166 Upasalha-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

166. Die Erzählung von Upasalha (Upasalha-Jātaka)

„Mit Namen Upasalhaka“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana [0a] verweilte, mit Beziehung auf den Brahmanen Upasalhaka, der auf die Reinheit der Begräbnisstätten bedacht war. Dieser war nämlich reich und besaß viel Geld; weil er aber in der Irrlehre befangen war, erwies er auch den im Hauptkloster [1] wohnenden Buddhas keine Gunst. Sein Sohn aber war weise und voll Einsicht. — Als nun jener alt geworden war, sprach er zu seinem Sohne: „Mein Sohn, lasse mich nicht an einer Begräbnisstätte verbrennen, wo ein Niedriger verbrannt worden ist; lasse mich nur an einem nicht unreinen Orte verbrennen.“ Der Sohn erwiderte: „Vater, ich kenne keinen Ort, der für Eure Verbrennung passt. Gut wäre es, wenn Ihr mit mir ginget und mir mitteilen würdet: ‘An diesem Orte sollst du mich verbrennen lassen.’“ Der Brahmane versetzte: „Gut, mein Sohn“; und er ging mit ihm aus der Stadt heraus, stieg auf die Spitze des Berges Gijjhakuta [2] und sprach: „Mein Sohn, an diesem Orte ist noch kein Niedriger verbrannt worden; lasse mich hier verbrennen.“ Darauf begann er, mit seinem Sohne vom Berge herabzusteigen.

Der Meister aber hatte an diesem Tage zur Zeit der Morgendämmerung nach Verwandten, die zu bekehren waren, Umschau gehalten und dabei bemerkt, dass diese beiden, Vater und Sohn, die Fähigkeit zum Wege der Bekehrung hatten. Darum nahm er dorthin seinen Weg und ging wie ein Jäger nach dem Berge zu; hier setzte er sich nieder und wartete auf die vom Berge Herabsteigenden. Als sie herabkamen, sahen sie den Meister. Der Meister fing ein freundliches Gespräch an und fragte: „Wo kommt ihr her, ihr Brahmanen?“ Der Jüngling erzählte die Begebenheit. Darauf sagte der Meister: „Vorwärts also, wir wollen nach dem Orte gehen, den dein Vater dir gezeigt.“ Und er nahm die beiden, Vater und Sohn, mit sich und stieg auf die Spitze des Berges hinauf. Hier fragte er: „Was für ein Platz?“ Der junge Brahmane antwortete: „Herr, er zeigte mir die Stelle zwischen diesen drei Erhöhungen.“ Darauf sprach der Meister: „Dein Vater, o junger Brahmane, ist nicht nur jetzt auf die Reinheit der Begräbnisstätte bedacht; auch schon früher war er auf die Reinheit der Begräbnisstätte bedacht. Und nicht nur jetzt hat er dir mitgeteilt: ‘Nur an dieser Stelle sollst du mich verbrennen lassen’, sondern auch früher schon sagte er dir, er wolle an dieser Stelle verbrannt werden.“ Und nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem lebte in diesem selben Rājagaha [3] derselbe Brahmane Upasalha und dieser sein Sohn. Damals war der Bodhisattva im Reiche Magadha in einer Brahmanenfamilie wiedergeboren worden. Als er die Wissenschaften sich zu eigen gemacht, betätigte er die Weltflucht der Weisen und erreichte die Erkenntnisse und Vollkommenheiten. Dem Glück der Ekstase sich hingebend verweilte er lange in der Himalaya-Gegend; dann nahm er, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, auf der Geierspitze seinen Aufenthalt.

Damals nun sprach dieser Brahmane auf dieselbe Art zu seinem Sohne; und nachdem ihm sein Sohn geantwortet: „Teilt mir einen solchen Ort mit“, zeigte er ihm diesen Ort. Als er dann mit seinem Sohn hinabstieg, sah er den Bodhisattva und ging zu ihm hin. Der Bodhisattva fragte in derselben Weise und sagte, als er die Antwort des Jünglings vernommen: „Komm, wir wollen sehen, ob der dir von deinem Vater gezeigte Ort unrein oder nicht unrein ist.“ Als er mit ihnen auf die Spitze des Berges gestiegen war und von dem Jüngling gehört hatte, dieser Ort zwischen den drei Erhöhungen sei nicht unrein, sprach er: „O Jüngling, gerade an dieser Stelle sind Leute ohne Zahl schon verbrannt worden. Dein Vater wurde in dieser Stadt Rājagaha in einer Brahmanenfamilie wiedergeboren, erhielt den Namen Upasalhaka und wurde an dieser Stelle zwischen den Erhöhungen verbrannt in vierzehntausend Existenzen. Auf der Erde kann man keinen Ort finden, der keine Verbrennungsstätte, keine Begräbnisstätte oder nicht angefüllt mit Schädeln wäre.“ Und indem er dies infolge seiner Kenntnis der früheren Existenzen genau bestimmte, sprach er folgendes Strophenpaar:

§1. „Mit Namen Upasalhaka

Brahmanen volle vierzehntausend

an diesem Orte sind verbrannt;

nichts ist auf Erden frei vom Tode.

 

§2. Doch wo die Wahrheit wohnt, die Tugend,

Bezähmung, Schonung, Selbstverleugnung,

den Ort die Heiligen verehren;

der ist auf Erden frei vom Tode.“

Nachdem so der Bodhisattva dem Vater und dem Sohne die Wahrheit verkündet hatte, betätigte er die vier Vollendungen und gelangte in die Brahma-Welt.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangten beide, Vater und Sohn, zur Frucht der Bekehrung): „Die damals Vater und Sohn waren, sind auch jetzt Vater und Sohn, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von Upasalha


[0a] Siehe unten Anm. 3. Da das Gegenwarts- und Vergangenheitsgeschichte auf dem Gijjhakuta bei Rājagaha, der Hauptstadt von Magadha, spielen, ist wohl eher das Kloster Veluvana gemeint.

[1] Diese Deutung von „Dhuravihara“ scheint mir richtiger als die Übersetzung von Rouse „though he lived over against the monastery“. Die Stelle bedeutet entweder: „Er erwies Buddha, wenn er sich im Hauptkloster Jetavana aufhielt, keine Gunst“ oder „den Anhängern Buddhas im Jetavana“.

[2] Auf deutsch: „Geierspitze“.

[3] Hier muss ein Irrtum vorliegen; denn das in der Einleitung genannte Kloster Jetavana liegt bei Savatthi. Bei Rājagaha lag das Kloster Veluvana.


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