Entstehung und Aufbau der Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

Entstehung und Aufbau der Jātaka-Sammlung

(aus dem gleichnamigen Buch von Oskar von Hinüber, Stuttgart 1998)

 I. Einleitung

In allen Ländern des Buddhismus und weit darüber hinaus erfreuten und erfreuen sich Schilderungen aus den früheren Existenzen des Buddha großer Beliebtheit. In ihnen wird sein kluges oder mitfühlendes Handeln zur Erbauung von Mönchen und Laien beschrieben, wenn er sich als Bodhisatva der letzten Wiedergeburt nähert, an deren Ende er als Buddha den Samsara verlassen und in das Nirvana eingehen wird. Diese Schilderungen heißen Jātaka „Geburtsgeschichten“. (Dem Jātaka eng verwandt ist der Begriff Avadana / Apadana. Er ist weiter gefasst, da in den Avadanas Ereignisse aus früheren Geburten auch von anderen Personen geschildert werden wie im Apadana des Pali, das neben dem Buddha-Apadana die Apadanas der Theras und Theris kennt.) Sie bestehen aus einem oder mehreren Versen, die allein als Teil der kanonischen Literatur in das Tipitaka Aufnahme gefunden haben. Diese Verse sind in eine Erzählung, das eigentliche Jātaka, eingebettet und durch einen Kommentar erläutert.

In der Literatur der heute in Ceylon und Südostasien verbreiteten Theravada-Schule wurden möglicherweise um das Jahr 500 n. Chr. 547 Jātakas unter dem Titel Jātakatthavannana „Erklärung des Sinnes der Jātakas“ zu einer Sammlung vereinigt und in eine feste Form gefügt. Die Grundlage für diese Sammlung waren verlorene Vorgänger ... . Eine sehr wertvolle alte Spur ist die Erwähnung in der frühesten bekannten Einteilung der buddhistischen Literatur, in den neun Angas, in deren erweiterter Form „Jātaka“ bereits genannt wird.

Für eine Untersuchung zur Entstehung dieser Sammlung und ihrer Form ist die Ausgangslage ungewöhnlich günstig. Denn unter allen in einer indischen Sprache überlieferten buddhistischen Texten lässt sich allein die Geschichte der Jātakas über einen langen Zeitraum bis zu ihren Wurzeln in vorbuddhistischer Zeit verfolgen. Ihr letzter Ursprung liegt somit außerhalb des Buddhismus.

Dies bedeutet zugleich, dass die Anfänge der in der Jātaka-Sammlung festgehaltenen literarischen Artenvielfalt von Fabeln, Märchen, Erzählungen oder kleinen Epen weit in die Zeit der Mündlichkeit hineinragt. Dieser Urspung hat tiefe Spuren in der Gestalt der Einzeltexte hinterlassen, die in ihrer ältesten Form Akhyanas sind. Das bedeutet, dass allein der Wortlaut der Verse festgelegt ist und die eigentliche Geschichte aus einer früheren Geburt des Buddha, die oft kaum eine inhaltliche Beziehung zu ihrem Vers hat, bei jedem Vortrag erneut formuliert wird. Sie bleibt daher lange Zeit erheblichen Veränderungen unterworfen, bevor ihr Wortlaut eine feste Gestalt gewinnt. Zugleich liegt eine eigentümliche Form von Mündlichkeit vor, in der Worttreue und eine Inhaltstreue in derselben literarischen Form zusammentreffen.

Mit dieser Doppelgestalt von festgelegtem Vers und variabler Prosa kann man die frühen Jātakas innerhalb der buddhistischen Literatur strukturell kanonischen Texten vergleichen, die zum leichteren Umgang mit längeren mündlichen Texten auf eine Art Gerüst verkürzt und bei der Rezitation entfaltet werden konnten, wobei man sich jedoch in den Lehrtexten fester Formeln und zahlreicher Wiederholungen bediente. Die Verse des Jātaka erfüllen dann eine Funktion, die der von Uddanas und Matikas in den Suttanta- und Vinaya-Texten vergleichbar ist, in dem sich der Text um sie gruppiert.

