4 Cullaka-Sethi-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

4. Die Geschichte von dem Kaufmann Cūllaka (Cūllaka-Sethi-Jātaka)

„Mit ganz geringen Mitteln kann der Weise“

 

§A. Diese Belehrung verkündete der Erhabene, als er bei Rājagaha im Mango-Walde [1] des Jīvaka sich aufhielt, mit Beziehung auf den Thera [2] Cūllapanthaka [3]. Dabei ist die Wiedergeburt [4] des Cūllapanthaka zu erzählen. Zu Rājagaha hatte eine Tochter aus einer reichen Kaufmannsfamilie sich mit einem Sklaven eingelassen, und da sie fürchtete, es möchten andere diese ihre Tat erfahren, sprach sie: „Wir können an diesem Orte nicht bleiben; wenn meine Eltern diese meine Schuld erfahren, werden sie mich in Stücke hauen. Wir wollen in ein anderes Land gehen und dort wohnen.“ Und sie nahmen mit, was ihnen zur Hand war, gingen zum Haustor hinaus und zogen beide fort, indem sie dachten: „Wir wollen hierhin oder dorthin gehen an einen den anderen nicht bekannten Ort und dort wohnen.“ Als sie sich nun an einem Orte aufhielten, entstand infolge ihres Zusammenseins in dem Leibe des Mädchens ein Embryo. Da sie aber nahe vor der Entbindung stand, sprach sie zu ihrem Gatten: „Meine Leibesfrucht ist zur Reife gelangt und die Geburt der Leibesfrucht an einem von Verwandten und Angehörigen entfernten Orte wäre für uns beide ein Unglück; wir wollen zu dem Hause meiner Familie gehen.“ Er aber hielt sie von Tag zu Tag hin, indem er sagte: „Heute wollen wir gehen, morgen wollen wir gehen.“ Da dachte sie: „Dieser Tor wagt nicht zu gehen wegen der Große seiner Schuld; die Eltern sind aber die besten Freunde. Mag er deshalb gehen oder nicht, mir kommt es zu hinzugehen.“ Sie verließ also das Haus, nachdem sie die Hausgeräte in Ordnung gebracht hatte, und teilte den Bewohnern des Nachbarhauses mit, dass sie zu dem Hause ihrer Familie gehe; dann machte sie sich auf den Weg. Als aber der Mann nach Hause kam und sie nicht sah, fragte er die Nachbarn und vernahm, sie sei nach dem Hause ihrer Familie gegangen; schnell lief er ihr nach und holte sie unterwegs ein. Und gerade da trat ihre Niederkunft ein. Er fragte: „Was ist es, Liebe?“, und sie erwiderte: „Herr, ein Knabe ist geboren.“ „Was sollen wir jetzt tun?“ Da dachte sie: „Das, weshalb wir zu dem Hause der Familie gehen wollten, ist inzwischen schon eingetreten; was sollen wir tun, wenn wir dorthin kommen? Wir wollen wieder umkehren.“ Und da sie so einer Meinung waren, kehrten sie um. Weil nun der Knabe auf dem Wege geboren war, nannten sie ihn Panthaka (= „Wegmann“).

