152 Sigala-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

152. Die Erzählung von dem Schakal (Sigala-Jātaka)

„Die Tat, die unbedacht geschieht“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er in der Pagodenhalle verweilte, mit Beziehung auf den zu Vesali wohnenden Sohn eines Baders. Dessen Vater nämlich verrichtete bei den Königen, den königlichen Frauen, den königlichen Prinzen und Prinzessinnen alle Arbeiten, wie den Bart in Ordnung bringen, die Haare flechten, die Haare gefällig anordnen u. dgl. Er war aber gläubig und bekehrt; er hatte zu der Dreiheit seine Zuflucht genommen [1] und beobachtete die fünf Gebote. Indem er in regelmäßigen Zwischenräumen die Predigt des Meisters hörte, verbrachte er die Zeit.

Als er nun eines Tages ging, um im königlichen Palaste seine Arbeit zu verrichten, nahm er seinen Sohn dorthin mit. Dieser sah dort eine schön geschmückte Licchavi-Prinzessin [2], die einem Göttermädchen glich, und in leidenschaftlicher Liebe fesselte er an sie sein Herz. Als er mit seinem Vater den königlichen Palast verließ, sagte er: „Wenn ich diese Prinzessin bekomme, so werde ich leben; wenn ich sie nicht bekomme, so ist dies mein Tod!“ Und er aß nicht mehr, sondern lag da, sein Lager umfassend. — Da ging sein Vater zu ihm hin und sprach: „Mein Lieber, fasse keine Neigung und keinen Gefallen zu etwas, das für dich nicht passt. Du bist ein Baderssohn aus niedriger Kaste, die Licchavi-Prinzessin aber ist eine Kriegerstochter aus edler Kaste. Sie ist dir nicht entsprechend; ich will dir ein Mädchen zuführen, das an Kaste und Herkunft dir gleicht.“ Jener aber nahm die Worte seines Vaters nicht an. Darauf versammelten sich seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester, seine Tante, sein Onkel, kurz alle seine Verwandten sowie auch seine Freunde und Vertrauten und suchten ihn zu überreden; aber sie vermochten es nicht. So schwand er allmählich ganz hin und verschied.

Nachdem sein Vater seinen Leichnam verbrannt und die für einen abgeschiedenen Geist passenden Ehrungen [3] verrichtet hatte und als der Schmerz geringer geworden war, dachte er: „Ich will den Meister verehren.“ Und er nahm viel Parfüms, Kränze und Salben und begab sich nach dem Mahavana [4]. Hier begrüßte er den Meister, verehrte ihn und setzte sich ihm zur Seite. Als er gefragt wurde: „Warum, Laienbruder, lassest du dich in diesen Tagen nicht sehen?“, erzählte er die Geschichte. Darauf sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, o Laienbruder, ist dein Sohn ins Verderben gestürzt, weil er von Lust und Gefallen zu einem nicht für ihn passenden Gegenstand befallen wurde, sondern auch schon früher erging es ihm so.“ Und nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wurde der Bodhisattva in der Gegend des Himalaya als ein Löwe wiedergeboren. Er hatte sechs jüngere Brüder und eine Schwester. Sie alle wohnten in der Goldhöhle. Unweit von dieser Höhle aber befand sich im Silberberge eine Kristallhöhle. Dort wohnte ein Schakal.

— In der Folgezeit starben die Eltern der Löwen. Die Brüder ließen ihre Schwester, die junge Löwin, in der Goldhöhle, gingen weg, um Futter zu holen, brachten Fleisch mit und gaben es ihr.

Der Schakal aber hatte die junge Löwin gesehen und sein Herz an sie gefesselt. Solange nun ihre Eltern lebten, fand er keine Gelegenheit. Als aber die sieben sich entfernt hatten, um Futter zu holen, kam er aus seiner Kristallhöhle hervor, begab sich nach der Goldhöhle und sagte ihr folgende seiner sinnlichen Begierde entspringenden heimlichen Worte: „Du junge Löwin, ich bin ein Vierfüßler und du bist auch ein Vierfüßler. Sei du meine Gattin, ich will dein Gatte sein. Wir wollen einträchtig vereint leben; lasse mich von nun an mich in Lust mit dir vereinen.“ Als sie seine Worte vernahm, dachte sie bei sich: „Dieser Schakal ist unter den Vierfüßlern verächtlich und niedrig, er gleicht einem Candala [5]; wir aber sind durch die Zugehörigkeit zur hervorragendsten Königsfamilie geehrt. Dieser spricht mit mir Schlechtes, Ungehöriges. Nachdem ich solche Rede vernommen, was soll ich da mit dem Leben tun? Ich werde durch die Nase den Atem anhalten und sterben.“ Darauf kam ihr folgender Gedanke: „Es passt sich nicht für mich, jetzt so zu sterben. Meine Brüder werden sogleich kommen; denen will ich es erzählen und dann sterben.“ Als aber der Schakal keine Antwort von ihr erhielt, dachte er: „Sie ist jetzt noch nicht in mich verliebt“; und voll Ärger ging er in seine Kristallhöhle und legte sich nieder.

