Satipatthana Kommentar V.b

KOMMENTAR zum Satipatthāna-Sutta

B. Die Gruppen des Anhangens

Nachdem so der Erhabene die Betrachtung der Geistobjekte durch die fünf Hemmungen erklärt hat, beginnt er nun mit den Worten "Wie nun, o Mönche" die gleiche Betrachtung durch die fünf Gruppen des Anhangens darzustellen.

Die Bedeutung dieses Begriffes ,Gruppen des Anhangens' (upādāna-kkhandha) ist, daß sie Anhäufungen oder Ansammlungen von Dingen (dhamma; d.h. unpersönlichen Prozessen) darstellen, die Bedingungen für das Anhangen geworden sind. Eine ausführliche Darstellung davon findet sich im Visuddhi-Magga (XIV).

 

So ist der Körper. D.h. der Übende erkennt die Natur des Körpers: ,Dies ist der Körper. Soweit geht, was als Körper gilt. Nicht gibt es darüber hinaus einen Körper.' Das Entsprechende gilt für das Gefühl usw.

 

So ist die Entstehung des Körpers, nämlich in jener fünffachen Weise: "Durch Entstehung von Nichtwissen kommt es zur Entstellung des Körpers usw." (s. S. 132 zu den Textworten "Die Dinge in ihrem Entstehen betrachtend").

 

So ist der Untergang des Körpers, nämlich in jener fünffachen Weise: "Durch Aufhebung des Nichtwissens usw." (ebda.)

Für die anderen vier ,Gruppen' gilt die entsprechende Erklärung ihrer Entstehung und ihres Untergangs. (Und zwar vgl. zur Gruppe ,Gefühl' die Gefühls-Betrachtung, S. 195; zu den Gruppen ,Wahrnehmung- und ,Gestaltungen' gleichfalls die Gefühls-Betrachtung, S. 195; zur Gruppe ,Bewußtsein' die Geist-Betrachtung, S. 200).

 

So weilt er nach innen. Durch Erfassen der fünf Gruppen weilt er in Betrachtung der Geistobjekte bei den eigenen Geistobjekten bei denen eines anderen, zeitweise bei den eigenen und zeitweise bei denen eines anderen.

 

Die Dinge in ihrem Entstehen betrachtend. Hierzu hat man die zusammen 50 Merkmale für das Entstehen und Vergehen der fünf Gruppen heranzuziehen, (wie sie an den oben genannten Stellen angeführt sind), nämlich "durch Entstehung von Nichtwissen kommt es zur Entstehung des Körpers usw."

Hierbei nun besteht die ,Wahrheit vom Leiden'... (wie oben)

 

 


C. Die Sinnengrundlagen

Nach Darlegung der Geistobjekt-Betrachtung durch die fünf Gruppen des Anhanges wird sie nun vom Erhabenen durch die sechs inneren und äußeren Sinnengrundlagen erklärt.

 

Er weilt in Betrachtung der Geistesobjekte, nämlich bei den sechs inneren und äußeren Sinnengrundlagen, d.h. bei den sechs inneren und den sechs äußeren. Das Wort "sechs" ist nämlich auch im zweiten Fall zu ergänzen. Warum aber wurde hier von beiden Arten der Sinnengrundlagen mit der bloß einmaligen Bezeichnung "sechs" gesprochen? Weil durch beide, nämlich durch die Entstehungspforte und das Objekt, die sechsfache Bewußtseins-Gruppe bestimmt wird. So ist z.B. für die zum Sehbewußtseins-Prozeß gehörende Bewußtseinsgruppe die (innere) Sinnengrundlage ,Auge' (cakkh'āyatana) die Entstehungspforte und die (äußere) Sinnengrundlage ,Sehobjekt' (rūp'āyatana) ist das Objekt (ārammana). Entsprechend ist es bei den folgenden vier. Beim sechsten Sinnengebiet jedoch ist lediglich ein Teil der (gesamten) Sinnengrundlage ,Geist', nämlich der unterbewußte Geist, die Entstehungspforte und das besondere (d.h. dem Fünfsinnen-Bewußtsein nicht gemeinsame) Objekt ist die Sinnengrundlage ,Geistobjekt'.

 

Er kennt das Auge. D.h., das sensitive (d.i. reizempfängliche) Auge (cakkhuppasāda) kennt er nach Funktion und Merkmal (yathāva-sarasa-lakkhana-vasena).