Nicht lange darauf entstand wieder eine Leibesfrucht in ihrem Mutterleibe. Alles ereignete sich gerade so wie vorher. Der erstgeborene Knabe nun wurde, weil er auf dem Wege geboren war, der große Panthaka genannt, den zweiten nannten sie den kleinen Panthaka. Und sie nahmen die beiden Knaben und begaben sich wieder an ihren Wohnort. Als sie nun dort wohnten, hörte dieser Weg-Knabe, wie die anderen Knaben von Onkel, Großvater und Großmutter sprachen, und er fragte seine Mutter: „Mutter, andere Knaben sprechen von Onkel, Großvater und Großmutter; wir aber haben keine Verwandten.“ Die Mutter erwiderte: „Ja, Lieber, hier habt ihr keine Verwandten, aber in der Stadt Rājagaha ist euer Großvater ein reicher Kaufmann; dort habt ihr viele Verwandten.“ Da sagte der Knabe: „Warum gehen wir denn nicht dorthin, Mutter?“ Und sie erzählte dem Knaben den Grund ihres Weggehens. Als aber die Knaben immer wieder davon sprachen, sagte sie zu ihrem Mann: „Die Kinder plagen mich zu sehr. Wie, werden die Eltern uns auffressen, wenn sie uns sehen? Komm, wir wollen den Kindern die großväterliche Familie zeigen.“ Der Mann erwiderte: „Ich kann nicht vor sie treten; dich aber will ich dorthin bringen.“ „Gut, Herr“, versetzte die Frau, „auf irgend eine Art müssen wir den Kindern die großväterliche Familie zeigen.“ Darauf nahmen die beiden Leute die Knaben mit sich und gelangten allmählich nach Rājagaha. Hier fanden sie in einem Hause am Stadttor eine Wohnung; die Mutter der Knaben aber nahm die beiden und ließ ihren Eltern ihre Ankunft mitteilen. Als diese die Nachricht vernahmen, ließen sie ihr sagen: „Für die der Wiedergeburt Unterworfenen ist es ein Unding, Sohn oder Tochter nicht zu haben. Du aber hast dich schwer gegen uns verfehlt; wir können dich nicht vor unsere Augen lassen. Doch sollen die beiden Leute dieses Geld nehmen und damit leben, wo es ihnen beliebt; die Knaben aber sollen sie hierher schicken.“ Die Tochter des Großkaufmanns nahm das von ihren Eltern geschickte Geld, übergab die Knaben den zu ihr gesandten Boten und schickte sie ihnen.

So wuchsen die Knaben in der großväterlichen Familie heran. Von ihnen war der kleine Panthaka noch zu jung, der große Panthaka aber ging mit seinem Großvater, um die Erklärung der Lehre des mit den zehn Kräften Ausgestatteten zu hören. Als er nun beständig bei dem Meister die Lehre hörte, neigte sich sein Herz zum Mönchwerden und er sprach zu seinem Großvater: „Wenn du es zugibst [5], möchte ich Mönch werden.“ „Was sagst du, Lieber?“, versetzte der Großvater. „Wenn auch die ganze Welt Mönch wird, dein Mönchwerden ist mir das erwünschteste; wenn du es vermagst, so werde Mönch, Lieber.“ Nachdem er so seine Zustimmung erteilt, begab er sich zu dem Meister. Der Meister fragte: „Wozu, o Großkaufmann, hast du den Knaben hergebracht?“ Der Kaufmann erwiderte: „Ja, Herr, dieser Knabe, mein Enkel, sagt, bei dir wolle er Mönch werden.“ Darauf ließ der Meister einen Mönch von seinem Almosengang holen mit der Weisung: „Nimm diesen Knaben in den Mönchsstand auf.“ Der Mönch setzte ihm die Erwägung von der Vergänglichkeit des Körpers auseinander und nahm ihn in den Mönchsstand auf. Nachdem dieser viel von dem Buddhawort in sich aufgenommen und das erforderliche Alter [6] erreicht hatte, empfing er die Weihe; und da er geweiht war, gelangte er, in weisem Aufmerken seine Pflichten erfüllend, zur Heiligkeit.

Als er nun im Glück der Ekstase und im Glück des Weges [7] lebte, dachte er: „Könnte ich dieses Glück wohl dem kleinen Panthaka verschaffen?“ Und er ging zu seinem Großvater, dem Kaufmann hin und sprach: „O Großkaufmann, wenn du zustimmst, möchte ich den kleinen Panthaka in den Mönchsstand aufnehmen.“ „Nimm ihn auf, Herr [8]“, versetzte der Kaufmann. Und der Thera nahm den Knaben Klein-Panthaka in den Mönchsstand auf und befestigte ihn in den zehn Vorschriften (sikkhāpada). Als aber der Novize Klein-Panthaka Mönch geworden war, war er dumm; er konnte die eine Strophe:

§0.1. „Wie roter Lotos duftend in der Frühe
in voller Blüte Wohlgerüche aushaucht,
so sieh den Angirasen [10], wie er leuchtet
der Sonne gleich, die an dem Himmel strahlet“,

in vier Monaten nicht behalten. Zu der Zeit, da Kassapa der völlig Erleuchtete [11] war, war er Mönch geworden, hatte Weisheit erlangt und über die Zeit, die ein unbegabter Mönch zum Erfassen der Rezitation brauchte, gescherzt und gespottet. Der Mönch aber hatte, durch den Spott beschämt, die Rezitation überhaupt nicht erfasst und auch nicht wiederholt. Wegen dieser Tat wurde er selbst, als er Mönch geworden war, dumm; wenn er einen weiteren Vers lernte, entschwand ihm wieder der vorher gelernte und so vergingen, während er sich abmühte, nur diese Strophe zu lernen, vier Monate. Da sprach zu ihm der große Panthaka: „Panthaka, du kannst in dieser Lehre nicht bleiben, du vermagst ja nicht, in vier Monaten eine einzige Strophe zu behalten; wie willst du aber dann den Gipfel des Mönchtums erreichen? Gehe weg von hier aus dem Kloster!“ Und er schickte ihn fort. Der kleine Panthaka aber wünschte aus Liebe zur Lehre des Meisters, nicht als Laie zu leben. — Nun war zu dieser Zeit der große Panthaka der Speisenverteiler [12]. Da kam Jīvaka Komārabhacca [13] mit viel Wohlgerüchen und Kränzen in seinen Mangowald, verehrte den Meister und hörte die Lehre; dann erhob er sich von seinem Sitze, grüßte den mit den zehn Kräften Ausgestatteten, begab sich zu dem großen Panthaka und fragte: „Herr, wie viel Mönche sind bei dem Meister?“ „Fünfhundert“, war die Antwort. Darauf sagte Jīvaka: „Nimm, Herr, morgen die fünfhundert Mönche mit Buddha, ihrem Haupte, mit und hole in unserem Hause das Almosen.“ Der Mönch erwiderte: „Da ist einer mit Namen Klein-Panthaka, o Laienbruder, ein Törichter, nicht in die Lehre Eingedrungener; diesen lasse ich weg und nehme für die übrigen die Einladung an.“ Als dies der kleine Panthaka hörte, dachte er: „Da der Thera für so viele Mönche die Einladung annimmt, nimmt er sie an, indem er mich ausnimmt. Ohne Zweifel wird die Liebe meines Bruders zu mir geschwunden sein. Was soll ich jetzt mit dieser Disziplin? Ich will Laie werden, durch Almosen u. dgl. mir gute Werke verschaffen und so leben.“ Und am nächsten Tage ging er in der Frühe fort in der Absicht, Laie zu werden.

Dies bemerkte der Meister, als er zur Zeit der Morgendämmerung die Welt betrachtete [14]; und er ging zuerst hin und blieb auf seinem Gange an der Torzinne stehen da, wo der kleine Panthaka des Weges kommen musste. Als nun der kleine Panthaka zum Haus hinaus ging, sah er den Meister, ging zu ihm hin und begrüßte ihn. Da sprach der Meister zu ihm: „Wohin gehst du zu dieser Zeit, Klein-Panthaka?“ Dieser erwiderte: „Herr, mein Bruder schickt mich fort; darum gehe ich, um draußen herumzuschweifen.“ Doch Buddha sprach: „Klein-Panthaka, dein Mönchwerden geht mich an; wenn du von deinem Bruder fortgeschickt wurdest, warum bist du da nicht zu mir gekommen? Geh, was soll dir das Leben als Laie; du wirst bei mir bleiben.“ Und er nahm Klein-Panthaka mit sich, ging vor sein duftendes Gemach und ließ ihn dort sich niedersetzen. Dann sprach er: „Klein-Panthaka, richte dein Antlitz gen Osten und reibe dies Gewand, indem du sagst: ‘Entfernung der Unreinheit, Entfernung der Unreinheit’, und bleibe so hier.“ Damit gab er ihm ein durch seine Wundermacht geschaffenes, ganz reines Gewand; er selbst ging zur angegebenen Zeit, umgeben von der Mönchsgemeinde, zu dem Hause des Jīvaka und ließ sich auf einem hergerichteten Sitze nieder. — Klein-Panthaka nun saß da, indem er nach der Sonne schaute, das Gewandstück rieb und dabei: „Entfernung der Unreinheit, Entfernung der Unreinheit“, sagte. Während er aber das Gewandstück immer rieb, wurde es schmutzig. Da dachte er: „Dies Gewandstück war überaus rein; durch meine Persönlichkeit aber hat es die vorige Beschaffenheit aufgegeben und ist so schmutzig geworden. Wahrlich, vergänglich sind die zusammengesetzten Dinge.“ Während er sich so Verfall und Tod vorstellte, erwuchs in ihm die übernatürliche Einsicht.

