Satipatthana IV

SATIPATTHᾹNA

IV. DIE VIER OBJEKTE DER ACHTSAMKEIT

Die Objekte der Rechten Achtsamkeit erfassen den gesamten Menschen und die gesamte Wirklichkeit. Sie erstrecken sich auf die körperlichen Vorgänge, auf das Gefühlsleben, die alltäglichen Wahrnehmungen, die Denktätigkeit und die Denkinhalte. Rechte Achtsamkeit erfaßt so das Niedrigste wie das Höchste im Menschen: von den animalischen Funktionen der Ernährung und Entleerung bis hinauf zu den erhabenen Höhen der Erleuchtungseigenschaften. Wir begegnen hierin wieder dem für einen stetigen Forschritt so wichtigen Prinzip der Gründlichkeit (siehe Seite 27), sowie jenem Aspekt des Mittleren Pfades, der Einseitigkeit verneidet, Vollständigkeit und Harmonisierung erstrebt. Hiermit wird dem Werk geistiger Übung eine breite und sichere Basis gegeben, nämlich die der Gesamtpersönlichkeit. Es wird dadurch vermieden, daß aus dem Übersehenen, Unterschätzten, Vernachlässigten oder Ignorierten Gegenkräfte erwachsen, die den mühsam errichteten Bau innerer Arbeit stören oder gar zerstören können. Solche Konflikte, wie die zwischen Körper und Geist («dem Geist, der willig, und dem Fleisch, das schwach ist») oder zwischen Gefühl und Verstand werden abgeschwächt und schließlich aufgehoben, wenn beiden Seiten eine gleichmäßige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Was man beherrschen und überwinden will, muß man kennen und verstehen.

Daher ist es notwendig, daß der Übende sämtliche vier «Grundlagen der Achtsamkeit» pflegt und sich allen ihren vier Objekten je nach gegebener Gelegenheit zuwendet. Wohl ist (wie Kap. VI zeigen wird) für die volle meditative Entfaltung der Achtsamkeit und des Klarblicks die methodische Pflege eines Hauptobjekts und einiger Nebenobjekte aus der Körperbetrachtung unerläßlich, doch für die Zuwendung zu den anderen drei Objekten wird sich reichlich Gelegenheit bieten: bei Unterbrechungen, Störungen und Pausen der strikten Meditationsübung, bei Betrachtungen, die man nach der Übung über seine Meditationserfahrungen anstellt; und während des Tagesverlaufs, soweit man seine Achtsamkeit, sei es auch nur für eine kurze Zeit, darauf richten kann. Jedenfalls wird die Entfaltung Rechter Achtsamkeit und des Klarblicks nur dann ihrem Ziele näher kommen und es erreichen wenn sich die Übung auf die Gesamtpersönlichkeit, d.h. alle vier «Grundlagen der Achtsamkeit», erstreckt.


 

A. DIE ÜBUNGS-ANWENDUNG

Die Gründlichkeit und Vollständigkeit der Methode erstreckt sich auch noch auf ein anderes Gebiet. Sie zeigt sich in der nach jeder einzelnen Übung im Lehrreden-Text wiederholten «Übungs Anwendung», beginnend mit den Worten:

«So weilt er nach innen (beim Körper) in Betrachtung (des Körpers); oder er weilt nach außen (beim Körper) in Betrachtung (des Körpers); oder weilt nach innen und außen (beim Körper) in der Betrachtung (des Körpers).»

Dieser Anweisung zufolge hat man jede Betrachtung oder Übung zunächst auf sich selber, dann auf andere und schließlich, auf beide anzuwenden. Dieser dreifache Übungsrhythmus galt offenbar als besonders wichtig, denn er findet sich in mannigfacher Anwendung in vielen kanonischen und nachkanonischen Texten. Hierdurch werden die Einseitigkeiten, Unvollkommenheiten und Gefahren einer ausschließlichen Einwärtswendung (Introversion) oder Auswärtswendung (Extraversion) des Geistes vermieden. Vieles mag man besser bei einer anderen Person oder einem äußeren Gegenstand erkennen als bei sich selber. Andererseits mag es häufig geschehen, daß man z.B. die Betrachtung der Vergänglichkeit oder Leidhaftigkeit bloß oder vorwiegend auf die Außenwelt anwendet, nicht aber mit dem notwendigen Nachdruck auf sich selber. Im «Weg zur Reinheit» (Visuddhi-Magga) des Ehrw. Buddhaghosa heißt es ausdrücklich, daß der Aufstieg zum Heiligkeitspfad weder durch eine ausschließliche Betrachtung der eigenen noch der fremden Daseinsgebilde erfolgen kann, sondern daß beide Betrachtungen notwendig sind. Die dritte Übungsphase, die in unmittelbarer Aufeinanderfolge stattfindende, vergleichende Betrachtung der eigenen und der fremden Lebensvorgänge, zeigt die allgemeine Gültigkeit der hierbei gewonnenen Erkenntnisse und stärkt damit die Einsicht in die Unpersönlichkeit jener Vorgänge. Sie zeigt ferner die zwischen Innen und Außen, Eigen und Fremd bestehenden Beziehungen und Abhängigkeiten, die für die vollständige Erkenntnis der betreffenden Vorgänge ebenso notwendig sind wie die Ergebnisse der Analyse.

