Satipatthana Kommentar II

KOMMENTAR zum Satipatthāna-Sutta

II. Die Körperbetrachtung

 

A. Die Atmungs-Achtsamkeit

Da ist hier, o Mönche, der Mönch in den Wald gegangen usw. Hier d.h. in dieser Satzung des Buddha. Damit wird auf die Buddha-Lehre hingewiesen, welche die Grundlage bildet für einen, der die Körper-Betrachtung vollständig, in jeder Hinsicht betätigt. Es werden damit andere Lehren ausgeschlossen, bei denen eine solche Vollständigkeit nicht vorhanden ist.

Weil sich nämlich einzelne Teile der Körper-Betrachtung auch in Sekten außerhalb der Buddha-Lehre finden, erwähnt der Kommentator die vollständige Erfassung der Körper-Betrachtung durch einen, der sie in jeder Hinsicht betätigt.

 

In den Wald gegangen usw. - Hiermit wird die Wahl eines für die Satipatthāna-Meditation geeigneten Aufenthaltsortes beschrieben. Der Geist eines Mönches nämlich, der lange Zeit hindurch den Formen und den anderen Sinnenobjekten nachgejagt war, hat keine Neigung, sich auf die Bahn der Meditation zu begeben. Er gleicht einem Wagen, bespannt mit einem widerspenstigen Ochsen, der vom Wege abgerät. Er hat sich dann so zu verhalten wie ein Hirte, der ein mit der Milch einer wilden Kuh aufgewachsenes wildes Kalb zähmen will. Der Hirte wird das Kalb zunächst von der Kuh fortbringen; er wird dann einen starken Pfosten einrammen und daran das Kalb mit einem Riemen festbinden. Der junge Stier wird nun zunächst nach allen Seiten hin zerren, dann aber, unfähig zu entkommen, wird er sich schließlich bei diesem Pfosten niederkauern oder niederlegen. Ebenso soll sich auch der Mönch verhalten, der seinen verwilderten Geist zu zähmen wünscht, den er lange Zeit hindurch mit dem schmackhaften Trank der Formen und anderer Sinnenobjekte großgezogen hat. Er soll diesen seinen Geist von den Formen und anderen Sinnenobjekten wegführen, sich in den Wald, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung begeben und dort seinen Geist an den Pfosten des Satipatthāna-Objektes mit dem Riemen der Achtsamkeit festbinden. Wenn dies geschehen ist, wird sein Geist wohl zunächst nach allen Seiten hin zerren. Wenn er aber die früher genossenen Objekte nicht erlangt und unfähig ist, den Riemen der Achtsamkeit zu zerreißen und zu entfliehen, dann wird er sich schließlich bei eben diesem Objekt in der Angrenzenden oder Vollen Sammlung gleichsam niederlassen. Daher sagten die Alten Lehrer:

 

"Wie man ein Kalb, um es zu zähmen,
An einen Pfosten binden muß,
So binde man den eigenen Geist
Fest ans Objekt der Achtsamkeit."

 

Aus diesem Grunde sind jene Wohnplätze für die Pflege der Meditation jenes Mönches geeignet, und darum wurde oben gesagt, daß die hier erläuterten Textworte die Wahl eines für die Satipatthāna-Meditation geeigneten Aufenthaltsortes beschreiben.

Da ferner Geräusch ein Feind der Vertiefung ist, ist es schwierig, ohne das vom Lärm von Männern, Frauen, Elefanten, Pferden usw. erfüllte Dorfbereich verlassen zu haben, dieses Meditationsobjekt der Atmungs-Achtsamkeit zu üben, welche das Hauptstück der Körper-Betrachtung ist und für alle Erleuchteten (Buddhas), einige Einzel-Erleuchtete (Pacceka-Buddhas) und Heilige Jünger (sāvaka) die unmittelbare Grundlage bildete für die Ziel-Erreichung und für gegenwärtiges Wohlsein. Außerhalb des Dorfes aber, im Walde, ist es für einen Meditierenden, der dieses Übungsobjekt gewählt hat, leicht, durch Ein- und Ausatmung die Vierte Vertiefung zu erzeugen und, mit dieser Vertiefung als Grundlage, die Daseinsgebilde gründlich durchdenkend (sammasana; s. S. 119), das Höchste Ziel, die Heiligkeit, zu gewinnen. Aus diesem Grunde sagte der Erhabene, um damit den für den Meditierenden geeigneten Aufenthaltsort zu zeigen: "Da ist hier ein Mönch in den Wald gegangen..."