Der Meister aber erkannte, dass in Klein-Panthakas Geist die übernatürliche Einsicht erwachsen sei; und indem er eine Erscheinung von sich entsandte und das Aussehen annahm, als sitze er vor ihm, sagte er: „Klein-Panthaka, mache dir keine Gedanken darüber, dass dies Gewandstück so unsauber und schmutzbefleckt geworden ist; sondern die Lust und die Unreinheit u. dgl., die in deinem Innern ist, die entferne.“ Und er sprach folgende Strophen:

§0.2. „Die Lust, nicht Schmutz, wird Unreinheit genannt,
der Lust ist Unreinheit das Attribut;
die Mönche, die die Unreinheit getilgt,
sie leben in des Reinen Disziplin.
 
§0.3. Die Schuld, nicht Schmutz, wird Unreinheit genannt,
der Schuld ist Unreinheit das Attribut;
die Mönche, die die Unreinheit getilgt,
sie leben in des Reinen Disziplin.
 
§0.4. Irrtum, nicht Schmutz, wird Unreinheit genannt,
des Irrtums Attribut ist Unreinheit;
die Mönche, die die Unreinheit getilgt,
sie leben in des Reinen Disziplin.“

Am Ende der Strophen gelangte Klein-Panthaka zur Heiligkeit samt den Unterscheidungen [15]. Durch die Unterscheidungen aber kam ihm die Kenntnis der drei Pitakas. Als er in einer früheren Zeit einmal König war und die Stadt in feierlichem Zuge umfuhr, da floss ihm der Schweiß von der Stirne und er wischte ihn mit einem ganz reinen Tuch von der Stirn ab. Dadurch wurde das Tuch schmutzig. Da dachte er: „Durch diesen meinen Körper hat das so reine Tuch seine Beschaffenheit aufgegeben und ist schmutzig geworden. Wahrlich, vergänglich sind die zusammengesetzten Dinge“. Und er erlangte so das Bewusstsein der Vergänglichkeit. Aus diesem Grunde wurde jenem das Entfernen der Unreinheit zum Anlass der Erkenntnis.

Nun bot Jīvaka Komārabhacca dem mit den zehn Kräften Begabten das Schenkungswasser [17] an. Der Meister bedeckte die Schale mit der Hand, indem er sagte: „Sind noch Mönche im Kloster, Jīvaka?“ Groß-Panthaka erwiderte: „Herr, im Kloster sind keine Mönche mehr.“ Aber der Meister sprach: „Es sind noch dort, Jīvaka.“ Darauf schickte Jīvaka einen Mann fort mit den Worten: „Gehe deshalb, sag ich, und schaue, ob im Kloster noch Mönche sind oder nicht.“

In diesem Augenblick dachte Klein-Panthaka: „Mein Bruder sagt: ‘Im Kloster sind keine Mönche mehr’; ich will ihm zeigen, dass im Kloster Mönche sind.“ Und er füllte den ganzen Mangopark mit Mönchen an [18]. Einige Mönche verfertigten Gewänder, einige waren mit Färben beschäftigt, einige wiederholten; so schuf er tausend Mönche, von denen jeder dem andern ungleich war. Als der Mann im Kloster die vielen Mönche sah, kehrte er um und sagte zu Jīvaka: „Herr, der ganze Mangopark ist voll von Mönchen.“ Von dem Thera heißt es in Bezug darauf:

§0.5. „Sich tausendfältig hat vermehret
Panthaka und sitzt nun da
im schönen Mangopark, bis ihm
die Zeit zum Mahl gemeldet wird.“

