Satipatthana Kommentar II.b

KOMMENTAR zum Satipatthāna-Sutta

B. Die vier Körperhaltungen

Nachdem der Buddha die Körper-Betrachtung bei der Atmung behandelt hat, beginnt er nun die Darstellung der Körper-Betrachtung bei den Körperhaltungen mit den Worten: Und weiter nun ...

 

Gehend weiß da der Mönch: ,Ich gehe'. Freilich wissen es auch Hunde, Schakale usw., wenn sie gehen: "Wir gehen". Doch nicht von solchem Wissen ist hier die Rede. In solchem Wissen nämlich ist der Begriff eines Wesens nicht ausgeschaltet und die Ich-Vorstellung nicht beseitigt. Solches Wissen ist daher nicht der Gegenstand der Meditation und gehört nicht zur Übung der ,Achtsamkeits-Vergewärtigung'.

"Gehend weiß er: Ich gehe" ist ein allgemeiner Ausdruck, der sich sowohl auf das bloße Gewahrsein des Gehens usw. (gama-nādimatta-jānana) beziehen kann, wie auch auf die Kenntnis der besonderen Natur des Geh-Vorgangs usw. (visesa-jānana). Hier trifft jedoch nur das letzte, nicht das erste zu. Die Ich-Vorstellung: ,Es besteht ein handelndes und empfindendes (d.h. aktives und passives) Ich (attākārako vedako)', - diese verkehrte Vorstellung ist nämlich beim bloßen Gewahrwerden des Gehens noch nicht ausgeschaltet und beseitigt, und zwar weil man sich entweder nicht im Gegensatz zu dieser falschen Vorstellung befindet oder wegen mangelnder Pflege der Meditation. Woher sollte da für einen solchen (sein Gewahrwerden des Gehvorgangs) den Charakter eines Meditationsobjektes haben? In diesem Sinne heißt es "...ist nicht Gegenstand der Meditation usw."

Das Wissen jenes übenden Mönches jedoch schaltet den Begriff eines Wesens aus und beseitigt die Ich-Vorstellung. Es ist daher Meditations-Gegenstand und gehört zur Satipatthāna-Übung. (Mit den Worten "er weiß") ist hier also von einem Wissen die Rede (das auf die Fragen antwortet): Wer geht? Wessen Gehen ist es? Aufgrund wovon geht man? Für das Stehen usw. gilt die gleiche Fragestellung. - "Wer geht?" Keinerlei Wesen oder Persönlichkeit geht. - "Wessen Gehen ist es?" Nicht das Gehen irgend eines Wesens oder einer Persönlichkeit. - "Aufgrund wovon geht man?" Aufgrund der Geist-Tätigkeit und der (hierdurch bewirkten) Vibration des Wind (oder Bewegungs)-Elementes (citta-vāyo-dhātu-vipphārena). Daher versteht der Übende den Gehvorgang in folgender Weise: Der Gedanke steigt auf: "Ich will gehen". Dieser Gedanke bringt das Wind-Element zum Entstehen und das Wind-Element bringt den (körperlichen) Ausdruck (viññatti; nämlich des Gehens) zum Entstehen. Das durch Geist-Tätigkeit und Vibration des Wind-Elements bewirkte Vorwärtstragen des ganzen Körpers bezeichnet man dann als ,Gehen'.

Für das Stehen usw. gilt die entsprechende Erklärungsweise: Es steigt der Gedanke auf: "Ich will stehen." Dieser Gedanke bringt das Wind-Element zum Entstehen und das Wind-Element bringt den (körperlichen) Ausdruck (des Stehens) hervor. Die durch Geist-Tätigkeit und Vibration des Wind-Elementes bewirkte, von unten an aufrechte Haltung des ganzen Körpers wird ,Stehen' genannt. - Es steigt der Gedanke auf: "Ich will sitzen." Dieser Gedanke bringt das Wind-Element zum Entstehen und das Wind-Element bringt den (körperlichen) Ausdruck (des Sitzens) hervor. Das durch Geist-Tätigkeit und Vibration des Wind-Elementes bewirkte Beugen des Unterkörpers bei aufrechter Haltung des Oberkörpers wird als ,Sitzen' bezeichnet. - Es steigt der Gedanke auf: "Ich will liegen." Dieser Gedanke bringt das Wind-Element zum Entstehen und das Wind-Element bringt den (körperlichen) Ausdruck (des Liegens) hervor. Das durch Geist-Tätigkeit und Vibration des Wind-Elementes bewirkte horizontale Ausstrecken des ganzen Körpers wird als ,Liegen' bezeichnet.