Bei der methodischen Meditationsübung richtet sich freilich das Reine Beobachten lediglich «nach innen», d.h. auf die eigenen körperlichen und geistigen Vorgänge. Denn nur diese sind im hier erforderlichen Maße der direkten Erfahrung zugänglich, und es ist lediglich diese direkte Erfahrung, worauf sich das Reine Beobachten und die daraus wachsende Klarblickserkenntnis gründen. Doch außerhalb der methodischen Meditationsübung wird sich auch für die «nach außen» (auf andere) gerichtete Achtsamkeit Gelegenheit bieten; zum Beispiel in der aufmerksamen und nachdenklichen Beobachtung der Körperbewegungen anderer; durch Schlüsse auf den Geisteszustand anderer aus ihren Worten, Gesten oder dem Gesichtsausdruck.

Die zweite in diesem Lehrredenteil genannte Anwendungsart der einzelnen Übungen hat gleichfalls einen dreifachen Rhythmus, nämlich als die Betrachtung 1. des Entstehens, 2. des Vergehens und 3. des Entstehens und Vergehens der betreffenden Objekte. Wie wir schon bemerkten, ist die direkte Konfrontierung mit der Tatsache der Vergänglichkeit von besonderer Wichtigkeit für die Übung und ist entscheidend für ihren Erfolg.

Einige kommentarielle Erläuterungen hierzu sind in den Anmerkungen dieses Buches zur Lehrrede wiedergegeben. Diese Erklärungen befassen sich freilich nicht mit der direkten meditativen Beobachtung der Vergänglichkeit; denn diese Beobachtung bedarf nicht so sehr der Erläuterungen als ernster und stetiger Übung. Die kommentariellen Erklärungen befassen sich vielmehr mit der gedanklichen Auswertung jener Beobachtungen und mit ihrer Einordnung in den Gesamtzusammenhang der Lehre.

Die beiden Schlußsätze dieses Abschnittes sprechen von den Auswirkungen und Ergebnissen jener zwei in den vorhergehenden Sätzen erwähnten Übungsweisen.

Es heißt hier: «Ein Körper ist da», «Gefühle sind da» (usw.) aber kein beharrendes Ich, keine ewige Seele, denen Körper, Gefühl usw. «gehören» oder mit denen sie identifizierbar sind. Dies zeigt den Wert dieser Übungsweisen für die Wirklichkeitserkenntnis, d.h. für den befreienden Klarblick, dessen Kernstück die unmittelbare Einsicht in die Ichlosigkeit (anattā) ist.

«Unabhängig lebt er, und an nichts in der Welt ist er angehangen.» Dies bezieht sich, dem Kommentar zufolge, auf zwei «Abhängigkeiten» (vergl. nissaya) des Menschen, nämlich seine Abhängigkeit von Ansichten und Meinungen (ditthi) und vom Begehren (tanhā); d.i. von der Bindung durch Nichtwissen und intellektuellen Irrtum sowie die Fesselung durch Triebe, Leidenschaften und Emotionen. Dieser Passus verheißt also als Ergebnis der Übung die unverlierbare Freiheit des Hanglosen und innerlich Unabhängigen.

Dieser Textabschnitt, den wir als «Übungsanwendung» bezeichneten, macht es auch deutlich, daß die Lehrrede von den «Grundlagen der Achtsamkeit» (Satipatthāna-Sutta) auf die direkte Übung der Klarblicksmeditation (vipassanā) abzielt, ohne die vorherige Entfaltung der Vertiefungen (jhāna) auf dem Übungsweg der «Geistesruhe» (samatha). Dies ist ersichtlich aus drei Textstellen: 1. Betrachtung der vier Objekte bei sich selber und bei anderen, 2. ihres Entstehens und Vergehens, 3. « <Ein Körper ist da>, so ist seine Achtsamkeit gegenwärtig, soweit es der Erkenntnis (d.i. dem Klarblick) dient und soweit es der Achtsamkeit (d.i. dem Reinen Beobachten) dient.» Der Zweck der Satipatthāna-Übung wird hier also auf Achtsamkeit und Erkenntnis beschränkt, und von der Erreichung der vollen Sammlung durch die Vertiefungen ist hier nicht die Rede. Dies gilt auch für jene Übungen, die recht wohl zu den Vertiefungen führen können, wie die Atmungsachtsamkeit, die Betrachtung der Widerlichkeit des Körpers, die Leichenfeldbetrachtungen usw. Mit der Zielrichtung auf die Vertiefungen werden sie in anderen Lehrreden des Buddha behandelt; doch hier, im Satipatthāna-Sutta, schließt sich auch an sie die «Übungsanwendung» an, die deutlich auf den Klarblick hinweist.

Bezeichnend für die Lehrweise des Buddha, sind die Worte dieser Übungsanwendung knapp und einfach, und doch haben sie einen tief reichenden Sinngehalt und weit reichende Anwendbarkeit, die durch die hier gegebenen Bemerkungen nicht erschöpft werden können. Der nachdenklichen Betrachtung und der meditativen Erfahrung werden sich andere Aspekte dieses Textabschnittes erschließen.


 

B. DIE KÖRPER-BETRACHTUNG

1. Die Atmungs-Achtsamkeit

Die «Achtsamkeit auf Ein- und Ausatmung» ist, wie schon der Name sagt, eine Achtsamkeits-Übung und nicht eine Atem-Übung im Sinne einer Atemgymnastik, wie im hinduistischen Yoga (prānayāma). In der buddhistischen Übung wird der Atem nicht reguliert oder «behandelt»: er wird weder zurückgehalten, noch absichtlich vertieft und auch keinem künstlichen Rhythmus unterworfen. Der Atem wird vielmehr in seinem natürlichen Fluß ruhig beobachtet, mit einer wohl festen und stetigen, aber doch leichten und gleichsam «schwingenden» Achtsamkeit, d.h. ohne Anstrengung oder Verkrampfung. Aus diesem regelmäßigen und ruhigen Beobachten allein wird sich selbsttätig ein größeres Gleichmaß und eine Vertiefung der Atmung ergeben. Aus der Beruhigung und Vertiefung des Atem-Rhythmus wird sich wiederum eine beträchtliche Beruhigung und Vertiefung des gesamten Lebens-Rhythmus ergeben. So ist die Atmungs-Achtsamkeit auch ein wertvoller Faktor körperlicher und geistiger Gesundheit.