Nach anderer Erklärung: er erkennt es nach seiner wahren, d.h. unverfälschten Beschaffenheit und seinem allgemeinen Merkmal, der Vergänglichkeit usw.

Als die innere Sinnengrundlage, d.h. das Sinnenorgan, gilt nach dem Abhidhamma nicht der Augenball, das äußere Ohr usw, sondern die eigentliche sensitive Stelle des betreffenden Organs. Sie wird im Pāli ,pasāda', "das Helle" genannt, vielleicht weil diese Organ-Sensitivität das entsprechende Objekt zu "erhellen", d.h. wahrzunehmen vermag. Dieses sensitive Sinnenorgan ist dem Abhidhamma zufolge winzig klein und mit dem Auge nicht wahrnehmbar; es darf wohl mit den betreffenden Nerven-Enden identifiziert werden. Zum Unterschied von "cakkhuppasāda" der Augen-Sensitivität, wird der Augenball als "sasambhāra-cakkhu", "das Auge samt Zubehör" bezeichnet; entsprechende Bezeichnungen gelten für die übrigen vier Sinnen Organe.

Funktion und Merkmal der Sinnenorgane und ihre Objekte, von denen der Kommentar spricht, können auf dem XV. Teil des Visuddhi Magga entnommen werden.

 

Er kennt die Sehobjekte. D.h. er kennt die äußeren, vierfach erzeugten Sehobjekte nach ihrer wahren Funktion und ihrem Merkmal.

"Vierfach erzeugt." - Die vier "Erzeuger" (samutthāna) materieller Vorgange sind: früheres Karma (kamma), Bewußtsein (citta), Temperatur (utu, einschließend alle physikalischen Einflüsse) und Nahrung (āhāra). Vier von den Sinnenobjekten können unter Umständen jeden dieser vier Erzeuger haben; d.h. ein bestimmtes materielles Phänomen stets nur einen von ihnen. Für den Ton kommen jedoch nur zwei Erzeuger in Frage, entweder "Bewußtsein" (als Stimme usw.) oder "physikalische Einflüsse" (z.B. als Donner). Siehe hierzu Abhidhammattha-Sangaha und VisM.

 

Welche Fessel durch diese beiden bedingt entsteht, die auch kennt er. Er kennt nach ihren wahren Funktionen und Merkmalen die durch diese beiden, z.B. durch Auge und Sehobjekt, entstehenden zehn Fesseln (samyojana), nämlich:

1. Sinnenlust,
2. Abneigung,
3. Dünkel,
4. falsche Ansicht,
5. Zweifel,
6. Hängen an Regeln und Riten,
7. Daseinslust,
8. Neid,
9. Geiz,
10. Nichtwissen.

Dies ist die im Abhidhamma gegebene Aufzählung der zehn Fesseln. Bekannter und gebräuchlicher ist die sich im Sutta-Pitaka, dem Kanon der Lehrreden, vorfindende, teilweise abweichende Reihe:

1. Persönlichkeitsglaube, 2. Hängen an Regeln und Riten, 3. Zweifel, 4. Sinnenlust, 5. Abneigung, 6. Verlangen nach feinkörperlichem Dasein, 7. Verlangen nach unkörperlichem Dasein, 8. Dünkel, 9. Aufgeregtheit, 10. Nichtwissen.

 

Wie nun entstehen diese 10 Fesseln?

1. Wenn z.B. bei der Sinnenpforte des Auges ein erwünschtes Objekt in das Wahrnehmungsbereich tritt, dann entsteht, weil dieses Objekt den Sinnen des sich daran Erfreuenden und Ergötzenden angenehm ist, die Fessel der Sinnenlust. -

2. Durch den Ärger über ein unangenehmes Objekt entsteht die Fessel der Abneigung. -

3. "Wer außer mir vermöchte dieses Objekt so deutlich zu erkennen?", bei einem sich derart äußernden Dünkel entsteht die Fessel des Dünkels. -

4. Wenn man jenes Sehobjekt als beständig und dauernd auffaßt, so entsteht die Fessel falscher Ansicht. -

5. "Ist dieses Sehobjekt ein Wesen oder gehört es einem Wesen?", bei derartigem Zweifel entsteht die Fessel des Zweifels. -

6. "In glücklichem Dasein wird dieses (erwünschte Sehobjekt) leicht erlangbar sein!", einem, der so denkend nach Dasein verlangt, entsteht die Fessel der Daseinslust. -

