Dritter Teil

Der Stromeintritt

Dritter Teil: Der Stromeintritt selber

Oben war bereits auf die drei Fesseln zurückgegriffen worden, die den Stromeintritt verhindern. Jetzt ist, nachdem die Identität der dritten Fessel als Hindernis der fünften Reinheit besprochen ist, das Grundsätzliche über den Stromeintritt zu sagen.

I. Der Nachfolger (anusârî)

Es gibt zwei Spielarten oder Erscheinungsformen oder Typen dieser Nachfolger. Ihr Gemeinsames ist, daß sie beide jeweils der Erste sind, der Erste der Übenden (sekho), der Edlen (ariya), der edlen Jünger (ariya-sâvaka), der rechten Menschen (sappurisa). Exakt definiert werden sie, wie oben schon erwähnt, als „diejenigen, die unterwegs sind, die Frucht des Stromeintritts zu verwirklichen". Kurz wird es „sie haben den Weg (magga) betreten" genannt. Damit haben sie die erste Fessel (Persönlichkeitsansicht) überwunden, die dritte Reinheit (der Anschauung) gewonnen und sind nun unterwegs, bis sie die Frucht des Stromeintritts vollendet haben. Und das ist die Etappe der vierten Reinheit, der der Zweifelsentrinnung. Vom ersten Schritt auf dem Heilsweg (magga) bis zur letzten Ausreifung der Frucht (phala) des Stromeintritts nimmt die Fessel des Zweifels immer nur ab, bis sie schließlich auch in ihrer letzten feinsten Faser verschwunden ist. Dabei ist die größte Hilfe die zunehmende Auflösung der eben beschriebenen dritten Fessel, der Weltverbesserungssucht, die die gefährlichste Ernährung des Zweifels ist.

Gemeinsam ist den beiden Typen von Nachfolgern auch, daß die fünf Heilsfähigkeiten in ihnen „sind", wie oben beschrieben. Schließlich und als Wichtigstes ist ihnen gemeinsam, daß sie nie wieder auf den Abweg gehen, sie sind Nicht-mehr-Gänger (aganta). Die Affinität und Tendenz zum Weg nach unten ist zwar bei ihnen noch nicht völlig versiegt, wie es beim vollendeten Stromeingetretenen heißt, aber praktisch überholen sie sich selbst, indem sie ständig daran arbeiten, die latenten Tendenzen zur Unterwelt auszuhöhlen und abzubauen.

Gemeinsam ist ihnen auch ein Merkmal, das in S.25.1-10 so beschrieben wird, daß sie „unfähig sind zu sterben, bevor sie die Frucht des Stromeintritts verwirklicht haben". Das heißt: In dem Leben, in welchem sie den Pfad betreten haben, müssen sie auch die Frucht des Stromeintritts erreichen, sei es auch erst in der Todesstunde. An anderer Stelle (Puggalapaññatti 20) wird gesagt: Wer unterwegs ist, die Frucht des Stromeintritts zu verwirklichen (also der Nachfolgende im obigen Sinne, der anusârî), bei dem kann, wenn er zur Zeit des Weltendes lebt, die Welt nicht in Brand geraten, bevor er nicht jene Frucht verwirklicht hat. Darum heißt er Äonen-Anhaltender (thitakappî).

Die Unterschiede beider Typen bestehen in Folgendem:

Der „Vertrauend-Nachfolgende" (saddh'anusârî) hat zum Vollendeten ein gewisses Maß von Vertrauen, ein gewisses Maß von Liebe (saddhamatta, pemamatta): M 70. In S.25 heißt es, er traue der Lehre und neige sich zu ihr, nämlich zur fünften Lehre, zu den Vier Heilswahrheiten und ihren Einzelheiten.

Der der Lehre Nachfolgende (dhamm'anusârî) hat die vom Vollendeten aufgezeigten Dinge weise allmählich anschaulich gebilligt (geduldet): M.70, ebenso S.25, wo nur diese Dinge konkret genannt werden. Bei ihm ist die Weisheitsfähigkeit stark entwickelt, sie leitet ihn, entsprechend wie der Vertrauend-Nachfolgende stark in Vertrauen ist und von ihm geleitet wird (Pg 35 und 36).