Der Atem ist stets mit uns. Wir können und sollen uns ihm daher in jeder freien oder «leeren» Minute zuwenden, selbst wenn wir es nicht immer mit voller Aufmerksamkeit vermögen. Schon bei solch kurzer und gelegentlicher Hinwendung zum Atem wird sich ein wohltuendes Gefühl der Geborgenheit und Lebenssicherheit einstellen. Als förderlich wird man es auch empfinden, wenn man vor jeder kontinuierlichen Arbeit einige ruhige, tiefe Atemzüge einschaltet. Gewöhnt man sich daran, dies auch vor wichtigen Entscheidungen, verantwortungsvollen Äußerungen oder einem erregten Gesprächspartner gegenüber zu tun, so wird man vor mancher Übereiltheit bewahrt bleiben. Durch die Atmungs-Achtsamkeit können wir uns leicht und unmerkbar für andere in uns selber zurückziehen, wenn wir störenden Eindrücken, törichtem Gespräch in größerer Gesellschaft und ähnlichem entgehen wollen. Dies sind nur einige wenige Beispiele für den Wert auch anfänglicher Atmungs-Achtsamkeit innerhalb des Alltags.

Die Atmungs-Achtsamkeit dient also zunächst der körperlichen und geistigen Beruhigung. Sie ist ferner ein einfaches Mittel anfänglicher Konzentration. Für eine fortgeschrittenere oder vollständige Sammlung des Geistes ist sie freilich ein nicht so einfaches, doch um so lohnenderes Objekt. Sie führt dann zu den höchsten meditativen Vertiefungen (jhāna). Von dieser Stufe sagt die buddhistische Überlieferung: «Die Atmungs-Achtsamkeit steht unter den verschiedenen Meditations-Objekten (kammatthāna) am ersten Platz. Sie war für alle Erleuchteten, Einzel-Erleuchteten und die heiligen Jünger des Buddha die Grundlage für die Ziel-Erreichung und für gegenwärtiges Wohlsein.» (Komm. zu Patisambhidā-Magga.)

Die Atmung steht an der Schwelle der willkürlichen und der automatischen Körperfunktionen und gibt daher eine gute Möglichkeit, den Wirkungskreis bewußter Körperkontrolle zu erweitern. Sie dient damit jenem Teilziel der Satipatthāna-Methode das wir mit Novalis wie folgt formulieren können: «Der Mensch soll ein vollkommenes Selbstwerkzeug werden!»

Die Atmungs-Achtsamkeit dient ferner dem wirklichkeitsgemäßen Erfassen des Körpers in der Klarblick-Betrachtung (vipassanā). Wie im mythischen Denken der Atem mit dem Lebensprinzip selber gleichgesetzt wurde, so gilt nach buddhistischer Überlieferung die Atmung als der Hauptrepräsentant der Körperfunktionen (kāya-sankhāra = assāsa-passāsa). In der Flüchtigkeit der Atemzüge erfassen wir die Vergänglichkeit des Körpers; in der Abhängigkeit des Atems von bestimmten Körperorganen und andererseits der Abhängigkeit des lebenden Körpers von der Atmung erfassen wir die mannigfache Bedingtheit des Körpers; im schweren Atem oder der Atmungs-Störung erfassen wir die Leidhaftigkeit des Körpers; im Atem als einer Manifestation des Wind- oder Bewegungselementes erfassen wir die unpersönliche Natur des Körpers. Insofern dient die Atmungs-Achtsamkeit der Erkenntnis des Körpers und der sich dadurch einstellenden Entfremdung von ihm.

Übungsanweisungen für die Atmungs-Achtsamkeit enthält Kapitel VII dieses Buches.

 

2. Die Aufmerksamkeit auf die Körperhaltungen

Diese Achtsamkeitsübung dient zunächst dem erhöhten Gewahrsein des augenblicklichen körperlichen Zustandes beim Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen; auch die Veränderung der Körperhaltungen soll klar bewußt vorgenommen werden. Häufig mag über dem blindlings verfolgten Ziel des Gehens der Gehvorgang selber aus dem vollen Bewußtsein schwinden; und über der beim Stehen oder Sitzen vollzogenen Tätigkeit mag die Haltung des Stehens und Sitzens selber der bewußten Kontrolle entzogen bleiben. Die hierauf gerichtete Achtsamkeit wird die unruhige Hast beim Gehen zügeln, wird die unnötigen Verkrampfungen bei den anderen Haltungen korrigieren und damit jene «Haltungsdefekte» vermeiden, mit denen sich die Heilkunde nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen zu befassen hat. Hierdurch werden körperliche und damit auch geistige Ermüdungserscheinungen vermieden und verhindert, daß sich der Wirkungsbereich bewußter Kontrolle verringert statt erweitert.

Die Aufmerksamkeit auf die Körperhaltungen verhilft zu einem anfänglichen Einblick in die Unpersönlichkeit des Körpers und zu der sich daraus ergebenden Entfremdung von ihm. Man wird dabei dazu kommen, die Körperhaltungen wie die Bewegungen und Posituren einer großen Gliederpuppe zu empfinden. Gegenüber diesem Bewegungsspiel der Körperpuppe wird sich ein Gefühl der Fremdheit, ja auch des leichten Belustigtseins einstellen, in dem sich die gewohnheitsmäßige Identifizierung mit diesem Körper zu lösen beginnt.