Darauf sprach der Meister zu dem Manne: „Gehe in das Kloster und sage: ‘Der Meister lässt Klein-Panthaka rufen.’“ Als er aber hinging und dies sagte, riefen tausend Stimmen: „Ich bin Klein-Panthaka, ich bin Klein-Panthaka.“ Der Mann kehrte zurück und sagte: „Herr, alle heißen Klein-Panthaka.“ „Darum gehe hin und wer zuerst sagt: ‘Ich bin Klein-Panthaka’, den nimm bei der Hand und die übrigen werden verschwinden.“ Und er tat so. Sogleich verschwanden die tausend Mönche. Der Thera aber kam mit dem Manne, der zu ihm hingegangen war. Am Ende des Mahles sprach der Meister zu Jīvaka: „Jīvaka, nimm die Schale von Klein-Panthaka, er wird dir die Danksagung darbringen.“ Jīvaka tat so. Und wie ein junger Löwe den Löwenruf ausstößt, so fasste der Thera die drei Pitakas zusammen und brachte so die Danksagung dar [19]. Darauf erhob sich der Meister von seinem Sitze und begab sich, umgeben von der Mönchsgemeinde, in das Kloster; nachdem er dann den Mönchen ihre Pflichten mitgeteilt hatte, stand er wieder auf und stellte sich vor sein duftendes Gemach. Hier gab er ihnen eine Buddha-Ermahnung und setzte ihnen einen Stoff zur Betrachtung auseinander; dann entließ er die Mönchsgemeinde, betrat sein mit wohlriechenden Düften erfülltes, duftendes Gemach und legte sich auf die rechte Seite in die Löwenlage [20].

Zur Abendzeit aber versammelten sich die Mönche von da und dort in der Lehrhalle und setzten sich nieder, wie wenn sie einen Vorhang von roten Gewändern [21] herumfegten. Und sie begannen eine Unterhaltung von den Vorzügen des Meisters: „Lieber, Groß-Panthaka kannte nicht die Denkkraft von Klein-Panthaka, sondern er dachte: ‘In vier Monaten kann er nicht eine einzige Strophe lernen, er ist ein Dummkopf’, und trieb ihn aus dem Kloster fort. Der völlig Erleuchtete aber verlieh ihm kraft seiner unübertrefflichen Rechtsherrschaft während des einen Mahles die Heiligkeit samt der Unterscheidung; durch die Unterscheidungen kam ihm die Kenntnis der drei Pitakas. Wahrlich, groß ist die Macht der Buddhas [22].“

Als nun der Erhabene erkannte, dass in der Lehrhalle darüber gesprochen wurde, dachte er: „Heute kommt es mir zu hinzugehen“; und er erhob sich von dem Buddhalager, legte das schön rote doppelte Untergewand an, band den einem Blitz gleichenden Gürtel um und zog das einem roten Vorhang gleichende große Buddha-Oberkleid darüber. Dann verließ er sein duftendes Gemach, ging mit dem herrlichen Schritt eines brünstigen Elefantenfürsten mit unendlicher Buddha-Anmut nach der Lehrhalle, bestieg hier den in der Mitte der geschmückten Halle wohl hergerichteten Buddhasitz und ließ sich in der Mitte des Sitzes nieder, sechsfarbige Buddhastrahlen aussendend, wie die junge Sonne am Gipfel des Yugandhara-Berges [23] das Innere des Ozeans beleuchtet. Als aber der völlig Erleuchtete gekommen war, unterbrach die Mönchsgemeinde ihre Unterhaltung und schwieg still. Der Meister schaute sanften, freundlichen Sinnes die Versammlung an und dachte dabei: „Diese Versammlung ist überaus lieblich; auch nicht bei einem einzigen ist eine unpassende Bewegung mit Hand oder Fuß zu bemerken noch ein Räuspern oder Schnäuzen zu hören. Aus Ehrfurcht vor der Buddha-Autorität und erschreckt durch den Buddhaglanz werden sie, wenn ich auch zeitlebens dasitze, ohne zu reden, die erste Unterhaltung nicht aufnehmen und werden nicht reden. Ich muss die Unterhaltung beginnen; ich muss zuerst reden.“ Und mit süßem Himmelslaut sprach er zu den Mönchen: „Zu welcher Unterhaltung habt ihr euch hier niedergelassen und welches Gespräch habt ihr abgebrochen?“ Sie antworteten: „Herr, wir haben uns hier nicht niedergelassen, um eine gewöhnliche Geschichte zu erzählen; wir sitzen hier und preisen deine Vorzüge. Wir sprachen: ‘Lieber, Groß-Panthaka kannte nicht die Denkkraft von Klein-Panthaka, sondern er dachte: ‘In vier Monaten kann er nicht eine einzige Strophe lernen, er ist ein Dummkopf’, und trieb ihn aus dem Kloster fort. Der völlig Erleuchtete aber verlieh ihm kraft seiner unübertrefflichen Rechtsherrschaft während des einen Mahles die Heiligkeit samt der Unterscheidung; durch die Unterscheidungen kam ihm die Kenntnis der drei Pitakas. Wahrlich, groß ist die Macht der Buddhas.’“ Als der Meister die Rede der Mönche gehört hatte, sprach er: „Ihr Mönche, jetzt hat Klein-Panthaka durch mich die Größe in der Lehre erlangt, in früherer Zeit aber hat er durch mich die Größe im Reichtum erhalten.“ Nun baten die Mönche den Erhabenen, ihnen diese Begebenheit kund zu tun. Und der Erhabene offenbarte die durch eine frühere Existenz verborgene Geschichte.