II. Die Frucht des Stromeintritts

Während die Anusârîs noch keine Beeinflußbarkeiten (Triebe) ganz aufgehoben haben, sondern besonders den Ansichtstrieb erst zu mindern beginnen, ist der vollendete Stromeingetretene der erste, der Triebe ganz aufgehoben hat, besonders den Trieb zu Irrtümern, aber auch die niederen Sinnentriebe, die zum Abweg führen. Außerdem heißt es von ihm im Unterschied zum Anusârî, daß er zielbewußt auf die vollkommene Erwachung zugeht (M 34), d.h. sicher, während der Anusârî dieses Wissen noch nicht so hat. Er ist der erste in M 24, von dem es heißt, daß er eine Art Wissensklarheit besitzt - und sie ist durch die Aufhebung der dritten Fessel bedingt. Damit ist er sicher in der Wahrheitserkenntnis, ist in sich gewiß (visarâda). Bei ihm ist die Vertrauensfähigkeit der Anusârîs zur Vertrauenskraft geworden, unerschütterlich in der Klarheit über den Erwachten, die Lehre, die Jüngerschaft. Und es heißt weiter von ihm, daß er auf keinen anderen gestützt in der Lehrordnung des Meisters weilt. Er hat den Kompaß in sich und könnte notfalls auch allein zum Ziel kommen, aber nur langsam und erst nach mehreren, bis zu sieben, Leben. Je mehr Hilfe er durch Vorbilder und Lehrer hat, desto schneller kommt er voran, aber die Belehrung ist nun keine conditio sine qua non mehr für ihn. Er weiß, mehr oder weniger klar und nach manchem Experimentieren, wann was für ihn zu üben ist, er weiß die Zeit zu ermessen, besonders wann im Orden etwas Heilsames zu tun ist und wann er für sich zu meditieren hat. Darin zeigt sich besonders die Wissensklarheit über den Heilsweg und über die parallel aufwärts führenden Wege, ganz zu schweigen vom Wissen um die Irrwege. Wegen dieser Sicherheit in sich und der Unabhängigkeit von außen geschah es dann, daß ein Belehrter nach dem Gespräch mit dem Buddha aufstand und nach Hause ging, weil manche Pflichten seiner warteten.[49] Er hatte nun den Ansporn, die Lehre im Leben anzuwenden und sah darin den Sinn seines Lebens, während innerlich sehr Reife dann in den Orden gingen, um dort der Lehre nachzuleben.

Die beiden den Anusârîs entsprechenden Typen von Stromeingetretenen sind (M 70):

Der Vertrauend-Erlöste (saddha-vimutto): Das Vertrauen zum Vollendeten ist bei ihm eingepflanzt, hat Wurzel geschlagen, ist angewachsen (nivittha, mûlajâta, patitthita).

Der Ansichtvertraute (ditthipatto): Die vom Vollendeten gezeigten Dinge sind von ihm mit Weisheit klar angeschaut und klar erwandert (vodittha, vocarita).

Die hier erklärten Nachfolger sind alle durch den Abstand von den Hemmungen momentan auf der Stufe der Einigung, dem letzten Glied des Achtpfades, angelangt und konnten dort die vier Wahrheiten durch die Belehrung des Buddha aufnehmen, was der neunten Stufe (rechte Kenntnis) entsprach. Wo das tief eingeschlagen hatte, da war rechte Anschauung (erste Stufe des Achtpfades) unwiderruflich geboren, die Reinheit der Anschauung erreicht. Von nun an konnte sie nur wachsen, und bei der fünften Reinheit war sie qualitativ (nicht quantitativ) ausgewachsen, und das war der erste Grad von Wissensklarheit. Beim Anusârî wußte „es" in ihm, was Wahrheit war, aber „er" war sich noch nicht dessen sicher. Erst die Frucht des Eintritts in die Heilsströmung (sotâpattiphala) gewährte das sichere Bewußtsein der Wissensklarheit. Er war jetzt der jeweils Zweite der Übenden, der Edlen, der edlen Jünger, der rechten Menschen. Von nun an lebte er auf dem Pfad (maggajîvin: Sn 88), solange bis er über Einmalwiederkehr und Nichtwiederkehr am Ziel des Pfades angelangt und als Geheilter zum Pfad-Sieger (maggajina: Sn 86) geworden war. Was eingangs an relativer Tugend und relativer Herzensreinheit (Reinheiten 1 - 2) entwickelt worden und als Voraussetzung des Verstehens unerläßlich war, das wird jetzt als Pfadglied des Achtpfades systematisch und unaufhaltsam auf das Ziel der absoluten Freiheit hin entwickelt. Die Heilsgänger gehen sozusagen immer wieder auf dem Achtpfad und machen ihn zu einer tiefen Spur. Das ist in M 70 die zehnte und letzte Annäherungsetappe ans Ziel, das „Kämpfen" (padahati).