Da die volle Achtsamkeit auf die Körperhaltungen meist eine Verlangsamung der Bewegungen mit sich bringt, wird sie im Alltagsleben nur gelegentlich möglich sein. Doch auch dann wird sie sich als heilsam und förderlich erweisen.

In der strikten Meditationsübung - sei es für Stunden oder Tage der Zurückgezogenheit - bildet die Aufmerksamkeit auf die Körperhaltungen einen regelmäßigen Bestandteil des Übungstages. Der Übende hat sich ihr stets zu widmen, wenn er nicht mit einem anderen Achtsamkeitsobjekt beschäftigt ist (siehe Kap.VI). Besonders wenn im Verlauf der Übung die Achsamkeit an Schärfe gewonnen hat, werden die Körperhaltungen und ihr Wechsel eine gute Möglichkeit geben, das augenblickliche Entstehen und Vergehen der körperlichen und geistigen Vorgänge deutlich wahrzunehmen.

 

3. Die Wissensklarheit

Die Wissensklarheit erstreckt sich auf alle Verrichtungen des Körpers, wie Hin- und Wegblicken, Beugen und Strecken, die vier Körperhaltungen, Essen, Trinken und Entleeren, Sprechen und Schweigen, Wachen und Einschlafen. Die Prinzipien dieser Übung sowie ihr Zweck und Wert wurden bereits ausführlich behandelt (siehe Seite 41 ff.). Aus diesem Kapitel sei kurz wiederholt: die Wissensklarheit dient

In der vorigen Übung begleitete die Achtsamkeit die gerade gegenwärtigen Körperhaltungen, die von ihr lediglich registriert werden. Die erste und zweite Art der Wissensklarheit (über Zweck und Eignung) wirkt jedoch auch lenkend und bestimmend auf die verschiedenen Körpertätigkeiten ein. Die frühere Übung bestand in einem wohl vollbewußten, doch nur allgemeinen Gewahrsein der Körperhaltungen und ihres unpersönlichen Charakters. Die Wissensklarheit (in ihrer vierten Art als «Unverblendung») gibt eine gründlichere Analyse und ermöglicht damit einen tieferen Einblick in die unpersönliche Natur jener Vorgänge.

 

4. Die Körperteile

Diese Übung öffnet gleichsam mit dem Seziermesser die Haut unseres Körpers und zeigt nüchtern, was sich unter ihr verbirgt. Solche Betrachtung beseitigt das instinktive Empfinden von der Einheit des Körpers durch Aufzeigen seiner Bestandteile; sie beseitigt den Wahn von der Schönheit des Körpers durch Aufzeigen der ihn anfüllenden Unreinheit. Sieht man den Körper anschaulich als ein durch Haut und Fleisch verhülltes, wandelndes Gerippe, so wird man wenig Neigung verspüren, sich mit dem eigenen Körper zu identifizieren oder den eines anderen zu begehren.

Wenn man in der Visualisierung der Körperteile eine gute geistige Konzentration erreicht hat, so wird man eine zunehmende innere Abwendung vom Körper und eine unerzwungene Entfremdung von der Sinnlichkeit spüren. Obwohl es auf dieser Stufe anfänglicher Übung nur ein zeitweiliges und unvollkommenes Ergebnis sein wird, bis man die zweite und dritte Stufe des Heiligkeitspfades erreicht hat, so wird doch die Pflege jener Betrachtung eine hilfreiche Annäherung an dieses hohe Ziel bewirken. Erwirbt man die Fähigkeit, diesen oder jenen Korperteil schnell und leicht zu visualisieren, so wird dies auch im praktischen Leben nützlich sein, wenn man eine starke Anhänglichkeit an den eigenen Körper (z.B. in ernster Erkrankung oder Gefahr oder eine starke sinnliche Versuchung überwinden will.

Die Absicht dieser Übung ist aber nicht etwa, Gefühle sinnlichen Begehrens durch den emotionellen Gegendruck eines Abscheus vor dem Körper zu unterdrücken. Das Ziel ist vielmehr eine unerzwungene Entfremdung von solchem Begehren und eine wachsende Einsicht in die wirkliche Beschaffenheit des Körpers. Obwohl diese Betrachtung der Körperteile manchmal als eine «Meditation des Abscheus» bezeichnet wird, so ist doch die Geisteshaltung, die sich bei korrekter Übung daraus ergeben soll, keineswegs eine solche des emotionellen Widerwillens gegen den Körper, sondern eine ungetrübte Ruhe und Festigkeit des Geistes, mit einem inneren Abstand vom Körper, der aus seiner nüchternen Analyse erwächst.

Doch auch diejenigen können von dieser Übung Nutzen ziehen, die nicht beabsichtigen, ihr normales weltliches Leben aufzugeben, sondern die lediglich ein größeres Maß der Kontrolle über emotionelle und sinnliche Impulse gewinnen wollen. Der Bewohner einer modernen Großstadt ist heute einem Übermaß von aufdringlichen Sinnenreizen, besonders auf sexuellem Gebiet, ausgesetzt, die von überall her auf ihn eindringen. Wer sich an all dies schon gewöhnt hat, mag geneigt sein, es nicht sehr ernst zu nehmen. Selbst wenn er diesen Reizen, sofern sie ihn anziehen oder amüsieren, hin und wieder nachgibt, mag er sich ihnen doch überlegen glauben und meinen, daß er trotzdem sein geistiges und moralisches Niveau beibehalten kann. Doch durch tägliche Wiederholung werden diese Reize und die Hingabe an sie einen subtilen Einfluß ausüben und können allmählich eine tiefreichende Charakterveränderung hervorrufen, wenn man sich nicht durch Rechte Achtsamkeit dagegen schützt. In diesem Selbstschutz gegen den Ansturm von Sinnenreizen aller Art kann die meditative Betrachtung der Körperteile von Wert sein.

