87 Mamgala-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

87. Die Erzählung von den Vorzeichen (Mamgala-Jātaka)

„Wer von den Vorbedeutungen sich frei macht“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf einen der Kleidervorzeichen [1] kundigen Brahmanen. Zu Rājagaha nämlich wohnte ein Brahmane, der war ein eifriger Beobachter der Vorzeichen, kein Anhänger der drei Kleinodien und irrgläubig. Dabei war er wohlhabend, reich, sehr vermögend. Nun zerfraß eine Maus ein Paar Gewänder [2] von ihm, das in einem Kasten lag. Als er einmal sein Haupt gebadet hatte und rief: „Bringt mir meine Gewänder“, meldete man ihm, sie seien von einer Maus zerfressen worden. Da überlegte er: „Wenn dies von einer Maus zerbissene Gewänderpaar in diesem Hause bleibt, wird ein großes Unheil daraus entstehen; denn dieses ist voll schlechter Vorbedeutung und gleicht einem Unglücksvogel. Meinen Söhnen und Töchtern oder meinen Sklaven und Dienern kann ich es auch nicht geben; denn wer es erhält, über den wird gänzlich ein großes Unheil hereinbrechen. Ich werde es auf ein Leichenfeld werfen lassen. Doch kann ich es nicht Sklaven und dergleichen Leuten in die Hände geben; denn diese würden Lust danach bekommen, es nehmen und dadurch in großes Unheil stürzen. Ich will es meinem Sohn in die Hand geben.“ Und er ließ seinen Sohn rufen, teilte ihm diese Sache mit und schickte ihn fort mit den Worten: „Lieber, berühre es nicht mit der Hand, sondern nimm es auf einem Stock mit, wirf es auf dem Leichenfelde weg, bade dich hierauf von Kopf bis zu Fuß und komme zurück.“

An diesem Tage aber blickte der Meister zur Zeit der Morgendämmerung nach Verwandten aus, die zu bekehren wären; und da er bei diesem Vater und seinem Sohne die Möglichkeit der Erreichung der Frucht der Bekehrung bemerkte, ging er weg gleich einem Jäger, der der Spur des Wildes nachgeht, und setzte sich am Tore des Leichenfeldes nieder, sechsfarbige Buddhastrahlen entsendend. Der junge Brahmane aber kam, das Wort seines Vaters befolgend, zum Tore des Leichenfeldes, indem er das Gewänderpaar gleich einer Hausschlange auf der Spitze des Stockes trug. Da sprach zu ihm der Meister: „Was tust du, junger Brahmane?“ Dieser erwiderte: „He, Gotama [3], dies Gewänderpaar, das von einer Maus zerbissen wurde, gleicht einem Unglücksvogel; es ist dem Halahala-Gifte vergleichbar. Mein Vater hat aus Furcht, es möchte ein andrer, wenn er es wegwerfen sollte, Verlangen danach empfinden und es an sich nehmen, mich damit fortgeschickt. Ich bin nun damit hierher gekommen, um es wegzuwerfen und dann mein Haupt zu baden, he, Gotama.“ „Wirf es also weg.“ Der junge Brahmane warf es weg. Darauf nahm der Meister mit den Worten: „Für uns passt es jetzt“, vor dessen Augen das mit übler Vorbedeutung erfüllte Gewand, obwohl dieser ihn abzuhalten suchte mit den Worten: „He, Gotama, dies gleicht einem Unglücksvogel; nimm es nicht!“ Und er ging nach dem Veluvana hin.

Der Knabe aber lief rasch zu seinem Vater hin und meldete ihm: „Vater, das Gewänderpaar, das ich auf dem Leichenfelde wegwarf, hat der Asket Gotama trotz meiner Abhaltungsversuche an sich genommen, indem er sagte: ‘Für uns passt es’, und ist damit nach dem Veluvana gegangen.“ Da dachte der Brahmane: „Dies Gewänderpaar ist übler Vorbedeutung voll und einem Unglücksvogel gleich. Auch der Asket Gotama wird zugrunde gehen, wenn er davon Gebrauch macht. Daraus würde ein Vorwurf gegen uns entstehen; ich will daher dem Asketen Gotama viele andere Gewänder geben und ihn zum Wegwerfen dieser veranlassen.“ Und er ließ viele Gewänder mitnehmen und ging nach dem Veluvana.