Die entscheidende Wendung vom Weltgänger zum Heils-gänger, vom gewöhnlichen Menschen zum rechten Menschen, lag aber schon bei der Reinheit der Anschauung. Da wurde der gordische Knoten der verfilzten und verwickelten Wirrnis, das Garn der Ansichten, mit Hilfe des Buddha durch seine Weisheit durchschnitten. Das war die kopernikanische Wendung, die Umwertung aller bisherigen Werte, die Kehrtwendung: Aus dem Samsâra hinaus, zum Nirvâna hin. Diese rechte Anschauung, die zur Wissensklarheit über die Wege wurde, stempelte sozusagen die bisherige relative Tugend und Herzensreinheit mit dem Stempel „Ariya", so daß beide nicht mehr nur relativ gesehen werden können.

In Bezug auf die Anschauung waren die drei Merkmale alles Gewordenen klar und deutlich: Alles ist zusammengesetzt, geistig zusammengesonnen, von der Ansicht karmisch ausgesponnen worden, durch das Wirken des Geistes (karma) in die Welt gesetzt, eben dadurch allein bedingt - und dadurch zeitlich vergänglich, nur durch diese (Un)kraft bestehend und von selber verschwindend, wenn nicht leider immer wieder durch geistige Bejahung Nahrung zum Brennen nachgelegt würde. Alles ist, wie eine der genialsten Übersetzungen Neumanns lautet, „nur Werden zum Gewesensein". [50] Der Stromeingetretene konnte alles Gewordene nur noch als unbeständig, daher als leidig, daher nicht wert, sich damit zu identifizieren, ansehen: „Alles Vergängliche war ihm ein Gleichnis." [51] Nur die Triebversiegung, die Freiheit von Gier, Haß und Verblendung, die Erlösung war ihm das Unvergängliche, das Todlose, das wahre Wohl, das Kernhafte.

Und in bezug auf die Tugend galten folgende Unterscheidungen: Beim Stromeingetretenen verschwand die Fessel der geistigen Ansicht von der Weltverbesserung, von der Gehabensverflechtung, die in Raum und Zeit den bestandlosen Schein ordnen wollte, eben die dritte Fessel an Überschätzen von Regeln und Programmen zur Weltverfestigung. Die Fessel sîla-bbattaparâmâsa war damit endgültig aufgelöst. Ganz etwas anderes, völlig unvergleichlich, war aber, daß er sich über jeden Tugendfortschritt freute. "Genügehaben bei den Gefühlen, das ist Ergreifen", sagt der Buddha (M.109). Und der Stromeingetretene ergreift freudig die Tugenden, verfeinert sie, macht sie unirritierbar, sicher vor Versuchungen. Das ist das heilsame Ergreifen der Tugend (sîlabbatt'-upâdâna) im Bewußtsein, daß es eine Stufe ist, eine Etappe auf der Himmelsleiter, zum Ergreifen zwecks späterem Loslassen. Aber erst der Nichtwiederkehrer hat die Tugend so vollendet, daß er sie nicht mehr zu ergreifen braucht, sie geht von selber. Und wenn auch noch leise Anmutungen feinster Art im Geiste aufwallen könnten, die damit nicht vereinbar sind, beim Heiligen sind auch sie verschwunden. Er ist tugendhaft, ohne im geringsten an ihr zu hängen, er ergreift sie nicht, sondern benutzt sie als reine Funktion für sich und andere. Von ihm gilt, daß er von selber tugendhaft ist, aber nicht nur aus Tugend besteht und sich nicht damit begnügt (sîlava, aber nicht sîlamaya: M 78). So wie entsprechend Meister Ekkehard sagt: „Nicht daß ich die Tugend verschmähe, aber daß ich über ihr stehe." [52]

