt nicht in seiner individuellen Macht, sie von sich zu weisen.

Mit dieser Relativität aller Dinge ist es für den sie Erkennenden so bestellt, daß die Welt, die wir erfahren, unsere geistige Welt ist und wir sie deswegen niemals so sehen, wie sie wirklich an sich ist oder wie ein Wesen von außerhalb sie beobachten würde. Infolgedessen sehen wir die Welt - unbewußt - niemals anders als mit dem Selbst vermischt. Das Ich plus etwas anderes als das Ich stecken unser Bewußtseinsfeld ab. Wir erkennen die Welt niemals an sich, sondern nur in einem Zustand der Wechselwirkung mit dem Selbst. Wir erkennen das Selbst niemals an sich, sondern nur in einem Zustand der Wechselwirkung mit der Welt. So ist es um die tatsächlichen und zwingenden Bedingungen der sogenannten Erfahrung der Welt und unserer sogenannten Erfahrung des Selbst bestellt.

Nichts kann in die Erfahrung eingehen, was nicht vom Geist in eine kausale Form gebracht wird. Insofern, als der Geist nur zu einer derartigen Erfahrung imstande ist, ist er außerstande, das wesenhaft Wirkliche in der Erfahrung zu fassen. Alles, was wir von der Natur wissen, ist unsere geistige Erfahrung von ihr; und alles, was wir von der Kausalität in der Natur wissen, ist gleichfalls nur die Ordnung, in der diese geistige Erfahrung sich darbietet.

Der Hang zum Glauben an die Kausalität ist den Menschen so eingefleischt, daß religiöse Lehrer die - Welt zunächst kausal erklären mußten. Jedoch die Vedanta-Anhänger benutzten solche Kausalerklärungen als Stufen, um zur Nichtkausalität aufzusteigen. Sie lehrten, daß die Welt eine Schöpfung und ihr Schöpfer der reine Geist Brahman sei, und leiteten dann den Schüler dazu an, die Natur Brahmans zu untersuchen, wobei sie ihm nach und nach zeigten, daß Brahman eins, unteilbar und teillos ist. Ein solches teilloses Wesen kann sich nicht wandeln oder Wandel bewirken, weshalb es keine Schöpfung geben kann, was die Wahrheit der Nichtkausalität ist. Auf diese Weise wurde der Schüler von der Religion zur Philosophie geführt.

Indem der westliche Mensch in seiner Unwissenheit das Wachbewußtsein zur alleinigen Schiedsinstanz über seine Erkenntnis erhebt, begrenzt er diese Erkenntnis unnötig. Und indem er andere Bewußtseinsformen als bloße Nachahmungen oder Verirrungen des Wachbewußtseins auffaßt oder ihnen überhaupt die Existenz abspricht, schließt er sich selbst von der höchsten Einsicht und der höchsten ihm offenstehenden Glückseligkeit aus. Sofern er den Traum- und den Tiefschlafzustand nicht auch in seinen Gesichtskreis mit hineinnimmt, wird er weiterhin vom Unwirklichen getäuscht werden und den Schatten fälschlich für das Ding halten.

Träume treten aus mehreren verschiedenen Gründen auf. Und zwei Teile ein und desselben Traums treten aus zwei verschiedenen Gründen auf. Es ist unwissenschaftlich zu sagen, Träume würden von einer einzigen besonderen Ursache bestimmt, wie es die materialistischen Mediziner, die Psychoanalytiker und die Wahrsager hartnäckig tun. Und es ist genauso unwissenschaftlich zu sagen, Träume hätten nur eine einzige Funktion zu erfüllen. Deshalb muß der Schüler behutsam verfahren, wenn er Traumvorgänge verstehen oder einzelne Traumgeschehnisse deuten will. Es ist durchaus richtig, wenn man beispielsweise behauptet, daß manche Träume oder manche Teile eines Traums unbewußte Wünsche oder unterdrückte Emotionen darstellen, aber es ist gleichfalls richtig, wenn man behauptet, daß die meisten Träume nichts dergleichen darstellen. Es ist trügerisch, den Traum zu einer Metapher zu erklären, die auf zukünftige Ereignisse hinweist. Viel öfter ist er ein aus vergangenen Ereignissen zusammengekochtes Leipziger Allerlei. Denn die meisten Träume geben lediglich darüber Aufschluß, was geschieht, wenn die bilderformende Fähigkeit aus dem allgemeinen geistig-seelischen Apparat ausbricht und eine Reihe selbstbetrügerischer Illusionen ausspinnt, die auf wirklichem Material aus den Erlebnissen des Vortags beruhen.

Man beachte die Tatsache, daß unser individuelles Leben im Schlaf völlig aussetzt, daß sich die Wellen des persönlichen Bewußtseins dann ganz und gar im Ozean auflösen. Wie deutlich zeigt dies, daß das Göttliche auch das Unendliche und Universelle ist, daß es uns an wahrer Spiritualität mangelt und daß wir uns bestenfalls im Besitz seines blassen Abglanzes befinden. Denn wo sonst könnten wir uns schlafen legen als in diesem unendlichen und universellen Geist? Und doch kennen wir ihn nicht! Diese Unkenntnis abzuschütteln, zur transzendentalen Einsicht in den vierten Seinszustand zu gelangen, ist die wunderbarste aller Aufgabe, die diese Philosophie uns stellt.

