Apannaka Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

Verehrung dem Erhabenen, Heiligen, völlig Erleuchteten!

1. Die Erzählung von dem Wahren (Apannaka-Jātaka)

(„Einige reden vom Wahren [0a]“)

§A. Diese Belehrung von dem Wahren verkündete der Erhabene, als er sich bei Savatthi in dem großen Kloster Jetavana [1] aufhielt.

Mit Beziehung auf wen aber kam es zu dieser Erzählung? Mit Beziehung auf die fünfhundert Freunde eines Großkaufmanns, die Schüler der Andersgläubigen [2] waren.

Eines Tages nämlich nahm der Großkaufmann Anāthapindika [3] seine fünfhundert Freunde, die Schüler der Andersgläubigen waren, mit sich, ließ sie viele Kränze, wohlriechende Substanzen, Salben, ferner Sesamöl, Honig, Zuckersatz, Kleider, Gewänder u. dgl. nehmen und begab sich nach dem Jetavana. Hier begrüßte er den Erhabenen, verehrte ihn mit den Kränzen [4] usw., ließ Arzneien und Gewänder an die Mönchsgemeinde austeilen und setzte sich, indem er dabei die sechs Fehler beim Niedersetzen vermied, an seine Seite.

Auch die Schüler der Andersgläubigen begrüßten den Vollendeten [5] und ließen sich, indem sie das dem Vollmond an Pracht gleichende Antlitz des Meisters, seinen mit den größeren und kleineren Kennzeichen [6] geschmückten, ein Klafter weit ringsum von Glanz umgebenen Brahmakörper [7] und die wie Kränze paarweise von ihm ausgehenden mächtigen Buddhastrahlen betrachteten, in der Nähe des Anāthapindika nieder.

Darauf teilte er ihnen, indem er wie in der Manosila-Ebene [8] den Löwenruf [9] ausstieß, wie ein junger Löwe brüllend, wie eine Wolke zur Regenzeit das himmlische Nass herabströmen lässt, und gleichsam ein Juwelenbündel zusammenknüpfend, mit seiner mit den acht Vorzügen ausgestatteten, gut zu hörenden, schönen Brahmastimme [10] die auf mancherlei Art ausgestaltete süße Erklärung der Lehre mit.

Als sie die Predigt des Meisters vernommen hatten, erhoben sie sich mit beruhigtem Herzen, grüßten den mit den zehn Kräften [11] Ausgestatteten, gaben die Zuflucht zu den Andersgläubigen auf und nahmen zu Buddha ihre Zuflucht [12]. Von da an gingen sie beständig zusammen mit Anāthapindika mit wohlriechenden Substanzen, Kränzen u. dgl. in das Kloster, hörten die Lehre, gaben Almosen, beobachteten die Gebote [13] und übten die Uposatha-Gebräuche [14] aus.

Darauf begab sich der Erhabene wieder von Savatthi nach Rājagaha [15]. Jene aber gaben, als der Vollendete eine Zeitlang fort war, die Zuflucht zu ihm auf, nahmen ihre Zuflucht wieder zu den Andersgläubigen und kamen so wieder auf ihren früheren Stand zurück. —

Der Erhabene nun begab sich, als er sieben oder acht Monate dort verweilt hatte, wieder nach dem Jetavana. Und Anāthapindika ging wieder mit ihnen zum Meister hin, verehrte den Meister mit Wohlgerüchen u. dgl., begrüßte ihn und setzte sich ihm zur Seite. Auch sie begrüßten den Erhabenen und ließen sich an seiner Seite nieder. Darauf erzählte Anāthapindika dem Erhabenen, wie sie, als der Vollendete zum Almosen Sammeln [16] weggegangen war, die erwählte Zuflucht aufgegeben, wieder zu den Andersgläubigen ihre Zuflucht genommen hätten und so auf ihren früheren Stand zurückgekommen seien.