Darauf brachte einer der jungen Löwen, nachdem er unter den Büffeln, Elefanten usw. einen getötet und sein Fleisch verzehrt hatte, seiner Schwester ihren Teil und sagte: „Liebe, iss Fleisch!“ Sie antwortete: „Brüderchen, ich will kein Fleisch essen; ich will sterben.“ „Warum?“ Sie erzählte die Begebenheit. Als er dann fragte: „Wo ist jetzt dieser Schakal?“, meinte sie, der in der Kristallhöhle liegende Schakal liege im Freien, und erwiderte: „Brüderchen, siehst du nicht? Er liegt auf dem Silberberg im Freien.“ Der junge Löwe merkte nicht, dass jener in der Kristallhöhle liege, sondern meinte, er liege im Freien; und indem er dachte: „Ich werde ihn töten“, sprang er mit Löwenschnelligkeit auf und stieß mit seiner Brust an die Kristallhöhle. Da zerbrach er die Brust und musste dort sterben; und er fiel an den Fuß des Berges. Darauf kam ein andrer Bruder. Jene erzählte ihm dasselbe. Er tat ebenso, musste auch sterben und fiel an den Fuß des Berges.

Nachdem so sechs von den Brüdern gestorben waren, kam zuallerletzt der Bodhisattva. Als sie auch ihm die Begebenheit erzählt hatte und er fragte: „Wo ist er jetzt?“, antwortete sie: „Er liegt auf dem Gipfel des Silberberges im Freien.“ Da bedachte der Bodhisattva: „Das gibt es nicht, dass Schakale im Freien sich lagern; er wird sich in der Kristallhöhle gelagert haben.“ Als er an den Fuß des Berges hinabkam und seine sechs Brüder tot sah, dachte er: „Sie werden infolge ihrer Torheit, weil sie ohne Überlegung und Einsicht waren und das Vorhandensein der Kristallhöhle nicht merkten, an der Brust getroffen gestorben sein. So ist das Tun derer beschaffen, die unüberlegt und allzu rasch etwas vollbringen.“ Und darauf sprach er folgende erste Strophe:

§1. „Die Tat, die unbedacht geschieht
von solchen, die zu eilig sind,
dergleichen Taten sind, wie wenn
zu Heißes in den Mund gelangt.“

Nachdem der Löwe diese Strophe gesprochen, dachte er: „Meine Brüder sprangen, da sie unerfahren in den Listen waren, zu rasch auf, um den Schakal zu töten, sind aber dabei selbst gestorben. Ich werde aber nicht so tun, sondern dem Schakal, wie er in der Kristallhöhle daliegt, das Herz zum Zerspringen bringen.“ Und nachdem er den Weg gesucht, auf dem der Schakal hinauf- und hinabzusteigen pflegte, stieß er dorthin gewendet dreimal das Löwengebrüll aus. Die Luft und die Erde wurden zugleich von diesem Tone erfüllt. Da erzitterte der Schakal, wie er in der Kristallhöhle lag, vor Furcht und sein Herz zersprang. An derselben Stelle starb er.

Nachdem der Meister hinzugefügt:

„So kam der Schakal ums Leben, da er das Löwengebrüll vernahm“, sprach er, der völlig Erleuchtete, folgende zweite Strophe:

§2. Der Löwe hat durch sein Gebrüll
das Daddara-Gebirg erfüllt.
Als der Schakal am Daddara
vernahm des Löwen lauten Schrei,
ward er von Furcht und Schreck befallen
und auseinander barst sein Herz.

Nachdem so der Löwe den Schakal ums Leben gebracht und seine Brüder an einem Orte verscharrt hatte, meldete er seiner Schwester, dass jener gestorben sei, und beruhigte sie. Solange er lebte, blieb er in der Goldhöhle und gelangte danach an den Ort seiner Verdienste.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (Am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte der Laienbruder zur Frucht der Bekehrung): „Der damalige Schakal war der Sohn des Baders, die junge Löwin war die Licchavi-Prinzessin, die sechs jüngeren Brüder waren irgendwelche Theras, der älteste Löwenbruder aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Schakal


[1] Er war also Laienbruder geworden durch die Anrufung Buddhas, der Lehre und der Gemeinde.

[2] Die Licchavis sind das zu Vesali herrschende Adelsgeschlecht; sie werden meist als „Könige“ bezeichnet.

[3] Man pflegte für Geister der Verstorbenen, skrt. preta, Speise und Trank bereit zu stellen; dies galt als ein sehr verdienstliches Werk.

[4] Dies ist der Name des buddhistischen Klosters in der Nähe von Vesali.

[5] Candala sind die Angehörigen der untersten Kaste.


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