21 Kurungamiga-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

21. Die Erzählung von der Kurunga-Gazelle (Kurunga(miga)-Jātaka) [1] [1a]

„Erkannt hat der Kurunga wohl“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf Devadatta. Zu einer Zeit nämlich hatten sich die Mönche in der Lehrhalle versammelt und sich dort niedergesetzt, indem sie die Unehre des Devadatta mit folgenden Worten erzählten: „Freund, Devadatta hat, um den Vollendeten zu töten, Bogenschützen ausgesendet, einen Felsblock heruntergeschleudert und den Dhanapalaka losgelassen [2]; überall ist er darauf aus, den mit den zehn Kräften Ausgestatteten zu töten.“ Da kam der Meister, ließ sich auf dem hergerichteten Sitze nieder und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier zusammen niedergesetzt?“ Sie antworteten: „Herr, wir haben uns hier zusammen niedergesetzt zur Erzählung der Unehre des Devadatta, weil Devadatta auf Eure Tötung aus ist.“ Darauf sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist Devadatta darauf aus, mich zu töten, sondern auch schon früher war er darauf aus; aber er vermochte nicht, mich zu töten.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva eine Kurunga-Gazelle geworden und verweilte in einer Waldgegend, indem er Früchte verzehrte. Zu einer Zeit verzehrte er an einem früchtereichen Sepanni-Baume die Sepanni-Früchte. — Nun erkundete damals ein im Dorfe wohnender Gerüstjäger [3] am Fuße der Fruchtbäume die Spuren der Gazellen, befestigte dann oben am Baume sein Gerüst und setzte sich dort nieder; wenn dann immer die Gazellen kamen, um Früchte zu fressen, traf er sie mit seinem Speere und erwarb sich so durch den Verkauf ihres Fleisches den Lebensunterhalt. Als dieser nun eines Tages am Fuße dieses Baumes die Fußspur des Bodhisattva bemerkte, befestigte er auf diesem Sepanni-Baume sein Gerüst; und nachdem er in der Frühe gegessen hatte, ging er mit seinem Jagdspieß in den Wald, stieg auf den Baum hinauf und setzte sich auf sein Gerüst. Der Bodhisattva verließ auch in der Frühe seinen Wohnort und kam herbei, um die Sepanni-Früchte zu verzehren. Doch ging er absichtlich nicht zu der Baumwurzel hin; denn er dachte: „Manchmal befestigen Gerüstjäger ihr Gerüst an den Bäumen; droht hier eine solche Gefahr?“ Und er ging ringsherum und blieb in einer Entfernung stehen. Als der Jäger merkte, dass der Bodhisattva nicht herankam, nahm er in seinem Gerüste sitzend Sepanni-Früchte und ließ sie vor ihn hinfallen. Der Bodhisattva dachte: „Diese Früchte kommen her und fallen vor mich hin; ist da oben wohl ein Jäger?“; und er schaute wieder und wieder hinauf und sah den Jäger. Dann sprach er, als ob er ihn nicht bemerkte: „He, Baum, früher ließest du wie eine herabhängende Pflanze deine Früchte gerade herabfallen; heute aber hast du deine Baumeigenschaft aufgegeben. Da du nun so deine Baumeigenschaft aufgegeben hast, will ich mich zu einer andern Baumwurzel begeben und dort meine Nahrung suchen“; und darauf sagte er folgende Strophe:

§1. „Erkannt hat der Kurunga wohl,
was du, Sepanni, fallen lässt;
ich geh zu einem andern Baum,
denn deine Frucht gefällt mir nicht.“

Da warf der Jäger, der in seinem Gerüst saß, seinen Speer und sagte: „Geh, jetzt habe ich ihn gefehlt.“ Der Bodhisattva kehrte sich um, blieb stehen und sprach: „He, Mann, wenn du jetzt auch mich gefehlt hast, so wirst du doch die acht großen Höllen, die sechzehn kleinen Höllen [4], die fünffachen Fesseln [5] und die übrigen Dinge, die durch das Karma erzeugt werden, nicht verfehlen.“ Und nach diesen Worten lief er davon und ging, wohin er wollte. Der Jäger aber stieg herab und begab sich, wohin er wollte.

 

§C. Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist Devadatta darauf aus, mich zu töten, sondern auch früher war er schon darauf aus, vermochte aber nicht, mich zu töten“, diese Belehrung beendigt hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen fest und verband das Jātaka mit den Worten: „Damals war der Gerüstjäger Devadatta, die Kurunga-Gazelle aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Kurunga-Gazelle


[1] Kurunga ist eine nicht näher zu bestimmende Antilopenart.

[1a] Der Pali-Titel lautet bei Dutoit „Kurunga-Jātaka“, bei Fausböll „Kurungamiga-Jātaka“ („miga“ = „Gazelle“).

[2] Dies sind die drei Versuche, die Devadatta machte, um Buddha aus dem Wege zu räumen. Vgl. „Leben des Buddha“, S. 172-180. An dieser Stelle hat übrigens der Elefant, der hier Dhanapalaka (= „Geldhüter“) heißt, den Namen Nalagiri.

[3] Was das Wort bedeutet, ist im Folgenden erklärt.

[4] Meist werden nicht 16, sondern 128 kleinere Höllen angenommen.

[5] Damit sind wohl die Vergnügungen der fünf Sinne gemeint.


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