 

5. Die vier Elemente

Diese Übung setzt die Zerlegung des Körpers in immer «unpersönlichere» Bestandteile weiter fort, indem sie ihn auf jene vier Grundformen des Materiellen zurückführt, die der Körper mit der äußeren Natur gemein hat. Das Ergebnis ist auch hier: Ernüchterung, Entfremdung und Abwendung, sowie ein verstärktes Wissen um die Unpersönlichkeit der Körpervorgänge.

Die Analyse des Körpers in die vier Grundstoffe (dhātuvavatthāna) wurde in der buddhistischen Meditationstradition stets besonders geschätzt als ein wirksames Mittel, den Glauben an die Substanzhaftigkeit des Körpers und die instinktive Identifizierung mit ihm zu überwinden (siehe «Visuddhi Magga», S. 397 ff.). Diese Meditation erscheint wohl nicht in der methodischen Übung mit ausgewählten Achtsamkeitsobjekten, wie sie im folgenden Kapitel beschrieben wird. Doch die Übung mit einem der beiden Hauptobjekte, dem Atem oder der Bauchwandbewegung, wird Vertrautheit mit dem Wind- oder Bewegungselement ermöglichen, das ja in diesen beiden Körpervorgängen vorherrschend ist. Auch die anderen drei Elemente werden bei achtsamer Körperbetrachtung deutlicher werden.

 

6. Die Leichenfeld-Betrachtungen

Die Objekte dieser Betrachtung werden entweder aus der unmittelbaren Anschauung oder aus der lebhaften Verbildlichung gewonnen. Sie zeigen den toten Körper in den verschiedenen Stadien der Zersetzung und des Zerfalls. Diese Übungen mögen eine leidenschaftlich-sinnliche Natur zum Abscheu gegenüber dem begehrten Objekt führen, obwohl bei manchen Charakteren andere Methoden geeigneter sein mögen. Die Linie geht dann wie oben weiter: vom Abscheu zur Ernüchterung, Entfremdung und Abwendung zur Nichtich-Erkenntnis.

Diese Betrachtungen geben auch eine eindringliche Illustrierung der vergänglichen und unpersönlichen Natur des Körpers. Man wird sehen, wie der zerfallende Körper, zu dem jemand noch kurz vorher «mein Körper» gesagt hatte und ihn hegte und pflegte, nun nach dem Tode «Eigentum» der Würmer oder der ihn zersetzenden Naturkräfte geworden ist.

Im alten Indien boten sich die Objekte dieser Betrachtung mühelos auf den Leichenäckern, wo die Leichen der Armen und der hingerichteten Verbrecher dem Getier zum Fraß ausgesetzt oder nur sehr unvollkommen verbrannt wurden. Ähnliche Betrachtungen, wenn auch nicht in allen neun Phasen, wird man heutzutage in den Leichenschauhäusern und den Anatomiesälen anstellen können. Und leider sorgen Machtgier, Gehässigkeit und Torheit der Menschen immer noch dafür, daß auch Schlachtfelder solches Anschauungsmaterial darbieten.

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Die hier kurz behandelten Übungen der «Körper-Betrachtung» verteilen sich auf beide Übungsstufen: einige gehören zum «Reinen Beobachten», andere zur «Wissensklarheit».

Als allen Körperbetrachtungen gemeinsam fanden wir, daß die durch sie gewonnene Erkenntnis zum inneren Abstand vom Körper führt. Innerer Abstand aber gibt Meisterschaft, Unbefangenheit und Freiheit. Dies gilt auch hier mit Bezug auf den Körper. Kein Zwang der Schmerzensaskese ist nötig; fügsarn und leicht wird der Körper dem, der die auf ihn gerichtete Achtsamkeit übt, wie es die alten buddhistischen Heiligen oft in ihren Versen künden:

Lieder der Mönche, Vers 104


 

C. DIE GEFÜHLS-BETRACHTUNG

«Gefühl» (Pāli: vedanā) bezeichnet hier, sowie stets in der buddhistischen Psychologie, lediglich die angenehmen, unangenehmen und neutralen Empfindungen körperlichen oder geistigen Ursprungs. Gefühl im hier verstandenen Sinne hat nicht die vielfältigen Inhalte der Emotion, an der auch Lust, Haß, Stolz, Liebe, reflektierendes Denken usw. teilhaben können.

Im hier verstandenen Sinne gehört die gefühlsmäßige Bewertung eines Objektes zu den ersten Reaktionen des Geistes auf einen Sinneneindruck (auch einen geistigen) und verdient daher die besondere Aufmerksamkeit derer, die eine Kenntnis und Meisterung des Geistes erstreben. In der Reihe der «Bedingten Entstehung» (paticca-samuppāda), in welcher der Buddha die «Entstehung dieser ganzen Leidensfülle» aufzeigt, ist Gefühl durch den sechsfachen Sinneneindruck bedingt und kann seinerseits eine Entstehungsbedingung für das Begehren (tanhā) sein, woraus wiederum das starke Anhangen oder Greifen (upādāna) erwächst. Das unvermischte Gefühl selber ist jedoch ein moralisch noch undifferenzierter Zustand. Gelingt es nun, bei einem empfangenen Bewußtseinseindruck bei der ersten einfachen Gefühlreaktion innezuhalten und diese dem Reinen Beobachten zu unterziehen, so kann die Weiterentwicklung des Gefühls zum Begehren oder zu anderen Leidenschaften unterbunden werden.