Es ist die Leistung der allmählich voranschreitenden Jātaka-Redaktion, den schwimmenden Text der Erzählungen festgelegt und schließlich mit einer klaren Trennung der einzelnen Teile eines Jātakas in der Jātakatthavannana die Vermischung von Kommentar zu den Versen und Erzählung in der untergegangenen Jātakatthakatha endgültig überwunden zu haben.

Für die Gestaltung der Einzeltexte hat offensichtlich der Kanon als Vorbild gedient. Denn wie ein Suttanta oder eine Rechtsvorschrift im Vinayapitaka so wird auch jedes Jātaka mit einem festen Rahmen versehen und durch eine Einleitungsgeschichte dem Buddha in den Mund gelegt. Obwohl die Texte damit gleichsam nachträglich zu buddhavacana erhoben werden, kann die Prosa in der späten Zeit ihrer Festlegung keinen kanonischen Status mehr erreichen.

 

Mit der Form ist dabei das feste Gerüst gemeint, das ein jedes Jātaka umschließt. Dieses besteht aus fünf Teilen:

Der Wortlaut am Beginn der einzelnen Abschnitte (Vatthu) und an den Übergängen zwischen ihnen ist in der Jātakatthavannana genau festgelegt. Dies ist der erste, unmittelbar sichtbare Hinweis auf eine einheitliche Redaktion des Textes. Bei genauerem Hinsehen werden die Spuren redaktioneller Tätigkeit nicht nur durch eine Bemerkung des Redaktors selbst im Paccuppannavatthu, Veyyakarana und Samodhana des dreizehnten Jātaka mit dem Titel Kandina-Jātaka bestätigt, sondern besonders durch die ungemein große Zahl von Querverweisen, die die Sammlung durchziehen und sie zusammenhalten.

Da historische Nachrichten über die Jātaka-Redaktion nicht überliefert sind, liegt in einer Untersuchung dieser Verweise ein wichtiger Ansatzpunkt zum Verständnis der Redaktion wie der Vorgehensweise der oder des Redaktors. Allein aus ihnen ergibt sich beispielsweise, dass eine einheitliche Bearbeitung der gesamten Jātakatthavannana stattgefunden haben muss. Denn die Verweise durchziehen die ganze Sammlung gleichmäßig. Die anfängliche Vermutung, Spuren einer gesonderten Bearbeitung einzelner Kapitel (Nipata) auffinden zu können, hat sich dagegen nicht bestätigt.

Aus den Verweisen sind weiterhin Rückschlüsse auf die Vorgeschichte der Sammlung, über die ebenfalls jegliche historische Nachricht fehlt, möglich. Denn gelegentlich ist Älteres unverändert stehen geblieben, da die Redaktionsarbeiten glücklicherweise nicht immer mit vollkommener Sorgfalt durchgeführt worden sind. Daher gewähren die Jātakatthavannana und die Kommentare zu den ersten vier Nikayas des Suttapitaka an manchen Stellen zugleich Einblicke in die alte verlorene Atthakatha.

 

II. Der Aufbau der Jātaka-Sammlung

II.1    Die Jātakas als Einzeltexte

Am Beginn eines jeden Jātaka wird in der „Gegenwartsgeschichte“ (paccuppannavatthu) der Anlass für den Vortrag des Jātaka festgehalten. Ihr Gegenstand ist ein Vorfall zu Lebzeiten des Buddha, der ihm als Ausgangspunkt für seine Darlegungen, nämlich der Begründung des Geschehens aus einer seiner früheren Geburten, dient. So wird zugleich deutlich gemacht, dass wie in den Suttas der Buddha selbst den Text vorträgt.