Der Erhabene öffnete seinen Lotosmund, welcher infolge der durch seinen unzählige Millionen von Weltaltern [17] ununterbrochen betätigten guten Wandel im Reden erzeugten Kraft göttliche Düfte aushauchte und mit mancherlei Wohlgerüchen erfüllt war, wie man eine Edelsteinschachtel öffnet, ließ ihm süßen Laut entströmen und fragte: „Habt ihr Laienbrüder wirklich die drei Zufluchten [18] aufgegeben und euch in die Zuflucht der Andersgläubigen begeben?“ Sie erwiderten, da sie es nicht zu leugnen vermochten: „Es ist wahr, Erhabener.“

Darauf sprach der Meister: „Ihr Laienbrüder, wenn man von unten von der untersten Hölle bis nach oben zum obersten Himmel herumsucht kreuz und quer in den unendlichen Weltsystemen [19], so gibt es keinen, der dem mit der Tugend der Vorschriften u. dgl. ausgestatteten Buddha gleich wäre; wie sollte es einen Höheren geben? ‘Wie weit, ihr Mönche, die Wesen frei von Eigenschaften usw. sind, der Vollendete ist das Höchste von ihnen’; ‘Was überhaupt Macht hat hier oder in einer anderen Welt usw.’; ‘in Gegenwart der Beruhigten [20]’ — nachdem durch solche und ähnliche Lehrreden die geoffenbarten Vorzüge der drei Kleinodien [21] auseinandergesetzt sind, gibt es für die Laienbrüder oder Laienschwestern, die sich in die mit den höchsten Vorzügen ausgestattete Dreikleinodienzuflucht begeben haben, keine Wiedergeburt mehr in der Hölle oder dergleichen [22]; nachdem sie aber von der Wiedergeburt in der Hölle befreit sind, gelangen sie in die Götterwelt [23] und genießen großes Glück. Darum habt ihr, da ihr eine solche Zuflucht aufgabet und zu den Andersgläubigen eure Zuflucht nahmet, ein böses Werk getan.“ Und hier sind, um die Unmöglichkeit zu beweisen, dass diejenigen, die infolge des Wunsches nach Erlösung, infolge des Wunsches nach dem Höchsten ihre Zuflucht zu den drei Kleinodien genommen haben, in den Höllen wiedergeboren werden, folgende Verse anzuführen:

 

§0.1. Wer sich in Buddhas Schutz begibt,
der ist der Hölle nicht verfallen;
wenn er den Menschenleib verlässt,
wird ihm ein Götterleib zuteil.
 
§0.2. Wer zu der Lehre Zuflucht nimmt,
der ist der Hölle nicht verfallen;
wenn er den Menschenleib verlässt,
wird ihm ein Götterleib zuteil.
 
§0.3. Wer zur Gemeinde Zuflucht nimmt,
der ist der Hölle nicht verfallen;
wenn er den Menschenleib verlässt,
wird ihm ein Götterleib zuteil.
 
§0.4. Bei vielem sucht man seinen Schutz,
bei Bergen und bei Wäldern auch usw. [24];
doch wer zu jenem Zuflucht nimmt,
der wird von allem Leid befreit. —

 

Und nicht nur diese Predigt hielt ihnen der Meister, sondern er sagte auch: „Ihr Laienbrüder, die ernste Erwägung der Erinnerung an Buddha, an die Lehre, an die Gemeinde zeigt den Weg zur Bekehrung [25] und verleiht die Frucht der Bekehrung, sie zeigt den Weg zur einmaligen Rückkehr und verleiht die Frucht der einmaligen Rückkehr, sie zeigt den Weg zur Nichtrückkehr und verleiht die Frucht der Nichtrückkehr, sie zeigt den Weg zur Heiligkeit und verleiht die Frucht der Heiligkeit.“

Nachdem er auf solche und ähnliche Weise die Lehre verkündet hatte, sprach er: „Da ihr nun eine derartige Zuflucht aufgabet, ist von euch eine böse Tat begangen worden.“

Und hier ist die Verleihung des Weges zur Bekehrung usw. an diejenigen, welche die ernste Erwägung der Erinnerung an Buddha usw. betätigen, durch folgende und andere Sprüche darzulegen: „Eines, ihr Mönche, führt, wenn es betätigt und geübt ist, zur Beseitigung des Gefallens, der Lust, zum Aufhören, zur Beruhigung, zur Erkenntnis, zur Erleuchtung, zum Nirvana; welches Eine? Die Erinnerung an Buddha.“

Nachdem so der Erhabene die Laienbrüder auf mancherlei Art ermahnt hatte, sprach er: „Ihr Laienbrüder, auch früher wurden die Menschen, die infolge ihrer falschen Meinung, etwas, das keine Zuflucht ist, sei ihre Zuflucht, und durch ihre Begierde nach Verkehrtem in eine von nichtmenschlichen Wesen erfüllte Wildnis [26] gerieten, die Beute der Dämonen und stürzten in großes Verderben; die Menschen aber, die von dem Wunsche nach dem Wahren, nach dem Einen, nach dem Nichtverkehrten beseelt waren, gelangten auf diesem schweren Wege zur Seligkeit.“ Darauf schwieg er stille.