Als er den Meister sah, sprach er, ihm zur Seite stehend, folgendes: „He, Gotama, ist es wahr, dass du vom Leichenfelde ein Gewänderpaar genommen hast?“ „Es ist wahr, Brahmane“, versetzte Buddha. Jener fuhr fort: „He, Gotama, dies Gewänderpaar ist voll übler Vorbedeutung; wenn Ihr es gebraucht, werdet Ihr zugrunde gehen und das ganze Kloster wird zugrunde gehen. Wenn Ihr nicht genügend Unterkleider oder Oberkleider habt, so nehmt diese Gewänder, das andere aber werfet fort.“ Darauf sprach der Meister zu ihm: „Wir haben der Welt entsagt, Brahmane; für uns passen Lumpen, die an Orten wie einem Leichenfeld, auf der Straße, auf dem Schmutzhaufen, an einer Badestelle, an der Landstraße weggeworfen oder zu Boden gefallen sind. Du aber bist nicht nur jetzt so abergläubig, sondern auch schon früher warst du es.“ Und nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte jenes folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem herrschte im Reiche Magadha in der Stadt Rājagaha ein tugendhafter König von Magadha. Damals hatte der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie des Nordens seine Wiedergeburt genommen. Als er zur Vernunft gekommen war, betätigte er die Weltflucht der Weisen und erlangte, an dem Himalaya wohnend, die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten. Zu einer Zeit ging er vom Himalaya fort und kam in den königlichen Park in der Stadt Rājagaha. Dort nahm er Wohnung und ging am zweiten Tag in die Stadt hinein, um Almosen zu sammeln. Als der König ihn sah, ließ er ihn zu sich rufen; und er ließ ihn in seinem Palaste sich niedersetzen, gab ihm zu essen und erlangte von ihm die Zustimmung, nur in seinem Parke zu bleiben. Als der Bodhisattva im Hause des Königs gespeist hatte, nahm er in dem Parke Wohnung.

Zu dieser Zeit war in der Stadt Rājagaha ein Brahmane, der „Kleidervorzeichenkenner“ [Dussalakkhana-brahmana] mit Namen. Ein Gewänderpaar von diesem, das in einen Kasten gelegt war, zerbiss eine Maus, alles genau so wie oben. Als aber der Brahmanenknabe nach dem Leichenfelde ging, war der Bodhisattva zuvor schon dorthin gekommen und hatte sich an der Türe des Leichenfeldes niedergesetzt; und er nahm das von jenem weggeworfene Gewänderpaar und kehrte damit in den Park zurück. Der Knabe ging hin und meldete es seinem Vater. Da dachte der Vater: „Der dem König aufwartende Asket könnte dadurch zugrunde gehen“; und er ging zum Bodhisattva hin und sprach: „O Asket, wirf die von dir mitgenommenen Gewänder weg, dass du nicht zugrunde gehest.“ Der Asket erwiderte: „Für uns passen Lumpen, die auf dem Leichenfelde weggeworfen sind. Wir beachten nicht die Vorzeichen; das Beachten der Vorzeichen ist ja nicht von Buddhas oder Paccekabuddhas oder Bodhisattvas gebilligt. Darum soll ein Weiser die Vorzeichen nicht beachten.“ Damit erklärte er dem Brahmanen die Lehre. Als der Brahmane die Lehre vernommen, gab er seine Irrlehre auf und nahm zum Bodhisattva seine Zuflucht. Der Bodhisattva aber gelangte, in unaufhörlicher Ekstase lebend, in den Brahma-Himmel.

 

§A2. Nachdem der Meister diese Erzählung aus der Vergangenheit beendet, sprach er, der völlig Erleuchtete, um dem Brahmanen die Lehre zu erklären, folgende Strophe:

§1. „Wer von den Vorbedeutungen sich frei macht,
von Omina, von Träumen und von Zeichen,
der kommt, von Aberglaubens Schuld erlöset,
die Sündenpaar' [4] besiegend, nicht mehr wieder [5].“

Nachdem der Meister mit dieser Strophe dem Brahmanen die Lehre erklärt hatte, verkündete er abermals die Wahrheiten. Am Ende der Verkündigung der Wahrheiten gelangte der Brahmane samt seinem Sohne zur Frucht der Bekehrung.

 

§C. Darauf verband der Meister das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals waren dieselben Vater und Sohn, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von den Vorzeichen


[1] Auch aus der Beschaffenheit der Kleider suchte man bestimmte Vorbedeutungen zu entnehmen.

[2] Nämlich ein zusammengehöriges Unter- und Obergewand.

[3] In der Anrede, die nur niedriger Gestellten gegenüber angewendet wurde, zeigt sich das Gefühl des höheren Ranges, den der junge Brahmane dem Asketen gegenüber empfindet. Daher ist die Übersetzung von Chalmers „my good Gotama“ nicht zutreffend. Buddha wird übrigens stets von den Andersgläubigen nur „der Asket Gotama“ genannt.

[4] Die einzelnen Sünden waren paarweise zusammengestellt, wie Zorn und Hass u ä.

[5] D. h. er wird durch dies (in der damaligen Zeit seltene) Verdienst von der Wiedergeburt befreit.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)