Diese Phase in der Reihe der «Bedingten Entstehung» ist daher von entscheidender Wichtigkeit. Denn an diesem Einsatzpunkte kann man durch Rechte Achtsamkeit jene unheilvolle, zur Leidentstehung führende Verkettung brechen. Wenn man sich darin übt, beim Aufsteigen eines Gefühls bei der Feststellung «angenehm», »unangenehm» oder «neutral» stehenzubleiben, so wird die Wissensklarheit genügend Zeit haben, über eine der Situation angemessene Einstellung oder Handlung zu entscheiden. Beobachtet man immer wieder und mit zunehmender Klarheit, wie Gefühle entstehen, allmählich verblassen und von anderen Gefühlen abgelöst werden, so wird es zur eigenen Erfahrung, daß in den Gefühlen keinerlei Notwendigkeit liegt, zu Begehren oder Hassen zu führen, und daß es daher möglich ist, sie von dieser gewohnheitsmäßigen Assoziation zu befreien. Wenn man bei den anfänglichen angenehmen oder unangenehmen Empfindungen innehalten kann, so werden sie keine Gelegenheit haben, einen üblen Nachwuchs in die Welt zu setzen. So kann diese unscheinbare Gefühlsbetrachtung zur Geburtstätte der inneren Freiheit werden. Daher nimmt sie auch im buddhistischen Schrifttum eine ähnlich wichtige Stellung ein wie die Meditation über die vier Elemente in der Körperbetrachtung.

Wenn in der methodischen Satipatthāna-Meditation der Meditierende zum Stadium eines stetigen Übungsverlaufs bei einem Körperobjekt gekommen ist, so mag ihn der Meditationsmeister anweisen, auf die Stimmungen der Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem jeweiligen Übungsablauf zu achten. Auch wenn man allein, ohne einen Lehrer, übt, soll man dem Aufmerksamkeit schenken. Richtet man Reines Beobachten auf diese Stimmungen, so werden sie ihres emotionellen Charakters und ihrer Ichbeziehung entkleidet und auf die angenehmen oder unangenehmen Gefühle zurückgeführt, die sich bei erfolgreichem oder erfolglosem Übungsverlauf einstellen. So wird verhindert, daß zeitweiliger Erfolg zu Überschwang, Selbstzufriedenheit und Stolz führt und zeitweiliger Mißerfolg zu Entmutigung, Niedergeschlagenheit und übertriebener Selbstkritik. Die zunehmende Ausschaltung solcher Stimmungen wird nicht nur dem Übungsfortschritt förderlich sein, sondern auch die Ichbeziehung und Ichbetonung bei der Übung reduzieren.

Der Lehrreden-Text der Gefühlsbetrachtung gibt für diese Übung zunächst die bloße Feststellung der Gefühlsqualität:

Freudig (angenehm), leidig (unangenehm) und weder-freudig-noch-leidig (neutral).

Darauf folgt die Unterscheidung von sinnengebundenen und sinnenfreien Gefühlen dieser dreifachen Art. Dies soll unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, in welchem Ausmaß wir uns von Gefühlen gröberer oder feinerer Art bewegen lassen. Schon allein durch solche Feststellung mag eine Stärkung edler und eine Schwächung unedler Gefühle bewirkt werden. Durch nüchterne innere Bestandaufnahme kann das Gefühlsleben leichter beeinflußt werden als durch einen emotionellen Gegendruck des Zuredens oder Abredens. Reagiert doch erfahrungsgemäß auch der typische Gefühlsmensch eher auf wiederholte ruhige Suggestion als auf Argumente oder Gefühlsaufwand. Daher ist die Methode des Reinen Beobachtens und bloßen Konstatierens, wie sie in der Formulierung dieses Lehrredenabschnittes zum Ausdruck kommt, hier besonders angebracht.

Eine Überbetonung des Gefühlsaspektes innerer und äußerer Vorgänge ist bezeichnend für den emotionellen Menschentyp. Das Lust- und Unlust-Element einer Situation wird von ihm überschätzt und übertrieben, und dies führt ihn häufig zu extrem optimistischen oder pessimistischen Reaktionen, zu Überenthusiasmus oder Depression, zu illusorischen Hoffnungen oder grundloser Verzweiflung.

Doch auch bei Durchschnittstemperamenten neigt das Gefühl zum Überschwang. Nicht selten hört man sagen: «Dies ist mein einziges Glück!» oder «Dies wäre mein Tod!» Doch die stille Stimme der Gefühlsbetrachtung spricht: «Es ist ein Freudegefühl wie viele andere auch - sonst nichts! Es ist ein Schmerzgefühl, wie viele andere auch - sonst nichts!» Eine solche Fähigkeit, von den eigenen Gefühlen inneren Abstand zu gewinnen, ist inmitten der Wechselfälle des Lebens gewiß von größter Wichtigkeit. Doch wenn auch der ruhige Blick der Achtsamkeit den Gefühlen ihr Ungestüm nimmt, so beeinträchtigt er damit nicht ihre menschliche Wärme.