Wie ein in der Wahl des Baugrundes erfahrener Meister, so ist auch der Erhabene. Ein solcher Meister nämlich wird sich zunächst das für den Bau der Stadt bestimmte Gelände ansehen, es sorgfältig prüfen und dann die Anweisung geben: "Hier mögt ihr die Stadt errichten!" Ist dann der Bau der Stadt glücklich vollendet, so wird jenem Meister von Seiten der Königsfamilie große Ehre zuteil. Ebenso prüft auch der Erhabene den für den Meditierenden geeigneten Aufenthaltsort und gibt dann die Anweisung: "Hier soll das Meditationsobjekt geübt werden!" Wenn dann der Meditierende sich dort der Übung hingegeben und allmählich die Heiligkeit erlangt hat, dann wird dem Erhabenen (seitens des für seinen Erfolg dankbaren Jüngers) große Verehrung zuteil: "Wahrlich, ein Vollkommen Erwachter ist der Erhabene!"

Ein Mönch, der an solchen geeigneten Orten meditiert, gleicht, so sagt man, einem Tiger. Denn wie dieser, so wird auch er, einsam im Walde weilend, seinen erstrebten Zweck erreichen: die Überwältigung seiner Gegner, der Leidenschaften. Wie nämlich der große Königstiger im Wald, in einem Grasgestrüpp, einem Dickicht oder einem Felsgeklüft auf der Lauer liegt und sich der Wildochsen, der Elche, Wildschweine und anderen Getiers bemächtigt, ebenso bemächtigt sich auch jener im Walde und an anderen einsamen Orten meditierende Mönch allmählich der vier Hohen Pfade und schließlich des Heiligkeitszieles. Daher sagten die Alten Lehrer:

"Gleichwie ein Tiger, auf der Lauer liegend,
Ein Wild als Beute sich ergreift,
So wird auch dieser Buddha-Sohn
Der übungseifrig ist und klaren Blicks,
Im Walde weilend, höchstes Ziel ergreifen."

 

Daher hat der Erhabene den Wald-Aufenthalt als eine Stätte kraftvoller und schneller innerer Arbeit aufgezeigt und gesagt: "Da ist hier ein Mönch in den Wald gegangen..."

Was zu diesem Abschnitt über Ein- und Ausatmung weiter zu sagen wäre, ist im "Visuddhi-Magga" (8.Teil,3.Kap.) behandelt.

Im Folgenden seien hieraus, in der Übersetzung des Ehrw. Nyanatiloka, die wichtigsten Erläuterungen zu den Sätzen unseres Textes wiedergegeben. Für weitere Einzelheiten über die Atmungs-Achtsamkeit sei auf das gesamte Kapitel des Visuddhi-Magga verwiesen.

 

Mit verschränkten Beinen (pallankam ābhujitvā). Dies wird gesagt, um die Festigkeit des vom Meditierenden eingenommenen Sitzes zu zeigen, sowie die Leichtigkeit des Ein- und Ausatmens und das Mittel, um das Objekt festzuhalten. Dabei bedeutet ,pallanka' das Sitzen mit vollständig angezogenen Schenkeln; ,ābhujitvā' bedeutet ,angezogen habend'.

 

Den Körper gerade aufgerichtet. Dies bedeutet: den Oberkörper aufrecht gerichtet habend; die achtzehn Rückenwirbel von Anfang bis Ende gerade gerichtet habend. Bei dem auf diese Weise Sitzenden nämlich verkrümmen sich weder Haut, Fleisch, noch Sehnen. Und jene Schmerzgefühle, die ihn infolge des Sichkrümmens alle Augenblicke befallen möchten, diese steigen nicht auf. Da diese aber nicht aufsteigen, sammelt sich sein Geist und die Übung wird nicht gestört, sondern gelangt zum Wachstum und zur Entfaltung.

 

Die Achtsamkeit vor sich gewärtig haltend (parimukham satim upatthapetvā). Dies bedeutet: die Achtsamkeit dem Übungsobjekte gegenüber (parimukham) gestellt habend. Oder aber ,pari' hat den Sinn des ,Sich-beziehens auf etwas'; ,mukham' bedeutet ,Entrinnung'; ,sati': ,Gewärtigsein'. Somit heißt es also: ,Das auf die Entrinnung sich beziehende Gewärtigsein. Auch nach dieser im Patisambhidā-Magga (I.176) gegebenen Erklärung hat man den Sinn hier aufzufassen. Derselbe ist kurz gesagt: die auf die Entrinnung sich beziehende Achtsamkeit übend.