Da das Paccuppannavatthu erst bei der abschließenden Redaktion geschaffen wird, gibt seine Bearbeitung den Redaktoren Gelegenheit, über diesen Teiltext den sachlichen Zusammenhang der nach rein mechanischen Grundsätzen gegliederten Gesamtsammlung zu steuern. (Diese Gliederung ist in Abschnitt II.2 besprochen.) Dies geschieht über eine beachtliche Fülle von Verweisen, die inhaltlich verwandte, doch weit von einander getrennt stehende Texte zusammenhalten. Die in diesen Verweisen verwendeten Titel werden teilweise erst bei der Endredaktion festgelegt.

II.1.1    Die Titel der Jātakas

Ganz am Anfang eines jeden Jātaka erscheint als Titel das erste Wort der ersten Gatha oder das erste Versviertel. Dieses Verfahren reicht weit in die Vergangenheit zurück. Denn wie man den Bharhut-Inschriften ent­nehmen kann, galt es bereits im 2.Jh.v.Chr., wenn eben die Versanfänge die dargestellte Szene bestimmen. Diese Versüberschriften sind in der heute vorliegenden Sammlung zwar beibehalten, doch werden sie in den Verweisen zugunsten der in den Handschriften am Ende zugesetzten Titel mit Ausnahme weniger Stellen wie 521. Tesakuna-Jātaka aufgegeben. Im Veyyakarana eben dieses Jātaka kann man also, wohl aufgrund einer redaktionellen Nachlässigkeit, gleichsam den Übergang von einer zur anderen Zitierweise noch beobachten, wenn in einem Zitat beide Methoden aufeinander treffen.

II.1.2    Das Paccuppannavatthu

Auf den mit iti abgeschlossenen alten, auf der ersten Gatha beruhenden Titel folgt am Anfang des Paccuppannavatthu ein genau festgelegter Einleitungssatz: idam sattha - loc. eines Ortes - viharanto - acc. einer Person oder eines Begriffes - arabbha kathesi „Dies [d.h. die folgenden Ausführungen] erzählte der Lehrer, als er in X. weilte und von Z. seinen Ausgang nahm.“

In dieser Form wird der Einleitungssatz vom 5. Tandulanali-Jātaka an verwendet. Der Beginn der Jātaka-Sammlung zeigt, dass es sich dabei um die Verkürzung einer längeren, nur am Anfang des l. Apannaka-Jātaka vollständig ausgeführten Formulierung handelt: imam tava Apannakadhammadesanam bhagava Savatthim upanissaya Jetavanamahavihare viharanto kathesi. kam pana arabbha ayam katha samutthita ti. setthissa sahayake pancasate titthiyasavake. ekasmim hi divase Anathapindiko ..., „Diese Darlegung des Dhamma, nämlich das Apannaka-[Jātaka], erzählte der Erhabene, als er im Jetavana-Kloster bei Savatthi weilte. Von wem nahm diese Erzählung ihren Ausgang, als sie begann? Von fünfhundert Anhängern der Häretiker, Freunden des Großkaufmanns. Denn eines Tages [ging] Anāthapindika ...“

Mit der Wahl der Person und des Schauplatzes in diesem Text wird zugleich das erste Jātaka mit der Nidanakatha verknüpft, deren dritter und letzter Teil, das Santikenidana, die „Einleitung, die die nahe Vergangenheit schildert“, mit der Schenkung des Jetavana-Klosters durch Anāthapindika an den Buddha endet.

II.1.3    Das Atitavatthu

Die Geschichte aus einem früheren Leben des Buddha, die das eigentliche Jātaka enthält, beginnt mit atite „in der Vergangenheit“. Danach erhält der zweite Teil eines Jātaka den Namen Atitavatthu. In einer kurzen Notiz im Kommentar zum Anguttara Nikaya wird atite ganz allgemein und ohne Bezug auf ein Jātaka als ein typischer Beginn für eine Erzählung aus der Vergangenheit herausgestellt neben anagate für die Zukunft und etarahi für die Gegenwart. Diese Bemerkung unterstreicht, dass sich die Buddhisten Gedanken über die Form ihrer Texte gemacht haben. Mit der Wahl von atite wird der Textbeginn in der Jātakatthavannana bewusst von dem eines Jātaka im Kanon mit bhutapubbam abgesetzt.