7. "Regeln und Riten befolgend, kann man auch künftig dieses Sehobjekt erlangen", einem, der so denkend Regeln und Riten auf sich nimmt, entsteht die Fessel des Hängens an Regeln und Riten. -

8. "Daß doch andere dieses Sehobjekt nicht erlangen mögen!", so Neid hegend entsteht die Fessel des Neides. -

9. Mit dem von einem selber erlangten Sehobjekt einem anderen gegenüber geizend, entsteht die Fessel des Geizes. -

10. Mit jeder dieser Fesseln zusammen entsteht auf Grund des Nichterkennens (außerdem auch) die Fessel des Nichtwissens.

"Durch diese beiden bedingt." Das Auge ist für die Entstehung der Fessel eine ,Anlaß-Bedingung (upanissaya-paccaya); die Sehobjekte sind Bedingungen der Objekt-Vorherrschaft (ārammanā-dhipati-paccaya) und des Objekt-Anlasses (ārammanūpanissaya-paccaya).

 

Wie es zum Entstehen der nicht entstandenen Fessel kommt. Das bedeutet: durch welche Ursache es zum Entstehen der nicht entstandenen, d.h. nicht aufgetretenen zehnfachen Fessel kommt, diese Ursache kennt er.

 

Wie es zum Aufgeben der entstandenen Fessel kommt. Das bedeutet: durch welche Ursache es zum Aufgeben der entstandenen, d.h. nicht durch Zurückdrängen oder Vernichtung aufgegebenen und daher aufgetretenen zehnfachen Fessel kommt, diese Ursache kennt er.

 

Wie es künftig nicht mehr zum Entstehen der aufgegebenen Fessel kommt. Das bedeutet: Durch welche Ursache die durch die Methode des (zeitweisen) "Aufgebens durch den Gegensatz" und des "Aufgehens durch Zurückdrängen" aufgegebenen zehn Fesseln künftig nicht mehr zum Entstehen kommen, dies auch weiß er.

 

Was ist nun die Ursache des Nichtmehr-Entstehens dieser zehn Fesseln?

 

Durch Erreichung des Stromeintritt-Pfades kommen fünf Fesseln künftig nicht mehr zum Entstehen:

durch Erreichung des Pfades der Einmalwiederkehr:

durch Erreichung des Pfades der Nichtwiederkehr:

durch Erreichung des Heiligkeits-Pfades:

Hierdurch kommen diese Fesseln künftig nicht mehr zum Entstehen.

Für die anderen inneren und äußeren Sinnengrundlagen gilt das gleiche wie für das hier als Beispiel angeführte Auge und Sehobjekt. Ferner hat man hierzu die Besprechung der Sinnengrundlagen im Visuddhi-Magga (XV) heranzuziehen.

 

So weilt er nach innen. Durch Erfassen der inneren Sinnengrundlagen weilt er bei den eigenen Geistobjekten oder bei denen eines anderen in Betrachtung der Geistobjekte; durch Erfassung der äußeren Sinnengrundlagen weilt er bei den Geistobjekten eines anderen oder bei den eigenen in deren Betrachtung; ferner weilt er zeitweise bei den eigenen, zeitweise bei den Geistobjekten eines anderen in deren Betrachtung.

 

Die Dinge in ihrem Entstehen betrachtend. Das Entstehen und Vergehen ist nach der bereits früher erwähnten Methode zu verstehen, die hier in dieser Weise anzuwenden ist: "Durch Entstehung des Nichtwissens kommt es zur Entstehung des Auges usw." Und zwar gelten für die zehn körperlichen Sinnengrundlagen die Bedingungen und Merkmale für das Entstehen und Vergehen der Gruppe Körperlichkeit; für die beiden nicht-körperlichen Sinnengrundlagen gelten bei der Sinnengrundlage ,Geist' (man-āyatana) die Bedingungen und Merkmale für die Gruppe Bewußtsein; bei der Sinnengrundlage ,Geistobjekte' (dhammāyatana) gelten die Bedingungen und Merkmale für die übrigen Gruppen, nämlich Gefühl, Wahrnehmung und Gestaltungen. Die überweltlichen Geistobjekte (lokuttara-dhamma) sind hier nicht einbegriffen.

Hierbei nun besteht die ,Wahrheit vom Leiden' . . . (wie oben)


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