Lang einatmend, weiß er: ,Ich atme lang ein.' ... Was die Länge und Kürze (der Atemzüge) betrifft, so sind diese mit Rücksicht auf die (zeitliche) Strecke zu verstehen. Gleichwie man über eine räumliche Strecke ausgebreitetes Wasser oder Sand als langes Wasser und langen Sand oder als kurzes Wasser und kurzen Sand bezeichnet, so auch füllen, wenn auch nur Stückchen für Stückchen, Ein- und Ausatmungen bei einem Elefanten- oder Schlangenkörper langsam die als ihre Leiblichkeit geltende lange Strecke und strömen ganz langsam wieder aus; darum bezeichnet man diese als lang. Die bei Hunden und Hasen als ihre Leiblichkeit geltende kurze Strecke aber füllen sie schnell und strömen ganz schnell wieder aus; darum bezeichnet man diese als kurz. Unter den Menschen aber atmen einige, gerade wie Elefanten, Schlangen usw., lang aus, und zwar im Sinne der (zeitlichen) Strecke; einige aber kurz, genau wie es bei Hunden und Hasen der Fall ist. Daher sind bei ihnen die Atemzüge, die beim Ein- und Ausströmen eine im zeitlichen Sinne lange Strecke zurücklegen, als ,lang' aufzufassen; und diejenigen, die beim Ein- und Ausatmen eine kurze Strecke zurücklegen, gelten als ,kurz'.

"Es heißt im Patisambhidā-Magga (I, 177): "Wie aber weiß er, lang einatmend: Ich atme lang ein...? Er macht eine lange, d.i. lang dauernde Einatmung; er macht eine lange, d.i. lang dauernde Ausatmung; er macht eine lange, d.i. lang dauernde Ein- und Ausatmung. Eine lange, d.i. lang dauernde Ein- und Ausatmung machend, steigt ihm Wollen auf. Willentlich macht er eine noch feinere lange, d.i. lang dauernde Einatmung - Ausatmung - Ein- und Ausatmung. Willentlich eine noch feinere lange Ein- und Ausatmung machend, steigt ihm Freude auf. Auf Grund der Freude macht er eine noch feinere lange Einatmung - Ausatmung - Ein- und Ausatmung. Auf Grund der Freude eine noch feinere lange Ein- und Ausatmung machend, wendet er seinen Geist vom langen Ein- und Ausatmen ab und Gleichmut tritt ein." Dieselbe Erklärung findet sich auch für die Worte betreffs des kurzen Atems.

 

Den ganzen Körper empfindend, werde ich einatmen ... werde ich ausatmen, so übt er sich. Dies bedeutet: des vollständigen Einatmungs-Körpers Anfang, Mitte und Ende mir klar erkennbar und deutlich machend, werde ich einatmen, so übt er sich; des vollständigen Ausatmungs-Körpers Anfang, Mitte und Ende mir klar erkennbar und deutlich machend, werde ich ausatmen, so übt er sich. Sich so den Atem-Körper klar erkennbar und deutlich machend atmet er mit einem mit Wissen verbundenen Geiste ein und aus.

"Dem einen Mönch nämlich ist von dem sich (in einer Aneinanderreihung) kleinster Teilchen erstreckenden Atmungskörper der Anfang deutlich, nicht aber Mitte und Ende; und er vermag bloß den Anfang festzuhalten und ermattet bei Mitte und Ende. Einem anderen Mönch ist die Mitte deutlich, nicht aber Anfang und Ende. Einem dritten ist das Ende deutlich, nicht aber Anfang und Mitte; er vermag bloß das Ende festzuhalten und ermattet bei Anfang und Mitte. Einem weiteren Mönch aber ist der ganze Atemkörper deutlich und er vermag den ganzen Atem Körper zu erfassen, ohne irgendwo zu ermatten. Wie ein solcher aber sollte man sein. Um dies zu zeigen sprach der Erhabene: "Den ganzen Körper empfindend, werde ich einatmen..."

