6 Devadhamma-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

6. Die Erzählung von der Gottähnlichkeit (Devadhamma-Jātaka)

„Voll Scham und Furcht zu sündigen“

 

§A. Dies erzählte der Erhabene, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen wohlhabenden Mönch. Ein Einwohner von Savatthi, ein reicher Mann, war nach dem Tode seiner Frau Mönch geworden. Als er aber Mönch wurde, ließ er sich eine Zelle und einen Feuerraum und eine Vorratskammer herstellen und die Vorratskammer mit zerlassener Butter [1], Reis u. dgl. anfüllen; dann trat er in den Mönchsstand ein. Nachdem er Mönch geworden, ließ er seine Sklaven herbeirufen und sie ein Mahl nach seinem Belieben zubereiten, das er dann verzehrte. Auch hatte er viel Hausgerät [2]; für die Nacht hatte er ein anderes Ober- und Untergewand als für den Tag und er wohnte ganz am Rande des Klosters [3]. Als er nun eines Tages seine Gewänder, seine Kissen [4] u. dgl. weggelegt und in seiner Zelle ausgebreitet hatte und sie trocknen ließ, da kamen viele Mönche aus der Gegend, die gerade auf der Wanderung begriffen waren [5], in seine Zelle; und da sie seine Gewänder etc. sahen, fragten sie: „Wem gehören diese?“ Er erwiderte: „Sie gehören mir, Lieber.“ „Aber, Freund, hier ist ein Gewand und da ist ein Gewand, hier ist ein Unterkleid und da ist ein Unterkleid, hier ist ein Kissen: ist dies alles dir allein?“ „Gewiss, es ist mir allein“, war die Antwort. Da sprachen die Mönche: „Lieber, von dem Erhabenen sind drei Gewänder erlaubt worden und du, der du in der Disziplin des genügsamen Buddha Mönch geworden, bist mit so vielem Gerät ausgestattet; komm, wir wollen ihn zu dem mit den zehn Kräften Begabten führen.“ Und sie nahmen ihn mit sich und gingen zum Meister hin.

Als der Meister sie sah, sprach er; „Warum, ihr Mönche, kommt ihr mit diesem Mönche gegen seinen Willen hierher?“ Sie antworteten: „Herr, dieser Mönch hat viel Besitz und viel Hausgerät.“ Darauf fragte Buddha: „Ist es wahr, Mönch, dass du viel Besitz hast?“ „Es ist wahr, Erhabener“, war die Antwort. Buddha fuhr fort: „Warum aber bist du, o Mönch, ein viel Besitzender geworden? Preise ich nicht die Genügsamkeit, die Zufriedenheit usw. des Einsamen, des kräftig Ringenden?“ Als jener die Worte des Meisters hörte, sprach er voll Zorn: „So will ich jetzt auf diese Art wandeln“; und er zerriss sein Obergewand und stand inmitten der Versammlung mit nur einem Gewande [6] bekleidet da. Doch der Meister sprach zu ihm, um ihn aufzurichten: „Bist du, o Mönch, nicht in früherer Zeit auf Scham und Furcht vor der Sünde bedacht gewesen; hast du nicht auch zur Zeit, da du ein Wasserdämon warst, auf Scham und Furcht vor der Sünde bedacht zwölf Jahre zugebracht? Warum aber hast du jetzt, nachdem du in der so gewichtigen Buddha-Disziplin Mönch geworden, inmitten der vierfachen Versammlung [7] dein Oberkleid zerrissen und stehst nun da ohne Scham und Furcht vor Sünde?“ Als jener die Worte des Meisters vernahm, wurde in ihm wieder die Scham und die Furcht vor der Sünde wach; und er legte sein Gewand um, grüßte den Meister und setzte sich zur Seite nieder. Darauf baten die Mönche den Erhabenen, ihnen diese Geschichte offenbar zu machen. Und der Erhabene machte ihnen die durch eine frühere Geburt verborgene Begebenheit bekannt.