"Wer geht?" ist eine Frage nach dem Betätiger oder Ausführenden (d.i. einem persönlichen Agens) der Geh-Tätigkeit, ohne dabei zunächst eine Unterscheidung zwischen der bewirkenden Ursache (sādhana; ,causa efffciens') und der Tätigkeit zu machen. Dies geschieht, um durch Verwerfung eines Ich als eines besonderen Betätigers (oder Agens) das Gehen als einen bloßen (unpersönlichen) Vorgang (dhamma-matta) zu zeigen.

Um den gleichen Sachverhalt in einer anderen Weise auszudrücken, heißt es: "Wessen Gehen ist es?", wobei nun zwischen der bewirkenden Ursache und der Tätigkeit unterschieden wird. Hiermit soll deutlich gemacht werden, daß der Geh-Vorgang keinerlei Zusammenhang mit einem Betätiger hat.

In beiden Fällen ist in den Fragen eine negative Antwort stillschweigend mit eingeschlossen (anto-nītam, ,implicite' gegeben, d.h., sie sind als rhetorische Fragen aufzufassen).

"Aufgrund wovon geht man?" Dies nun ist eine Frage nach der zutreffenden Ursache der einen Betätiger ausschließenden Geh-Tätigkeit. Dieses Gehen ist nämlich (nur) eine besondere Ablaufsart von (unpersönlichen) Dingen, die, durch entsprechende Bedingungen veranlaßt, frei ist von solch unzutreffenden Ursachen (wie sie z.B. im folgenden Lehrsatz der Nyāya-Theorie der Sinnenwahrnehmung behauptet werden): "Das Selbst kommt in Kontakt mit dem Geist, der Geist mit den Sinnenorganen, die Sinnenorgane mit den Objekten"*. Nicht geht da irgend ein Wesen oder eine Person; und zwar weil das Gehen als ein bloßer unpersönlicher Vorgang erwiesen ist und weil, von diesem Vorgang abgesehen, keiner vorhanden ist (der das Gehen ausführt).

 

* Attā manasā samyujjati mano indriyehi, indriyāni atthehī." - Dies ist die Theorie der Sinnenwahrnehmung, wie sie von dem nicht-buddhistischen System der "Logiker", Nyīya-Vaisesika, vertreten wird. Ganz ähnlich mit unserem obigen Zitat (nur im Singular, statt im Plural formuliert) heißt es z.B. im Kommentar des Vatsyāyana zu den Nyāya-Sūtras des Gotama (zu I, 1,4) ,Ᾱtmā manasā samyujyate manah indriyena indrjyam arthena, tatah pratyaksam ("dadurch kommt es zur Sinneswahrnehmung") Diese Information verdankt der Übersetzer dem wohl besten singhalesischen Kenner indischer Logik, dem Nyāyācariya S. Abeysingbe. Dem ausgedehnten Wissen und dem liebenswerten und schlichten Charakter dieses trefflichen Privatgelehrten sei hiermit ein Tribut der Hochschätzung gezollt. Durch seine Identifizierung der Sanskrit-Quelle war es dem Übersetzer auch möglich, die obige korrekte Lesart des Pāli-Textes zu geben, der in allen dem Übersetzer zugänglichen Ausgaben verderbt ist, - ein Zeichen, daß die Herausgeber bzw Kopisten diese Stelle nicht verstanden haben. Statt "attā manasā samyujjati" lesen z.B. zwei verschiedene burmesische Druck-Ausgaben "attā gamanasā samyujjati" und eine singhalesische Palmblatt-Handschrift der Majhima-Tīkā: "attā pana sā samyujjati".