Ähnlich wie im Falle des Paccuppannavatthu, so wird auch der Einleitungssatz des Atitavatthu, der für gut zwei Drittel aller Jātakas vom fünfzehnten an gilt, nämlich: atite Baranasiyam Brahmadatte rajjam karente bodhisatto ... („Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva seine Wiedergeburt ...“) in den ersten Jātakas allmählich entwickelt. Dabei bedingen sich atite am Anfang des Atitavatthu und atitam am Ende des Paccuppannavatthu gegenseitig. Ausnahmen von der festgelegten Form sind selten.

...

Eine Besonderheit der langen Jātakas am Ende der Sammlung ist ihre Binnengliederung, die in der handschriftlichen Tradition nicht immer einheitlich überliefert und in den Ausgaben verschieden gestaltet ist. ...

(Teilweise handelt es sich um Kapitel, die an anderer Stelle als eigenständiges Jātaka gezählt werden.)

Daher kann die folgende, ohne Überprüfung von Handschriften zusammengestellte Auflistung der Kapitel nur vorläufig sein:

521. Tesakuna-Jātaka: 1. Vessantarapanha

 

2. Kundalinipanha
537. Mahasutasoma-Jātaka: Pabbajaniyakanda
540. Nimi-Jātaka: Nirayakanda
543. Bhuridatta-Jātaka: 1. Nagarakanda

 

2. Uposathakanda

 

3. Vanappavesanakanda

 

4. Silakanda

 

5. Kilanakanda

 

6. Nagarapavesanakanda

 

7. Mahasattassa Pariyesanakanda
544. Mahanaradakassapa-Jātaka: Nirayakanda
545. Vidhurapandita-Jātaka: 1. Catuposathakanda

 

2. Dohalakanda

 

3. Manikanda

 

4. Akkhakanda

 

5. Gharavasapanha

 

6. Lakkhakanda

 

7. Rajavasatikanda

 

8. Antarapeyyala

 

9. Sadhunaradhammakanda

 

10. Kalagirikanda
546. Mahaummagga-Jātaka: 1. Sabbasamharapanha (=110.)

 

2. Gadrabhapanha (=111.)

 

3. Amaradevipanha (=112.)

 

4. Kakantakapanha (=170.)

 

5. Sirikalakannipanha (=192.)

 

6. Devatapanha (=350.)

 

7. Khajjopanakapanha (=364.)

 

8. Bhuripanha (=452.)

 

9. Mendakapanha (=471.)

 

10. Sirimandapanha (=500.)

 

11. Pancapanditapanha (=508.)

 

12. Dakarakkhasapanha (=517.)
547. Vessantara-Jātaka: 1. Dasavaragatha

 

2. Himavantavannana

 

3. Danakanda

 

4. Vanapavesanakanda

 

5. Jujakakanda

 

6. Cullavanavannana

 

7. Mahavanavannana

 

8. Kumarapabba (in der birmanischen Ausgabe: Darakapabbavannana)

 

9. Maddipabba

 

10. Sakkapabba

 

11. Maharajapabba

 

12. Chakhattiyakanda (in der birmanischen Ausgabe: Chakattiyakammavannana)

 

13. Nagarakanda

 

II.1.4    Das Veyyakarana

Das Veyyakarana, der Kommentar zum eigentlichen kanonischen Teil der Jātakas, den Versen, darf nach diesen wohl als ältester Teil der Sammlung gelten. Seine Benennung ist in 101. Parosata-Jātaka bezeugt. Dabei bleibt unklar, ob es sich um eine Neuerung der Redaktoren der Jātakatthavanna handelt. Denn bereits in der Jātakatthakatha könnte mit dieser besonderen Wortwahl zur Bezeichnung des Kommentars der Versuch unternommen worden sein, die Erklärungen der Gathas in die Nähe der Suttantas und damit auch des kanonischen Status der Verse zu rücken, da im kanonischen Sprachgebrauch das Wort Veyyakarana für die Lehrreden des Buddha verwendet wird. Diesen nähert sich das Veyyakarana weiter mit der gelegentlich noch in der Jātakatthavannana erhaltenen Anrede bhikkhave.