 

§B. Ehedem war im Reiche Kasi zu Benares Brahmadatta König. Damals nahm der Bodhisattva im Leibe der ersten Gemahlin [8] des Königs seine Wiedergeburt und am Namengebungstage gab man ihm den Namen Prinz Mahimsasa. Als dann die Zeit kam, dass er herumlaufen konnte, wurde dem König ein zweiter Sohn geboren, den man Prinz Mond nannte. Als aber die Zeit kam, dass dieser herumlaufen konnte, starb die Mutter des Bodhisattva. Darauf gab der König einer anderen die Stelle der ersten Gemahlin. Diese war dem König lieb und angenehm. Infolge ihrer Liebesvereinigung gebar sie einen Sohn und sie nannten ihn Prinz Sonne. Als der König den Knaben sah, sprach er freudigen Herzens: „Liebe, ich gewähre dir einen Wunsch für deinen Sohn.“ Die Fürstin aber schob den Wunsch auf, um ihn zu der Zeit, wo sie es wollte, zu äußern.

Als nun ihr Sohn herangewachsen war, sprach sie zum König: „Von dem König ist mir, als mein Sohn geboren wurde, ein Wunsch zugesagt worden; gib meinem Sohn die Herrschaft!“ Der König wies sie zurück mit den Worten: „Ich besitze zwei Söhne, die wie Feuer glänzen [9]; ich kann nicht deinem Sohne die Herrschaft geben.“ Als er aber sah, wie sie immer wieder darum bat, dachte er: „Sie könnte vielleicht gegen meine Söhne etwas Böses ersinnen“; und er ließ seine Söhne zu sich kommen und sprach zu ihnen: „Ihr Lieben, ich habe zur Zeit, als der Prinz Sonne geboren wurde, einen Wunsch zugesagt und jetzt bittet mich seine Mutter um die Herrschaft. Ich will sie ihm nicht geben; aber das Weib ist schlecht und sie könnte etwas Böses gegen euch ersinnen. Gehet deshalb in den Wald [10] und nach meinem Tode führet die Herrschaft in der unserm Stamme gehörenden Stadt.“ Und er schluchzte und weinte, küsste sie auf das Haupt und entließ sie. Sie verabschiedeten sich von ihrem Vater und stiegen vom Palaste herunter. Da sah sie der im Königshofe spielende Prinz Sonne; und als er die Sache erfuhr, sagte er: „Ich will mit meinen Brüdern gehen“, und ging mit ihnen zusammen fort.

Sie kamen zu dem Himalaya. Da ging der Bodhisattva vom Wege ab, setzte sich am Fuße eines Baumes nieder und sagte zum Prinzen Sonne: „Lieber Sonne, gehe zu diesem Teiche hin, bade und trinke dort und bringe auch uns Wasser in Lotosblättern.“ Diesen Teich nun hatte ein Wasserdämon von Vessavana [11] erhalten und Vessavana hatte zu ihm gesagt: „Mit Ausnahme derer, die die Gottähnlichkeit kennen, welche sonst in diesen Teich hinabsteigen, die darfst du fressen; die aber nicht hinuntergestiegen sind, die darfst du nicht.“ Von da an fragte der Dämon diejenigen, welche in den Teich hinabstiegen, nach der Gottähnlichkeit; und welche sie nicht kannten, die fraß er. Damals nun kam der Prinz Sonne an den Teich und stieg ohne zu zögern hinein. Da fasste ihn der Dämon und fragte ihn: „Kennst du die Gottähnlichkeit?“ Er erwiderte: „Gottähnlich sind Mond und Sonne.“ Der Dämon sagte: „Du kennst die Gottähnlichkeit nicht“; und er tauchte ihn unter und brachte ihn an seinen Wohnort.

