18 Matakabhatta-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

18. Die Erzählung von der Totenspeise (Matakabhatta-Jātaka)

„Wenn so die Menschen denken würden“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Totenspeise [1]. Zu der Zeit nämlich töteten die Leute viele Ziegen und Schafe wegen ihrer verstorbenen Verwandten und spendeten Totenspeise. Als die Mönche sahen, dass die Leute es so machten, fragten sie den Meister: „Jetzt bringen, Herr, die Leute viele Wesen ums Leben und spenden Totenspeise; liegt denn darin ein Vorteil, Herr?“ Der Meister antwortete: „Ihr Mönche, wenn man Wesen ums Leben bringt, um Totenspeise zu bereiten, so bringt dies durchaus keinen Vorteil. Früher verkündeten Weise, in der Luft sitzend, die Lehre, erklärten die Sündlichkeit, die darin enthalten sei, und brachten alle Bewohner des Jambu-Erdteils [2] dazu, dies Vorgehen aufzugeben. Jetzt aber ist dies infolge der Verwirrung der Erinnerung an die früheren Existenzen wieder zum Vorschein gekommen.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Geschichte aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, dachte sich ein Brahmane, der die drei Veden [3] beherrschte, ein weit und breit berühmter Lehrer: „Ich will Totenspeise spenden.“ Und er ließ seine Schüler einen Widder nehmen und sprach zu ihnen: „Ihr Lieben, führt diesen Widder nach dem Flusse, badet ihn, schlingt um seinen Hals einen Kranz, gebt ihm fünf Zoll Futter, schmückt ihn und bringt ihn dann wieder her.“ Sie stimmten zu mit dem Worte: „Gut“, nahmen ihn, gingen nach dem Flusse, badeten ihn, schmückten ihn und stellten ihn an das Ufer des Flusses. Da nun der Widder sein früheres Karma [4] betrachtete, dachte er: „Von diesem Leid werde ich heute befreit werden“; und voller Freude lachte er laut, wie wenn man einen Topf zerschlägt. Dann aber dachte er: „Wenn dieser Brahmane mich tötet, wird ihm das Leid zuteil werden, das mich getroffen hat“; und er wurde von Mitleid zu dem Brahmanen erfasst und weinte laut. Da fragten ihn die Brahmanenschüler: „Lieber Widder, du lachst laut und weinst laut; warum hast du gelacht und warum hast du geweint?“ Er antwortete: „Ihr sollt mich nach dem Grunde hiervon bei eurem Lehrer fragen.“ Darauf gingen sie mit ihm fort und teilten ihrem Lehrer die Sache mit. Als der Lehrer ihren Bericht vernommen hatte, fragte er den Widder: „Warum, Widder, hast du gelacht und warum hast du geweint?“ Der Widder, der sich infolge seiner Kenntnis seiner früheren Existenzen an die von ihm verübten Taten erinnerte, erzählte dem Brahmanen: „Ich, o Brahmane, war früher auch ein solcher über die heiligen Sprüche nachdenkender Brahmane. Einmal wollte ich Totenspeise spenden und tötete deshalb einen Widder. Und wegen der Tötung des einen Widders wurde mir in fünfhundert weniger einer Existenz das Haupt gespalten. Dies ist nun meine letzte, meine fünfhundertste Existenz; und weil ich dachte: ‘Heute werde ich von diesem Leid befreit werden’, wurde ich voller Freude und lachte deshalb. Dann aber dachte ich weinend: ‘Ich habe, weil ich den einen Widder tötete, in fünfhundert Existenzen die Spaltung meines Hauptes erlangt und werde heute von diesem Leid befreit werden; dieser Brahmane aber wird, weil er mich getötet hat, wie ich in fünfhundert Existenzen das Haupt gespalten bekommen’; und aus Mitleid mit dir weinte ich.“

Darauf versetzte der Brahmane: „Fürchte dich nicht, Widder, ich werde dich nicht töten.“ „Was sagst du, Brahmane? Ob du mich tötest oder nicht, ich kann heute dem Tode nicht entgehen.“ „Fürchte dich nicht, Widder; ich will deine Bewachung übernehmen und bei dir bleiben.“ „Brahmane, gering ist deine Bewachung, das von mir getane Böse aber ist groß und stark.“ Darauf ließ der Brahmane den Widder los; und indem er sagte: „Wir werden diesen Widder von niemand töten lassen“, blieb er bei dem Widder mit seinen Schülern. — Als nun der Widder kaum losgelassen war, streckte er nach einem Strauch, der neben der Spitze eines Felsens wuchs, seinen Hals aus und begann die Blätter zu fressen. In diesem Augenblick schlug ein Blitz in diese Felsspitze. Ein Steinsplitter sprang ab, fiel auf den ausgestreckten Hals des Widders und spaltete sein Haupt. Viel Volks versammelte sich. —

Damals aber war der Bodhisattva als eine Baumgottheit an diesem Orte wiedergeboren worden. Er setzte sich, während die vielen Leute zuschauten, durch göttliche Kraft mit gekreuzten Beinen in der Luft nieder; und da er dachte: „Wenn diese Leute so die Frucht des Bösen erkennten, würden sie wohl das Töten der Tiere unterlassen“, sprach er, die Lehre erklärend, mit süßer Stimme folgende Strophe:

§1. „Wenn so die Menschen denken würden:
‘Dies bringt uns nur Geburt in Leid’,
kein Wesen würd' ein Wesen töten;
in Leid ja kommt, wer Wesen tötet.“

Nachdem sie so der Bodhisattva durch die Furcht vor der Hölle erschreckt hatte, verkündete er die Lehre. Als aber die Menschen die Lehrverkündigung hörten, standen sie aus Furcht vor der Hölle ab vom Töten der Wesen. Nachdem dann der Bodhisattva die Lehre verkündet und viel Volks in den Tugenden befestigt hatte, kam er an den Ort seiner Verdienste. Auch die Volksmenge erreichte, nachdem sie bei der Ermahnung des Bodhisattva beharrt und Almosen gegeben und andere gute Werke getan hatte, die Götterstadt [5].

 

§C. Nachdem der Meister diese Belehrung beendigt hatte, legte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Zu der Zeit war ich die Baumgottheit.“

Ende der Erzählung von der Totenspeise


[1] Den Geistern der Verstorbenen, den sogenannten Pretas, wurden Speisen gespendet.

[2] Nach indischer Ansicht gibt es vier Erdteile. Zum Jambu-Erdteil gehört Indien selbst. Vgl. „Leben des Buddha“, S. 327, Anm. 66.

[3] Die drei kanonischen Veden sind der Rgveda, der Samaveda und der Yajurveda; der Atharvaveda genießt nicht dasselbe Ansehen.

[4] D. h. die Leiden, die ihm seine früheren Taten einbrachten.

[5] D. h. sie wurden in einer der Götterwelten wiedergeboren.


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