In der heute vorliegenden Sammlung ist der Kommentar im unmittelbaren Anschluss an die Gathas in das Atitavatthu eingelagert, so dass der Ablauf der Erzählung von ihm unterbrochen wird, es sei denn, dass außer dem Kommentar kaum weiterer Prosatext zwischen den Versen steht wie beispielsweise in 336. Brahachatta-Jātaka oder in 394. Vattaka-Jātaka.

In einigen seltenen Fällen ist der Kommentar von den Versen durch einen kurzen Zwischentext des Atitavatthu getrennt: 262. Mudupani-Jātaka. Spuren dieser Textgestaltung finden sich auch in den in die Nikaya-Kommentare eingelagerten Jātakas.

Am Ende des Kommentars konnte der heute hinter das Samodhana gesetzte Titel des Jātaka stehen, wie eine Notiz in 546. Mahaummagga-Jātaka nahelegt.

Der besondere Kommentar in 388. Tundila-Jātaka enthält den tundilovada genannten Abschnitt mit einer Darlegung der Lehre.

(Der Kommentar enthält Erklärung einzelner Worte, Zeilen oder Gathas, grammatische Erklärungen oder Exkurse. Dutoit hat den Kommentar nicht fortlaufend übersetzt, um den Textfluss nicht zu unterbrechen, sondern ihn lediglich in seinen Anmerkungen berücksichtigt.)

II.1.5   Das Samodhana

Auch das Ende eines Jātakas ist formalen Regeln unterworfen. Wie in den bereits besprochenen Teilen der Sammlung gewinnt die Form der Ver­knüpfung (samodhana; Jātakasamodhana) des Atitavatthu mit der Gegenwart des Buddha erst allmählich ihre endgülti­ge Gestalt.

Am Anfang der Sammlung besteht das Samodhana aus einem längeren Text:

Satthā imaṃ dhammadesanaṃ āharitvā dassetvā dve vatthūni kathetvā anusandhiṃ ghaṭetvā jātakaṃ samodhānetvā dassesi – ‘‘tasmiṃ samaye bālasatthavāhaputto devadatto ... paṇḍitasatthavāhaputto pana ahameva ahosi"nti desanaṃ niṭṭhāpesi.  (1. Apannaka-Jātaka) „nachdem der Lehrer diese Darlegung der Lehre herangezogen, [sie] ver­deutlicht, die beiden Abschnitte [vatthu] erzählt, die Verbindung [zwi­schen Paccuppanna- und Atitavatthu] hergestellt und die Geschichte aus einer früheren Geburt [mit der Gegenwart] verknüpft hatte, führte er aus: „Zu jener Zeit war der törichte Karawanenführer Devadatta ... der kluge Karawanenführer dagegen war ich“. So beendete er die Darlegung“.

(In den folgenden Jātakas wird der Text immer mehr verkürzt.)

II.1.6.1    Die Umgestaltung von Jātakas durch Textverkürzungen

Nicht alle Jātakas der Sammlung besitzen ein vollständig ausgeführtes Atitavatthu. Denn wie bereits vor langer Zeit von J.Dutoit hervorgehoben worden ist, dienen in gut dreißig Fällen Verweise einer mehr oder weniger weit gehenden Textverkürzung. Diese betrifft in etwa fünfzehn Jātakas nur einzelne Teilabschnitte, geht aber in sechszehn Jātakas sogar soweit, dass ihr Text vollständig in einem anderen Jātaka aufgeht.

