85 Kimpakka-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

85. Die Erzählung von dem Kimpakka-Baume (Kimpakka-Jātaka) [1]

„Wer nicht erkennt, dass daraus in der Zukunft“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch. Irgendein Sohn aus guter Familie nämlich hatte der Buddhalehre sein Herz geschenkt und war Mönch geworden. Als er eines Tages in Savatthi Almosen sammelte, sah er ein geschmücktes Weib und wurde unzufrieden. Darauf brachten ihn seine Lehrer und Unterweiser zum Meister hin. Der Meister fragte ihn: „Ist es wahr, Mönch, dass du unzufrieden bist?“ Als er zur Antwort erhielt: „Es ist wahr“, sprach er: „Die fünf Arten der sinnlichen Vergnügungen [2] sind entzückend zur Zeit, wo man sie genießt; ihr Genuss aber ist, weil er die Wiedergeburt in der Hölle und anderen Straforten nach sich zieht, dem Genuss der Früchte des Kimpakka-Baumes gleich. Die Kimpakka-Frucht nämlich ist voll Schönheit, Wohlgeruch und Wohlgeschmack; wenn man sie aber verzehrt hat, zerstört sie die Eingeweide und bringt den Tod. In früherer Zeit sind viele Leute, die die Schädlichkeit dieser Frucht nicht bemerkten und durch ihre Schönheit, ihren Wohlgeruch und Wohlgeschmack gefesselt diese Frucht verzehrten, dem Tode verfallen.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem Brahmadatta in Benares regierte, war der Bodhisattva ein Karawanenführer. Als er einmal von Osten nach Westen zog und an einen Waldrand kam, versammelte er seine Leute und ermahnte sie: „In diesem Walde sind nämlich Giftbäume. Esst keine Früchte, die ihr vorher noch nicht genossen habt, ohne mich um Erlaubnis gefragt zu haben.“ Als nun die Leute den Wald durchschritten, sahen sie am Waldrande einen Kimpakka-Baum, der einen mit Früchten beladenen Zweig herniedersenkte. Dessen Stamm, Zweige, Blätter und Früchte glichen an Aussehen, Farbe, Geschmack und Geruch einem Mangobaum. Einige von ihnen wurden durch die Farbe, den Geschmack und Geruch gefesselt und verzehrten die Früchte in der Meinung, es seien Mangofrüchte; andere aber sagten:  „Wir wollen sie erst verzehren, wenn wir unsern Karawanenführer gefragt haben“, nahmen sie in die Hand und blieben so stehen.

Als der Bodhisattva an diesen Ort kam, ließ er diejenigen, die mit den Früchten in der Hand dastanden, dieselben wegwerfen; diejenigen, die davon gegessen, ließ er sich erbrechen und gab ihnen Arznei. Einige von diesen wurden gesund; die aber zuerst davon gegessen hatten, die mussten sterben. —

Nachdem aber der Bodhisattva glücklich an sein gewünschtes Ziel gelangt war, machte er dort Gewinn und kehrte dann wieder an seinen Ort zurück. Und nachdem er Almosen gegeben und noch andere gute Werke verrichtet hatte, gelangte er an den Ort seiner Verdienste.

 

§A2. Als der Meister diese Begebenheit erzählt hatte, sprach er, der völlig Erleuchtete [3], folgende Strophe:

§1. „Wer nicht erkennt, dass daraus in der Zukunft

ihm Schuld erwächst, und seinen Lüsten dient,

den töten sie, wenn sie zur Reife kommen,

wie des Kimpakka Frucht den, der sie isst.“

Nachdem er dann mit den Worten: „So töten auch die Lüste, die zur Zeit des Genusses erfreulich sind, wenn sie zur Reife gelangt sind“, die Unterweisung zur Verknüpfung fortgeführt hatte [4], verkündete er die Wahrheiten. Dabei gelangte der unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung; von der übrigen Versammlung aber wurden einige bekehrt, einige einmal zurückkehrend, einige nicht zurückkehrend und einige heilig.

 

§C. Nachdem der Meister dann diese Lehrunterweisung beendet hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Die damalige Versammlung war die Buddhaschar, der Karawanenführer aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Kimpakka-Baume


[1] Vgl. dazu das ganz ähnliche Jātaka 54, wo der Baum jedoch Kimphala heißt.

[2] Nämlich die Vergnügungen des Gesichts, Gehörs, Geruchs, Geschmacks und Gefühls.

[3] Vgl. Jātaka 28 Anm. 6. [D. h. nicht, wie in den meisten Jātakas, in der betreffenden Existenz, sondern als Buddha.]

[4] D. h. bis zur Verknüpfung des Jātaka mit der Erzählung der Gegenwart.


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