Da erhob sich der Hausvater [27] Anāthapindika von seinem Sitze, grüßte ihn, pries ihn, legte die gefalteten Hände an seine Stirn und sprach: „Herr, jetzt ist es uns klar, dass diese Laienbrüder, nachdem sie die höchste Zuflucht aufgegeben, ein falsches System angenommen haben; früher aber war der Untergang der falschen Philosophen in der von Dämonen erfüllten Wildnis und die Seligkeit der Menschen, die das Verlangen nach dem Wahren beseelte, uns verhüllt und nur dir bekannt. Gut wäre es fürwahr, wenn der Erhabene gewissermaßen am Himmel den Vollmond erscheinen ließe und uns den Grund davon klar machen würde.“ Darauf versetzte der Erhabene: „Von mir, o Hausvater, ist, nachdem ich unermesslich lang die zehn Vollkommenheiten [28] betätigte, gerade, um die Zweifel der Welt zu lösen, die Kenntnis der Allwissenheit erfasst worden. Wie wenn du ein goldenes Rohr mit Löwenkraft füllen wolltest, so höre eifrig zu und lausche.“ Nachdem er so bei dem Großkaufmann gespannte Aufmerksamkeit erzeugt hatte, machte er, wie wenn er durch Beseitigung einer Schneewolke den Mond sichtbar werden ließe, die Sache klar, die infolge einer früheren Geburt verhüllt gewesen war [29].

 

§B. Ehedem war im Reiche Kasi [30] in der Stadt Benares ein König namens Brahmadatta. Damals nahm der Bodhisattva [31] in einer Kaufmannsfamilie seine Wiedergeburt. Als er nun allmählich herangewachsen war, betrieb er Handel mit fünfhundert Wagen. Manchmal zog er dabei von Ost nach West, manchmal von West nach Ost. Zu Benares war aber auch ein anderer Kaufmannssohn, ein törichter, unkluger, ungeschickter. — Damals nun kaufte der Bodhisattva in Benares kostbare Ware und füllte seine fünfhundert Wagen damit, die er fertig zum Fortfahren hinstellte. Auch der törichte Kaufmannssohn füllte gerade damals fünfhundert Wagen mit Waren und stellte sie fertig zum Abfahren auf. Da dachte der Bodhisattva: „Wenn dieser törichte Kaufmannssohn mit mir zusammenreist, so wird der Weg die tausend Wagen, die zusammen auf dem Wege fahren, nicht aushalten, für die Menschen wird Holz und Wasser, für die Ochsen Futter schwer zu erhalten sein; jenem oder mir kommt es zu vorauszureisen.“ Und er ließ ihn rufen, setzte ihm die Sache auseinander und sprach: „Für uns beide ist es nicht möglich zusammenzureisen; willst du zuerst reisen oder später?“ Der andere dachte: „Wenn ich voraus ziehe, habe ich viele Vorteile. Ich werde auf dem unbeschädigten Wege gehen, die Ochsen werden das unberührte Gras fressen, für die Menschen wird das Laub [32] noch nicht benützt und gut zugänglich sein, viel Wasser werden wir haben, den Preis werden wir festsetzen, wie es uns gefällt, und so die Ware verkaufen“; und er sagte: „Ich, Freund, will zuerst reisen.“ Der Bodhisattva hinwiederum bemerkte die vielen Vorteile, die das später Reisen mit sich bringt, denn er dachte bei sich: „Die zuerst Reisenden werden die unebenen Stellen eben machen und ich werde auf dem von ihnen begangenen Wege ziehen. Wenn von den vorausgehenden Ochsen das reife, harte Gras verzehrt ist, werden meine Tiere die wieder gewachsenen, weichen Gräser fressen. Die Menschen werden das an der Stelle, wo das Laub weggenommen ist, neu gewachsene, gut zugängliche, weiche Laub erhalten. An wasserlosen Stellen werden jene graben, um Wasser zu erhalten; wir aber werden aus den von den anderen gegrabenen Brunnen Wasser trinken. Das Aufstellen des Preises ist so ähnlich, wie wenn man Menschen des Lebens beraubt; ich aber werde hinterdrein kommen und zu dem von jenen gestellten Preise meine Ware verkaufen.“ Nachdem er so diese Vorteile bedacht hatte, sprach er: „Freund, gehe du voran!“ — „Gut, Freund“, erwiderte der törichte Kaufmannssohn, spannte seine Wagen an und zog fort.