 

§B. Ehedem, als im Reiche Kasi zu Benares Brahmadatta regierte, wurde der Bodhisattva in einer Kaufmannsfamilie wiedergeboren; und als er herangewachsen war, nahm er die Stelle eines Kaufmanns ein und hieß der Kaufmann Cūllaka. Dieser war gescheit und weise und kannte alle Vorzeichen. Als er eines Tages zum Dienste des Königs sich begab, sah er auf der Strasse eine tote Maus; und er verglich in diesem Augenblicke die Konstellation und sagte: „Für einen einsichtigen Sohn von guter Familie ist es möglich, wenn er diese Maus aufhebt, ein Weib heimzuführen und Geschäfte zu machen.“ Nun hörte ein Sohn von guter Familie, der arm geworden war, die Worte des Kaufmanns und dachte: „Dieser wird es nicht sagen, ohne es zu wissen“; und er hob die Maus auf, gab sie in einem Wirtshause für die Katze her und bekam dafür einen Heller. Für den Heller kaufte er Zuckersatz und nahm einen Krug voll Wasser mit. Als er dann die aus dem Walde kommenden Kränzemacher sah, gab er jedem ein bisschen Zuckersatz und dazu einen Löffel Wasser. Sie gaben ihm jeder eine Handvoll Blumen dafür. Für diese Blumen kaufte er am nächsten Tage wieder Zuckersatz und einen Krug Wasser und ging damit nach dem Blumenpark. Die Kränzemacher gaben ihm an diesem Tage Blumensträucher, noch halb voll Blumen, und gingen weg. So bekam er auf diese Weise bald acht Kahapanas.

Wiederum an einem Wind- und Regentage war im Garten des Königs viel trocknes Holzwerk, Gezweig und Laub durch den Wind herabgefallen. Der Aufseher des Gartens fand kein Mittel, es wegzuschaffen. Da kam der Jüngling und sprach zu dem Aufseher des Gartens: „Wenn du mir das Holz und das Laub gibst, werde ich dir dies alles wegräumen.“ Jener gab seine Zustimmung mit den Worten: „Nimm es, Herr.“ Nun ging der Cūllaka-Schüler zu dem Spielplatz der Knaben hin, gab ihnen Zuckersatz, ließ sie dafür in kurzer Zeit das ganze Holz und Laub wegräumen und machte daraus am Tore des Gartens einen Haufen. Da suchte nun gerade der königliche Töpfer Holz, um Töpfe für die königliche Familie zu brennen; er sah das Holz am Gartentore, kaufte es aus der Hand von jenem und nahm es mit. An diesem Tage bekam der Cūllaka-Schüler durch den Verkauf des Holzes sechzehn Kahapanas und fünf Gefäße, Töpfe u. dgl.

