35 Vattaka-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

35. Die Erzählung von der Wachtel (Vattaka-Jātaka)

„Nicht können fliegen meine Flügel“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Lande Magadha umherwandelte, mit Beziehung auf das Erlöschen eines Waldbrandes. Zu einer Zeit nämlich, da der Meister im Lande Magadha herumwandernd in einem Magadha-Dorfe Almosen gesammelt hatte, gelangte er nach dem Mahle, als er vom Almosengange zurückkehrte, auf einen Weg, umgeben von einer Schar von Mönchen. Zu der Zeit erhob sich ein großer Waldbrand. Vorn und hinten waren viele Mönche. Das Feuer aber breitete sich aus und kam näher wie ein Rauch und eine Flamme. Da sprachen einige noch unbekehrte Mönche, von Todesfurcht erfasst: „Wir wollen ein Gegenfeuer machen; an den Ort, wo es brennt, wird das andere Feuer nicht herankommen“; und sie schlugen ihre Reibhölzer zusammen und machten ein Feuer. Aber einige andere sagten: „Freunde, was tut ihr da? Wie wenn ihr den in der Mitte des Himmels stehenden Mond nicht sehen würdet oder die im Osten aufgehende, mit tausend Strahlen geschmückte Sonnenscheibe oder den Ozean, wenn ihr an seinem Ufer steht, oder den Berg Sineru [1], wenn ihr dabei steht, so seht ihr den ersten der Männer in der Welt der Götter und der Menschen, den völlig Erleuchteten nicht, obwohl ihr mit ihm geht, und sagt: ‘Wir wollen ein Gegenfeuer machen.’ Ihr kennt nicht die Buddha-Macht; kommt, wir wollen zum Meister hingehen.“ Und sie kamen von vorn und hinten alle zusammen und gingen zum Erhabenen hin. Der Meister stand auf einem Fleck, umgeben von einer großen Schar von Mönchen. Das Feuer kam brüllend heran, als wollte es sie überwältigen; als es aber zu der Stelle kam, wo der Vollendete stand, und noch sechzehn Karisas [2] von dieser Stelle entfernt war, da erlosch es wie eine Grasfackel, die man ins Wasser taucht. Über einen Platz, zweiunddreißig Karisas im Durchmesser, konnte es sich nicht ausbreiten. —

Da begannen die Mönche die Vorzüge des Meisters zu rühmen: „Seht da den Vorzug der Buddhas! Dies unvernünftige Feuer hat sich über den Ort, wo Buddha stand, nicht ausbreiten können, sondern es erlosch wie eine Grasfackel im Wasser. Seht die Macht der Buddhas.“ Als der Meister ihre Rede hörte, sprach er: „Ihr Mönche, dies ist jetzt nicht meine Kraft, wodurch das Feuer, als es an diesen Fleck Erde kam, erlosch; dies ist die Kraft einer Glaubensbestätigung in einer früheren Existenz. An diesem Orte nämlich wird dieses ganze Weltalter hindurch kein Feuer brennen; denn es ist ein Wunder, das ein Weltalter hindurch fortdauert.“ Darauf legte der ehrwürdige Ānanda ein Tuch vierfach zusammengefaltet hin zum Sitze für den Meister. Und der Meister setzte sich nieder. Nachdem er sich mit gekreuzten Beinen niedergelassen hatte, verehrte die Mönchsgemeinde den Vollendeten und setzte sich um ihn herum. Da nun der Meister von den Mönchen gebeten wurde: „Dies, Herr, ist uns jetzt bekannt, das Vergangene aber ist uns verhüllt; tut es uns kund!“, erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem nahm der Bodhisattva im Reiche Magadha an diesem Flecke als eine Wachtel seine Wiedergeburt. Nachdem er im Leibe seiner Mutter erzeugt war, sprengte er das Ei und war, als er herausschlüpfte, eine junge Wachtel von der Größe einer großen Kugel. Seine Eltern legten ihn in das Nest und zogen ihn auf, indem sie ihm mit dem Schnabel Futter brachten. Er hatte aber nicht die Kraft, die Flügel auszubreiten und in der Luft zu fliegen, noch die Füße aufzuheben und auf dem Boden zu gehen. — Diesen Ort aber befiel Jahr für Jahr ein Waldbrand. Gerade zu der Zeit befiel er diesen Ort, laut brüllend. Die Vogelscharen verließen ihre Nester und flogen schreiend davon, von Todesfurcht erfüllt. Auch die Eltern des Bodhisattva flogen davon, von Todesfurcht erfüllt, indem sie den Bodhisattva zurückließen. Da hob der Bodhisattva, im Neste liegend, seinen Hals, und da er sah, wie das Feuer sich ausbreitete und immer näher kam, dachte er: „Wenn ich die Kraft hätte, meine Flügel auszubreiten und in der Luft zu fliegen, so könnte ich auffliegen und anderswohin mich begeben; wenn ich die Kraft hätte, die Füße aufzuheben und zu gehen, so könnte ich mittels der Füße anderswohin mich begeben. Auch meine Eltern haben mich, von Todesfurcht erfüllt, allein zurückgelassen und sind fortgeflogen, um sich zu retten. Jetzt habe ich keine andere Zuflucht mehr; ich bin ohne Schutz, ohne Zuflucht. Was muss ich da heute tun?“ Da kam ihm folgender Gedanke: „In dieser Welt gibt es eine Wirkung der Moral, es gibt eine Wirkung der Wahrheit; es gibt solche, welche ehedem die Vollkommenheiten erfüllt und am Fuße des Bodhi-Baumes [3] sitzend erleuchtet wurden, die mit der Erlösung durch Tugend, Seelenruhe und Wissen, mit Einsicht der Erkenntnis der Erlösung ausgestattet sind, die voll sind von Wahrheit, Mitleid, Barmherzigkeit und Geduld, die zu allen Wesen die gleichen freundlichen Gefühle hegen, die allwissenden Buddhas. Nun gibt es Wirkungen der Tugenden, die sie erkannt haben; aber auch ich besitze eine Wahrheit. Die eine Eigenschaft des natürlichen Seins nämlich besitze und kenne ich; daher kommt es mir heute zu, über die vergangenen Buddhas und die von ihnen erkannten Tugendwirkungen nachzudenken, die von mir verstandene Eigenschaft des natürlichen Seins zu erfassen, eine Betätigung des Glaubens zu vollziehen, damit das Feuer zur Umkehr zu bewegen und so für mich und für die anderen Vogelscharen die Rettung zu bewirken.“ Daher sprach er:

§0.1. „Es wirkt die Tugend in der Welt,
die Wahrheit, Reinheit, das Erbarmen;
durch diesen Glauben wirke ich
ein Wunder, unvergleichlich groß.

 

§0.2. Der Tugend Kraft stell ich mir vor,
der einst'gen Buddhas denke ich;
des Glaubens Kraft verdank ich es,
dass ich ein Wunder wirken kann.“

Indem darauf der Bodhisattva die Vorzüge der früher ins vollkommene Nirvana eingegangenen Buddhas sich vor Augen stellte, betätigte er durch den persönlichen Glauben, den er besaß, einen Glaubensakt und sprach folgenden Vers:

§1. „Nicht können fliegen meine Flügel,
nicht können gehen meine Füße,
verlassen haben mich die Eltern;
zurück jetzt weiche, Feuersbrunst.“

Sobald er aber diesen Glaubensakt betätigte, wich von der sechzehn Karisas messenden Fläche das Feuer zurück, indem es nicht verbrennend in den Wald zog, sondern wie eine ins Wasser getauchte Fackel erlosch. Daher sprach er:

§2. „Durch meine Glaubenszuversicht
hat dieses Feuers starker Brand
sechzehn Karisas jetzt verschont
wie Feuer, das ans Wasser kommt.“

Weil aber diese Fläche in einem ganzen Weltalter vom Feuer nicht überwältigt werden kann, war es ein ein ganzes Weltalter dauerndes Wunder. Nachdem so der Bodhisattva einen Glaubensakt betätigt hatte, gelangte er am Ende seines Lebens an den Ort seiner Verdienste.

 

§A2. Darauf beendigte der Meister diese Lehrunterweisung mit den Worten: „Ihr Mönche, dass das Feuer sich nicht über diesen Wald ausbreitete, ist jetzt nicht durch meine Kraft geschehen, sondern durch eine frühere Glaubensbetätigung von mir zur Zeit, da ich eine junge Wachtel war“; und dann verkündigte er die vier Wahrheiten. Am Ende der Verkündigung der vier Wahrheiten gelangten einige zur Bekehrung, einige zur einmaligen Rückkehr, einige zur Nichtrückkehr und einige zur Heiligkeit.

 

§C. Hierauf stellte der Meister die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Damals waren meine Eltern meine jetzigen Eltern, der Wachtelkönig aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Wachtel


[1] Ein anderer Name für den Berg Meru, vgl. Jātaka 31 Anm. 13.

[2] Das Karisa ist ein Flächenmaß von zweifelhafter Ausdehnung. Es scheint etwa 8 Morgen zu entsprechen.

[3] Dies ist der Baum, an dessen Fuß Buddha und nach der späteren Lehre auch alle anderen Buddhas zur Erleuchtung gelangten. (Vgl. „Leben des Buddha“, S. 66 und 341.)


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