Als er nun allmählich die von Menschen bewohnte Gegend überschritten hatte, gelangte er an den Anfang der Wildnis. Wildnisse gibt es aber fünferlei, nämlich die Räuberwildnis, die Raubtierwildnis, die wasserlose Wildnis, die Dämonenwildnis und die nahrungsarme Wildnis. Ein von Räubern umlagerter Weg ist eine Räuberwildnis; ein von Löwen u. dgl. umlagerter Weg ist eine Raubtierwildnis; wo zum Baden oder zum Trinken kein Wasser da ist, ist eine wasserlose Wildnis; eine von Dämonen [33] erfüllte heißt Dämonenwildnis und eine der Wurzeln und anderer essbarer Stoffe entbehrende Wildnis heißt nahrungsarme Wildnis. Von diesen fünf Wildnisarten war diese Wildnis eine wasserlose und eine Dämonenwildnis. Deshalb hatte der Kaufmannssohn in den Wagen große Wassertöpfe aufstellen und sie mit Wasser füllen lassen und betrat so die sechzig Yojanas [34] lange Wüste. Als er aber in die Mitte der Wildnis gekommen war, dachte ein dort hausender Dämon: „Ich werde das von diesen mitgenommene Wasser zum Verschwinden bringen, sie auf diese Weise kraftlos machen und dann sie alle fressen.“ Und er schuf einen herrlichen Wagen, der mit ganz weißen jungen Ochsen bespannt war, ließ sich, umgeben von zehn bis zwölf Dämonen, die Bogen, Köcher, Schilde und andere Waffen in den Händen hatten, nachdem er sich mit weißen und blauen Wasserlilien geschmückt hatte, mit feuchtem Haupte und feuchtem Gewande wie ein Fürst auf diesem Wagen nieder und fuhr mit schlammbeschmutzten Rädern jenen entgegen. Auch die Leute seiner Umgebung, die voraus und hinterdrein gingen, hatten feuchte Haare und feuchte Gewänder; sie hatten sich mit Kränzen von weißen und blauen Wasserlilien geschmückt, trugen Bündel von Lotosblumen und weißem Lotos, kauten an Lotosstängeln und gingen einher voll von Wassertropfen und herabrieselndem Schlamm. Wenn nun ein Frontwind [35] weht, fahren die Kaufleute, nachdem sie sich im Wagen niedergesetzt und mit Dienern umgeben haben, nach vorne sitzend, um den Staub zu vermeiden; wenn er aber nach hinten weht, so fahren sie auf dieselbe Art rückwärts sitzend. Damals aber wehte ein Frontwind; deshalb fuhr der Kaufmannssohn nach vorne sitzend.

Als der Dämon ihn kommen sah, wich er mit seinem Wagen auf dem Wege aus [36] und bewillkommnte ihn freundlich mit den Worten: „Wohin geht ihr?“ Der Kaufmann ließ auch seinen Wagen vom Wege abweichen, machte Platz für das Vorbeifahren der Wagen und sprach, zur Seite stehend, zu dem Dämon: „He, wir kommen von Benares; ihr aber habt euch mit weißen und blauen Wasserlilien geschmückt, tragt Lotosblumen und Wasserlilien in den Händen, kaut Lotosstängel und kommt daher mit Schlamm beschmutzt und mit herabträufelnden Wassertropfen. Hat etwa ein Gott regnen lassen auf dem Wege, den ihr gegangen, und gibt es dort Teiche bedeckt mit Lotos u. dgl.?“ Als der Dämon dessen Worte vernahm, sagte er: „Lieber, was sagst du da? Diese Gegend ist als der grüne Waldstrich bekannt; von da an ist der ganze Wald ein Wasser. Beständig regnet es, voll sind die Vertiefungen, an verschiedenen Stellen sind Teiche mit Lotos u. dgl. bedeckt.“ Dann fragte er, als die Wagen der Reihe nach vorbeizogen: „Wohin geht ihr mit diesen Wagen?“ „Nach dem Lande so und so.“ „Was ist denn für eine Ware in diesem und jenem Wagen?“ „Eine Ware so und so und so und so.“ „Da kommt hinten ein Wagen, der besonders schwer beladen ist; was ist darin für eine Ware?“ „Darin ist Wasser.“ Darauf sprach der Dämon: „Dass ihr von ferne bis hierher Wasser herbeibringt, daran habt ihr gut getan. Von hier ab aber braucht man kein Wasser, denn weiter vorn ist viel Wasser; zerbrecht die Gefäße, lasst das Wasser herauslaufen und ziehet fröhlich weiter.“ Nach diesen Worten sagte er noch: „Geht nun, für uns entsteht sonst ein Aufenthalt“; und er zog ein wenig weiter, bis er außer Sehweite gekommen war, und ging dann in seine Dämonenstadt. — Der törichte Kaufmann nahm in seiner Torheit den Rat des Dämons an, ließ die Gefäße zerbrechen, das viele Wasser ohne Rest alles ausgießen und dann die Wagen weitertreiben. Aber vorne war nicht einmal ganz wenig Wasser. Da nun die Leute keinen Trank fanden, wurden sie erschöpft; und nachdem sie bis Sonnenuntergang weiter gegangen waren, machten sie die Wagen los, stellten sie in einem Kreise auf und banden die Zugochsen an die Räder. Auch für die Ochsen war kein Wasser da und für die Menschen kein Reisschleim und keine Speise. Geschwächt ließen sich die Leute da und dort nieder und legten sich hin. Unmittelbar nach Anbruch der Nacht aber kamen die Dämonen aus ihrer Dämonenstadt hervor, töteten alle, Tiere sowohl wie Menschen, fraßen ihr Fleisch und ließen nur die Knochen übrig; dann gingen sie wieder fort. So kamen durch den einen törichten Kaufmannssohn alle ins Unglück und ihre Gebeine wurden nach allen Richtungen zerstreut; die fünfhundert Wagen aber blieben stehen beladen, wie sie waren.