Eine weitere Schwäche einseitiger Gefühlsbetontheit ist die Subjektivität, welche die eigene Gefühlsbewertung von Personen, Dingen und Situationen überhaupt nicht in Frage stellt, die Möglichkeit anderer Beurteilung gar nicht zuläßt und auch allzu leicht bereit ist, über die Gefühle anderer hinwegzugehen. Dem begegnet die Achtsamkeitsübung mit der Betrachtung der Gefühle anderer, im Vergleich mit den eigenen.


 

D. DIE GEIST-BETRACHTUNG

Auch in dieser Übung wird dem Geist der Spiegel des Reinen Beobachtens vorgehalten, damit er sich darin betrachte und prüfe. Gegenstand der Prüfung ist hier das Niveau des Bewußtseinszustandes, wie er sich im gegenwärtigen Moment der Selbstbetrachtung darbietet. Für diesen Zweck werden in den Beispielen des Lehrredenabschnittes die Geisteszustände gesondert in heilsame und unheilsame, entwickelte und unentwickelte usw., z.B. lustbehaftet und lustfrei, geistig gesammelt und ungesammelt usw. Eine Ausnahme bildet lediglich das Begriffspaar des in sich zusammengezogenen und des auseinanderstrebenden Geistes, wo sich zwei ungünstige Geisteszustände von entgegengesetzter Beschaffenheit gegenüberstehen.

Meist vermeidet es der Mensch ängstlich, sich über seine Charakterschwächen und sonstigen Unzulänglichkeiten Rechenschaft abzulegen, um nicht dadurch sein Selbstgefühl zu beeinträchtigen. Treten sie aber unverkennbar in ihm auf, so geht sein Bewußtsein so schnell wie nur möglich darüber hinweg. Damit nimmt er sich sowohl die Möglichkeit, dem Widerauftreten und Erstarken jener schlechten Eigenschaften vorzubeugen, wie auch den Antrieb, die ihm mangelnden guten Eigenschaften zu erwerben. Auf der anderen Seite schenkt der Mensch auch dem in ihm aufsteigenden Guten (abgesehen von eitlem Selbstlob) meist nicht diejenige Beachtung, welche geeignet ist, die auch im Guten liegend Tendenz zur Wiederholung und Stärkung zu fördern. Diese beiden Unterlassungen werden durch die «Geist-Betrachtung» ausgeglichen. Das einfache Reine Beobachten des eigenen Geisteszustandes führt somit, wenn regelmäßig geübt, nicht nur zur Selbst-Erkenntnis, sondern auch zur Selbst-Veredlung. Der regelmäßige Anblick des unbeschönigten Schlechten und Schwachen in der eigenen Natur wird zu tiefer Beschämung führen und eine eindringliche Mahnung sein; das Bewußtsein vom vorhandenen Guten und Starken jedoch wird ein Ansporn sein zu dessen Mehrung und wird der Übung freudige Zuversicht verleihen.

In der methodischen Meditationsübung wird diese Betrachtung dazu verhelfen, den eigenen Fortschritt oder Rückschritt festzustellen, z.B., ob der Geist verkrampft ist oder zerstreut, ob er gesammelt ist oder nicht, usw. Mit einer Einschaltung der Betrachtung des Geisteszustandes kann man auch wirksam inneren oder äußeren Störungen der Meditation begegnen, die bei der Übung des Hauptobjektes auftreten. Wenn man sich zum Beispiel über ein störendes Geräusch geärgert hat, so wird die nüchterne Feststellung «Ärger» verhindern, daß das Ärgergefühl andauert oder gar wächst, und der vorher unruhige Geisteszustand ist nun durch den ruhigen der Selbstprüfung ersetzt worden. Durch eine derartige Prozedur wird die Aufmerksamkeit von der ursprünglichen Störung abgelenkt und von einem äußeren Objekt auf ein inneres, den eigenen Geisteszustand, gerichtet.

Hier, wie in vielen anderen Fällen, können wir sehen, wie die so einfache Übungsmethode des Reinen Beobachtens heilsame Auswirkungen auf vielerlei Gebieten haben kann.


 

E. DIE GEISTOBJEKT-BETRACHTUNG

Durch Übung in dieser Betrachtung sollen die gesamten Geistobjekte, d.h. die Denkinhalte, allmählich die wirklichkeitsgemäßen Denkformen der Buddha-Belehrung annehmen. Für diesen Zweck nennt die Lehrrede fünf Übungen, die eine genügende Auswahl solcher lehr- und wirklichkeitsgemäßer Kategorien bieten. Diese sollen, soweit man es vermag, auch auf Alltagssituationen angewandt werden und sollen jene Denkweisen und Begriffe ersetzen, die der Wirklichkeit und dem Ziel der Leidbefreiung widersprechen.

Die erste und vierte Übung befassen sich mit den zu überwindenden und den zu erwerbenden Eigenschaften, nämlich mit den fünf geistigen Hemmungen (nīvarana) und den sieben Gliedern der Erleuchtung (bojjhanga). Weitere zu überwindende Eigenschaften sind innerhalb der dritten Übung (dem «sechsfachen Sinnengebiet») durch den Begriff «Fesseln» (samyojana) angedeutet und werden im Kommentar einzeln angeführt.

Der jeweils erste Teil der ersten wie der vierten Übung gehört seiner Natur nach zur Übungsstufe des Reinen Beobachtens. Er besagt: wenn im Geiste des Übenden eine «Hemmung» oder ein «Erleuchtungsglied» da ist oder nicht da ist, so weiß er um diese Tatsache. Entsprechend ist es auch bei der dritten Übung: «Er kennt die durch Sinnenorgan und Sinnenobjekt entstehende Fessel.» Diese anfängliche reine Feststellung des Bewußtseinszustandes gehört also eigentlich zur Geistbetrachtung. Hier dient sie als die unerläßliche Vorbereitung für die nun folgende zweite Phase dieser drei Übungen. In ihr wendet sich zielbewußte und gründlich untersuchende Wissensklarheit der Aufgabe zu, die «Hemmungen» und «Fesseln» zu vermeiden, sie zeitweilig aufzuheben und zu lösen und schließlich endgültig zu vernichten, sowie die Erleuchtungsglieder zu erzeugen und zu entwickeln. Hierfür ist eine genaue Kenntnis der Entstehungs- und Aufhebungsbedingungen der einzelnen Geisteszustände erforderlich.

