Satipatthana Kommentar II.d

KOMMENTAR zum Satipatthāna-Sutta

D. Die Erwägung des Widerlichen (Die 32 Körperteile)

Nach Erklärung der Körper-Betrachtung durch die vierfache Wissensklarheit folgt nun ihre Erläuterung durch die ,Erwägung des Widerlichen' (patikkūla-manasikāra). Alles hierauf Bezügliche ist ausführlich und in jeder Hinsicht im Visuddhi-Magga (VIII,2) behandelt, und zwar im Kapitel über das Meditationsobjekt der "auf den Körper gerichteten Achtsamkeit" (kāya-gatāsati).

Nachstehend folgen einige kurze Auszüge und Zusammenfassungen auf diesem Kapitel des Visuddhi-Magga. Vorausgeschickt sei, daß die "auf den Körper gerichtete Achtsamkeit" (kāya-gatā-sati) in der gleichnamigen 119. Lehrrede der Mittleren Sammlung auf alle 14 Teile der Körperbetrachtung bezogen wird; im Visuddhi-Magga jedoch wird darunter nur die "Erwägung des Widerlichen", d.h. der 32 Körperteile* verstanden.

 

* d.h. einschließlich des in den späteren Texten an den Schluß der 31-teiligen Suttenformel angefügten "Gehirns".

 

Die Übung der "auf den Körper gerichteten Achtsamkeit" führt zu folgenden Ergebnissen:

 

Aus den 14 Teilen dieses Meditationsgebietes der Körper-Betrachtung dienen drei dem Klarblick (vipassanā), nämlich: die Betrachtung der Körperhaltungen, die vierfache Wissensklarheit und die Betrachtung der Elemente; die neun Leichenfeld-Betrachtungen dienen der zu den Klarblicks-Wissen gehörenden Betrachtung über das Daseins-Elend (ādīnavānupassana; s.S. 188 und VisM XXI,4). Lediglich zwei - die Atmungs-Achtsamkeit und die Erwägung des Widerlichen - dienen (direkt) der Sammlung (samādhi), bzw. der Gemütsruhe (samatha).

Für das Auffassen dieses Meditationsobjektes sind die folgenden sieben Arten der "Geschicklichkeit im Auffassen" (uggahakosalla) erforderlich:

Für die Erwägung dieses Meditationsobjektes sind die folgenden 10 Arten der "Geschicklichkeit in der Erwägung" (manaskārakosalla) erforderlich: Die Übung ist vorzunehmen

*

Als Erläuterung der Sutten-Worte "er weilt nach außen beim Körper in Betrachtung des Körpers", in ihrer Anwendung auf diese Übung, möge die folgende Stelle aus dem "Visuddhi-Magga" dienen:

 

Wenn der Übende dann auch nach außen hin seine Aufmerksamkeit richtet und ihm alle Körper-Bestandteile klar geworden sind, dann verlieren für ihn die sich umherbewegenden Menschen und Tiere das Aussehen von individuellen Wesen und erscheinen ihm nun bloß als Haufen von einzelnen Bestandteilen; und die Speisen und Getränke, die sie verzehren, erscheinen, als ob sie in diese Bestandteil-Haufen hineingeworfen würden.

E. Die Erwägung der Elemente

Auch hierzu verweist der Kommentar auf die Erklärung im "Visuddhi-Magga" (X1,2: Die Analyse der vier Elemente) und gibt selber nur die folgende Erläuterung des Gleichnisses:

Wie ein geschickter Schlächter ... Es verhält sich hier wie mit einem Schlächter: während dieser das Rind füttert und auch während er es zum Schlachthaus bringt, es dort anbindet und stehen läßt; es dann schlachtet und den geschlachteten Leichnam betrachtet, bis er ihn nicht aufgeschnitten und in Stücke zerlegt hat, so lange ist die Vorstellung ,Rind' noch nicht geschwunden. Wenn er aber das Tier zerteilt hat und sich davor hinsetzt, dann ist die Vorstellung ,Rind' geschwunden und die Vorstellung ,Fleisch' tritt auf. Nicht denkt er "Ein Rind verkaufe ich; ein Rind nehmen die Käufer mit sich", vielmehr: "Fleisch verkaufe ich; Fleisch nehmen die Käufer mit sich." So eben denkt er. Ebenso ist es auch mit jenem übenden Mönch: früher, als er noch ein unwissender Weltling war, - sei es als Laie oder auch als Hausloser - da war die Vorstellung ,Wesen' oder ,Persönlichkeit' in ihm noch nicht geschwunden, bis er nicht bei "eben diesem Körper in seiner jeweiligen Stellung und Haltung" das als kompakt Erscheinende aufgelöst und bis er ihn nach den Elementen betrachtet hat. Durch die Betrachtung des Körpers nach den Elementen schwindet die Vorstellung eines ,Wesens' und der Geist stellt sich eben auf diese Element-Betrachtung ein.

Dem Schlächter im Gleichnis entspricht der Meditierende; der Vorstellung ,Rind' entspricht die Vorstellung eines ,Wesens'; dem Kreuzungspunkt vierer Straßen entsprechen die vier Körperhaltungen; dem Niedersetzen vor dem zerteilten Rind entspricht die Betrachtung des Körpers nach den Elementen.

Dschuangdsī, der chinesische Taoist, läßt einen Koch seine besondere Geschicklichkeit im Zerlegen eines Ochsen wie folgt erklären: "Als ich anfing, Rinder zu zerlegen, da sah ich eben nur Rinder vor mir. Nach drei Jahren hatte ich's soweit gebracht, daß ich die Rinder nicht mehr ungeteilt vor mir sah. Heute verlasse ich mich ganz auf den Geist und nicht mehr auf den Augenschein. Der Sinne Wissen habe ich aufgegeben und handle nur nach den Regungen des Geistes." (Übersetzt von Richard Wilhelm)


F. Die Leichenfeld-Betrachtungen

Siehe hierzu "Visuddhi-Magga", Teil VI: Die Meditation der Unreinheit. Unser Kommentar-Text gibt lediglich einige Wort-Erklärungen und schließt wie folgt:

 

So auch, o Mönche, weilt der Mönch beim Körper in Betrachtung des Körpers. Nach Darlegung der neun Leichenfeld-Betrachtungen beschließt der Erhabene mit diesen Worten die "Körper-Betrachtung".

Hierbei nun besteht die ,Wahrheit vom Leiden' in der die neun Leichenfeld-Betrachtungen erfassenden Achtsamkeit. Das sie erzeugende vorhergehende Begehren ist die ,Wahrheit von der Leidens-Entstehung'. Das Nichtauftreten beider ist die ,Wahrheit von der Leidens-Aufhebung'. Der das Leiden verstehende, den Entstehungs(-Grund) aufgebende, auf dessen Aufhebung gerichtete Heilige Pfad ist die ,Wahrheit von dem zur Leidens-Aufhebung führenden Weg'.

Nachdem der Übende, in dieser Weise der Methode der Vier Heiligen Wahrheiten folgend, eifrig gestrebt hat, wird er die Erlöschung erreichen. Das ist für Mönche, die sich den neun Leichenfeld-Betrachtungen widmen, der bis zur Heiligkeit führende Zugang zur Erlösung.


G. Schlußwort zur Körperbetrachtung

Hiermit ist die vierzehnteilige Körper-Betrachtung beendet, bestehend aus:

1. Atmungs-Achtsamkeit,
2. Körperhaltungen,
3. Wissensklarheit,
4. Erwägung des Widerlichen,
5. Erwägung der Elemente,
6-14. Die neun Leichenfeld-Betrachtungen.

Hiervon führen nur zwei Meditationsobjekte zur Vollen Sammlung und zwar die Atmungs-Achtsamkeit und die Erwägung des Widerlichen. Da die Leichenfeld-Betrachtungen (hier) als Betrachtungen des Daseins-Elends gegeben werden, sind die übrigen zwölf Übungen nur zur Angrenzenden Sammlung (upacāra-samādhi) führende Meditationsobjekte.

Vgl. hierzu Visuddhi-Magga VIII.2: Die Betrachtung über den Körper.


 Home Oben Index Next