Als es so vierundzwanzig Kahapanas geworden waren, dachte er: „Ich habe ein Mittel“; und er stellte an einem Orte nicht weit vom Stadttor einen Topf mit Wasser auf und bediente fünfhundert Grasholer mit Wasser. Sie sprachen: „Du, Lieber, hast uns viel geholfen; was sollen wir dir tun?“ Er antwortete: „Wenn ich etwas zu tun bekomme, werdet ihr mir helfen.“ Während er nun hier und dort verweilte, schloss er Freundschaft mit einem Landkaufmann und einem Schiffskaufmann. Da teilte ihm der Landkaufmann mit: „Morgen wird in diese Stadt ein Pferdehändler mit fünfhundert Pferden kommen.“ Als jener dessen Worte hörte, sagte er zu den Grasholern: „Gebt mir morgen jeder einen Büschel Gras; und bis ich die Gräser nicht verkauft habe, verkauft auch selbst eure Gräser nicht.“ Sie gaben mit dem Worte: „Gut“, ihre Zustimmung zu erkennen und nahmen fünfhundert Grasbüschel und legten sie an seinem Hause nieder. Als nun der Pferdehändler in der ganzen Stadt kein Gras für seine Pferde finden konnte, gab er ihm tausend und nahm dafür sein Gras. —

Nach einigen Tagen sagte ihm sein Freund, der Schiffskaufmann: „Ein großes Schiff ist in den Hafen gekommen.“ Er dachte: „Ich weiß ein Mittel“, nahm für acht Kahapanas einen auf Zeit vermieteten Wagen samt dem notwendigen Gefolge und fuhr mit großem Prunk nach dem Schiffshafen. Hier gab er einen Siegelring als Pfand für das Schiff, ließ dann an einem Platz in der Nähe ein Zelt aufschlagen, setzte sich dort nieder und beauftragte seine Leute: „Wenn von auswärts Kaufleute kommen, dann teilt es mir durch den dritten Türhüter [24] mit.“ Auf die Nachricht nun, dass ein Schiff angekommen sei, kamen von Benares hundert Kaufleute, um die Ware zu kaufen. Da hörten sie: „Ihr werdet die Ware nicht erhalten; an dem und dem Orte wurde uns von einem großen Kaufmann ein Pfand gegeben.“ Als sie dies vernahmen, gingen sie zu ihm hin. Seine Trabanten teilten ihm, wie es vorher bestimmt war, durch den dritten Türwächter ihr Kommen mit. Darauf gaben ihm die hundert Kaufleute jeder tausend, gingen mit ihm zu dem Schiffe hin, gaben ihm wieder jeder tausend, um ihn seinen Vorteil aufgeben zu lassen, und machten dann die Ware zu ihrem Eigentum. Der Cūllaka-Schüler nahm die Zweihunderttausend und ging nach Benares zurück.

Da dachte er: „Jetzt muss ich dankbar sein“; und er nahm hunderttausend und begab sich zu dem Kaufmann Cūllaka. Da fragte ihn der Kaufmann: „Was hast du getan, Lieber, dass du dies Geld bekommen hast?“ Er erwiderte: „Durch das von dir gesagte Mittel habe ich innerhalb vier Monaten dies Geld bekommen“; und er erzählte, von der toten Maus angefangen, die ganze Geschichte. Als dies der Kaufmann Cūllaka hörte, dachte er: „Einen solchen Jüngling darf man jetzt nicht einem andern gehören lassen“; und er gab ihm seine erwachsene Tochter und machte ihn zum Herrn der ganzen Familie [25]. Und nach dem Kaufmann erhielt er in dieser Stadt die Kaufmannsstelle [26]. Der Bodhisattva aber kam an den Ort seiner Verdienste.

 

§A2. Als der völlig Erleuchtete diese Geschichte erzählt hatte, sagte er, der Erleuchtete, folgende Strophe:

§1. „Mit ganz geringen Mitteln kann
der Weise, der Verständige
sich in die Höhe bringen, wie
das Feuer nährt der leise Hauch.“

Dann sprach der Erhabene: „Ihr Mönche, Klein-Panthaka hat jetzt durch mich die Größe in der Lehre erlangt, in früherer Zeit aber ist er zu Größe im Reichtum gekommen.“

 

§C. Nachdem nun der Meister die beiden Begebenheiten erzählt hatte, legte er ihre Beziehung zu einander klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Damals war Klein-Panthaka der Cūllaka-Schüler, der Kaufmann Cūllaka aber war ich.“ Damit beschloss er seine Erzählung.