Diese Verkürzung der Atitavatthus einzelner Jātakas führt auch zu einer Veränderung der Gestalt der Sammlung. Denn kleinere Texte gehen als Bausteine vollständig in umfangreicheren Jātakas auf und werden damit zugleich in Jātakas mit einer höheren Verszahl hinein verschoben. Die Texte wandern also stets weiter zum Ende der Sammlung hin.

Es handelt sich bei diesem Vorgang nicht, wie H.Lüders vermutet hat, um die Vermeidung von Textwiederholungen, sondern um eine strukturelle Neugestaltung, wobei die zu größeren Texteinheiten verarbeiteten Jātakas an ihrem ursprünglichen, in der Jātakapali durch die Verszahl bestimmten Ort in der Sammlung ihre Existenzberechtigung einbüßen. Dass sie trotzdem auch weiterhin in der neu gestalteten Jātakatthavannana erwähnt werden, ist dadurch bedingt, dass die Jātakapali als kanonischer Text und als tragendes Gerüst der Jātakatthavannana vom Umbau unberührt bleibt. Die festgelegte Zahl von 547 Texten kann also auch im Rahmen einer strukturellen Umgestaltung nicht geändert werden.

II.2   Die Jātaka-Sammlung als Gesamttext

Die Jātaka-Sammlung im Theravada-Kanon, die einzig bekannte ihrer Art, besteht heute aus 22 Abschnitten (Nipata), in denen 547 Jātakas, nach der Anzahl ihrer Verse angeordnet, zusammengefasst sind.

II.2.1    Die Vaggas und ihre Titel

Zwischen der großen Gliederung der Sammlung in Nipatas und den einzelnen Texten stehen Unterabschnitte (vagga) mit jeweils zehn Jātakas, in die einzelne Nipatas eingeteilt sind, soweit sie mehr als zwanzig Jātakas enthalten. Der letzte so gegliederte Abschnitt ist VII. Satta Nipata.

Die Titel der Vaggas, die ans Ende des jeweils letzten Textes eines Abschnittes gesetzt werden, sind nach demselben Verfahren gewonnen wie die der einzelnen Jātakas. Wie sich aus 6. Natamdalhavagga ergibt, wurden auch Vaggas nach der ersten Gatha benannt, da das erste Jātaka dieses Vagga, 201. Bandhanagara-Jātaka, eben mit na tarn dalham bandhanam ahu dhira beginnt. Hierin kann man wohl einen alten Vagga-Titel der Jātakapali vermuten und damit zugleich eine Vagga-Einteilung für die Jātakapali erschließen, für die ältere Zeugnisse sonst fehlen.

In der überwiegenden Zahl der Fälle heißt jedoch der Vagga nach dem Titel seines ersten Jātaka, beispielsweise im Eka Nipata l. Apannakavagga nach 1. Apannaka-Jātaka oder 3. Kurungamigavagga nach 21. Kurungamiga-Jātaka.

Allein im Eka Nipata sind je fünf Vaggas zu „Fünfziger“ genannten Gruppen zusammengefasst:

1. Pannasa(ka): pathamo pannaso;
2. Pannasaka: majjhima pannasako;
3. Pannasaka: uparimo pannasako.

[Die Jātakas verteilen sich zahlenmäßig wie folgt auf die einzelnen Abschnitte (Vagga):

