43 Veluka-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

43. Die Erzählung von Veluka (Veluka-Jātaka)

„Wer trotz Ermahnung“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unfolgsamen Mönch. Nachdem nämlich der Erhabene auf seine Frage: „Ist es wahr, Mönch, dass du unfolgsam bist?“, die Antwort erhalten hatte: „Es ist wahr, Herr“, sprach er: „Nicht nur jetzt, o Mönch, bist du unfolgsam, sondern auch schon früher warst du unfolgsam; und infolge deiner Unfolgsamkeit, weil du nicht nach dem Wort der Weisen tatest, bist du durch einen Schlangenbiss getötet worden.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer sehr wohlhabenden Familie seine Wiedergeburt. Als er aber zur Einsicht gekommen war und merkte, dass in den Lüsten Sündlichkeit, im Verlassen der Welt aber Nutzen liege, gab er die Lüste auf und begab sich nach dem Himalaya, wo er die Weltflucht der Weisen [1] betätigte. Nachdem er dort die Vorbereitungen zur Meditation erledigt hatte [2], wurde er der fünf Fähigkeiten [3] und der acht Stufen der Beschauung [4] teilhaftig und lebte im Glück der Ekstase. Später weilte er dort mit großem Gefolge, nämlich umgeben von fünfhundert Büßern, als Meister der Schar.

Es kam aber einmal eine junge Schlange, als sie nach ihrer Gewohnheit wandelte, zur Einsiedelei eines Büßers hin. Der Büßer fühlte Liebe zu ihr wie zu einem Sohne; und er machte ihr ein Lager in einem Bambusknoten [5] und zog sie auf. Weil sie aber in einem Bambusknoten ihr Lager hatte, gab man ihr den Namen Veluka (= „Bambustier“). Und den Büßer, der sie mit Vaterliebe aufzog, nannte man den Veluka-Vater. — Damals hörte nun der Bodhisattva, ein Büßer ziehe eine Schlange auf; und er ließ ihn rufen und fragte: „Ist es wahr, dass du eine Schlange aufziehst?“ Als jener erwiderte: „Ja, es ist wahr“, fuhr der Bodhisattva fort: „Einer Schlange darf man nicht vertrauen, ziehe sie nicht auf!“ Allein der Büßer versetzte: „Sie ist mein geistiger Sohn [6]; ich kann ohne sie nicht leben.“ Darauf sprach der Bodhisattva: „Darum wirst du durch sie dein Leben verlieren.“ Der Büßer aber nahm das Wort des Bodhisattva nicht an, denn er konnte seine Schlange nicht verlassen. —

Einige Tage darauf gingen alle Büßer weg, um Beeren zu suchen; und als sie an einer Stelle, wohin sie kamen, merkten, dass man dort leicht Beeren bekommen könne, blieben sie zwei oder drei Tage dort. Auch der Veluka-Vater ging mit ihnen, nachdem er die Schlange in den Bambusknoten gelegt und diesen verschlossen hatte. Als er mit den Büßern nach Verlauf von zwei oder drei Tagen zurückkehrte, dachte er: „Ich will Veluka Futter geben“; und er öffnete den Bambusknoten und streckte seine Hand aus mit den Worten: „Komm, Sohn, du bist hungrig.“ Die Schlange aber war zornig, weil sie zwei oder drei Tage nichts gefressen hatte, und biss ihn in die ausgestreckte Hand; und nachdem sie ihm so das Leben geraubt hatte, begab sie sich in den Wald zurück. —

Als die Büßer dies sahen, teilten sie es dem Bodhisattva mit. Der Bodhisattva ließ dessen Leichnam die letzten Ehren erweisen; dann setzte er sich inmitten der Schar der Weisen nieder und sprach zur Ermahnung der Weisen folgende Strophe:

§1. „Wer trotz Ermahnung nicht nach dessen Worten tut,
der, auf sein Wohl bedacht, sich seiner recht erbarmt,
der liegt vernichtet da, wie es
dem Vater Velukas erging.“

Nachdem so der Bodhisattva die Schar der Weisen ermahnt hatte, betätigte er die vier Vollkommenheiten [7] und gelangte hierauf am Ende seines Lebens in den Brahma-Himmel.

 

§C. Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt bist du unfolgsam, Mönch, sondern schon in früherer Zeit bist du infolge deiner Unfolgsamkeit durch einen Schlangenbiss zur Verwesung gekommen“, diese Lehrunterweisung beendigt hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Veluka-Vater der unfolgsame Mönch, die übrige Schar war die Buddhaschar, der Meister der Schar aber war ich.“

Ende der Erzählung von Veluka


[1] D. h. das Aufgeben der Welt, wie es vor Buddha betätigt wurde.

[2] Damit ist gemeint das Aufsuchen eines einsamen Ortes, das Hinstarren auf einen Punkt, das Hersagen gewisser Formeln u. dgl.

[3] Dies sind:

1. die Fähigkeit Wunder zu wirken,
2. das göttliche Gehör,
3. die Kenntnis der Gedanken anderer,
4. die Kenntnis der früheren Existenzen,
5. das göttliche Auge.

[4] Vgl. „Leben des Buddha“, S. 344.

[5] Gemeint ist ein Stück Bambusrohr, das von zwei Knoten eingefasst ist.

[6] So übersetzt Steinthal treffend das Wort „acariyaputta“, eigentlich „Lehrersohn“.

[7] Diese beziehen sich auf die Güte gegen alles Lebende.


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