Die drei ersten Fesseln bestanden im Geiste, sind geistige Neigungen des Herzens gewesen, die im Geist spürbar und bekämpfbar waren. Dagegen sind ihre Auswirkungen in den übrigen Trieben, den sinnlichen vor allem und den höherführenden spirituellen, noch gar nicht im Blick, sind fast unverändert und werden erst ganz allmählich auf dem Wege überwunden. Wenn der Stromeingetretene nachlässig ist (pamâda) und nicht um Weltüberwindung und Stille kämpft,[53] dann wird er noch alle die sieben Leben ableben, die höchstens für ihn noch bestehen. Aber selbst die sind, nach den Gleichnissen des Buddha, nur noch soviel Leiden wie sieben Kieselsteine gegenüber dem Himâlaya.[54]


III. Erkennbarkeit des Stromeintritts

Die Frucht des Stromeintritts besitzen und deren Reife erkennen, sind zwei Dinge. Wer sehr vorsichtig und gewissenhaft ist, wird dazu länger brauchen; der Voreiligere und Leichtgläubigere könnte an diesen Besitz glauben, bevor er wirklich eingetreten ist.

Als Prüfstein gibt der Erwachte einen vierfachen Spiegel, in dem man die entsprechenden inneren Eigenschaften erblicken kann. Man soll damit untersuchen, ob man unerschütterliche Klarheit (avecca-pasâda) zu den drei Kleinodien (Erwachter, Lehre, Jüngerschaft) hat und ob man bei den Tugenden keinerlei Abstriche macht und sie als unverzichtbare Eingangsstufe der Übungen erkennt.

Konkreter wird dieser Spiegel in sieben Prüfungen aufgefächert, die allerdings auf die Mönchssituation zugeschnitten sind und „aus gegebener Veranlassung" an einen Streit im Orden anknüpfen (M 48).[55] Der Prüfende soll sich jedesmal etwas vor Augen führen:

1. Der Mönch wußte durch die Belehrung im Orden, daß die fünf Hemmungen abwesend sein müssen, wenn die Vier Heilswahrheiten verstanden werden sollen. Er wußte ferner, daß durch das tiefe Erfassen der Heilswahrheiten die „Welt-Anschauung" verschwindet, d.h. der Glaube an eine an sich bestehende diesseitige und jenseitige Welt, die in Wirklichkeit nur Schaffsal ist, vom Herzen gemalt, vom Bewußtsein entworfen. Darum heißt es als erstes, der Mönch solle sich prüfen, ob die Hemmungen momentan sein Herz umspinnen, als zweites, ob es von Meinungen über die Welt besessen ist und drittens, aus obigem Anlaß, ob sein Herz noch irgendwie zu Ansichtsstreit neigt. Nur wo diese acht Umspinnungen (5 + 3) im Augenblick abgetan sind, sind Geist und Herz fähig, sich wieder auf die Wahrheiten der Erwachung zu besinnen (saccâni bodhâya).

2. Wenn er die rechte Anschauung vom Heil der Erwachung auf dieser Grundlage anerkennt, sie pflegt und immer deutlicher vor Augen hat, dann wird er in ihr immer sicherer, ruhiger, zweifelsfreier. Im Bereich der Ansichten, also im Geiste, kommt er zur Ruhe und Auslöschung (samatha und nibbuti). Es sei noch einmal unterstrichen, daß sich dies im Geiste abspielt, sich nur auf die Anschauung bezieht, noch lange nicht im Herzen auf Ruhe und Auslöschung der Triebe (Herzensfrieden, Einigung).

3. Er kann nun merken, daß er solche rechte Anschauung im Geiste unbeirrbar besitzt, ohne noch von anderen Ordensbrüdern darin abhängig zu sein, geschweige denn daß er noch seinen Meister wechseln und zu anderen Schulen übergehen könnte. Andere Asketen und Brahmanen können in vielen Erfahrungen mit dem Erwachten übereinstimmen,[56] und darüber freut sich der Nachfolger. Aber er kann diese Übereinstimmung nur erkennen, weil er vom Buddha die universale Daseinssicht gezeigt bekommen hat, in der alle anderen Teilwahrheiten einbegriffen sind, wie alle Tierspuren in der Ele-fantenspur (M 28).