"Weil nun da nach der früheren Methode der Mönch nur ein- und auszuatmen und nichts anderes zu tun hat, von da ab aber nach der Erzeugung des Wissens usw. streben muß, so hat man dort den Text im Präsens gegeben, nämlich: ,Ich atme lang ein, so weiß er'; von da ab aber hat man, um das zu übende Merkmal der Erzeugung des Wissens usw. zu zeigen, den Text ins Futurum gesetzt, nämlich: ,Den ganzen Körper empfindend, werde ich einatmen usw.' So ist dies zu verstehen.

 

Die Körperfunktion besänftigend, werde ich einatmen ... werde ich ausatmen, - so übt er sich. Diese Worte besagen: die grobgeartete Körperfunktion besänftigend, mildernd, stillend, beruhigend, werde ich einatmen . . . ausatmen, - so übt er sich. Hierbei sind Grobgeartetsein, Feingeartetsein und Beruhigung so zu verstehen: Vorher, wenn der Mönch noch nicht beherrscht ist, sind bei ihm Körper und Geist gequält und grob geartet. So lange aber das Grobgeartetsein von Körper und Geist noch nicht beigelegt ist, so lange sind auch die Ein- und Ausatmungen grob geartet; und treten diese noch stärker auf, so versagt die Nase und der Mönch atmet gleichzeitig durch den Mund ein und aus. Sind bei ihm aber Körper und Geist beherrscht, so sind beide gestillt und beruhigt. Sobald aber diese beruhigt sind, treten die Ein- und Ausatmungen verfeinert auf und erreichen einen Zustand, wo man gleichsam zu prüfen hat, ob sie überhaupt noch da sind oder nicht. Auch bei einem Mann, der z.B. gelaufen oder einen Berg herabgeklettert ist oder eine schwere Last vom Kopf genommen hat, sind die Ein- und Ausatmungen so heftig, daß die Nase versagt und er beim Ein- und Ausatmen gleichzeitig durch den Mund atmen muß. Sobald er aber die Erschöpfung überwunden hat, und nach einem Bade und einem Trunke Wassers sich ein feuchtes Tuch aufs Herz gelegt hat und im kühlen Schatten ruht, treten bei ihm jene Ein- und Ausatmungen verfeinert auf und erreichen einen Zustand, wo man gleichsam zu prüfen hat, ob sie überhaupt noch da sind oder nicht. Genau so ist es auch mit jenem Mönch. Und wieso? Früher, als er noch nicht beherrscht war, hegte er nicht solche Gedanken, Betrachtungen, Erwägungen und Überlegungen wie: "Alle die grob gearteten Körperfunktionen muß ich besänftigen." Sobald er aber beherrscht ist, tut er es. Darum ist, sobald er beherrscht ist, seine Körperfunktion feiner, als zu der Zeit, wo er noch nicht beherrscht war. Daher sagen die alten Meister:

 

"Sind Geist und Körper in Erregung,
So sind auch die Funktionen grob;
Doch ist der Körper nicht erregt,
So treten sie verfeinert auf.'

 

"Im Patisambhidā-Magga aber wird der Sinn hiervon folgendermaßen besprochen:

,Wie aber hat man zu verstehen: "Die Körperfunktion besänftigend, werde ich einatmen ... werde ich ausatmen, - so übt er sich"? Was sind da die Körperfunktionen? Die langen Ein- und Ausatmungen sind etwas Körperliches; und diese Dinge sind an den Körper gebunden, sind körperliche Funktionen. Diese Körperfunktionen besänftigend, stillend, beruhigend, übt er sich: Solche Körperfunktionen, denen zufolge beim Körper ein Niederbeugen entsteht, ein Wegbeugen, Zusammenbeugen, Vorwärtsbeugen, ein Erregen, Erbeben, Erzittern, Erschüttern, solche Körperfunktionen besänftigend, stillend, beruhigend, werde ich einatmen ... werde ich ausatmen, - so übt er sich. Solche Körperfunktionen, denen zufolge beim Körper kein Niederbeugen entsteht ... solche gestillte, verfeinerte Körperfunktionen besänftigend, werde ich einatmen ... werde ich ausatmen, - so übt er sich. Das, sagt man, sei der Sinn dieser Worte'."