Nachdem nun der Bodhisattva von dem Tage an, da der törichte Kaufmannssohn abgereist war, anderthalb Monate gewartet hatte, verließ er mit seinen fünfhundert Wagen die Stadt und gelangte allmählich an den Anfang der Wildnis. Nachdem er hier die Wassergefäße hatte füllen und viel Wasser hatte mitnehmen lassen, ließ er in dem Lager durch Trommelschlag die Leute zusammenrufen und sagte: „Ohne mich zu fragen, dürft ihr auch nicht eine Handvoll Wasser gebrauchen. In der Wildnis sind Giftbäume; deshalb verzehret kein Blatt, noch eine Blume, noch eine Frucht, die ihr vorher noch nicht gegessen habt, ohne mich zuerst zu fragen.“ Nachdem er seinen Leuten diese Ermahnung gegeben hatte, drang er mit seinen fünfhundert Wagen in die Wildnis vor. Als er nun in die Mitte der Wildnis gelangt war, zeigte sich auf dem Wege der Dämon dem Bodhisattva in der oben geschilderten Weise. Da der Bodhisattva ihn sah, erkannte er: „In dieser Wildnis gibt es kein Wasser; es ist ja eine wasserlose Wildnis. Und dieser ist keck und rotäugig; kein Schatten ist an ihm zu bemerken. Ohne Zweifel ist der törichte Kaufmannssohn bei seinem Vorwärtsziehen von diesem, nachdem er ihn zum Ausgießen des Wassers veranlasst und so matt gemacht hat, mit seiner Umgebung gefressen worden. Unsre Klugheit und Schlauheit aber kennt er nicht, meine ich.“ Darauf sprach er zu dem Dämon: „Gehet, wir sind Kaufleute. Da wir kein anderes Wasser sehen, gießen wir das mitgebrachte Wasser nicht aus; an dem Orte aber, wo wir Wasser sehen, werden wir es ausgießen, die Wagen dadurch leichter machen und so weiterziehen.“ Der Dämon aber ging ein Stückchen fort, bis er außer Sehweite gekommen war, und begab sich dann wieder in seine Dämonenstadt.