 

Um nun den Beweis zu geben, daß das Gehen tatsächlich ein bloßer unpersönlicher Vorgang ist, heißt es nun "Aufgrund, der Geist-Tätigkeit und der Vibration des Wind-Elements". Das betreffende Kompositum ,cittakiriyavāyodhātuviphāro' ist nämlich so aufzulösen: Geist-Tätigkeit (citta-kiriya) und die (sich ausbreitende) Vibration (vipphāro), d.i. das Schwingen oder Erzittern, des Wind-Elements (vāyo-dhātu). Durch die Erwähnung der Geist-Tätigkeit wird die Vibration eines nicht zu einem lebenden Organismus gehörenden Wind-Elements ausgeschlossen. Durch die Erwähnung der Vibration des Wind-Elements wird die einen willentlichen sprachlichen Ausdruck (cetanā vacīviññatti) hervorbringende Klasse der Geist-Tätigkeit ausgeschlossen. Und durch die Verbindung beider Ausdrücke wird erklärt, daß es sich hier um den ,körperlichen Ausdruck' (kāya-viññatti) handelt.

"Dieser Gedanke bringt das Wind-Element zum Entstehen", d.h. diejenige Kombination materieller Dinge (rūpa-kalāpa), in der das Wind-Element überwiegt. Dieses Überwiegen ist kein quantitatives, sondern ein qualitatives der Wirkungskraft (sāmatthiya).

In jedem materiellen Gebilde sind nämlich alle vier Elemente vertreten; lediglich ihr Stärke-Verhältnis wechselt. Die einfachste Kombination materieller Dinge (rūpakalāpa) besteht aus acht Faktoren und heißt daher die "Reine Achter-Gruppe" (suddh'atthaka kalāpa); diese 8 Dinge sind: die vier Elemente, Farbe, Geruch, Geschmack und Nährstoff.

 

"Das Wind-Element bringt den (körperlichen) Ausdruck zum Entstehen." Dies bezieht sich auf das durch den Geh-Gedanken hervorgerufene Wind-Element, das seinerseits die spezifische Bedingung bildet für das (beim Gehen erfolgende) Straffen, Tragen und Bewegen des damit gleichzeitig entstandenen materiellen Körpers. Unter "Ausdruck" (viññatti) hat man eine von Absicht begleitete Zustands-Veränderung zu verstehen (adhippāya-saha, bhāvī-vikāro).

Das Wind-Element wird lediglich im Sinne des oben erwähnten und erklärten Übergewichts angeführt und nicht weil es den "Ausdruck" allein hervorbringt.

Wenn man die Körperhaltungen in solcher Weise verstanden hat, dann weiß man dies: Wohl sagt man, entweder auf Grund einer falschen, die Wirklichkeit verkennenden Einstellung oder auf Grund des konventionellen Sprachgebrauchs: ,Ein Wesen geht, ein Wesen steht'; doch in Wirklichkeit gibt es kein gehendes oder stehendes Wesen. Man sagt auch: ,Ein Wagen fährt, ein Wagen hält an'; doch in Wirklichkeit gibt es keinen fahrenden oder anhaltenden Wagen. Wenn vier Ochsen angeschirrt und von einem geschickten Wagenlenker angetrieben werden, so heißt es in einer lediglich konventionellen Ausdrucksweise: ,Der Wagen fährt, der Wagen hält an.' Ebenso ist der Körper, weil er (aus eigener Kraft) unbeweglich ist, dem Wagen gleich. Den Ochsen in diesem Vergleich entspricht das geistgezeugte Wind-Element. Dem Wagenlenker entspricht der Geist. Nachdem der Gedanke aufgestiegen ist: ,Ich will gehen oder stehen', entsteht das Wind-Element, das seinerseits den (körperlichen) Ausdruck bewirkt. In solcher Weise kommt durch Geist-Tätigkeit und Vibration des Wind-Elements das Gehen zustande. Die sich darauf beziehende Redeweise: ,Ein Wesen geht oder steht; ich gehe oder stehe' ist nur ein konventioneller Ausdruck. Daher heißt es:

 

"Die Windeskraft bewegt das Schiff,
Die Kraft der Sehne schnellt den Pfeil.
So auch geht dieser Körper nur,
Wenn ihn des Windes Artung trägt.
 