(Ende der Auszüge aus dem Visuddhi Magga)

 

Dem, der auf die geschilderte Weise Ein- und Ausatmung übt, steigen, mit dem bei der Atmung erlangten geistigen Bilde (assāsa-passāsa nimitta), nämlich dem Reflex-Bilde (patibhāga-nimitta; s. S. 107, Anm. 2) die vier Vertiefungen auf. Nachdem sich der Übende aus der Vertiefung erhoben hat, untersucht er entweder die Ein- und Ausatmungen oder die Vertiefungs-Glieder (jhānanga).

Derjenige nun, der sich der Atmung zuwendet, fragt sich: ,Worauf sind die Ein- und Ausatmungen gestützt?' - ,Auf eine Grundlage (vatthu) sind sie gestützt.' Diese Grundlage ist der grobstoffliche Körper. Unter diesem wiederum hat man die vier Grundstoffe und die von ihnen abhängige Körperlichkeit zu verstehen. In solcher Weise untersucht er die Körperlichkeit (rūpa). Wer, sich der Atmung zuwendend, die Ein- und Ausatmungen untersucht, kommt so auf dem Wege des Körperlichen zum Klarblick. In der mit Sinnen-Eindruck beginnenden Fünfergruppe (d.i. Sinnen-Eindruck, Gefühl, Wahrnehmung, Wille und Bewußtsein), welche diese (Körperlichkeit) als Objekt hat, sieht er das Geistige (nāma)*. Hat er so Geist und Körper (nāma-rūpa) untersucht, dann forscht er nach ihrer Ursache. Diese Ursache erkennt er in der mit ,Nichtwissen' beginnenden Reihe der ,Bedingten Entstehung' (paticcasamuppāda) und ist nun hierin über jeden Zweifel hinweggekommen: ,Lediglich ein bedingter und bedingender Vorgang ist dies. Etwas anderes, das als ein Wesen oder eine Persönlichkeit bezeichnet werden könnte, gibt es dabei nicht.' So läutert sich sein Blick, daß er sieht: Ein bloßer unpersönlicher Vorgang (dhammamattam) ist dies. Nicht ist er ursachlos, doch er ist ohne solch verkehrte Ursache wie Gott usw. (nāpi issarādi-visama-hetukam). Vielmehr hat er Nichtwissen usw. als seine (wirkliche) Ursache. Indem er dann auf Geist und Körper samt ihrer Ursache die Drei Merkmale der Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Unpersönlichkeit anwendet, bewirkt er das Wachstum des Klarblicks und stufenweise erreicht er die Heiligkeit. Das ist für jenen Mönch der bis zur Heiligkeit führende Weg der Befreiung.

 

* Hier für den Zweck der Meditation, wird das Geistige auf diese repräsentative Fünfergruppe (phassa-pañcaka) reduziert. Näheres hierüber in des Übersetzers Abhidhamma-Studies.

 

Auch derjenige, der sich der Vertiefung zuwendet, fragt sich: ,worauf sind die Vertiefungsglieder gestützt?' Die Vertiefungsglieder untersuchend, kommt er auf dem Wege des Unkörperlichen zum Klarblick. Auf eine Grundlage sind sie gestützt. Diese Grundlage ist der grobstoffliche Körper. Die Vertiefungsglieder repräsentieren hier das Geistige (nāma); der grobstoffliche Körper ist die Körperlichkeit (rūpa). So bestimmt er Geist und Körper und forscht dann nach ihrer Ursache. Diese Ursache erkennt er in der mit ,Nichtwissen' beginnenden Reihe der Bedingten Entstehung (paticcasamuppāda) und ist nun hierin über jeden Zweifel hinweggekommen: ,Lediglich ein bedingter und bedingender Vorgang ist dies. Etwas anderes, das als ein Wesen oder eine Persönlichkeit bezeichnet werden könnte, gibt es dabei nicht.' Indem er dann auf Geist und Körper samt ihrer Ursache die Drei Merkmale anwendet, bewirkt er das Wachstum des Klarblicks und stufenweise erreicht er die Heiligkeit. Dies ist für jenen Mönch der bis zur Heiligkeit führende Weg der Befreiung.

 

So weilt er nach innen ... bedeutet: so weilt er beim eigenen Atemkörper in Betrachtung des Körpers.

 

Oder er weilt nach außen ... bedeutet: beim Atemkörper eines anderen.