Als aber der Bodhisattva sah, dass er schon lange fort war, schickte er den Prinzen Mond weg. Der Dämon packte ihn auch und fragte ihn: „Kennst du die Gottähnlichkeit?“ Er antwortete: „Gewiss, ich kenne sie; gottähnlich sind die vier Weltgegenden.“ Der Dämon nahm auch ihn mit den Worten: „Du kennst nicht, was gottähnlich ist“, und brachte ihn an seinen Wohnort. —

Als nun auch er lange weg war, dachte jener: „Es muss etwas vorgefallen sein“, und ging selbst hin. Da sah er ihre Spur, wie sie hinabgestiegen waren; und er dachte: „Dieser Teich muss von einem Dämon bewohnt sein“, band sein Schwert fest, fasste seinen Bogen und blieb so stehen. Als der Wasserdämon sah, dass der Bodhisattva nicht in das Wasser hinabstieg, nahm er die Gestalt eines Waldarbeiters an und sprach zum Bodhisattva: „He, Mann, du bist vom Wege ermüdet; warum steigst du nicht in diesen Teich hinab, badest, trinkst, kaust Lotoswurzeln und bestreust dich mit Blumen, um nachher nach Belieben weiterzugehen?“ Da aber der Bodhisattva ihn sah, erkannte er, dass es ein Dämon war, und er sprach zu ihm: „Du hast mir meine Brüder weggenommen.“ Er antwortete: „Ja, ich.“ „Warum?“ „Ich darf diejenigen fassen, die in diesen Teich hinabsteigen.“ „Darfst du aber alle fassen?“ „Diejenigen, welche wissen, was gottähnlich ist, lasse ich, die übrigen fasse ich.“ „Du wünschest also die Gottähnlichkeit?“ „Ja, ich wünsche sie.“ „Wenn es so ist, will ich dir sagen, was gottähnlich ist.“ „Sage es doch; ich will hören, was gottähnlich ist.“ Darauf versetzte der Bodhisattva: „Ich möchte dir die Gottähnlichkeit mitteilen, aber mein Körper ist beschmutzt.“ Da badete der Dämon den Bodhisattva, gab ihm Speise und Trank, bestreute ihn mit Blumen, besprengte ihn mit Wohlgerüchen, breitete inmitten eines geschmückten Pavillons ein Polster aus und überließ es ihm. Der Bodhisattva ließ sich auf dem Sitz nieder, wies dem Dämon seinen Platz zu seinen Füßen an und sprach nach den Worten: „Vernimm also mit gespannter Aufmerksamkeit, was wirklich gottähnlich ist“, folgende Strophe:

§1. „Voll Scham und Furcht zu sündigen
wer sich mit Reinheit hat geschmückt,
wer gut und weise in der Welt,
der nur wird göttergleich genannt.“

Als der Dämon diese Belehrung vernahm, sprach er beruhigt zum Bodhisattva: „O Weiser, ich bin von dir befriedigt, ich will dir den einen Bruder geben; welchen soll ich holen?“ Der Bodhisattva erwiderte: „Hole den Jüngeren.“ Da sprach der Dämon: „O Weiser, du kennst nur, was göttergleich ist, aber du tust nicht danach.“ „Warum?“ „Weil, wenn du auf den Älteren verzichtest und den Jüngeren herbeiholen lässt, du den Älteren nicht ehrst [12].“ Darauf sagte der Bodhisattva: „Ich kenne, Dämon, die Gottähnlichkeit und tue auch danach. Durch ihn sind wir in diesen Wald gekommen. Seinetwegen nämlich hat seine Mutter unsern Vater um die Herrschaft gebeten; unser Vater aber hat ihren Wunsch nicht erfüllt und uns, um uns zu schützen, den Aufenthalt im Walde erlaubt. Der Prinz aber ist, ohne umzukehren, mit uns gegangen. Wenn ich nun sage: ‘Ihn hat im Walde ein Dämon gefressen’, wird mir niemand Glauben schenken und deshalb nehme ich ihn mit aus Furcht vor Tadel.“ Der Dämon gab mit den Worten: „Gut, gut, du Weiser; du kennst die Gottähnlichkeit und handelst auch danach“, beruhigten Gemütes dem Bodhisattva seine Zustimmung zu erkennen, holte die beiden Brüder herbei und gab sie ihm. Da sprach der Bodhisattva zu ihm: „Lieber, infolge der früher von dir begangenen bösen Taten bist du als ein das Fleisch und Blut anderer verzehrender Dämon wiedergeboren worden; jetzt aber tust du wieder Böses und deine bösen Taten werden dich nicht von den Höllen u. dgl. [13] befreit werden lassen. Lass deshalb von jetzt ab das Böse sein und tue das Gute.“ Und es gelang ihm, den Dämon zu bekehren. Als er nun den Dämon bekehrt hatte, blieb er dort unter seinem Schutz; und da er eines Tages die Gestirne betrachtete, erkannte er, dass sein Vater gestorben sei. Und er begab sich mit dem Dämon nach Benares, übernahm die Herrschaft und machte den Prinzen Mond zum Vizekönig und den Prinzen Sonne zum Heerführer. Dem Dämon aber ließ er an einem lieblichen Orte eine Wohnung errichten und sorgte dafür, dass er die schönsten Kränze und Blumen und die beste Speise erhielt. Und nachdem er in Gerechtigkeit seine Herrschaft geführt hatte, kam er an den Ort seiner Verdienste.

