143 Virocana-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

143. Die Erzählung von dem Aufleuchten (Virocana-Jātaka)

„Verspritzt ist jetzt dir dein Gehirn“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung darauf, dass Devadatta sich auf dem Geierskopf das Buddhawesen anmaßte [1]. Als nämlich Devadatta die Fähigkeit zur Ekstase verloren und Ehre und Ansehen eingebüßt hatte, dachte er: „Dies ist ein Mittel“, und erbat vom Meister die fünf Wünsche [2]. Als er sie nicht gewährt bekam, nahm er fünfhundert Mönche, Gefährten der beiden hervorragendsten Schüler [3], die erst vor kurzem die Welt verlassen hatten und noch unerfahren waren in Lehre und Disziplin, mit sich nach dem Geierskopf, spaltete so die Gemeinde und übte die Leitung der getrennten, abgesonderten Gemeinde aus. —

Als der Meister merkte, dass die Einsicht dieser Mönche zur Reife gelangt sei, schickte er seine zwei hervorragendsten Schüler hin. Als Devadatta sie sah, erklärte er befriedigten Herzens während der Nacht die Lehre. Dann dachte er: „Ich will die Buddha-Anmut zeigen“; und er nahm das Buddha-Benehmen an und sprach: „Frei von Müdigkeit und Trägheit, lieber Sāriputta, ist die Mönchsgemeinde; erstrahlen soll für diese Mönche die Erklärung der Lehre. Mein Rücken aber ist ermattet; ich will ihn ausstrecken [3a].“ Nach diesen Worten schlief er ein.— Die beiden hervorragendsten Schüler aber erklärten den Mönchen die Lehre, belehrten sie über die Früchte der Wege [4] und kehrten darauf mit ihnen allen nach dem Veluvana zurück.

Als aber Kokālika [5] das Kloster leer sah, ging er zu Devadatta hin und sagte zu ihm: „Freund Devadatta, die beiden hervorragendsten Schüler haben dein Gefolge zerstört und sind weggegangen, nachdem sie das Kloster leer gemacht. Warum schläfst du aber auch?“ Darauf zog er ihm das Obergewand weg und stieß ihn, wie wenn er in einen Wall einen Pfahl einrammen würde [6], mit der Ferse auf die Brust. Sofort strömte jenem Blut aus dem Munde und von da an war er krank [7].

Der Meister fragte den Thera: „Sāriputta, was tat Devadatta, da ihr kamt?“ „Herr, als Devadatta uns sah, wollte er die Buddha-Anmut zeigen, nahm das Buddha-Benehmen an und stürzte dadurch in großes Verderben.“ Darauf sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, o Sāriputta, ist Devadatta, da er mich nachahmte, in das Verderben gestürzt, sondern auch früher schon ging es ihm so.“ Und auf die Bitte des Thera erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva ein Mähnenlöwe und wohnte in der Gegend des Himalaya in der Goldhöhle. Eines Tage ging er aus der Goldhöhle heraus, reckte sich, schaute nach den vier Himmelsgegenden, stieß das Löwengebrüll aus und suchte sich Nahrung. Er tötete einen großen Büffel und verzehrte sein Fleisch; dann stieg er in einen Teich, füllte seinen Leib mit edelsteinfarbigem Wasser und ging darauf wieder nach seiner Höhle zu. Hier sah ein Schakal, der sich Nahrung suchte, plötzlich den Löwen; da er ihm nicht mehr entrinnen konnte, fiel er dem Löwen zu Füßen und blieb liegen. Als der Löwe ihn fragte: „Was willst du, Schakal?“, erwiderte er: „Gebieter, ich will deine Füße verehren.“ Der Löwe entgegnete: „Gut, komme und warte mir auf; ich werde dir vortreffliches Fleisch zu fressen geben“; und er nahm den Schakal mit nach der Goldhöhle.

Von da an fraß der Schakal, was der Löwe übrig ließ, und nach kurzer Zeit bekam er einen dicken Körper. Als nun eines Tages der Löwe in der Höhle lag, sprach er zu ihm: „Gehe, Schakal, stelle dich auf den Gipfel des Berges und wähle dir von den am Fuße des Berges wandelnden Elefanten, Pferden, Büffeln und dergleichen ein Tier aus, dessen Fleisch du fressen willst. Dann komme zu mir und sage: ‘Das und das Fleisch möchte ich fressen’, verehre mich und sprich: ‘Leuchte auf, Gebieter!’ Ich werde dann dies Tier töten, sein Fleisch verzehren und dir auch davon geben.“ — Der Schakal stieg auf den Gipfel des Berges, sah sich die verschiedenen Tiere an und teilte, nachdem er in die Goldhöhle zurückgekehrt war, dem Löwen mit, wessen Fleisch er fressen wolle; darauf fiel er ihm zu Füßen und sprach: „Leuchte auf, Gebieter!“ Der Löwe sprang schnell auf und brachte das Tier ums Leben, auch wenn es ein brünstiger, starker Elefant war; dann verzehrte er das treffliche Fleisch und gab dem Schakal auch davon. Der Schakal aber fraß Fleisch, bis sein Bauch gefüllt war; dann ging er in die Höhle und schlief.