1. Apannaka Vagga 10 Jātakas Nr. 1-10
2. Sila Vagga 10 Jātakas Nr. 11-20
3. Kurunga Vagga 10 Jātakas Nr. 21-30
4. Kulavaka Vagga 10 Jātakas Nr. 31-40
5. Attakama Vagga 10 Jātakas Nr. 41-50
6. Asimsa Vagga 10 Jātakas Nr. 51-60
7. Itthi Vagga 10 Jātakas Nr. 61-70
8. Varana Vagga 10 Jātakas Nr. 71-80
9. Apayimha Vagga 10 Jātakas Nr. 81-90
10. Citta Vagga 10 Jātakas Nr. 91-100
11. Parosata Vagga 10 Jātakas Nr. 101-110
12. Hamsi Vagga 10 Jātakas Nr. 111-120
13. Kusanali Vagga 10 Jātakas Nr. 121-130
14. Asampadana Vagga 10 Jātakas Nr. 131-140
15. Kukantaka Vagga 10 Jātakas Nr. 141-150
16. Dalha Vagga 10 Jātakas Nr. 151-160
17. Santhava Vagga 10 Jātakas Nr. 161-170
18. Kalyanadhamma Vagga 10 Jātakas Nr. 171-180
19. Asadisa Vagga 10 Jātakas Nr. 181-190
20. Ruhaka Vagga 10 Jātakas Nr. 191-200
21. Natamdalha Vagga 10 Jātakas Nr. 201-210
22. Biranatthambhaka Vagga 10 Jātakas Nr. 211-220
23. Kasava Vagga 10 Jātakas Nr. 221-230
24. Upahana Vagga 10 Jātakas Nr. 231-240
25. Sigala Vagga 10 Jātakas Nr. 241-250
26. Samkappa Vagga 10 Jātakas Nr. 251-260
27. Kosiya Vagga 10 Jātakas Nr. 261-270
28. Aranna Vagga 10 Jātakas Nr. 271-280
29. Abbhantara Vagga 10 Jātakas Nr. 281-290
30. Kumba Vagga 10 Jātakas Nr. 291-300
31. Vivara Vagga 10 Jātakas Nr. 301-310
32. Pucimanda Vagga 10 Jātakas Nr. 311-320
33. Kutidusaka Vagga 10 Jātakas Nr. 321-330
34. Kokila Vagga 10 Jātakas Nr. 331-340
35. Cullakunala Vagga 10 Jātakas Nr. 341-350
36. Manikundala 10 Jātakas Nr. 351-360
37. Vannaroha Vagga 10 Jātakas Nr. 361-370
38. Addha Vagga 5 Jātakas Nr. 371-375
39. Avaria Vagga 10 Jātakas Nr. 376-385
40. Senapa Vagga 10 Jātakas Nr. 386-395
41. Kukku Vagga 10 Jātakas Nr. 396-405
42. Gandhara Vagga 11 Jātakas Nr. 406-416
43. Kaccani Vagga 10 Jātakas Nr. 417-426]

II.2.2    Die Nipatas

Während die Vagga-Einteilung mit dem Satta Nipata endet, erstreckt sich die Unterteilung in Nipatas über die gesamte Sammlung.

Durch die unverändert weiterbestehende kanonische Jātakapali wird, unabhängig von den beschriebenen Textverkürzungen in den Prosa-­Abschnitten und der damit einhergehenden Umgestaltung der Sammlung bei der Schaffung der Jātakatthavannana, der Erhalt einer älteren Grundstruktur, nämlich die Erwähnung jedes einzelnen, selbst der gleichsam aufgehobenen Jātakas und die Beibehaltung der ursprünglichen Reihen­folge der 547 Texte auch in der modernisierten Fassung erzwungen.

Die Jātakas verteilen sich zahlenmäßig wie folgt auf die einzelnen Abschnitte (Nipata):

 

I. Eka Nipata: 150 Jātakas Nr. 1-150
II. Duka Nipata: 100 Jātakas Nr. 151-250
III. Tika Nipata: 50 Jātakas Nr. 251-300
IV. Catukka Nipata: 50 Jātakas Nr. 301-350
V Panca Nipata: 25 Jātakas Nr. 351-375
VI Cha Nipata: 20 Jātakas Nr. 376-395
VII Satta Nipata: 21 Jātakas Nr. 396-416
VIII Attha Nipata: 10 Jātakas Nr. 417-426
IX Nava Nipata: 12 Jātakas Nr. 427-438
X Dasa Nipata: 16 Jātakas Nr. 439-454
XI Ekadasa Nipata:   9 Jātakas Nr. 455-463
XII Dvadasa Nipata: 10 Jātakas Nr. 464-473
XIII Terasa Nipata: 10 Jātakas Nr. 474-483
XIV Pakinnapa Nipata: 13 Jātakas Nr. 484-496
XV Visati Nipata: 14 Jātakas Nr. 497-510
XVI Timsa Nipata: 10 Jātakas Nr. 511-520
XVII Cattalisa Nipata:   5 Jātakas Nr. 521-525
XVIII Pannasa Nipata:   3 Jātakas Nr. 526-528
XIX Chatthi Nipata:   2 Jātakas Nr. 529-530
XX Sattati Nipata:   2 Jātakas Nr. 531-532
XXI Asiti Nipata:   5 Jātakas Nr. 533-537
XXII Maha Nipata: 10 Jātakas Nr. 538-547

