27 Abhinha-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

27. Die Erzählung von dem wiederholten Sehen (Abhinha-Jātaka)

„Es geht nicht an, ihm Futter hinzureichen“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Laienbruder und einen alten Mönch. Zu Savatthi nämlich waren zwei Freunde. Von ihnen wurde einer Mönch und ging täglich nach dem Hause des anderen. Dieser gab ihm ein Almosen; wenn er dann selbst gegessen hatte, begab er sich mit ihm nach dem Kloster und setzte sich dort mit ihm bis Sonnenuntergang nieder zur Rede und Unterhaltung; dann kehrte er in die Stadt zurück. Der andere begleitete ihn bis zum Stadttor und kehrte dann um. Dies vertraute Verhältnis zwischen ihnen wurde unter den Mönchen bekannt.

Nun setzten sich eines Tages die Mönche in der Lehrhalle nieder und erzählten von der Freundschaft der beiden. Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt niedergesetzt?“ Sie sagten: „Zu der und der“, und teilten es ihm mit. Darauf sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, o Mönche, sind diese vertraute Freunde, sondern mich in früherer Zeit waren sie es“; und er erzählte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva sein Lehrer. Damals ging ein Hund in den Stall des königlichen Leibelefanten und fraß die Speiseklumpen, die an der Futterstelle des Leibelefanten niedergefallen waren. Wegen dieses Futters [1] wurde er ein Freund des Leibelefanten und fraß immer in der Nähe des Elefanten. Beide konnten ohne einander nicht sein. Er ließ sich von dem Rüssel des Elefanten fassen und spielte, indem er sich hin und her bewegte. Da zahlte eines Tages ein Landmann dem Elefantenwärter eine Summe und ging mit dem Hunde in sein Haus. Von da an fraß der Elefant nicht mehr, da er den Hund nicht mehr sah, noch trank er, noch badete er. Dies meldete man dem Könige. Der König schickte den Bodhisattva fort mit dem Auftrage: „Gehe, Weiser, und erkunde, warum es der Elefant so macht.“ Der Bodhisattva begab sich nach dem Elefantenstall; und da er den Missmut des Elefanten gewahrte, dachte er: „Am Körper dieses Tieres ist eine Krankheit nicht zu erkennen. Er muss mit irgend jemand eine vertraute Freundschaft geschlossen haben; und da er diesen nicht mehr sieht, ist er traurig geworden, meine ich.“ Und er fragte die Elefantenwärter: „Hat dieser mit jemand Freundschaft?“ „Ja, Herr“, antworteten sie, „mit einem Hunde ist er sehr befreundet.“ „Wo ist dieser jetzt?“ „Ein Mann hat ihn mitgenommen.“ „Wisst ihr, wo er sich aufhält?“ „Wir wissen es nicht, Herr.“ Da ging der Bodhisattva zum Könige hin und sagte: „Herr, der Elefant ist nicht krank; aber mit einem Hunde ist er sehr befreundet, und da er diesen nicht sieht, frisst er nicht, meine ich.“ Darauf sprach er folgende Strophe:

§1. „Es geht nicht an, ihm Futter hinzureichen,
noch Klöße oder Gras, noch ihn zu reiben,
so glaube ich: durch wiederholtes Sehen
der Elefant zum Hund in Lieb' entbrannte.“

Als der König diese Worte vernahm, fragte er: „Was ist jetzt zu tun, du Weiser?“ Der Bodhisattva erwiderte: „Lasst, Herr, folgendes durch Trommelschlag bekannt machen: ‘Ein Mann hat einen Hund, der mit unserm Leibelefanten befreundet ist, mit sich fortgenommen; in wessen Hause man diesen Hund sieht, der soll diese Strafe erhalten.’“ Der König ließ so tun. Als nun der Mann dies hörte, ließ er den Hund los. Der Hund lief rasch zu dem Elefantenhause hin. Da nahm ihn der Elefant mit dem Rüssel, setzte ihn auf seine Stirngeschwulst [2], weinte und klagte; dann nahm er ihn von seiner Stirngeschwulst herunter, und als jener gefressen hatte, fraß er selbst auch. Da dachte der König: „Er kennt auch der Tiere Gedanken“, und erwies dem Bodhisattva große Ehre.

 

§C. Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sind diese beiden Freunde, sondern auch schon in früherer Zeit waren sie es“, diese Lehrunterweisung beendigt und die vier Wahrheiten gründlich auseinandergesetzt hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit den Worten:

(§D. diese Auseinandersetzung der vier Wahrheiten kommt in allen Jātakas vor; wir wollen sie aber nur dann erwähnen, wenn eine Frucht daraus genannt ist [3].)

„Damals war der Hund der Laienbruder, der Elefant war der hochbejahrte Mönch, der weise Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem wiederholten Sehen


[1] Das Wort „samvattamano“ ist hier nicht ganz klar. Ich fasse es auf als „veranlasst“ (Atm. in pass. Bedeutung), Chalmers übersetzt: “Haunting the place for the food's sake.” Eine Handschrift hat „samvaddhamano“, also „gestärkt“.

[2] Die Elefanten haben rundliche Geschwülste auf der Stirn, die während der Brunstzeit anschwellen.

[3] Dies ist eine ähnliche Bemerkung des Sammlers der Jātakas wie im Jātaka 13.


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