Der Raum, in dem der Vorgang des Denkens stattfindet, ist die Zeit. Er könnte ohne die Dimension der Zeit nicht sein. Wird das Denken womöglich einmal transzendiert, dann die Zeit mit ihm. Ein Geist, der dies erreicht, wird dadurch in die reine Gegenwart, das ewige Jetzt, «die Gegenwart Gottes» aller Mystiker geworfen.

Das Geheimnis des Atoms hat sich in das Geheimnis des Lichts aufgelöst, das nunmehr das größte Geheimnis der Physik ist. Einstein demonstrierte die Abhängigkeit der Zeit von Lage und Bewegungsgeschwindigkeit eines Beobachters. Er zeigte auch die verblüffende Folge auf, die es hat, wenn man den Beobachter in einen Lichtstrom versetzt, worin er, wenn er sich mit derselben Geschwindigkeit fortbewegte wie das Licht, das Verstreichen der Zeit nicht wahrnehmen würde. Wenn dies geschähe, was für eine Wahrnehmung besäße er dann? Einstein konnte es uns nicht sagen, aber der Mystiker, der den Geist bezwungen hat, kann es. Er wird die Wahrnehmung der Ewigkeit besitzen. Er wird im Ewigen leben, im Himmelreich.

Metaphysisch gesehen tragen jedes Ding und jeder Gedanke die Form ihres Gegenteils in sich. Wir müssen versuchen, persönlich weder an der einen Seite zu haften noch von der anderen abgestoßen zu sein. Das heißt nicht, daß wir sie ignorieren sollten - das können wir gar nicht, denn das praktische Leben verlangt, daß wir zumindest versuchen, sie zu vereinbaren -, sondern daß wir ausgewogen und unpersönlich mit ihnen umgehen. So halten wir uns von den Fesseln der Besitzgier frei. Versuchen wir, uns allein an eine Seite zu klammern und dabei die andere von uns zu weisen, ist uns die Enttäuschung sicher. Daher handelt man klug, wenn man annimmt, was in der Natur der Dinge liegt. Wenn wir nicht dazu bereit sind, weil wir uns dadurch persönlich verletzt fühlen, wenn wir dagegen aufbegehren, dann werden wir uns nur noch mehr verletzen. Wer vor einer der Seiten davonrennt und der anderen hinterher, handelt unklug. Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen ihnen finden; wir müssen uns zwischen den zwei Extremen bewegen; wir müssen uns über den Standpunkt, der bejaht, und über den, der verneint, erheben: Denn die ganze Wahrheit wird niemals von einem erfaßt und oft von beiden verfehlt. Die Wirkweise unseres Bewußtseins schließt uns nämlich gewissermaßen in einem Gefängnis relativistischer Erfahrungen ein, die scheinbar, aber niemals tatsächlich wirklich sind. Indem man beide annimmt und dabei doch beide transzendiert, wird man ein Philosoph.

Um die Gegensätze zu transzendieren, müssen wir aufhören, daran zu denken, wie sie sich auf uns persönlich auswirken werden. Wir müssen Schluß machen mit dem ewigen Bezug auf das Ich, der uns blind macht für die über den Gegensätzen stehende Wahrheit. Wir müssen uns weigern, persönliche Vorlieben als absolute Maßstäbe zu setzen, unsere relativen Standpunkte als ewige. Damit hören wir einerseits auf, uns über Ereignisse den Kopf zu zerbrechen, und andererseits, nach Dingen zu haschen. Wir steigen damit in der Tat zu einem unpersönlichen Standpunkt auf und gelangen in eine Harmonie mit dem, was die Natur in uns und um uns herum zu tun sucht. Wir müssen neue und höhere Werte finden. Denn solange wir uns an einen persönlichen Standpunkt klammern, sind wir Sklaven von Zeit und Emotion, sobald wir ihn aber zugunsten des philosophischen aufgeben, werden wir in ein gelöstes, zeitloses Leben entlassen.

Das Eine hinter den Vielen darf nicht mit der Zahl Eins verwechselt werden, der die Zwei, Drei und so weiter folgen. Es ist im Gegenteil die geheimnisvolle Null, aus der alle Einheiten, die die Vielzahlen bilden, entstehen. Wenn wir es nicht die Null nennen, dann nur, weil man dies fälschlich für völligen Nihilismus halten könnte. Wenn dem so wäre, wäre das Sein sinnlos und die Metaphysik absurd. Die wahre unsagbare Null ist wie das überwesentliche Eine vielmehr die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten. Aus ihr strömen alle Dinge und alle Wesen hervor; zu ihr werden sie letztendlich wieder zurückkehren. Diese Leere ist der unergründliche Hintergrund von allem, was ist, war oder sein wird; einzigartig, geheimnisvoll und unvergänglich. Wer in dieses geheimnisvolle Nichts schauen und sehen kann, daß das wahre göttliche Sein immerdar dort weilt, der sieht wahrhaft.


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