 

§A2. Nachdem der Meister diese Belehrung vorgetragen und auseinandergesetzt hatte, erklärte er ihnen die Wahrheiten. Am Ende der Erklärung von den Wahrheiten erlangte der Mönch die Frucht der Bekehrung.

 

§C. Als nun der völlig Erleuchtete die beiden Begebenheiten erzählt hatte, legte er ihre Beziehung zueinander klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Damals war der vieles besitzende Mönch der Wasserdämon, Ānanda war Prinz Sonne, Sāriputta [14] der Prinz Mond; der älteste Bruder aber, der Prinz Mahimsasa, war ich.“

Ende der Erzählung von der Gottähnlichkeit


[1] Zerlassene Butter, jetzt gewöhnlich ghee genannt, ist eine Lieblingsspeise der Hindus. Schon in den Hymnen des Rgveda wird sie sehr häufig unter den für die Götter bestimmten Gaben genannt.

[2] Die Gerätschaften, die ein Mönch gebrauchen durfte, waren genau festgesetzt. Es waren acht an Zahl, nämlich die drei Gewänder, die Almosenschale, ein Schermesser, eine Nadel, ein Gürtel und ein Seiher.

[3] Das buddhistische Kloster bestand nicht aus einem großen für alle gemeinsamen Gebäude, sondern aus einer Menge kleiner Häuschen. Diese und der Park, in dem sie erbaut waren, bilden zusammen das Kloster.

[4] Die Benutzung eines prunkvollen Lagers war den Mönchen und Nonnen untersagt; es war dies das neunte der die Mönche bindenden Gebote.

[5] Der Sinn der Worte ist nicht ganz klar; wahrscheinlich sind Mönche gemeint, die gerade eine Reise von Kloster zu Kloster machten. Jedenfalls ist nicht der tägliche Almosengang gemeint.

[6] Das dritte Gewand trug der Mönch beim Almosengang oder, wenn er zu Buddha hinging, auf der Schulter. Das eigentliche Obergewand, das in diesem Falle der Mönch zerriss, ist das zweite Obergewand.

[7] Nämlich die Versammlung der Mönche, der Nonnen, der Laienbruder und der Laienschwestern.

[8] Die indischen Großen besaßen einen Harem; doch galt eine als ihre wirkliche, rechtmäßige Gattin.

[9] Ein häufig gebrauchtes Bild, um die Vorzüglichkeit einer Person auszudrücken.

[10] Das Leben im Walde für lange Zeit war in Indien die Form der — freiwilligen oder unfreiwilligen — Verbannung.

[11] Vessavana ist ein Beiname des Kubera, des Gottes des Reichtums. Ursprünglich war er ein Gott der Tiefe; er verwaltete auch das Amt eines Welthüters für den Norden.

[12] In Indien hat der Ältere überall den Vorrang.

[13] D. h. von der Wiedergeburt in einer der vier niedersten Welten. Diese sind

1. die Höllenwelt,
2. die Tierwelt,
3. die Peta-Welt, d. h. die Welt der abgeschiedenen Geister,
4. die Dämonenwelt.

Höllen gibt es nach buddhistischer Ansicht in jedem Weltsystem 136.

[14] Sāriputta war der Jünger, den Buddha am meisten auszeichnete. Über seine Bekehrung vgl. „Das Leben des Buddha“, S. 129 ff.


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