So wie die Schnur die Gliederpuppe lenkt,
Vermag nur, an die Geistes-Schnur gebunden,
Durch ihren Antrieb diese Körper-Puppe auch
Zu gehen, aufzustehen und zu sitzen.
 
Wo ist ein solches Wesen hier,
Das frei von Ursach und Bedingung,
Durch eigene Kraft getrieben und bewegt,
Einhergehen oder stehen kann?"

 

Wenn der Übende in solcher Weise über den sich nur auf Grund von bestimmten Ursachen und Bedingungen vollziehenden Vorgang des Gehens usw. nachdenkt, dann gilt von ihm das Textwort: "Gehend weiß er ,Ich gehe'."

 

Wie auch immer seine Körperstellung ist, so eben weiß er es. Dies ist eine alle Einzelfälle einschließende Aussage. Sie besagt folgendes: In welcher Haltung auch immer sich sein Körper befindet, in dieser eben ist er des Körpers gewahr.

 

So weilt er nach innen bedeutet: So weilt er durch Erfassen der eigenen Körperhaltungen in Betrachtung des Körpers.

 

Nach außen: durch Erfassen der Körperhaltungen eines anderen.

 

Nach innen und außen: zeitweise durch Erfassen der eigenen Körperhaltungen, zeitweise durch Erfassen der Körperhaltungen eines anderen.

 

Die Dinge in Ihrem Entstehen betrachtend usw. Entstehen und Vergehen der (gesamten) Gruppe ,Körperlichkeit' (rūpa-kkhandha) hat man hier auf Grund jener fünffachen Darlegungsweise zu verstehen, die mit den Worten beginnt: "Durch die Entstehung von Nichtwissen kommt es zur Entstehung von Körperlichkeit ..."

Dieses Zitat stammt aus dem Patisambhidā-Magga (Textausgabe der PTS, I,p.55; s. auch VisM, PTS,p.631). Die fünf Faktoren, auf Grund deren es, diesem Text zufolge, zum ,Entstehen von Körperlichkeit' kommt, sind: die vier ,Bedingungen (paccaya), nämlich 1. Nichtwissen, 2. Begehren, 3. Karma, 4. Nahrung; der fünfte Faktor ist das ,Merkmal des Insdaseintretens' (nibbatti-lakkhana). - Das ,Vergehen der Körperlichkeit' kommt gleichfalls durch fünf Faktoren zustande: 1. - 4. durch die Aufhebung der obigen vier Bedingungen; 5. durch das ,Merkmal der Veränderung' (viparināma-lakkhana). Unter den beiden Merkmalen hat man die sich in jedem Augenblick vollziehende Manifestation des "Entstehens und Vergehens selber zu verstehen. Die gleiche fünffache Erklärung des "Entstehens und Vergehens" gilt für sämtliche obigen Abschnitte der Körper-Betrachtung.

 

Hierbei nun besteht die ,Wahrheit vom Leiden' in der die vier Körperhaltungen erfassenden Achtsamkeit. Das diese erzeugende vorhergehende Begehren ist die ,Wahrheit von der Leidens-Entstehung'. Das Nichtauftreten beider ist die ,Wahrheit von der Leidens-Aufhebung'. Der das Leiden verstehende, den Entstehungs- (-Grund) aufgebende, auf dessen Aufhebung gerichtete Heilige Pfad ist die ,Wahrheit von dem zur Leidens-Aufhebung führenden Weg'.

Nachdem der Übende, in dieser Weise der Methode der Vier Heiligen Wahrheiten folgend, eifrig gestrebt hat, wird er die Erlöschung erreichen. Das ist für einen Mönch, der die vier Körperhaltungen erfaßt, der bis zur Heiligkeit führende Zugang zur Erlösung.


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