4. - 5. Auf dieser dreifachen soliden Weisheitsbasis ruht nun das, was dem Nachfolger an Tugendläuterung, an Verhaltensweisen (dhammatâ) eignet:

Ihm sind die Tugendschritte der Ordensregeln so verbindlich, daß er auch kleinste Fehler bei sich bemerkt und, wo es in der Satzung vorgeschrieben ist, bekennt, vor den Untugenden zurückschreckend wie ein gebranntes Kind vor dem Feuer.

Wo Ordenspflichten, Ordensangelegenheiten zu erfüllen sind, da nimmt er sie nicht als Störung und Unbequemlichkeit, sondern sie dienen ihm, wie alles im Orden, zur Übung in Tugend, Vertiefung und Weisheit.

6. 7. Auf dieser Grundlage der Tugendläuterung wiederum kommt er zu Herzenskräften in bezug auf seine Liebe zur Lehre und seine Hochachtung vor ihr. Wird die vom Vollendeten erfahrene Lehre und Ordnung gezeigt, dann hört er aufmerksam und auf den Sinn bedacht, mit ganzem Gemüte zu und ernährt sich von dem Kleinod der Lehre.

Und dabei erlangt er freudiges Verständnis des Sinnes, freudiges Verständnis des Gesetzes, eben Wahrheitwonne (dhamm'-upasamhita pamojja).

Wer diese sieben Prüfungen besteht, d. h. diese Dinge bei sich als Lehrnachfolger feststellen kann, der hat die Frucht des Stromeintritts erlangt, heißt es zum Abschluß von M 48.


IV. Zwischenbilanz

Nachdem nun ausführlich die Stichworte der fünf ersten - und für den Stromeintritt wichtigsten - Reinheiten besprochen sind, ist es möglich und sinnvoll, den konkreten Text der Darlegung des Erwachten, mit welchem er den Vorgang der Erlangung des Stromeintritts im „Stempel" beschreibt, sich nun im Zusammenhang mit seinen „Abzeichen" noch einmal zu Gemüte zu führen und darin die fünf Stichworte wieder zu erkennen versuchen. Dabei soll die den meisten Buddhisten bekannteste und vertrauteste Übersetzung von Karl Eugen Neumann, die außerdem die erste war, wörtlich vorgestellt werden, und zwar aus M.56 als einem der Beispiele:

„Da hat denn der Erhabene Upâli, den Hausvater, allmählich in das Gespräch eingeführt, sprach erst mit ihm vom Geben, von der Tugend, von seliger Welt, machte des Begehrens Elend, Ungemach, Trübsal und der Entsagung Vorzüglichkeit offenbar. Als der Erhabene merkte, daß Upâli, der Hausvater, im Herzen bereitsam, geschmeidig, unbehindert, aufgerichtet, heiter geworden war, da gab er die Darlegung jener Lehre, die den Erwachten eigentümlich ist: das Leiden, die Entwicklung, die Auflösung, den Weg.

Gleichwie etwa ein reines Kleid, von Flecken gesäubert, vollkommen die Färbung annehmen mag, ebenso auch ging da Upâli, dem Hausvater, während er noch dasaß, das abgeklärte, abgespülte Auge der Wahrheit auf:

`Was irgend auch entstanden ist, muß alles wieder untergehn.'

Und Upâli, der Hausvater, der die Wahrheit gesehen, die Wahrheit gefaßt, die Wahrheit erkannt, die Wahrheit ergründet hatte, zweifelentronnen, ohne Schwanken, in sich selber gewiß, auf keinen anderen gestützt im Orden des Meisters, der wandte sich nun an den Erhabenen also:

`Wohlan denn, jetzt, o Herr, wollen wir gehn: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.' -- `Wie es dir nun, Hausvater, belieben mag.'

Und Upâli, der Hausvater, durch des Erhabenen Rede erfreut und befriedigt, stand auf von seinem Stuhle, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und begab sich nach Hause."