Der Atemkörper eines anderen wird erwähnt, weil sich der Text der Lehrrede auf den Aspekt des Durchdenkens (sammasana-cāra; s. S. 120) bezieht (d.h. auf die Klarblicks-Meditation). Wenn aber die Atmungs-Achtsamkeit als eine Übung in Geistesruhe (samatha; s. S. 107) genommen wird, so ergibt sich allerdings beim Atemkörper eines anderen kein Aufsteigen des die Volle Sammlung anzeigenden geistigen Bildes (appanā-nimitta).

 

Nach innen und außen ... bedeutet: zeitweise beim eigenen Atemkörper, zeitweise bei dem eines anderen. Mit den Worten ,zeitweise wird von der Zeit eines von dem einen Objekt (d.i. dem inneren) zum anderen (d.i. dem äußeren) gehenden, zusammenhängenden Gedankenablaufs gesprochen, bei dem das vertraute Meditationsobjekt nicht verlassen, d.h., nicht zwischendurch abgelegt wird; es handelt sich um die Zeit einer ununterbrochenen Meditation über die inneren und äußeren Dinge. Nicht aber finden beide Betrachtungen zu gleicher Zeit statt. ,Innen und außen' (ajjhatta-bahiddhā), die hier zu einem Doppelbegriff verbunden sind, finden sich nicht gleichzeitig als ein einziges Objekt. Der Sinn ist: man kann sie nicht als eine Einheit zum Objekt nehmen.

 

Die Dinge in ihrem Entstehen betrachtend (samudayadhammānupassī; wörtl.: die Entstehungs-Dinge betrachtend). Wie durch den Blasebalg eines Schmiedes, durch die Blasebalg-Röhre und die entsprechende Anstrengung bedingt die Luft ein- und ausströmt, ebenso strömt, bedingt durch den grobstofflichen Körper, die Nasenlöcher und den Geist, der Atem ein und aus. - Die ,Dinge' deren Entstehen man betrachtet, sind der Körper usw. Die Körper-Dinge usw. sind die ,Entstehung' (selber). Von dem, der sie er kennt, wird gesagt: "Die Dinge in ihrem Entstehen betrachtend, weilt er beim Körper".

D.h., der grobstoffliche Körper bildet eine Entstehungs-Ursache für die Atmung. - Das Textwort ,dhamma,' kann auch als ein Ausdruck für die natürliche Beschaffenheit eines Dinges aufgefaßt werden, wie z.B. in "der Geburt unterworfen" (jāti-dhamma). (Danach wäre die Textstelle zu übersetzen: "Das Gesetz des Entstehens" oder "das gesetzmäßige Entstehen beim Körper betrachtend". Die entsprechende alternative Erklärung trifft auch für das ,Vergehen' zu.) Die erste Erklärung dient der Verdeutlichung des hier zutreffenden besonderen Sinnzusammenhangs (d.h. die Beziehung auf Atmung und Körper); die zweite Erklärung ist (eine allgemeine), ohne diese besondere Anwendung.

 

Die Dinge in ihrem Vergehen betrachtend. Wenn aber der Lederbeutel des Blasebalgs entfernt wird, die Röhre zerbrochen ist und keine entsprechende Anstrengung angewandt wird, dann komm es nicht zur Entstehung von Wind. Ebenso, wenn der Körper zerfallen, die Nasenlöcher gebrochen und Geisttätigkeit aufgehoben ist, dann kommt es nicht zur Entstehung des Atemkörpers. Durch Aufhebung (der oben genannten Bedingungen für die Atmung, nämlich) des Körpers usw., kommt es zur Aufhebung der Ein- und Ausatmungen. Von dem, der dies erkennt, heißt es: "Die Dinge in ihrem Vergehen betrachtend, weilt er beim Körper."

 

Die Dinge in ihrem Entstehen und Vergehen betrachtend: zeitweise das Entstehen, zeitweise das Vergehen betrachtend.

Weil, ebenso wie bei der Betrachtung des Innen und Außen, unterschiedliche Dinge das Objektgebiet bilden, vollzieht sich auch die Betrachtung der Dinge in ihrem Entstehen und Vergehen nicht gleichzeitig.

 

,Ein Körper ist da'. Nur ein Körper ist da, aber kein Wesen, keine Persönlichkeit, kein Weib, kein Mann, kein Selbst, nichts zu einem Selbst Gehörendes, kein ,Ich', kein ,Mein', nicht irgendwer und nichts irgendwem Gehörendes. So ist seine Achtsamkeit gewärtig.

