355 Ghata-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

355. Die Erzählung von Ghata (Ghata-Jātaka)

„Die andern sind betrübt und weinen“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Minister des Königs von Kosala.

§D. Die Begebenheit gleicht der oben erzählten [1]. —

Hier aber schenkte der König, nachdem er seinem treuen Minister große Ehre hatte zuteil werden lassen, den Verleumdern Gehör; er ließ jenen fesseln und in das Gefängnis werfen. Während dieser aber sich dort befand, erreichte er den Weg zur Erlangung der Bekehrung. Als nun der König sich wieder von seiner Tugend überzeugte, ließ er ihn frei. Darauf kam jener mit wohlriechenden Substanzen und Kränzen zu dem Meister, begrüßte ihn und setzte sich ihm zur Seite. Als ihn der Meister fragte: „Ist dir ein Unglück zugestoßen?“, antwortete er: „Ja, Herr. Aus dem Unglück ist mir aber ein Glück erwachsen; ich habe den Pfad zur Bekehrung erreicht.“ Darauf sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, o Laienbruder, ist dir aus einem Unglück ein Glück erwachsen; auch den Weisen der Vorzeit erging es so.“ Nach diesen Worten erzählte er auf dessen Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Schoße von dessen erster Gemahlin seine Wiedergeburt. Man gab ihm den Namen „Prinz Ghata“ [Ghatakumara]. Nachdem er in der Folgezeit zu Takkasilā die Künste erlernt hatte, führte er die Regierung in Gerechtigkeit. — In seinem Harem aber verfehlte sich ein Minister. Als der König dies mit eigenen Augen gesehen hatte, verbannte er ihn.

Damals herrschte zu Savatthi der König Vamka [Vamkaraja]. Jener ging zu ihm hin, trat in seine Dienste und brachte ihn auf die angegebene Art [2] dazu, seinen Worten zu folgen und die Herrschaft über Benares in Besitz zu nehmen. Darauf ließ der König den Bodhisattva mit Ketten fesseln und warf ihn in das Gefängnis. Der Bodhisattva führte die Ekstase herbei und setzte sich mit gekreuzten Beinen in der Luft nieder.

Da entstand im Körper des Königs Vamka ein Brennen. Er ging zum Bodhisattva hin. Als er das Antlitz des Bodhisattva sah, das einem goldnen Spiegel glich und so herrlich war wie eine Vollerblühte Lotosblume, sprach er, indem er den Bodhisattva fragte, folgende erste Strophe:

§1. „Die andern sind betrübt und weinen
und haben Tränen in den Augen;
bei dir jedoch strahlt hell das Antlitz.
Warum bist du nicht traurig, Ghata?“

Darum sprach der Bodhisattva, um ihm den Grund auseinanderzusetzen, warum er nicht traurig sei, die folgenden übrigen Strophen:

§2. „Verlornes bringt der Schmerz nicht wieder,
noch schafft er her ein künft'ges Glück.
Darum bin ich nicht traurig, Vamka;
der Schmerz ist mir nichts Angenehmes.
 
§3. Gelb wird und mager der Betrübte,
das Essen will ihm nicht mehr schmecken;
es freuen sich die Feinde alle,
wenn ihn des Kummers Pfeil getroffen.
 
§4. Ob in dem Dorfe, ob im Walde,
ob auf dem Meere, ob am Lande [Dhp 98],
nicht wird mich je der Schmerz erreichen,
dem Weltlichen bin ich entrückt.
 
§5. Doch wem sein eignes Ich nicht ausreicht,
wer nur an Lüsten sich erfreut,
für den vermag die ganze Welt
das volle Glück nicht zu verschaffen.“

Nachdem Vamka diese vier Strophen vernommen, bat er den Bodhisattva um Verzeihung, gab ihm sein Reich zurück und kehrte wieder heim. Das große Wesen aber übergab die Herrschaft seinen Ministern, begab sich in den Himalaya und verließ die Welt. In ununterbrochener Ekstase lebend gelangte er in die Brahma-Welt.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Vamka Ānanda, der König Ghata [Ghataraja] aber war ich.“

Ende der Erzählung von Ghata


[1] Vgl. die Vorerzählung zum 282. Jātaka.

[2] Vgl. das Jātaka 303 und das Jātaka 351.


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