Nachdem Neumann 1899 in Wien den zweiten Band der Mittleren Sammlung, in dem dieser Text für ihn erstmals auftauchte, übersetzt hatte, haben noch viele Übersetzer ihn ins Deutsche, Englische, Italienische usw. übersetzt. Zum Vergleich sei hier nun, 100 Jahre später, die jüngste deutsche Übersetzung vorgestellt, die Fritz Schäfer in Ud V/3 gegeben hat und die nur am Schluß etwas variiert: [57]

„Nun gab der Erhabene eine auf den Aussätzigen Suppabuddho zugeschnittene, schrittweise Darlegung: Er sprach vom Geben, von der Tugend, von himmlischer Welt, er zeigte das Elend der Sinnensüchte, ihre Entartung und Beflecktheit und den Segen der Umkehr. Als der Erhabene sah, daß der Aussätzige Suppabuddho im Herzen bereit, sanft, von Hemmungen frei, zu seinen höchsten Möglichkeiten erhoben, befriedet war, da legte er die Lehre dar, mit welcher die Erwachten über alles hinausgehen: das Leiden, die Entwicklung, die Auflösung, den Weg. Wie ein reines fleckenloses Gewand sofort Farbe annimmt, so ging dem Aussätzigen Suppabuddho, noch während er da auf seinem Sitz saß, das staubfreie, fleckenlose Auge für die Wahrheit auf:

`Was immer auch entstanden ist, muß alles wieder untergehn.'

Der Aussätzige Suppabuddho, die Wahrheit sehend, bei der Wahrheit angelangt, Wahrheit empfindend, in die Wahrheit eingetaucht, den Daseinszweifeln und -sorgen entronnen, fragenfrei geworden, selbständig, auf keinen andern gestützt in der Anleitung des Meisters, erhob sich von seinem Sitz, ging zum Erhabenen hin und setzte sich seitwärts. Seitwärts sitzend sprach der Aussätzige Suppabuddho zum Erhabenen:

`Wunderbar, Herr, wunderbar, Herr: Wie wenn man Umgestürztes wieder aufstellte, Verdecktes enthüllte, einem Verirrten den Weg wiese, ein Licht in die Finsternis hielte: `Wer Augen hat, kann die Dinge sehen', ebenso ist vom Erhabenen in vielfacher Weise die Wahrheit dargelegt worden. Zum Erhabenen nehme ich meine Zuflucht, zur Lehre und zum Mönchsorden. Als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, der von heute an danach zu leben begonnen hat.'

Da klärte der Erhabene den seitwärts sitzenden Aussätzigen Suppabuddho in einem Lehrgespräch auf, spornte an, ermutigte ihn, machte ihn glücklich. Vom Erhabenen in einem Lehrgespräch aufgeklärt, angespornt, ermutigt, beglückt, erhob sich der Aussätzige Suppabuddho, grüßte den Erhabenen ehrerbietig, umwandelte ihn nach rechts und ging.

Kurz danach griff eine Kuh, die ein kleines Kalb hatte, den Aussätzigen Suppabuddho an und brachte ihn ums Leben."

Als dann die Mönche fragten, wo und wie er wiedergeboren sei, erwiderte der Buddha:

„Weise war der Aussätzige Suppabuddho; der Lehre ist er lehrgemäß nachgefolgt, er hat mir bei der Lehre keine Mühe gemacht: Nach Aufhebung der drei Verstrickungen ist er in die Heils-strömung eingetreten; dem Abweg entgangen, geht er unumkehrbar dem vollen Erwachen entgegen... Durch die vom Vollendeten dargelegte Lehre und Heilsordnung ist er zu Heilsvertrauen gekommen, zu Tugend, zu Erfahrungswissen, zum Zurücktreten, zu Klarwissen. Nach dem Zerbrechen des Körpers, nach dem Tode ist er in himmlische Welt aufgestiegen, zur Gemeinschaft mit den Himmelsgeistern der Dreiunddreißig. Dort überstrahlt er die anderen Himmelsgeister an Glanz und Ansehen." (Ud V/3)

Da sowohl Neumann als auch Schäfer streng wörtlich übersetzt haben, ist es erhellend, die jeweiligen Worte miteinander und mit den oben vorher gegebenen Erklärungen zu vergleichen. Wer sich diese Mühe macht, wird noch tiefer in den Sinn eindringen. Es ist dann auch entbehrlich, daß ich selber noch eine eigene weitere Übersetzung vorlege.

Jedoch sind zum Schlußteil des Udâna Textes noch einige Erklärungen der Besonderheiten angebracht. Der Zuhörer Suppabuddho war durch massive Untugend in die Hölle gekommen, und als letzte Auswirkung in seinem Menschenleben hatte er noch die schreckliche Krankheit des Aussatzes und hatte sich außerdem vorzeitigen Tod erwirkt. Trotzdem besaß er diejenige relative Tugendreinheit, die ihm die Begegnung mit dem Erwachten verschaffte, und diejenige Herzensreinheit, die ihn die Hemmungen zurücktreten und die Lehre aufnehmen ließ.

