249 Salaka-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

249. Die Erzählung von Salaka (Salaka-Jātaka) [1]

„Du wirst als einz'ger Sohn mir gelten“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen großen Thera [2]. Dieser hatte nämlich einen Jüngling zum Mönch Werden veranlasst; doch belästigte er ihn dann beständig. Da der Novize die Belästigung nicht aushalten konnte, verließ er wieder den Mönchsstand. Darauf kam der Thera herbei und schwatzte: „O Jüngling, nur dir wird dein Obergewand gehören, nur dir deine Almosenschale; auch das mir gehörige Obergewand nebst der Schale wird dein Eigentum werden. Komm, werde wieder Mönch!“ Jener erwiderte: „Ich will nicht Mönch werden“; trotzdem aber wurde er wieder Mönch, als der andre immer wieder so zu ihm sprach. Von dem Tage an aber, da er wieder in den Orden eingetreten war, schädigte ihn abermals der Thera. Da er dessen Bedrückung nicht aushielt, trat er abermals aus dem Orden aus; und auch als jener ihn immer wieder darum bat, sagte er: „Du kannst mich nicht ertragen und kannst auch nicht ohne mich leben“, und wurde nicht wieder Mönch.

In der Lehrhalle begannen darauf die Mönche folgendes Gespräch: „Freund, gutmütig fürwahr ist jener Jüngling; doch da er die Gesinnung des großen Thera erkannte, wurde er nicht wieder Mönch.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Ihr Mönche, nicht nur jetzt, sondern auch früher schon war dieser gutmütig; aber als er einmal den Fehler von jenem bemerkt hatte, nahm er ihn nicht wieder an.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Gutsbesitzersfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, erwarb er sich seinen Lebensunterhalt durch Verkauf von Getreide. — Ein Schlangenbeschwörer nun hatte einen Affen abgerichtet, ihn ein Gegengift nehmen lassen und ließ ihn mit seiner Schlange spielen; damit erwarb er sich seinen Lebensunterhalt.

Als nun einmal zu Benares ein Fest ausgerufen wurde, wollte er sich an dem Feste ergehen und gab daher den Affen dem Kaufmann zur Aufbewahrung mit der Weisung, gut Acht zu geben. Nachdem er das Fest gefeiert, kehrte er am siebenten Tage zu jenem zurück und fragte: „Wo ist der Affe?“ Als der Affe die Stimme seines Herrn vernahm, kam er sogleich rasch aus dem Getreideladen hervor. Jener schlug ihn mit einem Bambusstück auf den Rücken, nahm ihn mit und ging nach dem Parke, wo er den Affen an seiner Seite anband und einschlief.

Da nun der Affe merkte, dass sein Herr eingeschlafen war, löste er seine Bande, lief davon und stieg einen Mangobaum hinauf. Hier verzehrte er eine Mangofrucht und ließ einen Kern auf das Haupt des Schlangenbeschwörers fallen. Dieser erwachte und schaute in die Höhe; da sah er den Affen. Er dachte: „Mit süßen Worten werde ich ihn täuschen und veranlassen, dass er vom Baume herabsteigt, und dann werde ich ihn fangen.“ Und indem er ihn anredete, sprach er folgende erste Strophe:

§1. „Du wirst als einz'ger Sohn mir gelten,

Herr wirst du sein in meinem Hause.

Steig, Salaka, herab vom Baume,

komm her, lass uns nach Hause gehen.“

Als dies der Affe hörte, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Du hältst mich wohl für allzu gutmütig,

mich, den du mit dem Bambusstock geschlagen.

Ich freu mich an dem Wald voll Mangofrüchten;

geh du nach Hause nur, wie dir 's gefällt.“

Nach diesen Worten sprang er auf und eilte in den Wald; der Schlangenbeschwörer aber kehrte missmutig in sein Haus zurück.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Affe der Novize, der Schlangenbeschwörer war der große Thera, der Getreidehändler aber war ich.“

Ende der Erzählung von Salaka


[1] Dies ist nach dem Kommentator der erst in der ersten Strophe vorkommende Name des Affen. Das Wort bedeutet zugleich auch „Schwager''.

[2] Die 80 großen Theras sind die bedeutendsten Schüler Buddhas; es ist darum erstaunlich, dass einer von ihnen hier eine so traurige Rolle spielt.


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