288 Macchuddana-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

288. Die Erzählung von der Reihe Fische (Macchuddana-Jātaka) [1]

„Es ist der Preis der Fische“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen betrügerischen Kaufmann.

§D. Die Begebenheit ist schon oben erzählt [2].

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Gutsbesitzersfamilie seine Wiedergeburt. Als er zu Verstand gekommen war, betrieb er seinen Beruf. Er hatte auch noch einen jüngeren Bruder. — In der Folgezeit starb ihr Vater.

Eines Tages dachten sie: „Wir wollen das unserm Vater zukommende Geschäft in Ordnung bringen“, und begaben sich in ein Dorf, wo sie tausend Kahapanas erhielten. Auf dem Rückwege warteten sie am Flussufer auf ein Schiff und verzehrten eine Schüssel voll Reisbrei. Der Bodhisattva gab den Überrest der Speise den Fischen im Ganges und überließ der Flussgottheit das Verdienst dafür. Die Gottheit nahm freudig das Verdienst an, das noch durch göttliche Ehre vermehrt wurde. Als sie nun über die Mehrung ihrer Ehrung nachdachte, erkannte sie die Ursache davon. Darauf breitete der Bodhisattva auf dem Sande sein Obergewand aus, legte sich nieder und schlief ein.

Der jüngere Bruder aber war etwas diebisch von Natur. Da er die Kahapanas dem Bodhisattva nicht überlassen, sondern sie für sich allein haben wollte, machte er ein mit Sand gefülltes Bündel, das dem Bündel mit den Kahapanas glich, und stellte die beiden Bündel beiseite. — Als sie nun das Schiff bestiegen hatten und sich in der Mitte des Gangesstromes befanden, stieß der jüngere Bruder an das Schiff und schleuderte dadurch, während er das Bündel mit dem Sande ins Wasser werfen wollte, das Bündel mit den tausend Geldstücken in den Fluss. Hierauf sprach er zu seinem Bruder: „Brüderchen, das Bündel mit den tausend Geldstücken ist ins Wasser gefallen; was sollen wir tun?“ Der Bodhisattva erwiderte: „Wenn es ins Wasser gefallen ist, was können wir da tun? Sei unbesorgt!“

Die Flussgottheit aber dachte bei sich: „Ich nahm das mir von jenem geschenkte Verdienst mit Freude an und vergrößerte es noch durch meine göttliche Ehre; dafür will ich sein Eigentum behüten.“ Sie ließ durch ihre übernatürliche Macht einen Fisch mit großem Maule das Bündel verschlingen und übernahm selbst die Bewachung.

Jener Dieb aber begab sich nach Hause und öffnete, indem er dachte, er habe seinen Bruder betrogen, das Bündel. Da sah er den Sand. Sein Herz vertrocknete ihm; er umfasste das Gestell seines Bettes und fiel darauf nieder.

Damals nun warfen Fischer ihre Netze aus, um einen Fisch zu fangen. Durch die Macht der Gottheit geriet jener Fisch in das Netz. Die Fischer nahmen ihn heraus und gingen in die Stadt, um ihn zu verkaufen. Als die Leute den großen Fisch sahen, fragten sie nach dem Preise. Die Fischer erwiderten: „Wenn ihr tausend Kahapanas und sieben Masakas [3] dafür gebt, so erhaltet ihr ihn.“ Da lachten die Leute und riefen: „Jetzt haben wir einen Fisch gesehen, der tausend Kahapanas wert ist!“

Die Fischer aber kamen mit ihrem Fische an die Haustüre des Bodhisattva und sagten: „Nehmt diesen Fisch!“ „Was kostet er?“ „Wenn Ihr sieben Masakas dafür gebt, erhaltet Ihr ihn.“ „Wenn ihr ihn anderen geben würdet, zu welchem Preise würdet ihr ihn da verkaufen?“ „Anderen geben wir ihn für tausend Kahapanas und sieben Masakas; Ihr aber erhaltet ihn, wenn Ihr sieben Masakas dafür gebt.“

Darauf gab ihnen der Bodhisattva sieben Masakas dafür und schickte ihn seiner Gattin. Als diese den Leib des Fisches aufschlitzte, sah sie das Bündel mit den tausend Kahapanas und teilte dies ihrem Manne mit. Da es der Bodhisattva betrachtete, sah er sein Siegel daran und merkte so, dass es sein Eigentum sei. Er dachte: „Jetzt wollten jene Fischer diesen Fisch anderen nur für tausend Kahapanas und sieben Masakas geben. Weil aber die tausend Kahapanas mir gehören, gaben sie mir den Fisch um sieben Masakas. Wer diesen Grund nicht versteht, den kann man von nichts überzeugen.“ Und er sprach folgende erste Strophe:

§1. „Es ist der Preis der Fische mehr als tausend;
es gibt wohl niemand, der dies glauben könnte
Ich aber hatte nur die sieben Heller;
ich hätte sonst gekauft die ganze Reihe [4]“.

Nachdem er aber so gesprochen, dachte er bei sich: „Durch wen habe ich diese Kahapanas erhalten?“ In diesem Augenblick stellte sich die Flussgottheit in unsichtbarer Gestalt in die Luft und erklärte ihm folgendes: „Ich bin die Flussgottheit des Ganges. Als du den Fischen den Überrest der Speise spendetest, überließest du mir das Verdienst dieser Handlung. Darum habe ich dir dein Eigentum behütet.“ Und sie sprach folgende zweite Strophe:

§2. „Als du den Fischen Speise gabest,

da schenktest du mir dieses Opfer.

Da ich an diese Spende dachte,

hab ich dir Ehrung jetzt erwiesen.“

Nach diesen Worten aber erzählte die Gottheit den ganzen Betrug, den der jüngere Bruder begangen, und fügte hinzu: „Dieser liegt jetzt da mit vertrocknetem Herzen. Für böses Wollen nämlich gibt es keine Förderung. Ich aber brachte dein Geld herbei und gab es dir, damit dein Eigentum nicht verloren gehe. Gib dies aber nicht deinem diebischen jüngeren Bruder, sondern nimm es allein für dich.“ Darauf sprach sie folgende dritte Strophe:

§3. „Für den Verräter gibt es keinen Vorteil
und auch die Gottheiten verehren den nicht,
der seinen Bruder um des Vaters Erbe
betrog und dadurch schwere Schuld auf sich lud.“

So sprach die Gottheit, da sie dem verräterischen Diebe keine Kahapanas zukommen lassen wollte. Der Bodhisattva aber sagte: „Ich kann nicht so handeln“, und schickte ihm fünfhundert Kahapanas.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Kaufmann zur Frucht der Bekehrung): „Damals war der jüngere Bruder dieser betrügerische Kaufmann, der ältere Bruder aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Reihe Fische


[1] Der Titel ist wieder der ersten Strophe des Jātaka entnommen.

[2] Es gibt zwei Erzählungen vom betrügerischen Kaufmann. Die erste ist das 98. Jātaka; die zweite ist das 218. Jātaka.

[3] Eine Münze von geringem Werte; vgl. Jātaka 77 Anm. 9.

[4] D. h. auch noch die andern Fische, die an der Schnur waren.


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