Ganz anders war die Ausgangslage in einem inhaltlich entsprechenden „Bekehrungsbericht" beim Priester Brahmâyu (M 91): Der hatte durch seine Tugend ein höchst angesehenes Leben erwirkt und außerdem die lange Lebenszeit von 120 Jahren, und er gelangte durch seine schon vorhandene Herzensreinheit kurz nach seinem Stromeintritt zur Nichtwiederkehr und wurde bei den Reinhausigen Göttern geboren. Schlimme Aussatzkrankheit, vorzeitiger Tod, Wiedergeburt bei den Sinnengöttern der Dreiunddreißig: so bei Suppabuddho. Und viel Tugendverdienst, Langlebigkeit und Nichtwiederkehr bei Brah-mâyu. Und beides bewirkt durch dieselbe Art und Weise der Lehrdarlegung zum Stromeintritt. So sehr können sich die Menschen und Situationen, die Voraussetzungen und Folgen unterscheiden.

Bei Suppabuddho ist noch bemerkenswert, daß der Erwachte ihn nach dem Stromeintritt anschließend noch weiter belehrte, aufklärte, anspornte, ermutigte und beglückte,[58] weil er schon voraussah, daß dieser nicht mehr lange zu leben hatte. Bei Brahmâyu, dem weit Gereiften, wird kein solches weiterführendes Gespräch erwähnt.

Dagegen erklärt der Buddha, daß Suppabuddho von den fünf Heilsfähigkeiten die drei mittleren in der oft für Hausner genannten einfacheren Weise schon besaß, nämlich Tugend (statt Tatkraft), Erfahrungswissen (statt Achtsamkeit), Zurücktreten (statt Einigung).

Abschließend soll nun in diesem Zwischenkapitel noch dargelegt werden, wie der Standardtext, der zum Stromeintritt führte, mit dem erwähnten weiterführenden Anschlußgespräch verbunden wird. Dazu gibt es, außer dem obigen mit Suppa-buddho, noch vier weitere Berichte, die durchaus nicht schematisch sind, sondern lebendige Varianten zeigen:

1. A VIII/12 MV VI/21: Ein General in Vesâli namens Sîho war ein Förderer der Jainas. Nach einem Gespräch mit dem Buddha nahm er die dreifache Zuflucht. Erst danach kam es gemäß dem Standardtext im weiteren Gespräch zu dessen Bekehrung, ohne daß er, wie Suppabuddho, in Gleichnissen die Lehre preist. Nach diesen beiden Gesprächen lud er den Buddha am nächsten Tag zum Mittag ein, und dabei gab der Buddha dem Stromeingetretenen dann ein weiterführendes drittes Gespräch, von dem, wie meist, nichts Inhaltliches überliefert wird.[59]

2. CV VI, 4: Der Buddha legte Anâthapindiko bei der ersten Begegnung den Standardtext dar. Der dadurch in den Strom eingetretene Großkaufmann antwortete mit den Gleichnissen, nahm die dreifache Zuflucht, lud den Buddha zum Essen ein und hörte dann dort die weiterführende Darlegung.

3. MV I, 7 8: Ein ganz besonderer Fall, überhaupt der erste, in welchem der Standardtext vorkommt, der einen Laien zum Stromeintritt führt, ist die Geschichte von Yaso, dem Sohn eines Großkaufmanns aus Benares. Er kam, intuitiv und „nachtwandlerisch" vom Buddha angezogen, mitten in der Nacht zu diesem, der bei Benares weilte. Dort wurde Yaso nach dem Standardtext Stromeingetretener. Sein Vater, der ihn vermißt hatte, war ihm gefolgt. Nun gab der Buddha diesem ebenfalls die Standardbelehrung, sicher für ihn variiert. Dadurch wurde der Vater ein Stromeingetretener, und Yaso, der also zum zweiten Mal solche Stufendarlegung bis zu den Vier Wahrheiten hörte, erlangte dadurch die Heiligkeit. Yasos Vater lud dann den Buddha und den nunmehrigen heiligen Mönch, seinen Sohn, am nächsten Tag zum Essen ein. Der Buddha ging dann mit Yaso zum Haus, d.h. zum Palast der Patrizier in Benares. Dort empfingen ihn Yasos Mutter und Gattin. Diesen gab der Buddha den Standardtext, und beide wurden Stromeingetretene, die ersten Frauen. Beide nahmen Zuflucht als erste Laienanhängerinnen. Danach gab es das Mahl, und es folgte das weitere Anschlußgespräch für die drei in die Heilsströmung Eingetretenen (Eltern und Gattin Yasos).

