154 Uraga-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

154. Die Erzählung von der Schlange (Uraga-Jātaka)

„Hier eingedrungen ist der Schlangenfürst“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Streit von Kriegsleuten. Zwei Oberminister, Diener des Königs von Kosala nämlich, Befehlshaber des Heeres, stritten immer miteinander, wo sie sich erblickten. Ihre Feindschaft wurde in der ganzen Stadt bekannt. Auch der König und ihre Verwandten und Freunde vermochten sie nicht zur Eintracht zu bewegen. —

Als nun eines Tages der Meister zur Zeit der Morgendämmerung nach den zu bekehrenden Verwandten Umschau hielt [1], merkte er, dass diese beiden die Fähigkeit zum Pfade der Bekehrung besaßen. Am andern Tage ging er allein nach Savatthi, um Almosen zu sammeln, und trat in die Haustüre des einen von ihnen. Dieser ging heraus, nahm ihm die Almosenschale ab, ließ den Meister in das Haus hineingehen, machte einen Sitz zurecht und ließ ihn Platz nehmen. Nachdem sich der Meister niedergesetzt, erklärte er ihm den Vorteil, der in der Betätigung der Liebe liege; und als er merkte, dass sein Herz bereit sei, verkündete er ihm die Wahrheiten. Am Ende der Verkündigung von den Wahrheiten gelangte er zur Frucht der Bekehrung. — Als nun der Meister merkte, dass jener im Zustand des Bekehrt-Seins war, ließ er ihm die Almosenschale, stand auf und ging mit ihm an die Türe des Hauses des anderen. Dieser kam heraus, begrüßte den Meister, bat ihn einzutreten mit den Worten: „Gehet herein, Herr“, und ließ ihn sich niedersetzen. Auch der andre, der die Schale genommen hatte, ging mit dem Meister zusammen hinein. Darauf schilderte jenem der Meister die elf Vorteile der Liebe; und als er die Bereitschaft seines Herzens merkte, erklärte er ihm die Wahrheiten. Am Ende der Verkündigung der Wahrheiten gelangte auch der andre zur Frucht der Bekehrung. Nachdem so die beiden bekehrt waren, gestanden sie einander ihre Schuld, baten sich um Verzeihung und waren einträchtig und eines Sinnes. An diesem Tage speisten sie zusammen in Gegenwart des Erhabenen.

Nachdem der Meister das Mahl beendigt, ging er in das Kloster. Darauf nahmen die beiden viele Kränze, Parfüms und Salben sowie zerlassene Butter, Honig, Zuckersaft u. dgl. und gingen mit dem Meister fort. Nachdem sodann der Meister der Mönchsgemeinde ihre Vorschriften auseinandergesetzt und die Heiligenermahnung gegeben hatte, ging er in sein duftendes Gemach.

Zur Abendzeit begannen die Mönche in der Lehrhalle folgende Unterhaltung: „Freund, der Meister ist ein Bändiger der Ungebändigten. Die zwei Oberminister nämlich, die weder der König trotz seiner langen Bemühungen einträchtig zu machen vermochte, noch ihre Verwandten und Freunde, die wurden von dem Vollendeten in einem Tage gebändigt.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, machte ich diese beiden Leute einträchtig, sondern auch schon früher wurden sie durch mich zur Eintracht gebracht.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wurde zu Benares ein Fest ausgerufen und es entstand eine große Menschenansammlung. Viele Menschen wie auch Götter, Nagas [2], Supannas [3] und dergleichen kamen zusammen, um die Versammlung zu sehen. Da standen an einem Orte ein Naga und ein Supanna beisammen, um die Versammlung zu betrachten. Der Naga, der nicht wusste, dass sein Nachbar ein Supanna sei, legte ihm die Hand auf die Schulter. Da rief der Supanna: „Wer hat mir seine Hand auf die Schulter gelegt?“, drehte sich um, schaute hin und erkannte den Naga. Auch der Naga schaute hin und erkannte den Supanna; und von Todesfurcht erfasst verließ er die Stadt und lief auf der Fläche des Flusses entlang. Der Supanna aber verfolgte ihn, indem er dachte: „Ich will ihn fangen.“

Zu dieser Zeit war der Bodhisattva ein Asket und wohnte am Ufer des Flusses in einer Laubhütte. Er hatte gerade, um die Wirkung der Sonnenstrahlen zu mildern, ein Wassergewand angezogen, sein Bastkleid [4] beiseite gelegt und war in den Fluss gestiegen, wo er herumschwamm. Der Naga dachte: „Durch diesen Weltflüchtling werde ich das Leben behalten“; und er gab seine natürliche Gestalt auf, nahm die Gestalt eines magischen Edelsteines an und flüchtete sich so in das Bastgewand. Der ihn verfolgende Supanna sah, dass jener dorthin geflüchtet war; aber aus Ehrfurcht vor dem Bastgewand fasste er ihn nicht, sondern sprach zum Bodhisattva: „Herr, ich bin hungrig. Nehmt Euer Bastgewand, ich will den Naga auffressen.“ Um dies zu verkünden, sprach er folgende erste Strophe:

§1. „Hier eingedrungen ist der Schlangenfürst,
durch Steingestalt Befreiung sich erhoffend.
Da Euer heil'ges Wesen ich verehre,
kann ich ihn, obwohl hungrig, nicht verzehren.“

Darauf sprach der Bodhisattva im Wasser stehend, indem er dem Supanna dankte, folgende zweite Strophe:

§2. „Der Brahma-Schützling möge lang noch leben
und dir wird Götternahrung bald sich zeigen;
versuche nicht, der du das Heil'ge ehrest,
trotz deines Hungers diesen zu verzehren.“

Nachdem ihm so der Bodhisattva im Wasser stehend gedankt hatte, stieg er heraus, zog sein Bastgewand an und nahm die beiden mit sich in seine Einsiedelei. Hier schilderte er den Vorzug der Freundschaftsbetätigung und führte die beiden Leute zur Eintracht. Von da an lebten sie einträchtig in Ruhe zusammen.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals waren der Naga und der Supanna diese beiden Oberminister, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Schlange


[1] Vgl. Die Vorgeschickte zu Jātaka 78. Nach der späteren Tradition (vgl. „Leben des Buddha“, S. 216) war dies täglich zur Zeit der Morgendämmerung die Beschäftigung Buddhas.

[2] Die Nagas oder Schlangengötter sind eine der niedersten Klassen der Götter (vgl. Jātaka 31 Anm. 22).

[3] Die Supannas oder Garulas (vgl. Jātaka 31 Anm. 2) sind göttliche Wesen in Vogelgestalt.

[4] Die Kleidung der vorbuddhistischen Asketen bestand vielfach aus Bast; vgl. Jātaka 66 Anm.4.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)