Als aber der Dämon weggegangen war, sprachen seine Leute zu dem Bodhisattva: „Herr, diese Leute sagten: ‘Dies ist als der grüne Waldstrich bekannt, von hier an lässt ein Gott beständig regnen’; und sie kamen daher mit Kränzen von weißen und blauen Wasserlilien bekränzt, Bündel von Wasserlilien und Lotos tragend, Lotosstängel kauend, mit feuchten Gewändern, mit feuchten Häuptern, mit rinnenden Wassertropfen. Wir wollen das Wasser ausgießen und mit leichten Wagen schnell weiterziehen.“ Als der Bodhisattva diese ihre Worte vernahm, hieß er die Wagen anhalten und alle Leute zusammenrufen; dann fragte er sie: „Hat einer von euch früher davon gehört, dass in dieser Wildnis ein Gewässer oder ein Lotosteich sei?“ „Nein, Herr, dies wurde früher nicht gehört; es ist ja eine wasserlose Wildnis.“ „Hier sagen einige Leute: ‘Weiter vorne in diesem grünen Waldstrich lässt ein Gott regnen.’ Wie weit weht ein Regenwind?“ „Ein Yojana weit, Herr.“ „Spürt aber auch nur einer von euch an seinem Körper den Regenwind?“ „Nein, Herr.“ „Wie weit sieht man das Ende einer Wolke?“ „Ein Yojana weit, Herr.“ „Hat nun einer auch nur von einer Wolke das Ende gesehen?“ „Nein, Herr.“ „Wie weit sieht man den Blitz?“ „Vier oder fünf Yojanas weit, Herr.“ „Hat aber einer von euch einen Blitz gesehen?“ „Nein, Herr.“ „Wie weit hört man den Donner?“ „Ein oder zwei Yojanas weit, Herr.“ „Hat nun einer von euch den Donner gehört?“ „Nein, Herr.“ Darauf sprach der Bodhisattva: „Dies sind keine Menschen, dies sind Dämonen; sie hätten uns das Wasser ausgießen lassen und so matt gemacht und wären dann gekommen, um uns zu fressen. Der voraus gezogene törichte Kaufmannssohn war nicht schlau. Sicherlich ist er von diesen, nachdem sie ihn zum Ausgießen des Wassers veranlasst und so matt gemacht haben, gefressen worden. Die fünfhundert Wagen werden dastehen gefüllt, wie sie waren; heute noch werden wir sie sehen. Deshalb gießt auch nicht eine Hand voll Wasser aus und treibt die Tiere rasch an.“ Nach diesen Worten ließ er sie weiter treiben. — Als er nun weiter zog, sah er die fünfhundert Wagen gefüllt dastehen, wie sie waren, und die Gebeine der Tiere und Menschen nach allen Richtungen hin zerstreut. Er ließ darauf die Wagen losmachen und im Umkreis der Wagen ein Lager befestigen; dann ließ er zur richtigen Zeit den Menschen und Tieren ihre Abendmahlzeit austeilen und die Ochsen sich in der Mitte der Leute niederlegen. Er selbst nahm die Führer seiner Karawane mit sich, übernahm mit dem Schwert in der Hand die Nacht hindurch die Wache und blieb so stehen bis zum Morgen. Am andern Tage erledigte er in der Frühe alle seine Pflichten und ließ die Ochsen füttern; dann ließ er die be­schädigten Wagen zurück, die starken ließ er mitnehmen. Ebenso ließ er die geringwertige Ware zurück, die wertvolle aber nahm er mit. So gelangte er an den Ort, wohin er wollte, verkaufte hier seine Ware zum doppelten und dreifachen Preis und kehrte mit seiner ganzen Begleitung wieder in seine Stadt zurück.

 

§A2. Nachdem der Meister diese Geschichte erzählt hatte, sprach er: „So, o Hausvater, sind in früherer Zeit die Falsches Erwägenden in großes Unglück gestürzt, die das Wahre Erwägenden aber gelangten, aus der Hand der Dämonen befreit, an den Ort, wohin sie wollten, und kehrten wieder an ihren Ort zurück.“ Und indem er die beiden Begebenheiten verknüpfte, sprach er, der völlig Erleuchtete, bei dieser Predigt vom Wahren folgenden Vers:

§1. „Einige reden vom Wahren,
von andrem die falschen Lehrer;
wenn er dieses erkannt hat,
wählt der Weise, was wahr ist.“

Dann sprach der Erhabene zu den Laienbrüdern: „Der Wandel im Wahren bringt die drei Erreichungen des Glücks [37], die sechs Freudenhimmel [38], die Erreichung des Brahmahimmels mit sich und verleiht den Weg der Heiligkeit; der Wandel im Unwahren aber bringt die Wiedergeburt in den vier Straforten [39] und in den fünf unteren Kasten mit sich.“ Nachdem er so seine Belehrung vom Wahren auseinandergesetzt hatte, erklärte er ihnen noch obendrein die vier Wahrheiten [40] auf sechzehn Arten [41]. Am Ende der Erklärung dieser Wahrheiten gelangten alle die fünfhundert Laienbrüder zur Frucht der Bekehrung.