4. D 14 handelt von einem früheren Buddha der Vorzeit, dem Königssohn Vipassî, der die berühmten vier Ausfahrten erlebte, die auch unserem Buddha zugeschrieben werden. Nachdem er erwacht war, überlegte er, wem er zuerst die Lehre darlegen könnte. Am besten geeignet, am weisesten, waren ihm ein Fürstensohn und der Hofpriestersohn. Beiden legte er gemeinsam den Standardtext dar, und sie wurden Stromeingetretene, reagierten mit den Gleichnissen, nahmen Zuflucht - und traten als erste Mönche dem Orden bei. Danach gab ihnen der Buddha dann das Anschlußgespräch, aber mit einer Konkretisierung diesmal. Während im Standardtext das Elend der Sinnensucht und die Vorzüglichkeit der weltüberwindenden Entsagung als vierte Lehre gegenübergestellt werden, verglich der Buddha Vipassî hier im Anschlußgespräch, auf der Basis der Vier Heilswahrheiten, das Elend, Ungemach und Trübende der Gestaltungen mit der Vorzüglichkeit der Triebversiegung im Nirvâna. Durch diese Darlegung wurden beide heilig und waren dann seine beiden Hauptjünger, wie bei unserem Buddha Sâriputto und Mahâmoggallâno. - Genau der gleiche Vorgang, in gleicher Reihenfolge, wiederholte sich dann bei einer großen Schar von Menschen, die gleichzeitig so bekehrt wurden und dann den Orden Vipassîs bildeten.


 Home Oben Zum Index Zurueck Voraus


[49] In Verbindung mit dem Stromeintritt kommt dies nur bei Upâli (M 56) vor, im übrigen aber öfter nach Gesprächen mit dem Buddha (M 86, 87; D 3 p. 106, D 16 I p. 76).

[50] D 16 VI - D 17; Thag 1159; S 1, 11 - S 6, 15 - S 9, 6 - S 15, 20. Der Vers lautet:

aniccâ vata sankhârâ Vergänglich ist ja, was erscheint,
uppâdavayadhammino, nur Werden zum Gewesensein;
uppajjitvâ nirujjhanti, Entstanden muß es untergehn;
tesam vâpasamo sukho. ist Ruhe, reicht es selig aus.

[51] Anfang des letzten Verses in Goethes Faust II, gesprochen vom Chorus mysticus.

[52] „Nicht also, daß ich die Tugend verschmähe, sondern die Tugend soll in mir wesentlich sein, und ich will ob der Tugend wesen." (In der Edition von F. Pfeifer, Lpz.1857, Reprint 1962, ist es die 57. Predigt.)

[53] Der Stromeingetretene, der „lässig" ist, wird in S 55,40 näher beschrieben. Nach Sn 230 gibt es auch für den Lässigsten kein achtes Leben mehr.

[54] In zwei Reden (S 56,49 und 50) vergleicht der Buddha das noch

zu 54: vorhandene Leiden des Stromeingetretenen mit sieben bohnengroßen Kieselsteinen gegenüber dem Himâlaya.

[55] Mit Recht hält Paul Debes diese Rede für so wichtig, daß er sie dreimal besprochen hat: WW 1968, S.258 265(nur die sieben Prüfungen), WW 1977, S.202 248; 1997, S.2 62, 66 92. Über die Erkennbarkeit habe ich kurz unter dem Titel „Das Examen" (WW 1964, S. 29 31) einen Versuch geschrieben.

[56] „Wovon andere Weisen sagen `Das ist', davon sage auch ich `Das ist'." (S 22, 94).

[57] Bei Schäfer S. 69 (oben FN 42)

[58] Diese vier Gesprächsweisen siehe oben bei FN 3. Ich zähle 38 Stellen im Kanon, wo diese vorkommen.

[59] Eine gleiche Darstellung auch in D 5, vierter Teil.