50 Dummedha-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

50. Die Erzählung von den Toren (Dummedha-Jātaka)

„Der Toren tausend“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den für die Welt wohltätigen Wandel.

§D. Dies wird im zwölften Buche im Mahakanha-Jātaka berichtet werden.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Leibe der ersten Gemahlin dieses Königs seine Wiedergeburt. Als er den Schoß seiner Mutter verlassen hatte, gab man ihm am Namengebungstage den Namen Prinz Brahmadatta. Als er sechzehn Jahre alt geworden war, erlernte er zu Takkasilā die Künste; dabei wurde er sehr bewandert in den drei Veden und gelangte zur Vollkommenheit in den achtzehn Wissensgebieten. Darauf übertrug ihm sein Vater das Amt des Vizekönigs. —

Zu dieser Zeit feierten die Bewohner von Benares die Gottheiten, sie verehrten die Gottheiten; sie töteten viele Ziegen, Schafe, Hähne, Schweine und andere Tiere und verrichteten ihre Opfer mit mannigfachen Blumen und wohlriechenden Substanzen, aber auch mit Fleisch und Blut. Da dachte bei sich der Bodhisattva: „Jetzt führt man, um die Gottheiten zu feiern, viele Tiertötungen aus; viel Volks ist darum nur noch mehr dem Unrecht ergeben. Wenn ich nach meines Vaters Tode die Herrschaft erlange, werde ich, ohne irgendjemand zu schädigen, nur durch Klugheit verhindern, dass Tiere getötet werden.“— Und eines Tages bestieg er seinen Wagen und verließ die Stadt; da sah er viel Volks bei einem großen Bananenbaum versammelt, das der Gottheit, die in diesem Baume wohnte, alle seine Wünsche in Bezug auf Sohn, Tochter, Ruhm, Geld u. dgl. ans Herz legte. Er stieg vom Wagen herab und ging zu dem Baume hin. Hier feierte er die Gottheit, indem er sie mit Wohlgerüchen und Blumen ehrte, den Baum mit Wasser besprengte und ihn dreimal von rechts umwandelte [2]. Nachdem er so die Gottheit verehrt hatte, bestieg er seinen Wagen und kehrte wieder in die Stadt zurück. Von da an kam er von Zeit zu Zeit dorthin und brachte seine Verehrung dar wie einer, der die Gottheit feiert.

Als er aber später nach dem Tode seines Vaters den Thron bestiegen hatte, hielt er sich von den vier Fehlern [3] fern, betätigte die Tugenden eines Königs und führte in Gerechtigkeit seine Herrschaft. Da dachte er bei sich: „Mein Wunsch ist erfüllt, ich bin auf den Thron gekommen; all das, was ich früher vorhatte, werde ich jetzt zur Ausführung bringen.“ Und er ließ seine Minister sowie die Brahmanen, Hausväter und die anderen (Kasten) zusammenkommen und sprach zu ihnen: „He, wisst ihr, aus welcher Ursache ich die Herrschaft erlangt habe?“ Sie antworteten: „Wir wissen es nicht, Herr.“ Er fuhr fort: „Habt ihr mich früher gesehen, wie ich dem und dem Bananenbaum meine Huldigung darbrachte, indem ich ihn mit Wohlgerüchen u. dgl. verehrte und die Hände gegen ihn faltete [4]?“ Sie sagten „Ja, Herr.“ Nun sprach der König: „Damals tat ich das Gelübde: ‘Wenn ich auf den Thron komme, werde ich dir ein Opfer darbringen.’ Durch die Macht dieser Gottheit habe ich die Herrschaft erlangt. Jetzt werde ich ihr ein Opfer darbringen; besorget ihr ohne Zögern rasch ein Opfer für die Gottheit.“ Sie fragten: „Was sollen wir denn dazu nehmen, Herr?“ Er erwiderte: „He, als ich die Gottheit anflehte, gelobte ich folgendes: ‘Wer in meinem Reiche der Tötung von lebenden Wesen u. dgl., den fünf Sünden [sikkhāpada], den zehn Wegen des Unrechts [6] ergeben ist, den werde ich töten und seine Eingeweide, seine Manneskraft, sein Fleisch und sein Blut zum Opfer bringen.’ Darum lasst die Trommel herumgehen und verkünden: ‘Unser König hat zur Zeit, da er Vizekönig war, gelobt, wenn er zur Regierung komme, werde er alle, die in seinem Reiche lasterhaft sein würden, töten und zum Opfer bringen. Jetzt will er von den Lasterhaften, die den fünf oder den zehn Arten der Sünde ergeben sind, tausend töten, ihr Herz, Fleisch usw. nehmen lassen und sie der Gottheit opfern. Dies sollen die Stadtbewohner wissen.’ Wenn aber dieses verkündet ist, werde ich von denjenigen, welche von jetzt an in der Lasterhaftigkeit bleiben, tausend töten, sie zum Opfer bringen und mich so von meinem Gelübde lösen.“ Als er dies verkündigte, sprach er folgende Strophe:

§1. „Der Toren tausend hab ich mir
zu opfern einstmals vorgesetzt.
Jetzt werd das Opfer ich vollziehn;
gar viele gibt 's, die Unrecht tun.“

Als die Minister die Rede des Bodhisattva vernommen hatten, sprachen sie: „Es ist gut, Herr“, und ließen in der zwölf Yojanas großen Stadt Benares die Trommel herumgehen. Als man aber das mit der Trommel verkündete Verbot gehört hatte, gab es auch nicht einen Mann mehr, der dem ergeben blieb. So fand man, solange der Bodhisattva regierte, keinen, der von den fünfzehn Arten der Sünden auch nur eine betätigt hätte. Nachdem so der Bodhisattva, ohne auch nur einen Mann geschädigt zu haben, alle Bewohner seines Reiches zur Haltung der Gebote veranlasst und selbst gute Werke, wie Almosen Geben u. dgl., getan hatte, gelangte er am Ende seines Lebens mit seiner Umgebung in die Götterstadt.

 

§C. Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, wandelt der Vollendete zum Heile der Welt, sondern auch schon früher wandelte er so“, diese Lehrunterweisung beendigt hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals waren die Scharen des Königs die Buddhaschar, der König von Benares aber war ich.“

Ende der Erzählung von den Toren


[2] Dies ist eine sehr gebräuchliche Art der Ehrenbezeigung, die auch Buddha gegenüber von seinen Anhängern zur Anwendung kam; vgl. „Leben des Buddha“, S. 6 und öfters.

[3] Die vier Fehler (pali „agati“) sind:

(1.) Die Lust,
(2.) der Hass,
(3.) die Verblendung und
(4.) die Furcht.

[4] Auch dies ist eine bei den Buddhisten gewöhnliche Art der Huldigung; vgl. „Leben des Buddha“, S. 324, Anm. 42.

[6] Diese sind:

1. Mord,
2. Diebstahl,
3. Hurerei,
4. Lüge,
5. Verleumdung,
6. unfreundliche Rede,
7. leichtsinnige Rede,
8. Habsucht,
9. Hass,
10. falscher Glaube.

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