 

§C. Nachdem nun der Meister diese Auseinandersetzung erzählt und verkündet und die zwei Begebenheiten berichtet hatte, legte er ihre Beziehung zu einander klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Zu der Zeit war Devadatta [42] der törichte Kaufmannssohn, sein Gefolge war Devadattas Gefolge, das Gefolge des klugen Kaufmannssohnes war das Buddhagefolge, der kluge Kaufmannssohn aber war ich.“ Damit beschloss er seine Erzählung.

Ende der Erzählung von dem Wahren


[0a] Das übliche Zitat vom Beginn der ersten Strophe fehlt hier. Allerdings ist das Jātaka selbst danach benannt.

[1] Das Jetavana war ein großer Park bei Savatthi, der Lieblingsaufenthalt Buddhas. (Vgl. „Das Leben des Buddha“, S. 146 ff.). Savatthi, skr. S'ravasti, jetzt Sahet Mahet, war die Hauptstadt von Kosala, am Südabhang des Himalaya. Es war der nordwestlichste Punkt auf Buddhas Reisen.

[2] Mit den „Andersgläubigen“ sind die Angehörigen der zahlreichen Sekten jener Zeit gemeint, die mit Buddha konkurrierten, namentlich die Jainas.

[3] Der reiche Gönner des Buddhismus, der Buddha das Jetavana zum Geschenk machte. (Vgl. „Das Leben des Buddha“, S. 139 ff.)

[4] Diese Ehrungen des lebenden Buddha gehören der späteren Tradition an; nach den älteren Texten wurde nur sein Leichnam so geehrt. (Vgl. „Leben des Buddha“, S. 308 f.).

[5] Dies ist das Wort, das gewöhnlich Buddha von sich selbst gebraucht. Eigentlich bedeutet „tathagata“ „der denselben Wandel führt“, nämlich wie die früheren Buddhas.

[6] Der Buddha trägt im ganzen 32 Abzeichen an seinem Körper, die ihn von den übrigen Menschen unterscheiden.

[7] Brahmakörper bedeutet so viel wie himmlischer Körper; eigentlich ein Körper, wie ihn die Bewohner des Brahmahimmels, der obersten Götterwelt, besitzen.

[8] In der Manosila-Ebene in der Nähe des Himalaya soll Buddha in den Leib seiner Mutter eingegangen sein; vgl. „Das Leben des Buddha“, S. 5 f.

[9] Der „Löwenruf“ ist der Ausruf: „Ich bin der Erste der Welt, ich bin der Beste der Welt, ich bin der Edelste der Welt: dies ist meine letzte Geburt, es gibt für mich keine Wiedergeburt mehr.“

[10] d. h. himmlische Stimme; vgl. Anm. 7.

[11] Eine in den späteren Texten häufige Bezeichnung Buddhas. Die zehn Kräfte beziehen sich auf die Weisheit des Buddha. Sie sind

[12] d. h. sie wurden Laienmitglieder.

[13] Folgende fünf Gebote sind für alle Buddhisten bindend:

Dazu kamen noch drei Gebote für die Laienmitglieder, die nur an den Uposatha-Tagen (vgl. die nächste Anm.) Geltung hatten:

[14] Uposatha ist die jeden halben Monat stattfindende Beichtfeier der buddhistischen Mönche. Dabei wird ein ausführliches Sündenverzeichnis vorgelesen und jeder muss sich bei der betreffenden Sünde als schuldig bekennen.

[15]  Rājagaha, jetzt Rajgir, war die Hauptstadt von Magadha, dem heutigen Bihar (im Südosten von Benares). Dort war der Park Veluvana, den der König Bimbisara, Buddhas mächtiger Gönner, der Mönchsgemeinde geschenkt hatte. (Vgl. „Leben des Buddha“, S. 128 f.)

[16] Auch Buddha selbst dispensiert sich nicht von der Verpflichtung jedes buddhistischen Mönchs, seinen Lebensunterhalt durch Betteln sich zu verschaffen.

[17] Ein Weltalter ist die Zeit vom Anfang der Zerstörung eines Weltsystems bis zur Vollendung seiner Wiederherstellung.

[18] Nämlich die Zuflucht zu Buddha, zur Lehre und zur Gemeinde.

[19] Das Weltall besteht nach buddhistischer Ansicht aus einer unendlichen Anzahl von Weltsystemen, von denen jedes seine Erde, seine Höllen, seine Götterwelten usw. besitzt.