Diese Entstehungs- und Aufhebungsbedingungen werden in der Lehrrede selber nur in einer allgemein gehaltenen Formulierung erwähnt, nämlich: «Wie es zur Entstehung der unentstandenen (Hemmung, Fessel; oder eines Erleuchtungsgliedes) kommt, auch das weiß er.» Einige Hauptbedingungen für das Entstehen oder Nichtentstehen jener Geisteszustände sind in den Anmerkungen dieses Buches zu den betreffenden Abschnitten der Lehrrede kurz erwähnt.

Doch eine theoretische Kenntnis dieser Entstehungs- und Aufhebungsbedingungen ist nicht genug. Nur durch die eigene, bewußt aufgenommene und genutzte Erfahrung wird diese Kenntnis zum wirklichen geistigen Besitz werden. Es ist durch die direkte Beobachtung der Hemmungen, Fesseln und Erleuchtungsglieder, daß man solche Erfahrungen sammelt, nämlich über die äußeren und inneren Umstände, welche das Entstehen oder Nichtentstehen der betreffenden Geisteszustände fördern oder hemmen. Diese Umstände mögen bei verschiedenen Charakteren sehr unterschiedlich sein, und oft mag man keine genügende Klarheit darüber haben, daß es typische Situationen gibt, die dem Entstehen oder Nichtentstehen jener positiven und negativen Eigenschaften zuträglich sind. Wiederholte und sorgfältige Aufmerksamkeit wird dazu helfen, die ungünstigen Situationen zu vermeiden und günstige zu schaffen oder auszunutzen.

Die zweite Übung (mit den fünf Daseinsgruppen, khandha), die erste Phase der dritten (mit den Sinnengrundlagen, āyatana), sowie die fünfte (mit den vier Wahrheiten) umfassen die gesamte Wirklichkeit von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Sie ermöglichen die Einordnung der gewöhnlich auf ein Ich bezogenen Einzelerfahrungen in die unpersönliche Wirklichkeit und in das buddhistische Lehrgebäude. Die konventionellen Alltagsbegriffe, die auf der Annahme einer beharrenden Persönlichkeit basieren, werden hier umgesetzt in die wirklichkeitsgemäßen Sprachformen des «höchsten Sinnes» (paramatthā), wie sie die Buddha-Lehre bietet.

Für diese Anwendungsweise der Geistobjekt-Betrachtung findet sich ein Beispiel im Kommentar zur Lehrrede, wo am Schluß der Erklärung jeder Einzelübung die betreffende Übung auf die vier edlen Wahrheiten bezogen wird, und zwar wie folgt:

«Hierbei nun ist die die Ein- und Ausatmungen erfassende Achtsamkeit die <Wahrheit vom Leiden>. Das diese erzeugende vorhergehende Begehren ist die <Wahrheit von der Leidensentstehung>. Das Nichtauftreten beider ist die <Wahrheit von der Leidens-Aufhebung>. Der das Leiden verstehende, dessen Entstehungsgrund aufgebende, auf dessen Aufhebung gerichtete Heilige Pfad ist die <Wahrheit von dem zur Leidens-Aufhebung führenden Pfade>.»

Dies ist eine gute Illustrierung für die Anwendung der Geistobjekt-Betrachtung: wenn immer die Umstände es gestatten, innere und äußere Geschehnisse achtsam und nachdenklich zu betrachten, so möge man sie auf die vier Edlen Wahrheiten beziehen. In dieser Weise wird man dem näher kommen, daß das Leben selber zur geistigen Übung wird und die geistige Übung Leben gewinnt. Diese Welt, in der wir leben und die in uns lebt, ist gewöhnlich recht gesprächig, wenn es ums Lieben oder Hassen geht, um die Besitznahme oder das Verwerfen von Personen, Dingen oder Ideen; doch diese Welt bleibt für die meisten von uns ganz stumm, wenn doch so viele ihrer Tatsachen zu uns in der Sprache der befreienden Erkenntnis sprechen könnten. Doch durch Rechte Achtsamkeit und Wissensklarheit wird unsere Umwelt wie unsere Innenwelt zunehmend fähig werden, der stillen Stimme der Buddha-Lehre Ausdruck und Nachdruck zu verleihen und uns zum inneren Befreiungswerke aufzurufen.

Wie die Betrachtung des Körpers, so führen auch die drei anderen, dem geistigen Teil des Menschen gewidmeten Betrachtungen - die des Gefühls, des Geisteszustandes und der Geistobjekte - zu jener Kernlehre des Buddha, der Lehre vom Nicht-Ich (anattā), der zufolge die gesamte Wirklichkeit bis hinauf zu ihren sublimsten Erscheinungsformen leer ist von einem ewigen selbst und einer beharrenden Substanz. Die gesamte Lehrrede von den «Grundlagen der Achtsamkeit» ist nichts anderes als eine umfassende und gründliche Anweisung zum tieferen und genaueren Verstehen und zum anschaulichen, aus der Einzelübung gewonnenen Erleben dieser Lehre vom Nicht-Ich.


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