 

Das Anordnungsprinzip der Jātakas nach der Anzahl der Gathas liegt offen zu Tage. Es ist jedoch keineswegs systematisch durchgehalten, wie bereits E. Senart beobachtet hat. Denn vom Pancanipata an finden sich besonders deutliche Verstöße gegen die numerische Anordnung, da auch Jātakas mit einer höheren, niemals aber, so scheint es, mit einer niedrigeren Verszahl in einen Nipata aufgenommen werden können. Diese Unregelmäßigkeiten reichen nach E. Senarts ansprechender Vermutung, der M. Winternitz zustimmt, in die Zeit vor der Gestaltung der Jātakatthavannana zurück.

Hinsichtlich der möglichen Ursachen dieser Unregelmäßigkeiten lassen sich die folgenden Überlegungen anstellen. Überblickt man zunächst die Gliederung von Verssammlungen im Theravada-Tipitaka, so kann deren Einteilung entweder nach inhaltlichen oder nach formalen Gesichtspunkten erfolgen. Das Dhammapada fällt in die erste Gruppe und ist nach Sachgebieten in Vaggas ganz unterschiedlicher Länge und ohne Berücksichtigung von Verszahlen zusammengestellt. In den Theragathas dagegen wird eine streng formale, numerische Anordnung verfolgt, wenn die Aussprüche der 264 Theras in etwa 1300 Versen in 21 Nipatas, nämlich Eka Nipata, Duka Nipata usw. über Terasa Nipata, Cuddasa Nipata, Solasa Nipata, Visati Nipata bis Satthi Nipata und Maha Nipata gesammelt sind. In den Theragathas spielt die Zahl der Aussprüche pro Vagga keine Rolle.

Das ist in dem wesentlich umfangreicheren Jātaka-Buch deutlich anders: soweit wie möglich scheinen auch nach dem Ende der Vagga-Einteilung in den einzelnen Nipatas Dekaden oder wenigstens halbe Dekaden gebildet worden zu sein. Dabei bleibt es undurchschaubar, warum versäumt wurde, durch einen einfachen Ausgleich auch in den auf den Attha Nipata folgenden Abschnitten volle oder halbe Zehnergruppen herzustellen. Denn man hätte ohne weiteres etwa eines der beiden Jātakas mit elf Gathas, 447. Mahadhammapala-Jātaka oder 448. Kukkuta-Jātaka, aus dem Dasa Nipata in den Ekadasa Nipata übernehmen und damit im Dasa Nipata die gewünschte regelmäßige Zahl von 15 und im Ekadasa Nipata von 10 Jātakas erreichen können.

Möglich ist immerhin, dass dies nicht geschah, da auf einer nicht mehr erreichbaren Vorstufe unserer Sammlung die Anzahl der Gathas in den einzelnen Jātakas anders festgelegt war, und daher alle Jātakas einmal im „richtigen“ Nipata eingereiht waren. Einige Hinweise darauf lassen sich finden. Das Jātaka 497. Matanga-Jātaka zählt im Jātaka-Buch 24 Gathas. In der Parallele im Kommentar zum Majjhima Nikaya stehen jedoch nur 13, da die Gathas 6-8 und 16-23 des Jātaka fehlen


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)