[20] Dies sind bekannte Lehrreden Buddhas, die hier nur mit ihren Anfangsworten angeführt sind.

[21] Nämlich des Buddha, der Lehre und der Gemeinde.

[22] Für böse Taten werden die Menschen bestraft durch ihre Wiedergeburt in einer der Höllen oder der Tierwelt oder der Welt der büßenden Geister (Peta-Welt) oder endlich der Dämonenwelt.

[23] Götterwelten gibt es außer der obersten, der Brahmawelt, noch 6, nämlich die Welt der vier Erzengel [= „lokapalas“], die Welt der dreiunddreißig Götter, die Yama-Götterwelt, die Tusita-Götterwelt, die Nimmanarati- und die Paranimittavasavatti-Götterwelt. (Vgl. „Leben des Buddha“, S. 357 u. ö.)

[24] Die beiden Verse sind dem Dhammapadam entnommen (Vers 188); ihre Fortsetzung lautet:

Bei Einsiedeleien, Monumenten,
bei Bäumen auch, von Furcht gequält. —
Doch diese Zuflucht ist nicht Friede,
der höchste Schutz ist dieses nicht;
wer dazu seine Zuflucht nimmt,
wird nicht von allem Leid befreit.

Auf diese Verse folgen im Dhammapadam in etwas anderer Form die drei hier vorausgehenden Strophen.

[25] Zum Nirvana führt ein vierfacher Weg:

Näheres in „Leben des Buddha“, S. 329 f., Anm. 83.

[26] Gemeint ist wohl die Wiedergeburt in der Dämonenwelt.

[27] Dies ist in den älteren buddhistischen Texten die Bezeichnung für die Angehörigen der dritten Kaste, der Bürger (skr. „vaisya“).

[28] Die zehn Vollkommenheiten, die der Bodhisattva in hervorragender Weise betätigen muss, sind die Vollkommenheit

[29] Auch die bei der Geschichte selbst beteiligt Gewesenen wissen nichts mehr davon in ihrer jetzigen Existenz; denn nur der Buddha besitzt die Kenntnis dessen, was in früheren Existenzen geschehen ist.

[30] Ein Reich am mittleren Ganges. Benares, die Hauptstadt des Reiches, führt auch oft diesen Namen.

[31] Der Bodhisattva ist der Buddha vor der Erleuchtung; das Wort bedeutet eigentlich einen, der die Erkenntnis dem Wesen nach schon besitzt, aber sich ihrer noch nicht bewusst ist. In allen seinen früheren Existenzen ist Buddha also der Bodhisattva; erst in seiner letzten war er der wirkliche Buddha.

[32] Das sie zum Lager brauchen. Auch für Buddha wird stets ein Lager aus Laub hergerichtet.

[33] Die Dämonen, skr. „asura“, werden meist als den Menschen feindlich geschildert. Buddha bekehrte der Überlieferung nach auch viele Dämonen. Die Wiedergeburt in einer Dämonenwelt galt als schwere Strafe.

[34] Ein Yojana sind etwa zwölf englische Meilen. Nach Trapp: „Kleines Handbuch der Maße, Zahlen, Gewichte und der Zeitrechnung“ sind ein Yojana, wörtlich „Anschirrung“ d.h. 1 Tagesreise, etwa 14,5 km.

[35] Im Gegensatz zu uns bezeichnen die Inder die Winde nach der Richtung, wohin sie wehen.

[36] Ein Zeichen der Höflichkeit.

[37] Dies sind die Wiedergeburt als Mensch, die Wiedergeburt in einer Götterwelt und das Nirvana.

[38] Dies bedeutet dasselbe wie die sechs Götterhimmel (vgl. Anm. 23).

[39] Vgl. Anm. 22.

[40] Die vier Wahrheiten sind

[41] Dies ist wohl ähnlich zu verstehen wie die „zwölf Bestandteile“ der vier Wahrheiten („Leben des Buddha“, S. 82 f.). Bei jeder der vier Wahrheiten sagt Buddha:

Diese drei Betrachtungsarten jeder der vier Wahrheiten geben zusammen die zwölf Bestandteile. Um die Zahl 16 zu erklären ist hier wohl noch eine vierte Betrachtungsart anzunehmen, etwa: diese Wahrheit müsst ihr erkennen.

[42] Devadatta, ein Verwandter Buddhas, versuchte eine Spaltung der Gemeinde herbeizuführen. (Vgl. „Leben des Buddha“, S. 164 ff.) Er galt daher später als Typus der Feinde Buddhas.


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