Ende der Erzählung vom Kaufmann Cūllaka


[1] Der Mango, Mangifera Indica, ist ein in Indien wegen seiner wohlschmeckenden Früchte viel angepflanzter Baum.

[2] Thera, auf Sanskrit „Sthavira“ = „der Alte“, ist ein Ehrenname für angesehene Mönche.

[3] D. h. der kleine Wegmann. Die Erklärung des Namens wird in der Erzählung selbst gegeben.

[4] Nach buddhistischer Anschauung ist die jetzige nur eine der vielen Existenzen eines Menschen; vgl. „Leben des Buddha“, S. 358.

[5] Zur Aufnahme in den Orden war die Zustimmung der nächsten Verwandten notwendig; vgl. „Leben des Buddha“, S. 139.

[6] Gewöhnlich das zwanzigste Lebensjahr.

[7] Nämlich des höchsten der vier Pfade, der Heiligkeit; siehe ariya.

[8] Als Mönch steht er höher wie sein Großvater und wird daher von diesem als „Herr“ angeredet.

[10] Ein anderer Name für das alte Priestergeschlecht der Gautamas, mit dem die Sakyas, von denen Buddha abstammte, in Verbindung zu stehen vorgaben. Daher wird das Wort oft für Buddha selbst gebraucht.

[11] Kassapa ist Buddhas Vorgänger in der Buddhawürde.

[12] Im späteren Buddhismus der Mönch, der die geschenkten Speisen an die einzelnen zu verteilen hatte; überhaupt scheint er die äußeren Geschäfte des Klosters verwaltet zu haben.

[13] Ein reicher Wohltäter der Gemeinde, der Besitzer des Mango-Parkes, in dem sich Buddha, wie am Anfang der Erzählung erwähnt, aufhielt.

[14] Vgl. dazu „das Leben des Buddha“, S. 216.

[15] Damit sind die vier Teile des übernatürlichen Wissens eines Heiligen gemeint, nämlich 

(1.) die genaue Kenntnis des Inhalts der Lehre,
(2.) der Lehre selbst,
(3.) der Bedeutung der Wörter und
(4.) des bestimmten Wissens im allgemeinen.

Doch sind die Buddhisten selbst über die Ausdehnung dieser Begriffe untereinander nicht einig.

[17] Wenn eine Stiftung gemacht werden sollte, bot der Stifter Buddha oder der Gemeinde eine Schale mit Wasser an, die das Geschenk selbst symbolisch darstellte.

[18] Mit der Heiligkeit war ihm also auch die Gabe, Wunder zu wirken, zuteil geworden.

[19] Die Danksagung wurde gewöhnlich in einigen Versen dargebracht. (Vgl. z. B. „Das Leben des Buddha“, S. 149 und 163). In diesen wenigen Versen fasste hier Klein-Panthaka den Hauptinhalt der ganzen Lehre zusammen zum großen Erstaunen der anderen Mönche, die ihn bis dahin als unbegabt gekannt hatten.

[20] Diese Lage nimmt Buddha immer beim Ruhen ein.

[21] Die Gewänder der buddhistischen Mönche sind von rot-gelber Farbe; meist werden sie als gelb bezeichnet.

[22] Denn nach der späteren Ansicht ist Buddha nicht der einzige Buddha, sondern nur ein Glied in einer unendlichen Reihe. Vor ihm gab es wenigstens 24.

[23] Dies ist ein Berg zunächst dem Meru-Berg, der die Mitte jeder Welt bildet. Auf dem Yugandhara-Berg wohnen die vier „Großkönige“ [„lokapalas“], die Beherrscher der vier Himmelsgegenden.

[24] Er stellte also drei Türwächter auf, um einen recht vornehmen Eindruck zu machen.

[25] D. h. er verlieh ihm den ersten Rang nach ihm selbst.

[26] Diese war an die betreffende Familie geknüpft; eine freie Konkurrenz existierte also nicht.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)