Als nun die Zeit verging, wurde folgender Wunsch immer stärker in ihm: „Auch ich bin ein Vierfüßler; warum lasse ich mich Tag für Tag von anderen ernähren? Von jetzt an will ich selbst Elefanten und andere Tiere erlegen und ihr Fleisch fressen. Auch der Löwe, der König der Tiere, tötet die Elefanten nur kraft des Spruches: ‘Leuchte auf, Gebieter!’ Ich werde mich vom Löwen ebenso anreden lassen: ‘Leuchte auf, Schakal’; dann werde auch ich einen starken Elefanten töten und sein Fleisch fressen.“ Und er ging zu dem Löwen hin und sprach: „Gebieter, ich fresse schon lange das Fleisch der starken Elefanten, die Ihr getötet. Auch ich möchte einen Elefanten erlegen, sein Fleisch fressen und dann in der Goldhöhle an der Stelle mich niederlegen, wo Ihr liegt. Ihr aber sucht Euch einen am Fuße des Berges herumwandelnden starken Elefanten aus, kommt zu mir und sagt: ‘Leuchte auf, Schakal!’ Seid doch nicht so neidisch!“ Der Löwe aber antwortete ihm: „O Schakal, nur das Löwengeschlecht besitzt die Fähigkeit, einen Elefanten zu töten; einen Schakal aber, der im Stande wäre, einen Elefanten zu erlegen und sein Fleisch zu fressen, gibt es nicht auf der Welt. Möge dir dies nicht gefallen! Bleibe nur bei dem Verzehren der von mir getöteten starken Elefanten.“ Jener aber wollte trotz dieser Worte nicht nachgeben, sondern bat immer wieder.

Als der Löwe ihn nicht mehr zurückhalten konnte, willigte er ein, indem er sagte: „Komme also an meinen Aufenthaltsort und lege dich nieder.“ Nachdem er den Schakal in der Goldhöhle sich hatte niederlegen lassen, sah er am Fuße des Berges einen starken, brünstigen Elefanten; und er kam an die Türe der Höhle und sprach: „Leuchte auf, Schakal!“ Der Schakal ging aus der Goldhöhle heraus, reckte sich, schaute nach den vier Himmelsgegenden, brüllte dreimal und wollte dem brünstigen, starken Elefanten auf seine Stirngeschwulst springen; er verfehlte ihn aber und fiel ihm zu Füßen. Der Elefant hob den rechten Fuß auf und trat auf seinen Kopf; dadurch wurden seine Kopfknochen vollständig zermalmt. Darauf scharrte der Elefant den Körper des Schakals mit seinem Fuße zusammen, machte einen Haufen daraus und ließ seinen Mist darauf fallen; dann stieß er einen Ton aus wie von einer Muscheltrompete und ging in den Wald zurück. Als der Bodhisattva diese Begebenheit bemerkte, sagte er: „Jetzt leuchte auf, Schakal!“ Und darauf sprach er folgende Strophe:

§1. „Verspritzt ist jetzt dir dein Gehirn,
zerspalten ist dein Schädel dir,
gebrochen alle Rippen sind;
fürwahr, du leuchtest heute auf.“

Nachdem der Bodhisattva diese Strophe gesprochen, verlebte er den Rest seines Lebens und gelangte hierauf an den Ort seiner Bestimmung.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Schakal Devadatta, der Löwe aber war ich.“

Ende der Erzählung vom Aufleuchten


[1] Vgl. die Schilderung in „Leben des Buddha“, S. 184 ff.

[2] Diese fünf Wünsche sind in Jātaka 11 Anm. 4 angeführt. [Diese fünf Forderungen beabsichtigten eine Verschärfung der Disziplin. Sie lauteten:

Vgl. dazu und zu dem Folgenden „Leben des Buddha“, S. 180 ff.]

[3] Die hervorragendsten Schüler sind Sāriputta und Mogallāna.

[3a] Devadatta ahmte damit eine Verhaltensweise des Buddha nach, der unter Rückenproblemen litt und Sāriputta gerne die Unterweisung der Mönche überließ.

[4] Nämlich der vier Wege zum Nirvana; vgl. Jātaka 1 Anm. 25. [Zum Nirvana führt ein vierfacher Weg:

Näheres in „Leben des Buddha“, S. 329 f., Anm. 83.]

[5] Der bedeutendste Anhänger Devadattas; vgl. Jātaka 117 Anm. 1.

[6] Der Sinn der Stelle scheint dieser von Chalmers angegebene zu sein; der Wortlaut steht aber nicht fest, da die Handschriften weit auseinandergehen.

[7] Nach andrer Überlieferung fand Devadatta damals infolge des Blutsturzes seinen Tod.


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