 

Eben nur soweit es der Erkenntnis dient, soweit es der Achtsamkeit dient. Es heißt "eben nur soweit", um die Begrenzung des Zweckes festzulegen. Es wird damit zum Ausdruck gebracht: Was da jene ,vergewärtigte Achtsamkeit' betrifft, so dient sie keinem anderen Zwecke; d.h. eben nur dem Zwecke eines immer weiteren und höheren Grades von Erkenntnis und Achtsamkeit. Dies wiederum bedeutet: zum Zwecke des Wachstums von Achtsamkeit (sati) und Wissensklarheit (sampajañña).

 

Unabhängig lebt er (anissito ca viharati). D.h., er lebt unabhängig in Bezug auf die Abhängigkeit vom Begehren (tanhā-nissaya) und von falschen Ansichten (ditthi-nissaya).

 

Und an nichts in der Welt ist er angehangen. Dies bedeutet: Nicht greift er nach (oder hängt an) irgend einer (der fünf Gruppen des Anhangens: nicht an irgend einer) Körperlichkeit, irgendeinem Gefühl, irgendeiner Wahrnehmung, irgendwelchen geistigen Gestaltungen, irgendwelchem Bewußtsein, dabei denkend: "Dies ist mein Selbst oder etwas zum Selbst Gehörendes."

 

So auch weilt der Mönch (evam pi). Das Wörtchen "auch" hat den Sinn, einen Zusammenhang herzustellen, und zwar verweist es auf noch folgendes, zum Thema gehörendes Material.

Mit diesem Satz schließt der Erhabene die Darstellung des Atmungs-Abschnittes.

Hierbei nun ist die die Ein- und Ausatmungen erfassende Achtsamkeit die ,Wahrheit vom Leiden'. Das diese erzeugende vorhergehende Begehren ist die ,Wahrheit von der Leidens-Enstehung'. Das Nichtauftreten beider ist die ,Wahrheit von der Leidens-Aufhebung'. Der das Leiden verstehende, dessen Entstehungs(-Grund) aufgebende, auf dessen Aufhebung gerichtete Heilige Pfad (dukkha parijānano samudaya-pajahano nirodh'ārammano āriyo maggo) ist die ,Wahrheit von dem zur Leidens-Aufhebung führenden Pfad'. Weil hier das (weltliche) Anfangs-Stadium der Satipatthāna-Übung behandelt wird, heißt es "Die Achtsamkeit ist die ,Wahrheit vom Leiden'." Das die Persönlichkeitsform erzeugende Begehren erzeugt auch die in ihr vorhandene Achtsamkeit; und wenn diese Persönlichkeitsform nicht da ist, so besteht noch keine Achtsamkeit. Daher wird hier von dem "diese (Achtsamkeit) erzeugenden vorhergehenden Begehren" gesprochen, und zwar im Sinne der ,Bedingten Entstehung': "Bedingt durch die Karma-Formationen (der früheren Existenz) entsteht Bewußtsein." Nach der Sutten-Auslegung wird nämlich hier unter ,Bewußtsein' nicht nur das Keim-Bewußtsein (d.i. der Bewußtseins-Moment der Wiedergeburt) verstanden, sondern auch die ganze, seine Fortsetzung bildende, während der Daseins-Fortdauer entstandene Reihe weltlicher Bewußtseins-Vorgänge (also einschließlich der darin auftretenden Achtsamkeit. Nach der Abhidhamma-Auslegung jedoch bezieht sich dieses Bedingtheits-Glied nur auf das Wiedergeburts-Bewußtsein).

"Das Nichtauftreten beider" (nämlich des Leidens und seines Entstehungsgrundes), bezieht sich auf die Ursache des Nichtauftretens (appavatti-nimitta). Es bezeichnet (nicht nur die Tatsache der bloßen Abwesenheit, sondern) das die Ursache hierfür bildende (Nibbāna).

Nachdem der Übende, in dieser Weise der Methode der Vier Heiligen Wahrheiten folgend, eifrig gestrebt hat, wird er die Erlöschung erreichen. Das ist für einen Mönch, der sich der Methode der Atmungs-Achtsamkeit widmet, der bis zur Heiligkeit führende Zugang zur Erlösung, d.h., das Mittel zum Entrinnen aus dem Leid des Daseins-Kreislaufs.


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